Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – An die Väter

An die Väter

Predigt am 5. November
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

5. November 2023 (22. Sonntag n. Trin.)

Predigt zu 1. Johannes 2, 12–14

Predigttext 1. Johannes 2, 12–14

Liebe Kinder, ich schreibe euch, dass euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. 13 Ich schreibe euch Vätern; denn ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch jungen Männern; denn ihr habt den Bösen überwunden. 14 Ich habe euch Kindern geschrieben; denn ihr habt den Vater erkannt. Ich habe euch Vätern geschrieben; denn ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich habe euch jungen Männern geschrieben; denn ihr seid stark, und das Wort Gottes bleibt in euch, und ihr habt den Bösen überwunden.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„Dein kompetentes Kind“ (2009) – so heißt eins der bekanntesten Bücher des dänischen Pädagogen und Familientherapeuten Jesper Juul. Als er vor wenigen Jahren im Sommer 2019 starb, wurde er in den Medien breit gewürdigt. Juul gehört zu den bekanntesten und interessanten Erziehern der letzten Jahrzehnte.

Interessant, weil er sich sowohl gegen einen autoritären als auch gegen einen falsch verstandenen „demokratischen“ Erziehungsstil wendet. Weil er ein cooles Laissez-faire von Eltern ebenso kritisiert, wie den Drill, die Abrichtung oder Vereinnahmung von Kindern für die Interessen der Eltern.

„Gleichwürdigkeit“ ist für seinen pädagogischen Ansatz das zentrale Stichwort. Kinder und Erwachsene sieht Juul nicht als gleich an, was ihre Aufgaben, Pflichten und Rechte betrifft – wohl aber als gleichwürdig. Sie sind als Menschen von gleicher Würde, denn auch Kinder sind menschlich und sozial kompetent. Ihre Anschauungen, Bedürfnisse und Wünsche sind ernst zu nehmen – aber die Verantwortung für das Familienleben liegt bei den Eltern.

„Gleichwürdigkeit“ ist das Leitbild für eine Beziehungskultur oder ein Beziehungsklima in der Familie, in dem die Würde aller Familienmitglieder geachtet wird. Dafür tragen die Eltern aber allein Verantwortung und haben eine grundlegende Vorbildfunktion.

„Leitwölfe sein“ (2016) lautet zum Beispiel ein provokanter Buchtitel von Jesper Juul, in dem er an Väter und Mütter appelliert, gegenüber ihren Kindern eine Haltung einzunehmen, die von unverbrüchlicher Liebe und Bindung geprägt ist, von Verantwortung, Respekt und Vertrauen.

An Juuls Konzept, Eltern in ihre Pflicht als „Leitwölfe“ zu rufen, Vorbilder und Gestalter des Beziehungsklimas zu werden, in dem ihre Kinder aufwachsen, musste ich bei dem heutigen Predigttext denken.

Der Autor des 1. Johannesbriefes richtet sich ausdrücklich an „die Väter“, die „jungen Männer“ und „Kinder“. Es sind männliche Bilder einer patriarchal geprägten Gesellschafts- und Familienstruktur, die er verwendet. Und auch wenn wir Frauen im Laufe des 20. Jahrhunderts gelernt haben, uns gelegentlich mitgemeint zu fühlen, wenn von „Herren“, „Brüdern“ oder „Söhnen“ die Rede ist, so möchte ich in diesem Fall die männlichen Begriffe ernst nehmen.

In wenigen Zeilen skizziert der pseudonyme Verfasser ein interessantes Beziehungsmodell. Er richtet den Blick zuerst auf die sog. Kinder. Damit sind in neutestamentlicher Terminologie gewöhnlich alle Gemeindemitglieder gemeint, die durch die Apostel oder andere christliche Lehrer, durch ideelle Mütter und Väter, zum Glauben gekommen sind. An die „Kinder“, also die Gemeindemitglieder schreibt er: „Euch sind die Sünden vergeben.“ (V. 12) Das ist der erste Satz.

Vergebung wird hier, um mit Jesper Juul zu sprechen, als Leitbild für die christliche Beziehungskultur angesehen. Der Raum, den Gott eröffnet und in dem Christinnen und Christen leben, ist von Vergebung, Annahme, Versöhnung und Liebe geprägt. Alle Menschen – Kinder und Erwachsene, Männer und Frauen, Menschen mit oder ohne Behinderung – werden in diesem Raum nicht auf ihre Fehler oder Defizite hin angesehen, sondern im Blick auf ihre Würde, ihre Persönlichkeit und Einzigartigkeit, die sie alle gleichermaßen von Gott her haben.

Wenn wir heute auf den kleinen Täufling Frederik gucken, dann fällt es uns leicht, an die Liebe Gottes zu glauben, an die Schönheit und das Wunder seiner Geschöpfe. So ein wunderbares, unverwechselbares Kind! Wach und aufmerksam, zufrieden und sonnig! – An den älteren „Kindern“, den Erwachsenen, fällt uns das oft etwas schwerer zu erkennen – aber auch ihnen, uns allen gilt Gottes Liebe und Vergebung, gilt unsere Würde und Persönlichkeit von Gott her.

In dieser Beziehungskultur, die von Vergebung und Liebe gekennzeichnet ist, ordnet der Briefschreiber den „Vätern“, den „jungen Männern“ und den „Kindern“ dann unterschiedliche Rollen und Aufgaben zu.

Für die „Väter“, also die Generation von Männern, die Kinder hat, eine Familie ernähren oder mitunterhalten kann und Verantwortung in der Gesellschaft übernimmt, geht es darum, den zu kennen, „der von Anfang an da war“ (V. 12), wie der Autor es formuliert. Also Gott zu kennen als Anfang und Grund, als Fundament für das Zusammenleben in der Familie, der Gemeinde und der Gesellschaft.

Die Kenntnis der Väter, welche Haltungen, Werte und Regeln es für ein gutes Beziehungsklima braucht. Ihre Bereitschaft, dafür einzustehen, Verantwortung zu übernehmen und Vorbild zu sein: sei es die Liebe zur Partnerin und zu den Kindern, die bleibende Verbundenheit, auch wenn eine Ehe zerbricht… Sei es der Respekt vor Älteren oder Jüngeren, Schwächeren oder Fremden, der stets vom Gedanken der „Gleichwürdigkeit“ bestimmt sein sollte. Sei es die Fähigkeit zu lieben und sich hinzugeben oder Streit, Fehler und Misslungenes zu vergeben; die Kraft, Verantwortung – nicht zuletzt im Beruf – zu übernehmen und der Mut, die Zukunft zu gestalten, so unsicher wir uns bei unseren Entscheidungen mitunter fühlen mögen…

Diese großen Aufgaben werden bei den „Vätern“ angesiedelt, den Männern der mittleren Generation. Dafür braucht es innere Stabilität, ein gutes Fundament, emotionale und mentale Kraft… Zu der der Glaube helfen kann, die Verbundenheit mit Gottes Kraft der Liebe und Vergebung.

An die sog. jungen, heranwachsenden Männer schreibt der Verfasser: „Seid stark, haltet das Wort Gottes in euch und überwindet den Bösen!“ (V. 14) Er nennt den Entwicklungsweg, die inneren Kämpfe von Jungen und jungen Männern, die oft ein bisschen anders aussehen, als die von Mädchen oder jungen Frauen. Die Auseinandersetzung mit dem, was sie von innen her reizt: vielleicht die eigene körperliche Kraft, die Testosterone, die Neugier, das Dominanzstreben – wie mit dem, was von außen reizt: vielleicht Genuss oder Gewalt, Besitz oder Betäubung…

„Seid stark“, schreibt er, „haltet dabei Kurs mit dem Wort Gottes!“ Wir wissen, dass natürlich die wenigsten jungen Männer abends zuhause ihren Tag mit der Bibel auf den Knien bedenken… Aber wir müssen ja gemeinsam überlegen, sind als Eltern, Großeltern oder Paten, gefragt, wie die Jüngeren den Glauben, christliche Werte und religiöse Kenntnisse aufnehmen, lernen und sich damit auseinandersetzen können… Wie sie Zugang zur christlichen Beziehungskultur der Liebe und Vergebung finden?

Und schließlich richtet der Verfasser sich ganz knapp an die Kinder: „Ihr kennt den Vater.“ (V. 14) Ihr kennt eure leiblichen, irdischen Väter, an die ihr euch hoffentlich halten könnt als Schutz und Vorbild, als „Leitwolf“. Ein Idealfall ist hier genannt, denn nicht alle Kinder dürfen ihre Väter so positiv erleben. Ihnen, denen die guten irdischen Väter fehlen, ist deshalb in besonderer Weise versprochen, was uns allen gilt: dass wir von Anfang an auch mit Gott als dem himmlischen Vater verbunden sind. Der das liebevolle, soziale Handeln der Väter und Männer prägen soll.

Das sind alles stark männlich orientierte und auch hierarchische Vorstellungen. Im Geiste fragen wir uns dabei vielleicht, welche positiven oder negativen Rollen Mütter spielen, welche Verantwortung Frauen übernehmen sollten, welche Entwicklungswege Mädchen gehen… Gerade in einer Zeit, in der die Geschlechterrollen unter uns neu verhandelt werden. Gott sei Dank gibt es neue Spielräume und Freiheiten, die Rollen als Eltern, als Erwachsene, als Menschen neu auszuprobieren!

Unberührt davon bleibt aber unsere Beziehung zu Gott, den wir als Vater und Mutter denken können und auch in nicht-menschlichen Bildern als Licht, Quelle oder Wahrheit, so wie Gott auch schon in der Bibel beschrieben wird.

Der 1. Johannesbrief preist Gott als die Liebe: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh 4, 16)

Das ist die Beziehungskultur, das Klima, für das wir als Christinnen und Christen in der Welt einstehen und Verantwortung übernehmen sollen. Und in dieser Hinsicht sind wir für Gott, um mit Jesper Juul zu sprechen, seine „kompetenten Kinder“. Sozial kompetent, mit eigenen Anschauungen, Wünschen und Bedürfnissen, immer wieder auf Entwicklungswegen, um zu lernen, auf eine gute, erwachsene Weise Verantwortung für unsere Beziehungen untereinander zu übernehmen.

Dabei helfe uns der Gott der Liebe, des Respekts und der Vergebung! Amen.