Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – 75 Jahre Kriegsende

75 Jahre Kriegsende

Predigt am 10. Mai 2020
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Kantate am 10. Mai 2020

Predigt zu 2. Chronik 5, 2-5. 12-14

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass wir nach acht Wochen Unterbrechung heute am Sonntag Kantate zum ersten Mal wieder öffentlich Gottesdienst feiern können – aber dabei als Gemeinde nicht singen dürfen. Und diese leise Komik wird durch die Bibeltexte, die zum heutigen Sonntag gehören, eigentlich noch gesteigert!

Wenn im Predigttext aus dem 2. Buch der Chronik von der Einweihung des Tempels in Jerusalem durch König Salomo erzählt wird und es dort heißt:

Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge,

als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN.

 

(2. Chronik 5, 13)

Ja, wir hören heute eine Stimme singen: die schöne, vielen von uns vertraute Stimme von Annika Sophie Mendrala. Und wir danken ihr, wir danken dir, dass du heute zu Kantate für uns singst!

Eine Stimme, ein Gesang, den wir nicht nur äußerlich an unserem Ohr vorbei ziehen lassen, sondern auch in uns aufnehmen und durch uns hindurchfließen lassen können, sodass wir uns in diese Stimme einschwingen, im Geiste mitsummen und -singen.

Als Gemeinde und als Einzelne sind wir heute – und wohl auch in den kommenden Wochen – aufgefordert, im Gottesdienst still zu singen. Und so merkwürdig dies ist, so sehr es uns widerstreben oder ärgern mag, unsere Stimmen nicht laut zu erheben, sondern durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes irgendwie auch mundtot gemacht zu werden – so gut wissen andrerseits sicher viele von uns, wie es ist, in sich zu singen.

Ein Lied in sich klingen zu lassen, eine Melodie im Kopf oder im Mund zu haben. Manchmal lästig, wenn man einen „Ohrwurm“ nicht wieder los wird; manchmal schön, aufmunternd oder stärkend, wenn ein Lied bei einem bleibt und einen begleitet.

„In mir klingt ein Lied, ein kleines Lied…“, hat der Opern- und Operettensänger Rudolf Schock gesungen und auch viele andere, wie Karel Gott, André Rieux oder Anneliese Rothenberger, haben das Lied interpretiert.

„In mir klingt ein Lied, ein kleines Lied,
in dem ein Traum von stiller Liebe blüht
für dich allein.
Eine heiße, ungestillte Sehnsucht
schrieb die Melodie.“

Ein Liebeslied auf eine Étude von Frédéric Chopin, in dem sich Traum und Sehnsucht, Glück und Wonne innerlich zu zärtlichen Tönen verdichten, zum stillen Einklang von zwei Liebenden.

Die Liebe öffnet wohl den meisten von uns auf besondere Weise Herz, Ohr und Mund. Viele Paare haben ein, zwei oder mehr Lieder oder Stücke, die eng zu ihnen und ihrer Geschichte als Paar gehören. Und nicht umsonst gibt es unendlich viele Liebeslieder aus allen Zeiten und Kulturen…

Aber zu den Liedern, die in uns klingen, zu den Tonfolgen, die uns begleiten, gehören sicher nicht nur die Liebeslieder!

Manche von uns mögen von Kinder- und Volksliedern geprägt sein, die früher unsere Großväter, Mütter oder Tanten für uns gesungen haben: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“, „Der Kuckuck und der Esel“, „Komm, lieber Mai, und mache“. Viele dieser Lieder kann man im Moment donnerstagnachmittags hier in der Straße hören, wenn Stephan Graf vor dem Altenheim St. Johannis die Trompete auspackt und sich sowohl im Haus als auch im Kirchgarten Menschen zum Mitsingen und Zuhören versammeln.

Andere von uns haben vielleicht eher die Beatles oder Elton John im Ohr oder auch Justin Bieber, Beyoncé und Luciano. Und wieder andere mögen in Beethovens Klavierkonzerten zu Hause sein, in Bachs Kantaten oder Paul Gerhardts Chorälen – und diese Melodien lebendig im Herzen tragen.

Heute, 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs am 8. Mai 1945, der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus, kommen wir nicht umhin, auch an die Lieder und Töne zu denken, die unsere Eltern, Großeltern und manche Ältere als Kinder vielleicht auch selbst noch gehört haben: das „Horst-Wessel-Lied“, „Es zittern die morschen Knochen“, „Vorwärts, vorwärts!“ und andere.

Mein Vater, Jahrgang 1932, der am Kriegsende knapp 13 Jahre alt war und sich später kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat, behielt doch die Lieder, die er bei den Pimpfen und in der Hitler-Jugend gelernt und viele Male in der Gruppe wie mit „einer Stimme“ gesungen hatte, stets abrufbereit in sich. Eine verstörende Erfahrung: dass es auch Lieder geben kann, die man nicht wieder los wird, selbst wenn man es versucht.

Und so geht es uns ja nicht nur mit bestimmten Liedern oder Musikstücken. So ist es auch mit Sprache, Worten und Tonfall: dass wir manche Klänge und Rhythmen tief in uns tragen, ob wir es wollen oder nicht. Dass sie manchmal an unerwarteten Momenten in uns aufsteigen oder aus uns herausbrechen, uns überraschen oder überrumpeln. Wenn unsere eigenen Worte uns fremd vorkommen – oder auch unangenehme Klänge merkwürdig vertraut.

Ich denke an diesem Wochenende rund um den 8. Mai an Anna, eine Frau aus dem Umfeld unserer Gemeinde. Sie war lange krebskrank und hat ihre Trauerfeier sorgfältig vorbereitet.

Geboren 1943, aufgewachsen in Westdeutschland, war sie als junge Frau Ostern 1965 zum ersten Mal nach Warschau gereist, weil sie das ihr völlig fremde, ehemalige Feindesland Polen so interessierte. Sie verliebte sich in Karol, die beiden heirateten, bekamen Kinder und lebten lange Zeit in Warschau. In den letzten Lebensjahren zog es sie zurück nach Hamburg, und die Familie pendelte zwischen beiden Orten.

Anna und Karol sprachen zwar beide Deutsch und Polnisch, aber die Sprache, die sie verband, die sie unterrichteten und an Menschen aus vielen Ländern weitergaben, war Esperanto. Mit leuchtenden Augen erzählten sie mir von den leichten Möglichkeiten internationaler Verständigung mittels dieser relativ einfachen Sprache.

Anna starb während der Corona-Krise, sodass wir uns von ihr nicht wie geplant zuerst mit einer Trauerfeier in Hamburg und dann der Beisetzung in Warschau verabschieden konnten. Denn ihre Familie aus Polen durfte ja nicht ein- und ausreisen.

Als sie am Freitag, den 8. Mai genau 75 Jahre nach Ende des Krieges endlich in Warschau beigesetzt wurde, konnte auch die Musik von Beethoven und Chopin, die sie sich gewünscht hatte, nicht gespielt werden. Aber ihr Sohn schrieb mir morgens vor dem Abschied per Mail: „Sonne ist da, Gitarre dabei, habe eben Glocken gehört – ich fahre jetzt los.“

Neue Lieder, neue Sprachen und Töne hat diese deutsch-polnische Familie gelernt. Und sie steht stellvertretend für die vielen binationalen, bikulturellen, bilingualen Familien, die es unter uns und in zunehmendem Maße auf der ganzen Welt gibt: französisch-deutsche, lettisch-irische, englisch-polnische, syrisch-schwedische…

In ihnen, in ihren Kindern und Enkeln werden viele Lieder klingen! Unterschiedliche Stimmen, Volksweisen und Lieblingslieder…

Ihnen wie uns allen wird es gut tun, Eigenes zu pflegen und Vielfalt zu fördern. Eine Vielstimmigkeit, die von Respekt voreinander geprägt ist, sodass wir andere ausreden und sich in ihrer Weise ausdrücken lassen. Eine Harmonie, die nicht verdeckt oder gleichmacht, sondern den unterschiedlichen Tönen, Rhythmen und Sprachen Raum gibt, die uns ausmachen. Viele verschiedene Lieder, die uns helfen, von der Liebe zum Leben singen, trotz allem, was uns in diesen wie in vergangenen Zeiten die Sprache verschlagen kann.

Im Bericht von der Tempeleinweihung in Jerusalem wird erzählt:

Als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: „Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig“, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.

(2. Chronik 5, 13f)

Unsere Lieder, Worte und Stimmen – sie mögen die Herrlichkeit Gottes herbeisingen, dass es Frieden wird auf Erden.

Denn selig sind, die Frieden stiften;
sie werden Gottes Kinder heißen.

(Matthäus 5, 9)

Amen.