Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Am Anfang

Am Anfang

Predigt am 2. Januar 2022
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 1. Sonntag nach dem Christfest

Predigt zu 1. Johannesbrief 1, 1-4

Predigttext

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei. (1. Brief des Johannes 1, 1-4 )

Predigt

„Was von Anfang an war“ – so beginnt der Schreiber seinen Brief. Was war am Anfang?
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ So beginnt die Bibel. So beginnt Gottes Geschichte mit dieser Welt.
„Am Anfang war das Wort. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ So beginnt das Johannesevangelium und die Geschichte von Jesus Christus.
Am Anfang geht es um das Grundsätzliche, das Wesentliche, das Tragende. Wenn wir uns auf den Anfang besinnen, dann wollen wir uns ver­gewissern, was war, damit wir verstehen, was ist, und gestalten können, was sein soll.

So machen es auch Katja und Nils. Sie sind seit 13 Jahren verheiratet. Ehe ist nicht immer einfach. Beide sind beruflich sehr eingespannt, sie sehen sich oft nur spätabends und dann ziemlich müde. Immer wieder kriegen sich in die Haare wegen irgendwelcher Kleinig­keiten – wer hat wieder nicht eingekauft? – oder auch wegen großer Lebensentscheidungen – wollen wir denn noch Kinder oder nicht und wer steckt dann zurück? Geht das so, dass es für beide gerecht ist? Wenn sie dann hilflos voreinander sitzen und nicht wissen, wie sie gut miteinander ins Gespräch kommen sollen, dann blicken sie auf den Anfang. Erzählen sich gegenseitig, wie das war, als sie im Buchladen an der Kasse standen – zwei Fremde, die mit einem Blick feststellten, dass sie genau die gleichen zwei Bücher ausgewählt hatten. Wie sie sich gegenseitig kennen­lernten bei langen Spaziergängen, Kinoabenden, beim Kochen. Wie sie sich – um den 1. Johannesbrief zu zitieren – gesehen haben mit ihren Augen, sich betrachtet haben, mit ihren Hän­den betastet haben. Und spürten, da ist Leben drin, gemein­sames Leben. So schauen sie auf den Anfang, erinnern das Gefühl, das Glück, die Pläne, die Vision für ihre Zukunft zu zweit. – Dann ist immer noch nicht eingekauft, sie sind auch immer noch müde und die Familienplanung ist weiterhin nicht geklärt, aber sie schöpfen Kraft aus diesem Anfang für den Alltag und für die Zukunftsüberlegungen. Der Anfang trägt sie immer wieder in die Dauer.

So macht es auch Leni. Wenn ihr 12-Jähriger stundenlang sich in seinem Zimmer verkriecht, keine Hausaufgaben macht, keine Freunde trifft, sondern nur am Handy hängt. Wenn sie merkt, dass sie mit Meckern und Verboten nichts erreicht, weil er dann einfach immer später von der Schule nach Hause kommt und irgendwo anders daddelt– sie weiß nicht wo. Dann holt sie Baby­­photos hervor. Sie erinnert sich an den Anfang: Ein Baby in ihrem Arm. Bedürftig, verletzlich, angewiesen auf sie. Schreiend, fordernd – und trotzdem war alles gut. Und sie war glücklich über dieses weinende Bündel auf ihrem Arm. Das löst nicht das Problem mit einem Puber­tierenden. Aber sie erinnert, dass Kleinkinder irgendwann aufhören nur zu schreien. Sie er­innert das Glück und das Gefühl, beschenkt zu sein. Und sie ist bereit, sich weiter um dieses Geschenk zu kümmern, dass ihr anvertraut ist.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der Kraft zum Durch­halten schenkt. Sten Nadolny hat in seinem Roman „Das Glück des Zauberers“ das Hesse-Zitat umgedreht. „Jedem Zauber wohnt ein Anfang inne.“ Weihnachten ist ein Fest, das uns verzaubert, uns für ein paar Tage aus der Welt rückt, aus dem Alltag. Und ich behaupte mal, auch diesem Zauber wohnt ein Anfang inne. Schließlich wird da ein Kind geboren: Ein neues Leben beginnt – und zwar eines, dem Bedeutung nicht nur für seine Eltern und seine historische Gegenwart zugesprochen wird, sondern weit darüber hinaus: Nicht nur zeitlich gedehnt in unsere Zukunft 2000 Jahr später, sondern eine Bedeutung, die weiter reicht, tiefer geht, unsere Menschlichkeit verändert, weil Gott Mensch wird.

Weihnachten setzt einen Anfang. Da wird ein Kind geboren. Ein Kind, das wir nicht einfach unversorgt in dieser Krippe im Stall liegen lassen können. Ein Kind will gepflegt und genährt wer­den, geliebt werden, mitgenommen werden – am liebsten über­all hin. Ist Weihnachten auch ein Anfang von uns mit diesem Kind? Ein Anfang aus dem wir Kraft für die Dauer des Glaubens schöpfen können?

Später stellen uns Kinder in Frage, fordern uns heraus, provo­zieren uns. Das kann dieses Kind aus dem Stall gut. Es fängt schon als 12-Jähriger damit an, geht seinen Eltern verloren, fordert, dass wir akzeptieren, dass er anders ist, dass er zu Gott gehört. Fordert, dass wir mit Dingen umgehen, die wir nicht verstehen. Seine Botschaft ist radikal: „Häng dein Herz nicht an Reichtum und Ruhm, stell dich auf die Seite der Schwachen, kümmer‘ dich um Außenseiter, halte es aus, wenn du meinet­wegen belächelt wirst.“ Aus dem idyllischen Anfang – harmloses Kind in der Krippe – werden Anfragen an unser Leben, an unsere Beziehung zu Gott und den Mitmenschen. Aus dem anfänglichen Verliebtsein wird Bezie­hungs­arbeit – auch im Glauben.

Was fangen wir also an – mit diesem Anfang, den der Brief­schreiber uns vor Augen hält? Sollte das etwas mit unseren Kalenderseiten für 2022 zu tun haben? Könnte ich anfangen, die Seiten anders zu füllen als im letzten Jahr, will ich das? Ein neues Kapitel aufschlagen? Oder entpuppt sich das alles nicht nur als die christ­lich getarnte Variante der guten Neujahrs­vorätze? Schließlich sind wir ja alle die Alten, auch wenn wir in ein neues Jahr gehen. Meine Prägungen nehme ich mit. Nur weil wieder mal ein neues Jahr anfängt, nur weil wir wie alle Jahre wieder Weihnachten gefeiert haben, ist nicht plötzlich alles möglich. Und doch liegt der Zauber von Weihnachten eben genau darin, dass sich neue Anfänge finden lassen, dass ein Weiter-so unterbrochen werden kann. Allein die Frage – Was ist und was könnte sein? – unterbricht uns ja schon. Ein Gotteskind zwischen Kuhmist und verletzten Seelen zeigt ja, dass jeder Sachzwang in unterschiedliche Alternativen mündet.

Der Briefschreiber erinnert uns an den Anfang, um uns zu stärken und neu zu verzaubern. Er erinnert uns: Es ist das Wort des Lebens, was neu zu uns gekommen ist. Ein Wort, das uns in Gemeinschaft mit Gott und mit anderen bringt. Ein Wort, das uns glücklich macht: „Auf dass eure Freude vollkommen sei.“ Er beruft sich dabei auf Augen- und Ohren- und sogar Tast-zeugen und zeuginnen des Anfangs, des Anfangs unseres christlichen Glaubens. Zwei solcher Zeug:innen sind uns in der Lesung vorgestellt worden: Simeon und Hanna. Sie haben das Kind wirklich betrachtet, betastet, in den Armen gehalten und haben gesehen, dass in diesem Kind etwas wachsen wird: Weisheit, Gnade Gottes und Hoffnung für uns. Wir werden erinnert an das, was ursprünglich war, damit wir Kraft daraus schöpfen können, den Zauber wieder spüren und die Worte des Lebens neu hören, sehen, betasten und aus­kosten. Vielleicht sogar einander zusprechen.

Worte des Lebens mögen klein und leicht daher kommen:
Vielleicht sagt Nils zu Katja: „Ich geh jetzt schnell noch ein­kaufen.“ und bringt eine Flasche Sekt mit derselben Marke, wie sie bei der Hochzeit getrunken wurde. Vielleicht ist eine Weih­nachts­karte angekommen in diesen Tagen von jemandem, der sich lange nicht gemeldet hat, und ein Gespräch kann wieder beginnen.
Worte des Lebens können auch schwer wiegen: Eine ernst gemeinte Entschuldigung, die einen Neuanfang ermöglicht. Eine Liebeserklärung, die in ein gemeinsames Leben führt. Ein Ja zu einer ungeplanten Schwangerschaft. Ein Nein zu einem ungeliebten Job. All das sind neue Anfänge. Getragen von der Gewissheit, dass unser aller Leben einen Anfang hat, von dem aus uns Sinn zugesprochen ist. Denn Gott hat uns ins Leben gerufen und Jesus Christus hat uns davon erlöst, uns selbst erlösen zu müssen. Von diesem Anfang her, sind alle unsere Anfänge möglich. „Denn siehe es ist sehr gut“ – von Anfang an. Amen.