Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Anfang und Ende

Anfang und Ende

Predigt zum Toten- und Ewigkeitssonntag
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Toten- und Ewigkeitssonntag, 22. November 2020

Predigt zu Offenbarung 21,1–7

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da war und der da ist und der da kommt!

Am letzten Sonntag des Kirchenjahres sind wir heute versammelt, am Totensonntag, der auch Ewigkeitssonntag genannt wird, bevor am kommenden Sonntag, dem 1. Advent, ein neues Kirchenjahr beginnt und mit der Erwartung von Jesu Geburt ein neuer Anfang gesetzt wird. Heute die Erinnerung an die Verstorbenen, an Abschiede, die uns zurückblicken lassen, die uns wehtun und traurig stimmen – und am nächsten Sonntag der Auftakt zur freudigen Erwartung der Geburt eines Kindes, mit dem eine neue Zeit für die Menschen anbrechen soll.

Und sozusagen dazwischen der Ewigkeitssonntag. Wie ein Moment, ein Tag zwischen der Zeit, zwischen unseren menschlichen Abschieden und Neuanfängen, zwischen Tod und Geburt, Abschied und Auferstehung.

Ein Tag, der uns an die Ewigkeit erinnert, an Gottes Zeit. Die anders tickt und läuft als unsere menschliche Zeit, nicht nach Minuten, Tagen oder Jahren zählt, sondern wohl ganz andere Zyklen oder Dimensionen kennt. Wir wissen sie nicht und können sie kaum fassen oder begreifen. „Ewigkeit“ als ein Begriff für Gottes Zeit und für Gottes Raum, für die uns die Maßstäbe fehlen, von denen wir nur in Bildern und Andeutungen sprechen können.

Und doch erleben viele von uns mitunter Situationen, in denen es wirkt, als ob die Ewigkeit in unsere Zeit hineinbräche. Momente in unseren Tagen, in unserer Lebenszeit, in die sich eine andere Zeit und ein anderer Raum schieben, die man vielleicht als „Ewigkeit“ bezeichnen kann.

Für manche von Ihnen, die im letzten Jahr einen lieben Menschen verloren haben, mag es rund um den Tod solche Momente gegeben haben: in denen die Zeit stillzustehen schien, in denen plötzlich eine große Ruhe einkehrte oder es wirkte, als ob sich Türen in eine andere Welt öffneten. Für andere mag der Tod sich eher wie ein tiefer Graben aufgetan haben, ein abrupter Riss, bei dem die eigene Lebenswelt auf schmerzhafte, erschreckende Weise einzustürzen und man selbst wie aus der Zeit zu fallen schien.

Der Tod, die Trauer kann unser Zeitgefühl, unser Raumempfinden so erschüttern und verrücken, dass man sich eine Zeitlang wie verrückt fühlt. Herausgefallen aus den gewohnten Rhythmen und Abläufen, Gesprächen und Gedanken, die man mit dem oder der Verstorbenen geteilt hat, auch zusammen mit anderen. Herausgerissen aus den sicheren Wechseln von Tag und Nacht, von Alltag und Wochenende, Festen und Ferien.

Dazu kamen für viele die Irritationen, die Unklarheiten und Härten durch die Beschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Die den Abschied im größeren Kreis, den Sie sich vielleicht gewünscht haben, unmöglich machten; die in einigen Fällen Besuche bei den Sterbenden im Krankenhaus oder im Pflegeheim verhinderten und das tröstliche Zusammensein mit anderen erschwerten, die Umarmungen, Nähe und Wärme im Familien- und Freundeskreis.

Wie doppelt herausgefallen oder herausgerissen wurden manche in diesem Jahr durch den Tod ihrer Partner und Partnerinnen, ihrer Eltern, Verwandten oder Freunde. Doppelte Verluste von vertrauten Rhythmen, Wegen, Orten, Stimmen und Begegnungen, die unserem Leben Halt geben.

In Tod und Trauer – wie auch im Glück, in besonders schönen, erfüllten Momenten – kann die Ewigkeit in unser Leben hineinbrechen. Beim Abschied ebenso wie bei der Ankunft eines neuen Menschen, im Staunen über das Leben… In der Liebe, wenn man zu zweit wie eins wird… In der Natur, wenn einen am Meer Gottes Unendlichkeit anweht oder wir in den Bergen einen Eindruck von Gottes Größe, Macht und Schönheit bekommen… Oder in der Stille…

Ahnungen der Ewigkeit als einer anderen Dimension, die in Gottes Händen steht. In der sich Raum und Zeit auf eigene Weise verbinden. Und wir können davon nur in Bildern sprechen.

Ein Bild dieser göttlichen Dimension ist uns vom Seher Johannes im Buch der Offenbarung überliefert. Ein Bild von der Herrlichkeit Gottes, dem Himmel oder der Ewigkeit:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, schreibt Johannes, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

(Offenbarung 21, 1+2)

So heißt es auf den letzten Seiten der Bibel.

Eine neue, andere Zeit und eine neue Schöpfung, ein anderer Raum… Der erste, uns bekannte Himmel, die erste, uns vertraute Erde werden vergangen sein. Die erste Schöpfung Gottes, die wir als unseren Lebensraum kennen und zu der wir mit unserer Vergänglichkeit, mit unserer Fehlerhaftigkeit und unserer Schwäche gehören, wird vergehen. Auch das Meer – im alten Israel Inbegriff von Chaos und Schrecken, unkontrollierbarer zerstörerischer Kraft – wird vergehen und nicht mehr sein.

An ihre Stelle wird wie eine neue Schöpfung eine heilige Stadt von Gott aus dem Himmel kommen, der zukünftige Wohnort Gottes mit seinen Menschen. Keine feste Burg, sondern eine helle, lichte Stadt mit vielen Toren, die nach Engeln benannt sind. Eine Stadt, ganz aus Jaspis und Gold erbaut, verziert mit Perlen und Edelsteinen. Wie eine wunderschön geschmückte Braut sieht der Visionär Johannes diese Stadt aus dem Himmel zu den Menschen kommen.

In dieser Stadt, dem himmlischen Jerusalem, gibt es keinen Tempel, denn es braucht keine Gotteshäuser mehr, um Gott besonders nahe zu sein. Gott selbst wird bei den Menschen wohnen. Es braucht keine Lampen mehr, weder Sonne noch Mond, denn Gottes Licht und Herrlichkeit werden die Stadt von innen heraus erleuchten. Man wird Türen und Tore nicht mehr verschließen müssen, denn Lügen, Raub und Gewalt werden ein Ende haben. Tod, Schmerz und Tränen werden nicht mehr sein.

Ein Raum, eine Zeit voller Glanz und Licht, offen und frei.

Gott wird bei den Menschen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.

(Offenbarung 21, 3)

Ein Bild für das Kommende, die Ewigkeit, das Jenseits, das zu dem Seher Johannes wie ein Einbruch aus einer anderen Dimension gekommen sein mag, das ihn vielleicht erschreckt und zugleich getröstet hat. Ein Eindruck der Schönheit und Fremdheit Gottes…

Ein Bild, das uns trösten mag in unserer Trauer um die, die wir hergeben mussten, die uns ins Unbekannte vorausgegangen sind – und auch in unserer eigenen Angst vor dem Tod: dass es Räume und Zeiten geben wird – Gottes Ewigkeit – die wir nicht kennen, auf die wir nur in Bildern hoffen und wie schauend glauben können.

Bilder, die uns aber nicht nur auf später ver-trösten sollen. Mögen wir doch schon hier und jetzt Splitter der kommenden Herrlichkeit Gottes erfassen, Lichtreflexe in diese Welt und in unser Leben, die uns etwas von Gottes Licht und Wärme zeigen. Wie einzelne Perlen und Edelsteine, die wir als einen Schatz in uns tragen, der uns verbunden hält mit denen, die jetzt bei Gott sind, und mit Gott selbst. Der uns das Leben geschenkt hat, der uns auf unseren Lebenswegen begleitet und uns am Ende, beim Übergang in die neue Welt, an die Hand nehmen, uns halten und führen wird. In seine heilige Stadt im Himmel, in seine Ewigkeit, auf die wir hoffen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.