Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – An der Schwelle

An der Schwelle

Predigt zum Altjahrsabend
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

31. Dezember 2021

Predigt zu Matthäus 13, 24–30

Predigttext: Matthäus 13, 24–30

Jesus legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. Als nun die Halme wuchsen und Frucht brachten, da fand sich auch das Unkraut. Da traten die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du also, dass wir hingehen und es ausjäten? Er sprach: Nein, auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt in meine Scheune.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Diese Tage zwischen den Jahren, zwischen Weihnachten und Neujahr, sind bei einem Freund von mir fest dafür reserviert, Fotos einzukleben. Das ganze Jahr über, bei den verschiedensten Gelegenheiten und besonders auf Reisen, macht er Fotos. Dann, zum Jahresende, sichtet er die Aufnahmen noch einmal in Ruhe, bestellt Abzüge, ordnet sie und klebt sie ein. Für ihn sind das mit die schönsten Tage im Jahr, wenn er so in seine Erlebnisse und Erinnerungen eintaucht, das vergangene Jahr Revue passieren lässt und in Bildern und Gedanken sozusagen die Ernte einfährt.

Vielen von uns wird es ähnlich gehen – wenn auch nicht unbedingt in Form von Fotos –, dass wir uns zum Jahresende das wachrufen, was im vergangenen Jahr geschehen ist. Wie ein Bilderbogen mag das Jahr an uns vorüberziehen, Monat für Monat oder auch nach unseren verschiedenen Lebensbereichen. Die Familie mit ihren Veränderungen – vielleicht ist ein Kind geboren worden, oder es gab schmerzliche Abschiede. Meine Freundschaften und Beziehungen, meine Ehe – gab es besonders schöne Begegnungen oder bewegende Gespräche? Meine Hobbys, mein ehrenamtliches Engagement oder mein berufliches Jahr – Fortschritte, Erfolge und vielleicht auch Enttäuschungen über geplatzte Pläne, unerfüllte Hoffnungen.

Das Jahresende als eine Zeit der Bilanz oder der Ernte.

Von Saat und Ernte spricht auch Jesus immer wieder. Er zieht Bilder und Vergleiche aus der kleinbäuerlich geprägten Welt seiner Zuhörerinnen und Zuhörer heran, um ihnen das kommende Reich Gottes zu beschreiben. Ackerboden, Saat, Wachstum, Früchte und Ernte nutzt er als Bilder, um über Gottes Beziehung zu uns und unsere Beziehungen zu Gott, zu unseren Nächsten und uns selbst zu sprechen.

Im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, dem Predigttext aus dem Matthäus-Evangelium, geht es um die Frage von Unkraut und Getreide. Was, wenn Unkraut die Ernte verdirbt? Wie umgehen mit erwünschter und unerwünschter Saat?

Das Unkraut, von dem die Rede ist, der sogenannte Taumellolch, auch als Rauschgras oder Schwindelweizen bekannt, war in Palästina weit verbreitet. Ein Gewächs, das ähnliche Vergiftungserscheinungen wie Mutterkorn hervorrief. Er wuchs vor allem auf Getreideäckern, sodass Samen davon oft in das Mahlgut gerieten, das Mehl verunreinigten und es ungenießbar machten.

Nicht zu Unrecht fragen im Gleichnis die Knechte den Bauern: „Sollen wir nicht hingehen und das Unkraut gleich ausjäten?“ (Matth 13, 27)

Auch hinter diesem landwirtschaftlichen Bild steht bei Jesus die Frage nach dem Reich Gottes und nach unserem Zusammenleben: Was sollen wir machen mit dem, was unter uns schlecht oder schädlich ist? Was tun mit Andersdenkenden oder Ungläubigen, mit rivalisierenden Gruppen, Ansichten oder spalterischen Bestrebungen? – „Sollen wir es nicht besser gleich ausmerzen?“

Schnell können uns dazu heute die kontroversen Diskussionen um den Umgang miteinander in der Corona-Pandemie in den Sinn kommen: Wer ist schuld? Wer sollte ferngehalten werden? Wer verhält sich falsch?

Solche Fragen haben viele Familien im Blick auf die Weihnachtstage umgetrieben. Und auch im Kirchengemeinderat haben wir um 2G-, 3G- oder 0G-Gottesdienste gerungen, um verantwortbare Familiengottesdienste und digitale Angebote. Wie umgehen mit dem, was uns ängstigt und ärgert, und mit denen, deren Verhalten wir als verantwortungslos, naiv oder gar gefährlich empfinden?

Als hilfreich habe ich persönlich dazu die Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfunden. In seiner Weihnachtsansprache erinnerte er daran, dass wir alle auch nach der Pandemie in einer Gesellschaft leben und aufeinander angewiesen sein werden.

Ich denke dabei nicht nur an die unterschiedlichen, meist sehr dezidierten Haltungen zu den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Ich denke auch an die Einstellungen zur Klimakatastrophe oder zur inklusiven Sprache. An die Frage, wie wir mit unseren unterschiedlichen Positionen zusammenleben können, ohne einander auszugrenzen und auch ohne uns gesellschaftlich so zu zersplittern, dass wir uns zwar gegenseitig nicht mehr in die Quere kommen, aber auch den Kontakt zueinander und den gesellschaftlichen Zusammenhalt verlieren. – Um in Jesu Bild zu bleiben: Wie wir uns als Unkraut und Weizen, als die wir uns gelegentlich gegenseitig empfinden, auf einem Acker wachsen lassen können?

Das Gleichnis lässt keinen Zweifel daran, dass es giftiges Unkraut oder schädliche Einflüsse gibt – aber es warnt davor, allzu schnell, zu rigoros oder selbstbewusst gegen das oder diejenigen vorzugehen, die wir als schädlich erleben. Es könnte dabei leicht der Weizen, das Gute oder Wichtige, das wir säen und ernten möchten, das wir alle zum Leben brauchen, zu früh mit ausgerissen werden. Wie zum Beispiel Dialogfähigkeit, Toleranz oder gegenseitigen Respekt, die wir für unser Zusammenleben brauchen.

Vielleicht gilt dieser Gedanke auch für unser persönliches Leben, in der Rückschau auf das vergangene, und dem Ausblick auf das kommende Jahr: dass uns dabei manche Erfahrungen eher wie Unkraut vorkommen und andere mehr wie gute Saat, wie Weizen.

Manche Erlebnisse, Begegnungen oder Kräfte in unserem Leben, auf die wir gerne verzichtet hätten. Die hinderlich oder unerfreulich waren oder eine vergiftete Atmosphäre geschaffen haben. Wo wir uns vielleicht fragen, ob wir uns nicht deutlicher positionieren oder klarer abgrenzen müssten, manche Kontakte gar ganz abbrechen oder manche unserer Gewohnheiten radikal ändern sollten.

Und auch in dieser Frage die Ermutigung des Gleichnisses, Gelassenheit zu üben, nicht zu schnell zu urteilen und zu handeln. Sondern für möglich zu halten, dass die gute Saat kräftig genug ist, dem Unkraut zu widerstehen. Abzuwarten, was sich woraus entwickeln wird, obwohl wir es jetzt noch nicht absehen können. Großzügig zu sein auch mit dem Krummen, Nicht-ganz-Richtigen in unserem Leben – und das letzte Urteil Gott zu überlassen.

Im Theologischen Gesprächskreis in der Gemeinde haben wir in den letzten Monaten das Matthäus-Evangelium gelesen und diskutiert. Zu diesem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen bemerkte eine Teilnehmerin im Gespräch, dass es dabei vielleicht gar nicht nur um unterschiedliche Gruppen, Erfahrungen oder Standpunkte ginge. Ob wir nicht auch beides in uns trügen, ob wir nicht selbst beides wären: Weizen, der Frucht trägt, und Unkraut, das nutzlos, hinderlich oder sogar gefährlich sein kann?

Auch das mag in unserem inneren Bilderbogen am Ende des Jahres 2021 vorkommen: Wo wir Frucht getragen haben, so wie eine Getreideähre viele Körner hervorbringen kann. An welchen Stellen, in welchen Situationen wir wohl unsere Fähigkeiten zu lieben, zu versöhnen, zu helfen eingesetzt haben? Und eben auch, wo wir vielleicht wie schädliches Unkraut waren, das anderen Luft und Licht zum Wachstum genommen hat, das sich mit anderen ungut verstrickt hat?

Dazu mögen uns noch einmal andere Bilder in den Sinn kommen. Bilder von unserem Bezogen- und Angewiesensein auf andere, von unserer Sehnsucht nach Gemeinschaft miteinander und mit Gott.

Der letzte Satz oder Halbsatz des Gleichnisses, das uns zum Altjahrsabend gegeben ist, lenkt unseren Blick schließlich auf die Zukunft: Am Ende wird Gott selbst Unkraut und Weizen voneinander trennen. Und der Weizen soll in Gottes Scheune gesammelt werden.

Auf Gottes Gnade und auf unsere Möglichkeiten lasst uns also vertrauen! Auf einen Gott, der das Gelungene unseres Daseins und Soseins ans Licht heben wird, der die Früchte unseres Lebens am Ende einsammeln und hüten wird.

„Meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Psalm 31, 16) So wirke Gott durch uns in unserer Zeit. Er lasse uns wachsen und Frucht bringen. Er halte uns geborgen in seiner Hand und schaue gnädig auf uns.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.