Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Auf Sand gebaut

Auf Sand gebaut

Predigt am 1. August
Pastorin

Andrea Busse

9. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Matthäus 7,24-27

Predigttext:

Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. 26 Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß. (Mt 7, 24-27)

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

„Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen, da fiel das Haus ein und sein Fall war groß.“

Wir haben die aktuellen Bilder aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern noch vor Augen. Der Platzregen kam und das Wasser, das aus kleinen Bächen reißende Ströme machte. Fest geglaubte Funda­men­te wurden unterspült und Häuser brachen komplett zusammen oder schwammen davon. Wie zerbrochenes Riesenspielzeug ragten halbe Haushälften in die Luft, die Zimmer aufgeschnitten wie Puppenhäuser. Das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner lag und liegt in Trüm­mern. Nichts mehr davon übrig. Kostbare Erinnerungen weg­gespült, alles Hab und Gut vernichtet.
Ein Haus zu verlieren – ich mag mir gar nicht vorstellen, was das bedeutet. Das Zuhause ist weg, der Schutzraum, der Rück­zugsort, wo man sich verkriechen kann, wo man hingehört. Das ist ja schon bei Umzügen emotional anstrengend, das Gewohn­te aufzugeben und sich an neuem Ort heimisch zu machen, aber wenn das alte Zuhause sich in Luft auflöst oder besser im Wasser, ohne dass man ein neues hat, das zieht einem buch­stäblich den Boden unter den Füßen weg.

Den Boden unter den Füßen verlieren, das kann man natürlich auch ganz ohne Regen und Flut. Es gibt Erschütterungen im Leben, die alles, was man fest und sicher glaubte, zusammen­brechen lassen: Eine Diagnose, eine Trennung, ein Todesfall, ein finanzieller Bankrott. Was kann uns halten, wenn solche Katastrophen über uns herein­brechen? Was ist das feste Fundament?

Der Evangelist Matthäus scheint in unserer kleinen Bildge­schichte als Bau­berater für Lebenshäuser aufzutreten und beschreibt eine Wahl: Sie können den billigen Bauplatz unten am Ufer nehmen: Der Bau geht schnell voran, es sind keine aufwendigen Erdarbeiten nötig und die Häuser kann man später nicht voneinander unter­scheiden. Aber der Baugrund besteht aus Sand. Oder Sie nehmen den Bauplatz oben am Hang: Der Bau wird länger dauern, es wird kostspieliger werden, weil es aufwendiger ist, das Fundament im Fels zu verankern. Aber das ist natürlich die kluge Lösung.

Will man die Parabel in einem einzigen Satz zusammenfassen, dann könnte der lauten: Jesus sagt: „Wer diese meine Worte hört und tut sie, der wird nicht zusammenbrechen.“ Heißt im Umkehrschluss – und den malt die Parabel ja auch aus – wer zusammenbricht, hat nicht genug zugehört oder nicht recht genug gehandelt. Nicht fest genug geglaubt. Und da könnte das Ganze kippen. Aus dieser Botschaft, die eigentlich ein felsenfestes Lebensfundament legen möchte, wird plötzlich eine bleischwere Last, eine Forderung nach uner­schütterlichem Glauben, eine moralische Keule. Matthäus hat das so nicht gemeint und es ist wichtig, sich diesen Kontext klar zu machen.

Der Evangelist sammelt seine Berichte für kleine Gemeinden, vermutlich in Syrien. Die Gläubigen dort sind bedrängt und verfolgt. Für sie also stellt er die Reden Jesu zusammen zu dem, was wir heute die Berg­predigt nennen. Und zwar um ihnen damit ein Fundament unter die Füße zu geben. Man könnte sagen, er baut ihnen damit sowas wie ein Haus: Ein Dach über dem Kopf, ein Boden unter den Füßen. Die Leserinnen und Leser der Bergpredigt treten in dieses Haus ein durch das Tor der Seligpreisungen. Sie werden glücklich geschätzt in dem, was sie erleben, auch an Schwerem erleben: Selig sind, die Leid tragen, die verfolgt werden, die hungern. Und dann schreiten sie durch die Räume der gebotenen Nächstenliebe und Gottesliebe. Er gibt ihnen Regeln als Geländer an die Hand, damit sie sich festhalten können. Es ist ein Lehrhaus, in dem Gesetz und Propheten konzentriert werden. Es fehlen Priester und Schlachtopfer und doch kommt man zum Allerheiligsten, denn dieses Lehrhaus ist auch ein Bethaus. Das Vaterunser gibt den Menschen Worte an die Hand, um direkt mit Gott in Kontakt zu treten, es lässt sie Gott als barmherzigen Vater erleben.
Und ganz am Ende dieser Hausbesichtigung steht die Parabel vom Hausbau. Es ist eine Ermutigung für die bedrängten Gemeinden: Seht, das ist euer Haus, hier seid ihr beheimatet, hier habt ihr Halt und Schutz und ein festes Fundament. Die Platzregen werden kommen und die Wasser, aber in diesem Haus können sie euch nicht umhauen.

„Wer diese meine Rede hört…“ so beginnt die Parabel und man kann sie nur missverstehen, wenn man diese seine Rede, eben die Bergpredigt, nicht mit ins Bild nimmt. Mit der Bergpredigt im Hinterkopf lautet die Botschaft: Hört, wie stabil die Grundlage eures Glaubens ist. Euer Haus ist schon auf einem festen Grund gebaut, die Entscheidung habt ihr schon getroffen. Ihr gehört schon zu den Klugen, sonst würdet ihr ja nicht diese Geschichte hören, sonst würden Sie ja heute morgen nicht hier sitzen.

Funktioniert das aber im wirklichen Leben, wenn die Erschütte­rungen kommen? so habe ich mich gefragt bei der Vorbe­reitung. Hält uns das als Gemeinde, als Einzelne, die mit allen Zweifeln und Unsicher­­heiten, doch glauben oder zumindest nach Gott fragen. Wie kann man denn nun dieses Haus durchschreiten oder darin sein festes Fundament finden, wenn der Boden wegbricht? Die Frage hat mich umgetrieben – und ich habe eine Freundin besucht, der vor vielen Jahren ein Unglück den Boden unter den Füßen weg­gezogen hat. Sie hat bei einem Unfall ihr 3-jähriges Kind verloren. Wenn jemand weiß, wie es sich anfühlt, wenn alles, über einem zusammen­bricht oder unter einem wegbricht, dann sie. Wie hat sie das überlebt, wie hat sie wieder Boden unter den Füßen gewonnen?

Ich besuche sie also und frage danach. Sie holt eine Kiste hervor und öffnet sie. „Hier sind die Antwort­teilchen“ sagt sie und packt aus:
Eine Karte. „Die ist von den Rettungssanitäter, der es nicht geschafft hat Merle wiederzubeleben“, erklärt sie. „Er war an der Unfallstelle total durch den Wind, hat selbst eine Tochter, die damals 3 Jahre alt war, und konnte mit der Situation nicht umgehen. Er hat gezittert, konnte nicht routiniert arbeiten. Später haben Freunde sie gefragt, ob sie Anzeige erstattet hätte, ob untersucht worden wäre, ob das nicht professionelles Versagen war. „Kann sein“, sagt sie jetzt „aber so habe ich das nie gesehen. Ich erinnere, dass wir uns in den Armen lagen und einfach nur gemeinsam weinten.“ Ich nehme die Karte in die Hand und lese. Der Mann ist am Boden zerstört, macht sich Vorwürfe ohne Ende. „Hast du ihm geant­wortet?“ frage ich sie. „Ja, ich habe ihm geschrieben, dass ich ihm keine Vorwürfe mache.“
Als nächstes holt sie ein Stofftaschentuch heraus. Zeuge unendlich vieler Tränen. Dazu sagt sie nichts, schluckt nur.
Dann zeigt sie mir einen Knautschball und erklärt, dass sie den von einer Freundin bekam. Wenn sie es gar nicht mehr ausge­halten hat, dann hat sie den so fest zusammengedrückt, bis es wehtat. So hat sie versucht den einen Schmerz durch den an­deren zu verdrängen. Für ein paar Minuten hat das funktioniert.
Ich lange in die Kiste holen einen dicken Stapel heraus. Es sind lauter Zugtickets, von all denen, die quer durch die Republik gefahren sind, um sie zu besuchen, wenn sie nicht allein sein konnte: Ihre Eltern, ein Cousin aus Bayern, Freundinnen, Merles Patin.
Dann kommt eine Taxiquittung zum Vorschein und ich schaue sie fragend an. Sie erzählt von einem Morgen, als sie es in der Wohnung mit dem leeren Kinderzimmer einfach nicht mehr ausgehalten habe. Sie sei geflüchtet, war aber zu zittrig, um selbst Auto zu fahren, sei dann in ein Taxi gestiegen und habe dem Fahrer gesagt, er solle einfach irgendwohin fahren. Er habe dann vor der Stadtkirche gehalten, die immer offen sei. Dabei war er sicher Muslim, zumindest habe am Rückspiegel so eine Gebetskette gehangen und irgendwas mit arabischen Schriftzeichen drauf. Sie sei also dann in die Kirche gegangen, habe eine Kerze angezündet und ewig dort gesessen. Als sie rausging, saß der Fahrer hinten auf einer Kirchenbank, habe auf sie gewartet und sie wieder nach hause gefahren. Auf der Taxiquittung stehen 3.50 €.
Direkt danach zeigt sie mir ein abgekrabbeltes Faltblatt. „Das habe ich dort aus der Kirche mitgenommen.“ Es sind Gebete. Tausende Male habe sie die nachgesprochen, weil sie keine eigenen Worte hatte. „Der Herr heilt die, die zerbrochenen Herzens sind“ hat sie gelb gemarkert. „Das wurde mein Mantra“ sagt sie.
Ich ziehe einen Briefumschlag heraus. Darin steckt aber nur ein Post-it, darauf: Mach dir keine Sorgen! „Da waren 1000 € drin“, erzählt meine Freundin, „Ich weiß bis heute nicht von wem, aber ich brauchte sie ganz dringend, weil ich ja so lange nicht arbeiten konnte und das Krankengeld manchmal nicht reichte.“

Wir haben lange so gesessen und sie hat noch mehr kleine Gegen­stände, Zettel, Erinnerun­gen aus dem Kasten geholt. Und ich hatte das Gefühl, dass sich vor mir die Bergpredigt zusammenpuzzelt. So viele Liebe und Mitgefühl, was da zum Vorschein kam, heimliches Almosengeben, gelebte Gebetspraxis, Barm­herzigkeit über Religionsgrenzen hinweg, ihre Fähigkeit, diesem hilflosen Rettungs­sanitäter zu vergeben oder besser, ihn gar nicht erst zu richten. Versfetzen aus dem Matthäusevangelium liefen mir durch den Kopf: Selig sind, die Leid tragen. Sorgt nicht für morgen, der morgige Tag wird für das seine sorgen. Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden. Dein Wille geschehe.
Besonders hängen geblieben ist mir noch eine Karte, die sie mir ziemlich zum Schluss zeigte. Sie war zerrissen und wieder zusammengeklebt. Vorne drauf ein kitschiges Bild und der Spruch: „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hände“. Als sie diese Karte zur Beerdigung bekam, hat sie sie sofort zer­rissen, gesteht sie. Das habe so leicht daher gesagt geklungen und sie habe diese Hände nicht gespürt, die sie aufgefangen sollten. Sie hätte im Gegenteil das Gefühl gehabt, im freien Fall zu sein. Später – als sich die Kiste schon langsam füllte – hat sie die beiden Teile der Karte immer mal wieder in die Hand genommen, und noch viel später dann wieder zusammen­geklebt.

Es stimmt dann also doch? – habe ich sie gefragt. War dir dein Glaube ein Fundament, das gehalten hat? So einfach konnte sie das nicht bestätigen. Was hält, sei Vertrauen. Ihr Fundament sei Vertrauen – Vertrauen in die Menschen, die ihr beigestanden haben, ja auch in Gott, in sich selbst, in das Leben. Aber Vertrauen sei kein Fundament aus Stein, das immer gleich sei und vorzeigbar, so dass man mit dem Finger drauf deuten könnte. Es sei mehr so: Und dann greift sie noch mal in die Kiste und holt ein schmales Gedicht­band von Hilde Domin heraus, schlägt eine Seite mit Eselsohr auf und hält sie mir hin. Eine Zeile ist unterstrichen:

Ich setze meinen Fuß in die Luft und sie trug.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen uns Sinne in Jesus Christus. Amen.