Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Aufeinander Acht haben

Aufeinander Acht haben

Predigt zum Valentinstag 2021
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst für Liebende

Hebräer 10,24

Aufeinander Acht haben!

„Hans, willst du Hanna, die Gott dir anvertraut, als deine Ehefrau lieben und ehren und die Ehe mit ihr nach Gottes Gebot und Verheißung führen in guten und in bösen Tagen, bis der Tod euch scheidet, so antworte: Ja, mit Gottes Hilfe.“
Oder etwas moderner:
„Hanna willst du Hans aus Gottes Hand annehmen als einen kostbaren und einmaligen Menschen. Willst du ihn lieben und achten mit seinen Eigenheiten. Seine Schwächen annehmen, seine Stärken fördern. Willst du für ihn da sein, wann immer er dich braucht und Freude und Schmerz mit ihm teilen. So antworte: Ja mit Gottes Hilfe.“

So oder so ähnlich haben Sie es vielleicht schon ver­sprochen oder planen, es zu tun. Und selbst wenn Sie sich nicht in einer Kirche haben segnen lassen oder das tun wollen, so versprechen Liebespaare einander doch ähnliches oder – wenn sie es nicht explizit versprechen – so erwarten sie es doch voneinander: Eben, dass man nicht nur die rosigen Seiten des anderen liebt, sondern auch seine Macken. Dass man nicht nur in schönen Zeiten zueinander hält, sondern gerade auch in Krisen. Ich glaube, die meisten Menschen sehnen sich nach dem Gefühl, zu jemanden zu gehören, sich aufeinander verlassen zu können, akzeptiert zu werden, so wie man ist, und gemeinsam durchzustehen, was das Leben bringt.

Was für ein Geschenk, wenn man diesem Menschen begegnet, sich kennenlernt, verliebt, merkt, es wird tiefer, ernster, enger, man ist glücklich miteinander. Das muss gefeiert werden. Öffentlich gemacht werden. Gesegnet werden. Hochzeiten sind Hoch-Zeiten – Hoch-Zeiten der Liebe. Und sie sind es wert, festlich begangen zu werden, erinnert zu werden. Dem Priester Valentin war es sogar wert, sein Leben dafür zu riskieren.

Neben den Hoch-zeiten, den Höhepunkten des gemein­samen Lebens, gibt es natürlich auch Tiefebenen. Und gute Hochzeiten blenden die Tiefebenen nicht aus. Das Trauversprechen zumindest tut es nicht. Denn wir wissen ja: Immer mal wieder werden wir enttäuscht und verletzt – gerade von dem Menschen, den wir lieben, vielleicht gerade, weil wir ihn lieben. Und manchmal enttäuschen und verletzen wir selbst. Immer mal wieder wünschen wir uns den Partner/die Partnerin anders oder wünschen uns selbst anders. Immer mal wieder nerven Kleinig­keiten oder wir sind uns bei Grundlegendem nicht einig. Die meisten wissen, so schön es mit der Liebe ist, so schwierig kann es auch sein.

Und nicht immer finden Hans und Hanna zueinander. Hanna ist vielleicht mit einem anderen liiert. Oder es quält sie die Ungewissheit: Er liebt mich, er liebt mich nicht – damit hat sich schon Gretchen in Goethes Faust herumgeschlagen. Verwicklungen und Missverständ­nisse bieten unerschöpflichen Stoff für Groschenromane und Weltliteratur, Musik und Filme. Die anrührendsten Geschichten erzählen entweder davon, wie Traumpaare zueinander finden oder, in der tragischen Variante, wie sie voneinander getrennt werden. Und ich denke, dass jedes Paar auch so seine filmreifen Momente erlebt – hoffen­tlich die von der glücklichen Sorte.

Aber dann besteht das echte Leben doch mehrheitlich aus dem, was in Filmen nach dem Abspann käme:
Wie lernen wir das zu leben, was wir uns wünschen und einander versprechen?
Wie lernen wir zu lieben?
Manchmal brauchen Paare viel Zeit, bis sie sich zurechtfinden mit wider­streitenden Gefühlen und Interessen. Unsere Erinnerungen, Erwar­tungen, Befürchtungen, Prägungen – all das nehmen wir ja mit hinein in eine Beziehung. Der Wunsch nach Liebe und Zweisamkeit, die Angst vor Verlust oder Alleinsein können den Blick versperren dafür, was in den Einzelnen vorgeht und was zwischen beiden gespielt wird. Und doch ist das wichtig für ein ehrliches Miteinander, für ein verlässliches Zusammen­­leben.

Lieben können und Geliebt werden ist ein Geschenk. Manche sehnen sich vergeblich danach und haben wenig Wärme oder Anerkennung erlebt. Es ist nicht selbstverständlich, wenn wir es erfahren haben, durch Mutter oder Vater, Geschwister, andere Menschen, die uns begleitet, angenommen, gefördert haben in der Familie, in Kindergarten und Schule, als Nachbarin oder Kollege.
Lieben können und Geliebt werden ist ein Geschenk. Es lässt sich nicht befehlen und funktioniert nicht als Pflicht. Liebe ist ein Geschenk, eine Gabe – so kostbar, dass wir sie „göttlich“ nennen. Die Liebe ist ein Geschenk Gottes an uns Menschen, und in der Liebe, die wir miteinander teilen, können wir erahnen, wer Gott ist, können wir seine Nähe spüren.
Liebe ist ein Geschenk Gottes. Ein Geschenk aber gilt es, anzunehmen, auszupacken und pfleglich zu behandeln. Insofern ist Liebe Gabe und Aufgabe. Liebe ist ein Geschenk, aber nie für immer gegeben. Man muss die Liebe erhalten, sich um sie kümmern, sie einüben, sie gut pflegen, sonst entgleitet sie uns. „Ja, mit Gottes Hilfe“ versprechen Hans und Hanna deswegen, denn sonst könnte ihnen das Versprechen schnell über den Kopf wachsen.

In der Bibel steht viel über die Liebe und einiges haben wir schon gehört: Stimmen, die in Verliebtheit schwel­gen, Texte, die die Liebe loben, und andere, die die Liebe lehren. Einer der Bibelverse, die ich am hilfreich­sten finde für das Lieben Lernen, für die Tiefebenen, für den Alltag eben, steht im Herbäerbrief:

„Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“

Acht haben aufeinander. Das Thema Achtsamkeit ist seit einigen Jahren sehr im Trend – und zu Recht. Das Wort „Achtung“ steckt darin in zweier­lei Hinsicht: Da sagt einer „Achtung!“ – Passt auf! Passt auf euch auf, dass ihr einander nicht verloren geht. Und dabei heißt es zum zweiten „Achtung haben“ vor dem anderen, Respekt vor ihren Gefühlen, seiner Einstellung, ihrer Haltung – gerade auch dann, wenn man es nicht so einfach nach­vollziehen kann. Liebe kann nur wachsen, wenn wir acht haben auf das, was in mir vorgeht, im anderen und zwischen uns. Das läuft nicht einfach alles automatisch. Da muss man, da müssen beide immer wieder hin­gucken, sich gegenseitig in den Blick nehmen, wohl­wollend aufeinander schauen. Manchmal auch ein Auge zudrücken.

Ich mag an dem Vers, dass es nicht heißt: „Du musst acht haben auf die andere!“ oder „Ich müsste acht haben auf den anderen“, sondern „Lasst uns aufeinander Acht haben!“ – Es ist etwas, was wir gemeinsam tun, auch nur gemeinsam tun können. Denn wenn nur einer auf den anderen schaut und der nimmt diese Aufmerk­sam­keit als selbstverständlich hin, dann gerät jede Bezie­hung aus dem Gleichgewicht. Also: gemeinsam aufeinander Acht haben.

Und diese Achtsamkeit spornt dann an zu Liebe und zu guten Werken. Es reicht nicht, nur in Gefühlen zu schwelgen, sondern es muss sich auch im Handeln äußern. Sie kennen sicher diese Sprüche „Liebe ist – Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen“. Es reicht nicht, wenn diese Pünkt­chen nur mit „Schmetterlingen im Bauch“ gefüllt werden. Zumin­dest flattern die oft schnell davon und die Liebe verflüch­tigt sich mit ihnen. Die überzeugendsten Liebeserklä­rungen zeigen sich oft im Handeln. „Liebe ist…. wenn er aufsteht, wenn das Kind nachts um 3 Uhr schreit.“ „Liebe ist…. wenn sie ihm zuhört, auch wenn sie lieber gerade ihre Ruhe hätte.“ Ich bin sicher Ihnen fallen viele andere Varianten davon ein. Es lohnt sich, das mal einen Tag lang zu beobachten. Sie könnten sicher viele „Liebe ist“-Sprüche dabei einsammeln, denn Liebe konkretisiert sich im einfachen, alltäglichen Tun.

Dafür aber braucht es Achtsamkeit, denn sonst tun wir für den anderen das, was wir gerne hätten, dass er für uns täte. Und sind erstaunt, wenn er gar nicht glücklich darüber ist. Vermutlich braucht und wünscht er oder sie aber etwas ganz anderes von uns. Also genau hin­gucken, aufmerksam zuhören, behutsam miteinander umgehen, geduldig sein – mit sich und der anderen. Denn nur so kann sich jeder und jede entfalten in der Beziehung und fühlt sich wertgeschätzt. Nur so können Sie zueinander­stehen, ohne sich im Weg zu stehen.

Dass das gelingen kann, sehen wir heute in dieser Kirche – an den Paaren, die hier sind, weil sie das Vertrauen haben, dass ein gemeinsames Leben schön werden wird. Und an alle den Paaren hier, die zum Teil schon viele, viele Jahre miteinander leben, schon manche Tiefebene durchschritten, manche Krise gemeistert haben, die ihre Hoch-Zeiten dankbar erinnern und ihr Versprechen bis heute gehalten haben – mit Gottes Hilfe und unter seinem Segen.

Gott ist der Ursprung der Liebe. Aus seiner Liebe zu uns können wir schöpfen. Sie macht uns liebenswert und liebensfähig. In Jesus hat diese Liebe ein menschliches Gesicht bekommen. So wie er sich Menschen zuwendet, gerade auch den unbeliebten, so sollen und können wir uns einander zuwenden, gerade auch den ungeliebten Seiten von uns. Gottes gute Geist beflügelt uns dazu. Feiern wir also die Liebe, dass sie uns viele im wahrsten Sinn des Wortes göttliche Momente bescheren möge. Amen.