Stimmen von Pflegekräften

Exemplarischer Dienstreport auf der Intensivstation:
In der Regel beginnt der Dienst mit einer ärztlichen Übergabe an uns Pflegekräfte. Wir bemühen uns um eine faire Verteilung der Patienten, aber allen ist klar, dass das Arbeitspensum für keinen zu schaffen ist, jedenfalls nicht unter Einhaltung der Qualitätsstandards. Die Station alarmiert ununterbrochen. Vitalwerte oder Beatmungsparameter liegen außerhalb der siche­ren Grenzfelder, Dialysen melden Druckalarm und drohen stehen zu bleiben, Medikamenten- & Ernährungspumpen laufen leer. Kollegen brauchen Hilfe. Die brauchen wir alle. Es kann nur ver­zögert auch auf überlebenswichtige Alarme, wie ein Lösen des Patienten vom Beatmungsgerät, reagiert werden. Viele Patienten äußern Ängste. Zu recht. Die gesamte Kulisse wirkt bedrohlich, die Lautstärke, die Unruhe, die Erkrankung an sich, welche zur Intensivpflichtigkeit geführt hat.
Ich versuche die wichtigsten Tätigkeiten bis zum Dienstende zu erledigen. Es braucht viel Zeit, die gesamte Intensivmaschinerie mit Beatmung, Medikation und Dialysen überhaupt am Laufen zu halten. Zu pflegerischen Tätigkeiten wie sorgsamer Körper­pfle­ge, Mobilisation, Reorientierung und Wahrnehmungs­förderung kommt man nur sehr selten. Ich bin schon dankbar, wenn sich der Zustand meiner Patienten während meiner Schicht nicht gra­vierend verschlechtert hat, ich außerdem alle Medikamente mit weniger als einer Stunde Verzögerungszeit verabreichen konnte. Wenn ich die Patienten ohne Eigenmotorik alle 4 Stunden gela­gert habe und zur Übergabe an die nächste Schicht keiner in Blutlachen oder Exkrementen liegt. Mehr als die absolute Notver­sor­gung ist derzeit kaum möglich. Um nicht komplett frustriert zu sein, muss man seinen Eigenanspruch stark drosseln. Die Stim­mung auf Station ist schnell angespannt, da jeder regelmäßig an die Grenze des Schaffbaren stößt.

Das Wasser geht mir bis zum Hals. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist. (Aus Psalm 69)

Während der ersten Covidwelle hatten wir ad hoc ein völlig neues Fachgebiet. Nicht nur, dass wir uns mit einem Virus auseinandersetzten mussten, von dem wir wussten, dass wir nichts wussten. Sondern auch plötzlich mit hämato-onklogischen Patient:innen und KMT-Patient:innen. Bitte was?! Ein Monat ohne fachspezifische Unterstützung, zwei Assistenzärzt:innen reichen aus. Es sind zu viele Pflegekräfte krank. Doch es heißt: „Ihr schafft das schon.“ Erst nach einem Monat kam dann Hilfe. Endlich. Fachliche Hilfe, personelle Hilfe. Hilfe von der Führungs­ebene? Nein. Supervision und psychologische Begleitung? Fehlanzeige.

Ich warte, ob jemand Mitleid habe – aber da ist niemand, und auf Tröster, aber ich finde keine. (aus Psalm 69)

Eine ältere Dame (Heimbewohnerin, beginnende Demenz) liegt im Isolationszimmer mit einer bakteriellen Darminfektion. Sie hat Angst. Noch versteht sie, warum sie im Krankenhaus ist. Aber sie versteht nicht immer, was wir sagen. Die Wörter machen ihr Angst. Ständig kommt jemand rein und rennt dann gleich wieder raus. Sie würde gerne telefonieren. Mit ihrer Tochter. Aber wie geht das nochmal mit diesem Fernseher mit dem man auch tele­fonieren kann? Sie traut sich nicht zu fragen. Sie hat auch bereits seit 1 Uhr unter sich gelassen und liegt in ihren Exkrementen. Ihr ist das so peinlich. Sie war immer sehr gepflegt und hat viel auf ihr Äußeres geachtet. Aber selbst, wenn sie was sagen würde – wer hätte schon Zeit, ihr die Bedienung des Telefons zu erklären und sie zu säubern. Wer hätte schon Zeit, 1x pro Stunde die Schutz­hose zu wechseln? Behutsam, achtsam, würdevoll. Die Haut ist mittlerweile schon ganz rot und brennt wie Feuer. Die Dame schließt bei der Intimpflege vor Schmerz die Augen. Sie ist es gewohnt, nicht zu klagen. Am Ende der Schicht lächelt sie mich an und sagt „Gehen Sie nach Hause, mein Liebes. Sie sehen so müde aus.“ Ich schaffe es gerade noch aus dem Zimmer, bevor ich anfange zu weinen. Ich schäme mich.

Die Schmach bricht mir mein Herz und macht mich krank. (Aus Psalm 69)

Die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege sind oft ausgebrannt. Man denkt da zuerst an Überarbeitung: körperlich, geistig, emo­tio­nal. Eingesprungen aus dem Frei, Überstunden, freiwillig eine Doppelschicht. Freiwillig? Nicht so ganz. Emotionale Erpressung ist bei uns an der Tagesordnung. „Ich muss eine Doppelschicht machen, weil meine Kollegin/ mein Kollege sonst alleine ist! Das kann ich ihr/ihm nicht antun!“ Natürlich erwartet das meine Kolle­gin nicht. Aber sie alleine lassen kann ich auch nicht. Also mache ich die Überstunden. Mache ich keine Pause. Trinke und esse ich nicht. Hole ich nicht kurz Luft. Gehe ich nicht auf die Toilette – wieso auch? Wenn ich nichts trinke, esse und eh wieder alles rausschwitze. Denn irgendjemand muss sich ja um die Patien­t:innen kümmern. Da kann ich doch nicht einfach gehen.

Ich aber bete, HERR, Gott, nach deiner großen Güte, erhöre mich mit deiner treuen Hilfe. (Aus Psalm 69)

Biblischer Text: Der Barnmherzige Samariter

Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme. (Lukas 10, 30 – 35)

 

Ansprache:

Pflege am Limit – was das konkret in einem Krankenhaus, auf einer Station, für eine Patientin, einen Pfleger heißt, davon haben wir eben in den Berichten eine kleine Ahnung bekommen. Pflege am Limit – heißt das auch Barmherzigkeit in der Krise?

Barmherzigkeit ist ein etwas altertümlicher Begriff, der fast nur noch im kirchlichen Kontext benutzt wird. Woher das Wort an sich kommt, ist nicht ganz klar, es gibt mehrere Erklärungen dafür: Die eine besagt, dass es eine Lehnübersetzung aus dem Lateinischen ist: In „misericordia“ steckt zum einen „cor, cor­dis“ das „Herz“ und zum anderen „miser“ – das heißt „arm“ und daraus wurde durch ein b ergänzt die erste Silbe „barm“. Barm-herzig ist also jemand, der ein Herz für die Armen hat.
Oder – die zweite Erklärung – die erste Silbe „barm“ bedeutete im Althochdeuten so etwas wie „Schoß/Busen“. Etwas also, das mir sehr nahe ist: Ich drücke jemanden an meine Brust, um ihn zu trösten, oder wir fühlen uns gebor­gen wie in Abrahams Schoß. Diese Erklärung ist insofern ganz interessant, weil das hebrä­ische Wort rächäm, das in unseren Bibeln mit Barm­herzigkeit übersetzt wird, zwei Bedeu­tungen hat: im Singular heißt es Mutterschoß und im Plural entweder Inneres/ Einge­weide oder eben Barmherzigkeit/Erbarmen. Ich finde, das ganz passend, denn Barmherzigkeit ist etwas, das aus dem Inneren kommt, etwas, das uns als ganzen Menschen ergreift. Barmherzig bin ich mit jemandem, wenn mich sein Schicksal berührt – und zwar nicht nur äußerlich, sondern wenn es mir an die Eingeweide geht.

Diese Stimmen von den Pflegekräften, sie haben mich erschüt­tert und mir beim ersten Lesen die Tränen in die Augen getrie­ben. Aber meine Tränen sind nicht genug – sie helfen der Pflege­­kraft nicht, die zwischen den Betten hin- und herläuft und ausgebrannt und erschöpft ist.
Auch Applaus ist nicht genug – wie der Titel des Buches von David Gutensohn zu Recht sagt. Ich habe damals auch am Fenster gestanden und geklatscht im ersten Coronafrühjahr. Und ich fand es wichtig und richtig, dass die Pandemie den sowieso schon existierenden Pflegenotstand endlich mehr ins öffentliche Bewusstsein geholt hat, auch in mein Bewusstsein. Aber Klatschen ändert nichts oder zumindest nicht genug.

Barmherzigkeit will und soll nicht im Gefühl steckenbleiben, in Betroffenheit, Mitleid oder Hilflosigkeit. Barmherzigkeit äußert sich im Tun. Das Paradebeispiel dafür, das weit über den religi­ösen Kontext hinaus bekannt ist, ist „der barmherzige Samariter“, weil er vorlebt, wie Barmherzigkeit geht: Er sieht nicht nur das Leid – so wie die beiden anderen vor ihm, die auch sehen und weitergehen, sicher aus gutem Grund. Er sieht das Leid und es jammert ihn. Aber eben nicht nur: Das Jammern führt zum Tun: Er geht hin, er verbindet den Ver­letzten, er nimmt ihn mit (!), er pflegt ihn und er zahlt für die weitere Pflege. Das ist das „Gesamtpaket“ Barmherzigkeit.

Also zunächst: Hingehen. Das heißt aus der Distanz raus­gehen. Der Samariter fühlt sich verantwortlich, obwohl er nicht selbst betroffen ist. Er ist weder überfallen worden, noch ver­wandt oder bekannt mit dem Opfer. Ich bin im Moment auch nicht betroffen: Ich habe – glücklicherweise – niemanden in meiner Familie, der gerade pflegebedürftig ist. Niemanden, der in der Pflege arbeitet – ich stehe auf Distanz. Wenn mich das Thema streift, bin ich erschüttert. Das reicht nicht! Wenn uns diese Er­schütterung nicht alle dazu bringt: Hinzusehen und hinzu­gehen, kann die Barmherzigkeit nicht Raum gewinnen.

Als nächstes legt der Samariter selbst Hand an: Er gießt Öl in die Wunde, verbindet ihn, nimmt ihn mit und pflegt ihn. Das, was er an diesem einen Tag tun kann, tut er. Er leistet Erste Hilfe. Am nächsten Tag muss er weiter. Jetzt kommt die Lang­zeitpflege. Die leistet er nicht. Die kann er nicht leisten. Die delegiert er. Und bezahlt er!

„Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.“

Er vertraut dem Wirt, dass dieser die Pflege fortsetzt, und der Wirt vertraut umgekehrt dem Samariter, dass er wiederkommt und die fälligen Mehrkosten übernimmt. Und so kann der Ver­letzte sich sorglos seinem Heilungsprozess anvertrauen.

Auch wir delegieren unsere Verletzten, unsere Kranken und Älteren an andere weiter. An Menschen, die das gelernt haben, die damit umzugehen wissen und die diese Aufgabe gewählt haben. Aber wie ist es mit dem gegenseitigen Vertrauen? Wenn wir die Berichte von den Zuständen auf Station hören – können wir dann noch darauf vertrauen, dass unsere Angehörigen oder im Fall des Falles auch wir selbst gut versorgt werden und uns dem Heilungsprozess oder auch dem schwächer Werden im Alter anvertrauen können? Und umgekehrt, können die Menschen, die wir damit beauftra­gen, darauf vertrauen, dass sie ordentlich bezahlt und aus­gestattet werden, um das zu tun, was sie tun sollen. Dass Sie dafür wertgeschätzt und angemessen behandelt werden? Können Sie darauf vertrauen, dass wir die Kosten übernehmen, auch für Menschen, mit denen wir nicht verwandt und bekannt sind, also solidarisch für die in unserer Gesellschaft, die das selbst nicht tun können – in der Höhe, in der es gut wäre.

Das System ist aus dem Gleichgewicht geraten, scheint mir, weil die Gewichtung nicht mehr stimmt. Zu wenige tragen zu viel Gewicht, zu viel Verantwortung, zu viel Arbeit, zu viel Leid. Wenn zu viele, die nicht betroffen sind, einfach vorbeigehen, weil sie vergessen, dass sie selbst unter die Räuber fallen könnten, wenn die Herbergen und Wirte erstmal den Gewinn berechnen, wenn niemand bereit ist das Geld zu zahlen, das die Pflege kostet, dann bleibt die Barmherzigkeit auf der Strecke.

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

So schlicht und ergreifend lautet unser Auftrag. Und den müssen wir nicht nur ernst nehmen, wir können das auch.
Sich erbarmen können, Mitgefühl haben, das kommt aus der Ge­wissheit heraus, dass ich mich nicht verliere, wenn ich mein Herz für andere öffne. Dass ich auch nicht zu kurz komme, wenn aus diesem Erbarmen barmherzige Taten folgen. Dass ich nicht rechnen muss, weil es sich immer rechnet, sich Barm­herzigkeit etwas kosten zu lassen. Sie ist doch das Wertvollste, was wir als Gemeinschaft, als Gesellschaft haben.

Wenn wir barmherzig denken und handeln, dann können wir Lösungen für Probleme finden, die schwierig und verwickelt er­scheinen. Barm­herzigkeit kommt von Herzen und erreicht damit Herzen, sie kann Umdenken und Umlen­ken schaffen in fest­gefahrenen Situatio­nen. Barmherzigkeit ist das Gegen­programm zu der Angst, man könnte zu kurz kommen, wenn man nicht zuerst an sich selbst denkt, man könnte sich selbst verlieren, wenn man auf andere zugeht. Man könne doch diese riesigen Probleme und Systeme sowieso nicht ändern. Doch kann man, man kann es zumindest versuchen und nicht einfach vorbeigehen. Man kann Barmherzigkeit üben.

Und glücklicherweise hat unsere Barmherzigkeit eine Quelle, die unerschöpflich ist: Gottes Barmherzigkeit. Sie kann unser Herz und Hirn dafür öffnen, barmherzigere Wege in der Pflege zu finden: für die Pflegebedürftigen, die Pflegenden und uns als Gesellschaft. Amen.

Liebe Gemeinde,

der leere Sonntag. Wir sind zwischen den Zeiten: das Himmelfahrtsfest ist der symbolische Ausdruck für die leibliche Abwesenheit Jesu Christi und die Ausgießung des Hl. Geistes geschieht für uns zu Pfingsten. Der heutige Sonntag, Exaudi, liegt dazwischen. Es geht also um eine Lücke; um eine Lücke zwischen Gott und uns. Der heutige Sonntag steht noch in der Abschiednahme Jesu und schon in der Erwartung der Ankunft des Hl. Geistes. Und jetzt lese ich den Predigttext aus dem 8. Kapitel des Römerbriefes:

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich`s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will, Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen: Die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Die Lücke, die Paulus hier anspricht, ist das Gebet. Also unser Antwortenkönnen auf Gottes Wort, unser Antwortenkönnen in Lobpreis, in Dank , aber auch in Klage oder Anklage. Mit anderen Worten es geht um unsere Lücke im Gottesdienst. Denn Gottesdienst ist ja nichts anderes, als dass Gott in seinem Wort zu uns spricht und wir ihm antworten in der Musik, im Lobpreis, im Dank, und natürlich auch Klage und Anklage. Wir wissen nicht, was wir beten sollen, schreibt Paulus. Erst einmal ist das überraschend. In jedem Gottesdienst wird natürlich gebetet. In vielen Familien wird zum Essen, zum Schlafengehen gebetet; aber in der Regel wird es dort schon zu einer Sache der Kinder. Wenn wir wie Paulus,ehrlich sind, sind wir fast immer zu schwach zum Beten. Da hilft weder positives Denken, noch mönchische Gebetspraxis. Und doch haben wir ein Bedürfnis, vor Gott zur Sprache zu bringen, was uns im letzten bewegt. Zugleich merken wir, dass der Schmerz, die Trauer, die Angst unsere Sprache blockiert. Die glatten, routinierten Gebete sind unecht und unangenehm. Paulus verweist auf einen Ausweg in dieser Lücke. Wenn uns die Worte schwerfallen, wenn sie uns fehlen angesichts der Schmerzen unseres Lebens und dieser Erde, dann sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, dass es einen Stellvertreter gibt, der wahrhaftig ist und der dennoch oft auch nur seufzen kann: der Heilige Geist. Dieser Römerbrieftext beleuchtet die dunkelsten Seiten unseres Innern, – wenn wir eine Metapher gebrauchen wollen-, die dunkelsten Seiten unseres Herzens oder unserer Seele: Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Das spiegelt nicht nur ein sprachliches Unvermögen, sondern auch ein Unvermögen unserer Innenschau. Die geheimsten Wünsche, Sehnsüchte, Träume unseres Innern sind uns meistens nicht zugänglich. Unsere Fähigkeit, in uns selbst hineinzuschauen, hineinzuhorchen, ist beschränkt. Wir brauchen einen Versprachlicher. Unser Text sagt: Gott selbst erforscht unsere Herzen, und der Hleilige Geist bringt unser Geheimstes vor Gott zur Sprache, oft nur als Seufzer. Ich merke, dass Paulus uns an eine Grenze bringt, die zu überschreiten mir sehr schwerfällt, eine Grenze des Vertrauens. Er schreibt: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Ist dieses die Wahrheit, in der wir leben? Ist dieses die Realität, die uns umgibt, die uns trägt? Wenn es mir gut geht, wenn die Dinge so laufen, wie ich es mir vorstelle, dann ist das ja kein Problem. Aber wenn es mir schlecht geht, wenn meine Nachbarn umgebracht werden oder auf der Flucht sind vor dem Tod, wie es in der Ukraine geschieht, dann ist es doch Zynismus zu sagen, alle Dinge dienen denen zum Besten, die Gott lieben. Dann gilt doch etwas Anderes; dann gilt es doch, dem Verbrechen mit allen erlaubten Mitteln ein Ende zu bereiten. Oder gelten vielleicht zwei Dinge zugleich? Natürlich gilt es, dem Verbrechen ein Ende zu setzen. Aber daneben gilt noch ein Zweites. Es gilt, die Umgebrachten, die Verzweifelten, die Trauernden nicht aufzugeben. Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Oftmals wissen wir noch nicht einmal, was wir glauben sollen. Aber entspricht es nicht unserer tiefsten Sehnsucht, dass die Umgekommenen, die Ermordeten von Gott nicht aufgegeben sind, dass auch für sie der Heilige Geist eintritt mit unaussprechlichem Seufzen und Gott zur Vollendung führen wird, was vor unseren Augen zerbrach. Wir kommen an eine Grenze unserer Sprache. Aber genau dahin führt uns Paulus. Der Heilige Geist ist nicht der Zeitgeist. Der Zeitgeist ist positiv, beredt, er glaubt an den Fortschritt, an das Machbare aller Dinge. Er ist nicht falsch, aber bestenfalls ist er nur die halbe Seite der Wirklichkeit, die halbe Wahrheit. Der Heilige Geist ist so etwas wie die dunkle Seite des Zeitgeistes. Er gibt dem Zwiespalt Raum. Er akzeptiert die Gegensätze. Er bringt vor Gott zur Sprache, wo wir sprachlos werden. Er verheißt Leben, wo vor unseren Augen das Leben zerbricht. Er kehrt unseren Blick um. Wir sind es gewohnt, vom Leben zum Tod zu denken. Der Heilige Geist denkt vom Tod zum Leben. Das ist keine Erklärung, es ist auch kein Zynismus, es ist eine neue Dimension, die Paulus eröffnet. Der Glaube an Gott, das Gespräch mit Gott bringt uns nicht in eine andere Wirklichkeit, die geborgener, behüteter, geschützter wäre. Wie sollte das auch möglich sein, wenn Gott am Kreuz das tiefste Dunkel unserer Wirklichkeit geteilt hat? Der Glaube an Gott, das Gespräch mit ihm verändert unseren Blick auf diese Wirklichkeit und auf uns selbst. Er wird tiefgründiger, komplexer, zwiespältiger als es dem Zeitgeist recht ist. Und das finde ich einen Zugewinn, den ich unter keinen Umständen missen möchte. Es macht mir Mühe, aber im letzten glaube ich, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Spätestens hier stellt sich natürlich die Frage: Wird unser Gebet erhört? Wir sind es ja gewohnt, für Wohlergehen, Gesundheit, materielles Auskommen, Schutz, gute Noten bei Prüfungen usw. zu beten und merken in der Regel: Gott schweigt. Diese Gebet finden in der Regel keine Erfüllung. Eines aber geschieht auf jeden Fall, wenn wir beten: Wir verändern uns selbst. Wie gesagt, unser Blick auf uns, auf unseren Mitmenschen, auf unsere Welt, auf Gott verändert sich. Wenn wir unsere Brüchigkeit und Unzulänglichkeit vor Gott zur Sprache bringen, dann entdecken wir das Leiden unsere Mitmenschen, dann entdecken wir das Leiden Gottes an dieser Welt. Das Leiden gehört zu uns, weil es auch zu Gott gehört. Damit wird das Gebet nicht überflüssig, denn ohne das Gebet hätten wir diese Entdeckung, diese Erfahrung der Nähe Gottes nicht gemacht.

Der leere Sonntag. Sicherlich macht er uns auf eine Lücke bei uns aufmerksam. Aber nicht nur bei uns, sondern auch bei Gott. Denn untrennbar gehört es zu unserem Glauben hinzu, dass Gott Mensch wurde. Und deswegen können wir nicht mehr von Gott sprechen, ohne immer zugleich auch vom Menschen zu sprechen und nicht mehr vom Menschen reden, ohne immer auch zugleich von Gott zu reden, Die thematisch bestimmten Sonntage des Jahres bringen ja nicht nur ein zentrales Thema für diesen Sonntag zur Sprache, sondern exemplarisch für jeden Tag des Jahres.

Die schmerzhafte Leere dieses Sonntags trennt uns nicht von Gott, sondern verbindet uns mit ihm. Und deswegen gilt trotz allem Furchtbaren unserer Wirklichkeit der großartige hymnische Abschluss des 8. Kapitel des Römerbriefes:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann, von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Lied: Du meine Seele singe

1. Du meine Seele singe Du meine Seele, singe, /wohlauf und singe schön
Dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
Ich will ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

2. Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil,
Das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt;
Sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig unbetrübt.

3. Hier sind die starken Kräfte, / die unerschöpfte Macht;
Das weisen die Geschäfte, / die seine Hand gemacht:
Der Himmel und die Erde / mit ihrem ganzen Heer,
Der Fisch unzähl’ge Herde / im großen wilden Meer.

8. Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen seinen Ruhm;
Der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in sein Zelt,
Ist’s billig, dass ich mehre, / sein Lob vor aller Welt.
Text: Paul Gerhardt 1653

Predigt:

Heute nehme ich Sie mit auf eine Reise ins Jahr 1676. Ziel unserer Reise ist Lübben. Das ist ein kleines Städtchen im Spree­wald ca. 80 km südlich von Berlin. Bekannt ist es vor allem durch einen berühmten Mann, der dort seine letzten Lebens­jahre verbracht hat und begraben liegt – und den auch wir heute besuchen wollen, nämlich den Liederdichter Paul Gerhard.

Im Jahr 1676 ist er fast 70 Jahre alt und ahnt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Ich stelle mir vor, er sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem sich Notizen und Noten stapeln. Im selben Zimmer: Sessel, Schrank und Bett – er lebt bescheiden. Die Frühjahrs­sonne scheint durch das Fenster, während er ein Blatt Papier zurechtlegt. Es wird eine Art „Testament“ werden, was er an diesem Tag verfasst. Gerichtet an seinen Sohn, seinen einzigen. Alle anderen vier Kinder, die ihm und seiner Frau geboren wurden, sind gestorben – z.T. noch ganz jung, die Kindersterblichkeit ist groß in diesen Zeiten; der damit ver­bundene Schmerz auch. Paul Friedrich, sein einziger über­lebender Sohn, ist jetzt gerade mal 13 Jahre alt, Paul Gerhard mit seinen 70 Jahren ein alter Vater; er hat ja auch erst mit 48 geheiratet. Erst als er in Mittenwalde als Pfarrer ein festes Amt innehatte, konnte er es sich leisten eine Familie zu gründen.

Nur er und sein Sohn sind noch am Leben, und er wird ihn bald nicht mehr selbst erziehen können, deswegen ist es ihm so wichtig, ihm zu schreiben, ihm etwas zu hinterlassen, wonach er sich richten kann und soll. Er taucht die Feder ein und schreibt als ersten Satz: „So danke ich Gott zuvörderst für alle seine Güte und Treue“. Diese Überschrift gibt er allem, was nun folgt. Zunächst ein Rückblick auf sein Leben, das vor allem von Krieg und Hunger, von Pest und Tod geprägt war. Den gesamten 30-jährigen Krieg hat er miterleben müssen, gerade mal 11 Jahre war er alt, als das grausame Morden begann. Mit 12 Jahren hat er seinen Vater verloren, 2 Jahre später seine Mutter. 1637 wird sein Eltern­haus von Soldaten zerstört, sein älterer Bruder stirbt im gleichen Jahr an der Pest. Auch später – als er dann endlich eine feste Stellung hat – bleibt er von Leid nicht verschont. Nicht nur vier seiner fünf Kinder muss er betrauern, auch seine Frau Anna Maria stirbt nur 13 Jahre nach der Hoch­zeit. Und als er sich aus Glaubens­gründen bei theologischen Streitigkeiten seinem Landesvater, dem Kurfürst, widersetzt, wird er kurzer­hand seiner Stelle enthoben und steht mit 59 Jahre arbeitslos und ohne Verdienst da.

Doch was er da an seinen Sohn schreibt, ist kein Klagelied, sondern er weiß sich selbst in allen Brüchen seines Lebens von Gott begleitet und getragen. Letztlich ist für ihn nichts selbst­verständlich und alles ein Geschenk, ein großes Wunder. Diese Haltung möchte er seinem Sohn weitergeben. Glaube und Arbeit, Hoffnung und Liebe, Leben und Beten gehören für ihn zusammen, so hält es sein Schreiben fest.

Vielleicht greift Paul Gerhard, während er über sein Leben nach­­denkt, zu den Gesang­büchern, die dort auf seinem Schreib­­­tisch liegen. Das erste Büchlein ist 1647 in Berlin erschie­nen. Er blättert durch die Seiten:
Auf, auf mein Herz mit Freuden,
Wach auf mein Herz und singe
Nun ruhen alle Wälder
18 seiner Lieder sind darin abgedruckt. Als das Gesangbuch sechs Jahre später neu aufgelegt wird, sind schon 64 Lieder aus seiner Feder, mit dabei:
Geh aus, mein Herz, uns suche Freud
Befiehl du deine Wege
Lobet den Herren, alle, die ihn ehren
Könnte Paul Gerhard durch unser Gesangbuch blättern, das Sie gerade in der Hand halten, er würde 27 seiner Lieder finden, die wir noch heute singen und in denen sich seine ver­trauensvolle Grundhaltung zum Leben in vielen, vielen Strophen – unter 10 Strophen macht er es selten – in denen sich dieses Urvertrauen zu Gott sprachge­waltig zu Wort meldet.

Wenn er darin die Fröhlichkeit besingt, dann nicht, weil irgend­eine Trübsal erfolgreich überwunden ist, sondern weil seine Freude sozusagen zwischen den Steinen des Leides hervor­sprießt. Sie wächst und gedeiht immer wieder, holt sich Ge­lände zurück, weil die Wurzeln tief hinabreichen zur Quelle seines Trostes, zu Gott selbst.

Und was hilft am besten, Zuversicht und Freude zurückzu­gewinnen, gerade in schweren Zeiten? Das Singen!
Kein Wunder, dass so viele seiner Lieder genau davon handeln:
Wach auf mein Herz und singe
Ich singe dir mit Herz und Mund
Sollt ich meinem Gott nicht singen
Wir singen dir, Immanuel
Und natürlich: Du meine Seele singe!

Paul Gerhard ist nicht als Theologe oder Pastor berühmt ge­worden. Ich kenne ehrlich gesagt keine einzige Predigt von ihm, aber er hat sich über Jahrhunderte in unsere Herzen gesungen. In einer Zeit, in der viele Menschen nicht lesen konnte, war das die effektivste Art, Texte zu lernen, zu verinnerlichen, im Herzen zu bewegen. Seine Lieder und diese überschwängliche Auf­forder­ung zu singen, das ist das Testament, das er an uns Nachgeborene richtet und das wir uns heute am Sonntag „Kantate“ zu Herzen nehmen.

Eines meiner liebsten Lieder von ihm ist: Du meine Seele singe! Er hat darin ein uraltes Lied – heute würde man sagen – „gecovert“. Nämlich Psalm 146, den wir vorhin gemeinsam gelesen haben. Die Psalmen, die ja häufig auch als das Gesangbuch des alten Israels bezeichnet werden, waren ursprünglich Lieder. Ihre Melodien sind nicht erhalten, aber ihre tiefe Weisheit und ihr Gottvertrauen. Sie geben uralten allge­mein-menschlichen Erfahrungen eine Stimme und Martin Luther oder eben auch Paul Gerhard haben ihnen auch wieder einen Klang gegeben.

Auffallend bei unserem Psalm und Lied: Da spricht jemand mit sich selbst, mit der eigenen Seele. Ich fordere mich selbst auf zu singen. Und zwar mit meiner Seele. Die Seele, was ist das eigentlich in mir? Ich würde sagen, die Seele ist der Ort, wo Gott in mir wohnt, sie ist der heile, der unzerstörbare Kern, mein Mensch-Sein, das ewig Lebendige. Es ist das, was sich bei Paul Gerhard, trotz allem Leid, das er erfahren musste, als unbeschädigt erwiesen hat und ihn immer wieder das Lob hat anstimmen lassen.

So richtig verstanden, was die singende Seele in diesem Lied bedeuten könnte, habe ich allerdings erst, als ich von einem Pastor gelesen habe, der in der Psychiatrie arbeitet. Er be­schrieb, wie er Menschen begegnet, die lebens-müde gewor­den sind, keine Lebenskraft mehr haben, keinen Lebensmut. Und wie er sie dazu führen möchte, den Ton wieder zu hören, der tief in ihnen klingt. Tief in uns ist etwas Heiles, Gutes, Lebendiges – die Seele. Und diese Seele klingt, sie hat einen Ton, einen ewigen Ton, der schon immer in ihr klang und noch heute klingt. Ich finde das ein schönes Bild, dass in unserer Seele ein Ton klingt, auf den wir hören und den wir singenderweise nach außen holen können. Klingen und singen, das ist sehr nahe beieinander, aber eben doch nicht dasselbe. So wie der Klang der Seele etwas anderes ist als der Klang der Stimme.

Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön – das heißt nicht, jemand muss eine schöne Stimme haben, den Ton treffen, die Melodie kennen. Sondern wir sollen uns selbst erinnern, dass jeder und jede diesen Klang in sich hat. Dass Gott ihn angestimmt hat, uns eingehaucht hat und dass wir mit diesem Hauch, mit diesem Klang wiederum Gott loben mögen.

Und das tut Paul Gerhard in diesem Lied – ausnahmsweise „nur“ 8 Strophen lang. Er besingt Gott, dem wir uns anvertrauen können, wie sich andere vor uns ihm anvertraut haben – Jakob z.B. Er besingt Gott, der starke Kräfte hat, Schöpferkräfte, die sich in Himmel und Erde, Meer und Getier zeigen. Er besingt Gott, der gerecht und zuverlässig ist und uns schützt, der sich auf die Seite der Schwachen stellt, der Hungernde und Fremden, Kranken und Blinden, Witwen und Waisen.

Paul Gerhard wird für mich in seinem Lied das, was er seinem Sohn in seinem Testament sein wollte: Vorbild eines gläubigen Menschen. Staunend stehe ich davor und bewundere, dass ein Mensch, der so viel Leid und Grausamkeit, Mittellosigkeit und Hunger, Krankheit und Tod erlitten hat, dass der sich trotz allem oder vielleicht gerade deswegen so in Gott geborgen wusste. Ich bin froh, dass Paul Gerhard uns sein Testament als klingen­des hinterlassen hat. Wenn ich die Zeilen an seinen Sohn lese, dann lese ich Verhaltensregeln für ein gottgefälliges Leben und kann den Zeigefinger nicht ganz ausblenden. Wenn ich aber dieses Lied höre, dann weckt das in mir die Sehnsucht nach dieser Geborgenheit in Gott, dann steckt es mich an, mitzu­jubeln und mitzuloben:

„Ach, ich bin viel zu wenig zu rühmen seinen Ruhm“.

Das bringt meine Seele zum Klingen und ändert meine Haltung. Wo ich vorher vielleicht eher kritisch gefragt hätte, warum Gott uns diese Pandemie zumutet oder warum er diesen Krieg nicht verhindert, danke ich ihm für Bewahrung in der Pandemie und für den jahrzehntelangen Frieden, den wir hatten und hier haben. Wenn ich das so sage, kann man mir vielleicht Schön­reden vorwerfen. Wenn Paul Gerhard das dichtet, dann ist das so authentisch und wegen seines Lebensweges so glaub­würdig, dass sich mir manche kritische Frage gar nicht mehr stellt und ich einfach mitsinge und mitklinge in seinem Gottes­lob. Seine Lieder machen uns, wenn wir einstimmen in den Gesang, zumindest für den Moment zu Menschen, die ver­trauen, die dankbar sind, gerecht und stark sein können, loben und lieben wollen – sich selbst und die Nächsten. Wenn wir den Klang, der in unserer Seele wohnt, ab und zu singenderweise nach außen holen, ihm selbst lauschen, dann gibt uns das Mut und Kraft. Es erinnert uns, dass der Ton nicht verklingt, wenn das Lied verstummt – auch nicht in Corona­zeiten. Die Stimmen mögen eingerostet sein, der Klang nicht, den können wir immer wieder hervor­kitzeln. Und Paul Gerhard will uns in diesem Sinne kitzeln.

Wenn wir bei unserer Reise nach Lübben noch einen kleinen Abstecher in die Kirche dort machen, die inzwischen nach ihm benannt ist, finden wir dort ein Gemälde von ihm, das mit einem lateinischen Text versehen ist. Auf Deutsch lautet er:

Wie lebend siehst Du hier Paul Gerhardts teures Bild,
Der ganz vom Glaube, Lieb und Hoffnung war erfüllt.
In Tönen voller Kraft, gleich Asaphs Harfenklängen
Erhob er Christi Lob mit himmlischen Gesängen.
Sing seine Lieder oft, o Christ, in heil’ger Lust,
so dringet Gottes Geist durch sie in deine Brust.

In diesem Sinne – mögen uns seine Lieder be-geistern und unsere Seele zum Klingen bringen. Amen.

Predigt zur Konfirmation

Liebe Konfimand:innen,

fast zwei Jahre Konfirmandenzeit liegen hinter uns. Und nichts lief wirk­lich so wie geplant. Normalerweise steht im November, wenn man sich so ein bisschen kennen­gelernt hat, die Kirchenübernachtung auf dem Plan. Aber am 2. November 2020 kam ein sogenannter „Lockdown light“ und statt mit der ganzen Gruppe eine Nacht zu erleben, haben wir in Kleinstgruppen einen Gottesdienst vorbereitet. Ehrlich gesagt, da habt ihr mich zum ersten Mal überrascht. Ich lasse ja die Konfis gerne mitbe­stimmen, welche Themen sie interessieren und bei meiner Umfrage hat haushoch das Thema „Tod & Sterben“ gewonnen – so dass wir im November dazu einen Gottesdienst gemacht haben. Wow, dachte ich: Da geht es gleich ans Eingemachte, da geht es um Leben und Tod. Um Trauer. Und das, was wirklich zählt und wesentlich ist im Leben. Eigentlich wart ihr damit von Anfang an den entscheidenden Fragen dran, und ich erinnere bewegende Texte, die ihr für diesen Gottes­dienst geschrieben habt.

Durch den ersten November und Dezember haben wir uns also so durchgerettet, ab Januar ging dann nur noch Konfi-Unterricht per ZOOM. Sehr mühsam – für euch und für uns, die wir versucht haben mit Kahoot-Quizz, mit Montagsmaler und mit einer App auf den Spuren Jesu das Ganze trotzdem einigermaßen lebendig zu halten. Ich gebe zu, angesichts schwarzer Kacheln war das oft ziemlich zäh. Und dass auch die Freizeit, die wir für das Frühjahr 2021 geplant hatten, coronabedingt abgesagt werden musste, war die nächste Enttäuschung für uns alle. Im letzten Herbst haben wir dann die Chance genutzt und nachgeholt, was ging: die Freizeit und die Kirchen­übernachtung. Das war für viele ein Highlight. Für mich auch. Aber es blieb ein Auf und Ab: Die hohen Inziden­zien im Winter haben eine weitere geplante Freizeit Anfang dieses Jahres wieder unmöglich gemacht. Insofern haben wir viel Schönes miteinander erlebt, aber auch manche Enttäuschung.

Wenn ich mir das Gruppenbild anschaue, das wir damals im September 2020 hier draußen im Kirchgarten gemacht haben, und euch heute angucke, habt ihr euch ganz schön verändert. Nicht nur äußerlich. Manche, die zu Beginn in der Gruppe ruhig waren, sind nach und nach aufgetaut. Anderen habe ich die Belastungen der Coronazeit sehr angespürt. Manchmal hat sich die Kon­firmandenzeit in die Länge gezogen und jetzt habe ich das Gefühl, sie ist viel zu schnell rumgegangen. Keine Dienstag- und Mittwochnachmittage mehr mit euch – mit dem lachenden oder traurigen Smiley in unserer Anfangs­runde, mit euren Fragen, euren Ideen oder auch kritischen Stimmen.

Was bleibt nun? Was nehmt ihr mit, wenn ihr einge­segnet seid?
Ein paar Dinge nehmt ihr ganz wörtlich mit:
Ihr bekommt nachher eure Urkunde in die Hand gedrückt, in der euer Konfirmandenspruch steht. Ihr habt ihn euch alle selbst ausgesucht: Manche haben einen Vers gegen die Angst gewählt, manche das Ver­spre­chen, dass Gott zu finden ist und nahe bleibt. Manche Verse sollen euch Mut machen, sich nicht unter­kriegen zu lassen, auf sich selbst und auf Gott zu vertrauen. Manche geben eine Richtschnur für das Verhalten im Leben. Ich wünsche euch, dass ihr diesen Vers nicht vergesst, dass er euch begleitet und im entscheidenden Moment eine Hilfe ist.

Neben der Urkunde bekommt ihr auch eine Kreuzkette. Schon bei der Taufe habt ihr alle das Kreuzzeichen mit Salböl auf der Stirn empfangen, nun bekommt ihr es versilbert. Das Zeichen, dass ihr zu der Gemein­schaft derer gehört, die an Jesus, den Gekreuzigten glauben. Und auch wenn ihr in Zukunft vielleicht nicht mehr ganz so oft hierherkommt, wisst ihr doch: Ihr seid Teil dieser Gemeinde, die für euch mitbetet und euch begleitet.

Und dann nehmt ihr gleich noch etwas mit: Eure Kerze, die ihr gemein­sam bei unserem letzten Treffen gebastelt habt. Ein Licht nehmt ihr also mit. Licht ist ja etwas, wo­nach man sich ausrichtet, und so hoffe ich, dass euch in der Konfi-Zeit immer wieder ein Licht aufge­gangen ist, was ihr mit eurem Leben machen wollt, was wichtig für euch ist, was trägt, was euch Orientierung sein soll. Natürlich gibt es im Leben dunklere und heller Phasen – Corona war und ist sicher eher eine trübere. Eure Kerze, die nachher an der Osterkerze angezündet wird, soll ein Symbol dafür sein, dass dieses Licht stärker ist als alle Dunkelheit, sowie Ostern bezeugt, dass das Leben stärker ist als der Tod.

Aber diese Kerze steht nicht nur als Symbol dafür, dass der Glaube euch hoffentlich ein Lichtblick in eurem Leben ist. Sondern das Licht steht auch für euch und das, was in euch steckt. „Ihr seid das Licht der Welt!“ haben wir vorhin im Bibeltext gehört. Und dass ihr diese Überzeugung mit­nehmt, das ist mir wirklich wichtig. Eben nicht: Ihr könnt ein Licht sein, wenn ihr dies und jenes macht. Auch nicht, ihr könnt ein Licht sein, wenn ihr besonders über­zeugt glaubt und weiter zur Kirche kommt. Nein, ganz ohne Bedingung: Ihr seid ein Licht – so wie ihr seid! Da geht es nicht um Wissen und Können, sondern um Vertrauen.

Traut euch selbst etwas zu, weil Gott euch etwas zu­traut. Er traut euch zu, dass ihr die Welt erleuchtet. Und ich traue euch das auch zu, denn ich habe es selbst erlebt: Auch mir ist in der Zeit mit euch immer wieder ein Licht aufgegangen. Weil ihr Dinge in Frage gestellt habt, die mir so selbstverständlich schienen, weil ihr eine ganz andere Perspektive auf manches habt, weil ihr offen diskutiert und gezweifelt und eure eigenen Vorstellungen von Gott oder vom Glauben eingebracht habt.

Ich erinnere z.B., dass wir uns auf der Freizeit mit unterschiedlichen Gottesbildern auseinandergesetzt haben. Und ihr habt diese auf einer kleinen Holzplatte künstlerisch dargestellt: Da habe ich ganz neue Aspekte von Gott zu sehen bekommen. Gott ganz groß und weit als offener Himmel oder Regenbogen, Gott aber auch ganz nah. Eine von euch hatte die Holz­platte durchbohrt und einen Henkel daran gemacht mit der Begründung: Gott ist wie eine Handtasche, die ich überall mit hin­nehmen kann: Gott ist immer bei mir und versorgt mich mit dem, was ich brauche. Ja, da gab es viele Geistes­blitze in dieser Konfizeit, für mich und hoffentlich auch für euch.

Ihr habt was zu sagen – macht den Mund auf. Ihr glaubt an etwas, auch wenn ihr das sicher anders formuliert, als wir es vielleicht aus der Kirche kennen. Ihr leuchtet mit dem, was ihr mitbringt. Also lasst euer Licht leuchten, damit die Leute es sehen. Gott traut euch das zu. Und ihr könnt umgekehrt auch Gott zutrauen, dass er euch genau richtig so gemacht hat, wie ihr seid, so wie wir es vorhin im Psalm gehört haben:

Ich danke Gott, dass er euch wunderbar geschaffen hat.

Vertraut auf das, was Gott in euch gelegt hat, vertraut darauf, dass er an eurer Seite ist.
Dann werdet nie ganz im Dunkeln stehen und ihr werdet anderen ein Licht sein. Amen.

 

Kiki+ – das heißt Kinderkirche mit anschließendem Frühstück im Kirchgarten für Große und Kleine. Einmal im Monat wollen wir das künftig anbieten und hoffen, dass ihr dabei seid.

Jugendliche, die Lust haben, sich im Kindergottesdienst zu engagieren, den Kleinen biblische Geschichte zu vermitteln, mit ihnen zu basteln, zu singen und zu beten – natürlich zunächst mit Begleitung und/oder Tipps von den Erfahrenen aus dem Team, sind herzlich willkommen.

Predigttext:

Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

„Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab, denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich sehr.“ – So endet das Evangelium heute für den Ostermorgen. So endet das Markus-Evangelium. Das kann ja wohl nicht sein! Was für ein überraschendes Finale. Evangelium das heißt ja übersetzt „Frohe Botschaft!“, aber diese Geschichte kennt keinen Oster­jubel und kein Happy-End. Die Angst hat das letzte Wort. Sie lässt die Frauen verstummen.

Darauf also läuft alles hinaus? Alles, was Jesus gesagt und getan hat, alles, was er versprochen, verheißen und an Hoffnung verkörpert hat, endet in einem leeren Grab? Selbst sein Leich­nam ist nicht mehr da, um ihn zu salben und zu betrauern. Die Frauen sind geschockt, sprachlos. Das, was sie geplant hatten, um ihre Trauer irgendwie zu bewältigen, diesen letzten Liebens­dienst an Jesus, ihn zu salben, selbst das ist unmöglich.

Da sitzt einer und sagt: „Er ist auferstanden!“ Aber die Frauen hören nur, dass er sagt: „Er ist nicht hier!“ Zweimal sagt der Jüngling, der netterweise auch noch schön weiß glänzt, das­selbe, und doch kann man es völlig unterschiedlich hören: „Er ist weg“ oder „er lebt“. Ich kann den Frauen nicht verdenken, dass sie reagieren, wie sie reagieren: Wer soll das schon verstehen: „Er ist aufer­standen.“? Das passt überhaupt nicht in ihren Erfahrungs­horizont. Das einzige, was sie verstehen und sehen, ist das leere Grab. Jesus ist verschwunden, sie sind allein. „Er ist auferstanden!“ – Was soll das heißen? Das verstehen ja selbst wir oft nicht, obwohl wir 2000 Jahre bzw. unser ganzes Leben lang Zeit hatten, uns an die Osterbotschaft von der Auf­er­stehung zu gewöhnen. Ich denke, auch wir stehen manchmal ratlos vor diesem Osterruf „Er ist auferstanden“ und die Freude will sich nicht so recht einstellen.

Trotzdem ist das Finale unbefriedigend. Es kann doch nicht sein, dass das so aufhört! Und wir wissen ja, dass es nicht so aufhört, denn wenn die Frauen geschwiegen hätten, säßen wir nicht hier. Ich habe eben gesagt: So endet das Markus-Evan­gelium. Das stimmt nicht ganz. So endete es einmal, es ist der ursprüngliche Schluss des Berichts. Aber schon früh haben Menschen das als unpassend empfunden und hatten das Gefühl, das kann man so nicht stehen lassen. Und so wurde das Happy End ergänzt. Man hat später Verse hinzugefügt, die davon erzählen, wie seine Anhänger sich zunächst zwar mit dem Glauben schwertun. Dann aber erscheint ihnen Jesus als Auferstan­dener und sie gehen schließlich hin, verkünden das Evangelium und sorgen damit dafür, dass die Botschaft auch bei uns ankommt.

Und doch glaube ich, dass Markus sich etwas dabei gedacht hat, dass er seinen Bericht mit Schock und Schweigen enden lässt. Sein überraschendes Finale ist ein offenes Ende. Und das beschäftigt uns ja oft mehr, als wenn sich schließlich alles in Wohlgefallen auflöst. Ein Buch mit offenem Ende, das kann man nicht einfach abschließen, zuklappen, zur Seite legen und dann ist gut. Man muss für sich selbst nach einer Auflösung suchen.

Ostern heißt Suchen!
Die Kinder kennen das. Es ist kein Zufall, dass es an Ostern den Brauch des Ostereiersuchens gibt. Auch während wir hier drinnen sitzen, versteckt draußen ein Osterhase Schokoeier, die nach diesem Gottesdienst die Kleinen und sicher auch die schon etwas Größeren im Kirchgarten suchen dürfen. Und wenn man die Kinder dabei beobachtet, kann man das ganze Gefühlsspektrum erleben: diese wohlige Spannung und Aufregung: Da wartet etwas Leckeres auf mich. Manchmal die Verzweiflung, zunächst gar nichts zu entdecken, selbst oder gerade dann, wenn man hektisch hin- und herläuft. Und dann die Freude, doch etwas aufzuspüren. Diese Such­bewegung gehört zu Ostern. Es hilft ja nichts, wenn andere ihr Ei schon gefunden haben. Manchmal macht das die Verzweif­lung sogar noch größer: Warum kann ich nichts sehen und finden, warum kann ich mich nicht freuen, wenn andere das doch auch können. Es hilft auch nichts, wenn die anderen für mich das Osternest suchen. Natürlich tut es gut, einen Hinweis zu be­kommen, aber finden muss ich es selber, sonst ist die Freude schal. Ich denke, nicht anders ist es mit der Oster­botschaft. Sie ist ein Geschenk für uns; geschenkt wir einem aber nichts, man muss sie immer wieder neu für sich suchen…

Dieses offene Finale entlässt uns mit offenen Fragen und wir müssen auf die Suche gehen: Mit der Ahnung, dass das, was wir finden könnten, es absolut wert ist. Ungeduldig vielleicht, manchmal verzweifelt, neidisch, wenn andere schon etwas gefunden haben, wonach wir noch suchen, freudig, wenn wir etwas entdecken. Es wird Hinder­nisse geben. Das wussten schon die Frauen. Wer wälzt uns den Stein von der Tür des Grabes? fragen sie.
Wer wälzt uns den Stein vom Grab? Wer macht uns Ostern zugänglich. Für manche ist der Stein vorm Grab die Vernunft. Auferstehung, so ein Wundergedöns, kann doch nicht sein. In der Aufklärung z.B. hat der Hamburger Gelehrte Hermann Samuel Reimarus die Auferstehungsberichte der Bibel nur so mit seinem Verstand in Einklang bringen können, dass er an­nahm, die Jünger hätten die Leiche geklaut, um ihre Krise mittels Täuschung zu überwinden. Damit stand er dann im leeren Grab, Osterfreude hat sich vermutlich nicht eingestellt.

Für andere mag der Stein die Erfahrung sein: Die Erfahrung an vielen Gräbern zu stehen, deren Steine nicht weggewälzt sind und wo kein Jüngling sitzt. Oder ein Jüngling, den wir nur „Er ist weg“ sagen hören, und für das andere sind unsere Ohren taub. Wer hilft mir zu verstehen, was unverständlich ist, den tiefer­liegenden Sinn meiner Krise, meiner Angst, meiner Trauer. Wer erklärt mir, was im Endeffekt standhält, was dem Leben Sinn gibt – selbst ange­sichts von Leid und Tod. Ich brauche den Engel. Brauche jemanden, der etwas ins Rollen bringt, der mir Türen zeigt, sie sich öffnen.

Im Moment habe ich das Gefühl, dass die Steine, die da ins Rollen gebracht werden müssten, damit der Osterjubel laut werden kann, dass die sehr groß und schwer sind. Wie soll man sich freuen, angesichts der Bilder und Nachrichten aus der Ukraine? Wie soll man noch an das Licht am Ende des Tunnels glauben, das uns seit zwei Jahren Pandemie immer mal wieder versprochen wird? Im Moment geht es uns wohl allen mehr wie den Frauen: Wir hören heute das: „Er-ist-Auferstanden“, aber wir sind erschöpft, traurig, ratlos. Und um so mehr sehnen wir uns natürlich nach dem, was da sein könnte – nach froher Botschaft, nach happy End, nach Hoffnung und Zuversicht.

Und wir wissen ja immerhin, dass die Frauen irgendwann den Mund aufgekriegt haben, ihre Angst und Lähmung überwunden haben, irgendwann die Freude gespürt und die Begeisterung geteilt haben. Das, was offenbleibt, am Ende, der Weg, den die Frauen gehen, den müssen wir jetzt gehen, den müssen wir erstmal suchen. Und die Erzählung gibt uns Hinweise, wie das zu tun ist. Sie ist ja durchaus voller Hoffnungszeichen:
Die aufgehende Sonne, der weggewälzte Stein, das leere Grab.
Da ist der Engel und sein „Fürchtet euch nicht!“ Und seine klare Handlungsanweisung: Geht nach Galiläa und dort werdet ihr Jesus sehen.

Galiläa, das ist die Heimat der Jünger:innen, das ist ihr altes Leben, ihr Alltag. Also losgehen und im Alltag die Augen offenhalten, wo uns Jesus begegnen könnte, wo es Zeichen der Liebe und Zuwendung gibt, Überraschendes, das uns vom geplanten Weg in eine andere Richtung lenkt.
Galiläa, das ist auch der erste Wirkungsort Jesu. Wir könnten also aucxh das Markus-Buch noch mal von vorne lesen, wieder bei den Berichten aus Galiäa anfangen und Jesus dort neu für uns entdecken, mit dem, was er sagt und tut und von Gott zeigt.

Das offene Ende fordert uns auf zurückzublicken, auf den Lebensweg Jesu und auch auf den eigenen. Jemand hat einmal gesagt, das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden. Oft lassen sich im Rückblick erst Zeichen erahnen, die trotz allem von Gottes Macht des Lebens erzählen.

Ich empfinde dieses Ostern – wie auch schon im letzten Jahr – schwermütiger, gedämpfter. Manchmal denke ich, das müsste doch fröhlicher sein und unbeschwerter, leichter und gelöster. Und dann sehe ich die Frauen am Grab mit Zittern und Entsetzen und verstehe, dass die Osterfreude sicher nicht schlagartig kommt. Sie kommt im Alltag, beim Suchen, beim Gehen, beim sich innerlich Bewegen. Eines ist ja deutlich: In der Trauerstarre lässt sich Jesus nicht finden, nicht im Beklagen alter Zeiten, er hat sich nicht fest­nageln lassen, er ist kein geschlossenes Kapitel. Er hat sich in Bewegung gesetzt, als alle versteinert waren – er ist uns vorausgegangen. Gehen wir also los:

Luther hat einmal gesagt:
Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden,
nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden,
nicht ein Sein, sondern ein Werden,
nicht eine Ruhe, sondern eine Übung.
Wir sind’s noch nicht, wir werden‘s aber.
Es ist noch nicht getan oder geschehen,
es ist aber im Gang und im Schwang.
Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg“

Ostern ist nicht der Schlusspunkt einer Erzählung, es ist der Beginn unseres Weges. Machen wir uns also auf die Oster­suche. Keine Ahnung, wie schnell wir etwas finden, was uns schmeckt, stärkt und gut tut, keine Ahnung, was genau das sein wird – das Ende ist offen. Aber das Ende ist ein Neuanfang mit all den Verheißungen, die darin liegen. Amen.

Predigttext:

Und Petrus war unten im Hof. Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters; und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth. Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte.
Und die Magd sah ihn und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Dieser ist einer von denen. Und er leugnete abermals. Und nach einer kleinen Weile sprachen die, die dabeistanden,abermals zu Petrus. Wahrhaftig, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer. Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet. Und alsbald krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da gedachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er fing an zu weinen.

(Markus 14, 66-72)

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Simon Petrus, fraglos war er eine Leitungsfigur im engsten Jüngerkreis der Zwölf, in der Jerusalemer Gemeinde, die sich nach Ostern gebildet hatte, in der katholischen Kirche, wo sich die lange Reihe der Päpste auf ihn als dem ersten zurückführt. Historisch wird man das korrigieren müssen. Es ist nicht sicher, ob Petrus überhaupt in Rom war und wenn, dann war er einer von vielen; einen Bischof von Rom gab es erst im zweiten Jahrhundert; und einen Bischof von Rom, der den Vorrang vor den anderen Bischöfen des römischen Reiches beanspruchte, gab es erst zum Ende des dritten Jahrhunderts in der Gestalt des Bischofs Stephan. Genauso fraglos, wie Petrus Leitungsfigur war, war er unter den Zwölfen aber auch der große Versager.

Am stärksten sticht heraus seine Verleugnung im Hofe des Hohenpriesterlichen Palastes, wo ihn eine Magd erkannte und Petrus dreimal Jesus verleugnete, bevor der Hahn zwei Mal krähte. Aber auch als er auf dem See Genezareth Jesus entgegen eilen wollte und – wie der Text sagt – aus Unglauben in den Fluten versank , war er schwach (Matthäus 14,22-33). Auch als für Jesus im Garten Gethsemane die Hölle begann und Petrus mit den anderen Jüngern fest schlief, versagte er (Markus 14, 32-42).
In der Stadt Antiochia nach den Osterereignissen aß und trank er mit Heidenchristen zusammen. Dann aber, als eine Delegation aus Jerusalem kam, zog er sich schnellstens von den nicht-koscheren Heidenchristen zurück. Paulus hat zu Petrus immer ein gespanntes Verhältnis gehabt und er kritisierte ihn wegen seines Verhaltens in Antiochia scharf (Galater 2, 11ff)

Leitungsfigur und Versager, genau in dieser Mischung – kann ich mir vorstellen – kommt Petrus uns nahe. Glaube und Unglaube, ein Zwiespalt, der nicht aufgehoben werden darf und den wir wohl alle kennen.

Schimeon, Petros, Kepha, das sind die drei Namen, die er trägt. Und auch dieses stellt uns vor Rätsel. Schimeon, das kommt vom hebräischen Verb „hören“. Jeder in Israel wird die Liturgie des Gottesdienstes wieder erkennen, in der es heißt: Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig. Und daneben Petros und Kepha. Das eine ist griechisch, das andere aramäisch. Beide Wörter bedeuten „Fels“. Kepha hat auch noch die Nebenbedeutung „Edelstein“. Im Neuen Testament lesen wir, dass Jesus selbst Simon diesen Namen beilegte (Markus 3, 16). Simon, der hörende Jünger und zugleich der Fels, der Sicherheit gewährt, auf den die Kirche gebaut ist, wie es im Matthäus-Evangelium heißt. Aber das ist zweifellos eine spätere Gemeindebildung, die Jesus in den Mund gelegt worden war (Matthäus 16, 18). Jesus selbst hat nie an die Gründung einer Kirche gedacht.

War Petrus ein ängstlicher Mensch, ein enttäuschter Mensch? Ich glaube, man wird beides bejahen müssen. Bei der Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane berichtet das Johannes-Evangelium zwar, dass Petrus das Schwert zog und einem Soldaten ein Ohr abhieb. Die drei anderen Evangelien erzählen auch die Schwertepisode, aber sie nennen Petrus nicht mit Namen. Sicherlich war Petrus enttäuscht, als deutlich wurde, Jesus war nicht der verheißene Messias, der Nachfolger des großen Königs David, der das Land vom römischen Joch befreien würde; im Gegenteil, Jesus sagte seinen Jüngern, dass er viel leiden müsse und getötet würde. Zweifellos hatte Petrus andere Hoffnungen, vielleicht hatte er deswegen Familie und Beruf verlassen. Und als er Jesus Vorhaltungen machte, widersprach Jesus ihm extrem hart: Weiche von mir, Satan, denn du redest nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist (Markus 8, 32-33).

Enttäuscht und ängstlich war Simon, der Hörende, Petrus, der Fels, als er sich in den Hof des Hohenpriesterlichen Palastes schlich. Im Palast wurde Jesus der Prozess gemacht, der mit dem Todesurteil endete. Im Hof versucht der Verschüchterte sich am Feuer zu wärmen. Und eine Magd trat zu ihm und sagte: Auch du warst mit dem Jesus von Nazareth. Petrus leugnete: Ich weiß nicht, was du meinst. Und der Hahn krähte. Wiederum insistierte die Magd: Doch, dieser ist einer von ihnen. Und Petrus leugnete abermals. Ein drittes Mal setzten die Umstehenden an: Du bist einer von ihnen, du sprichst galiläischen Dialekt. Und Petrus verfluchte sich und schwor: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. Und der Hahn krähte zum zweiten Mal. Zutiefst aufgewühlt entdeckt Petrus, was er getan hatte. Er hatte ja nicht nur seine Haut zu retten versucht. Das könnte ja jeder verstehen. Aber dass er in drei Sätzen alles zerstört hatte, was für ihn zentral war, woran er geglaubt hatte, was er sich immer wieder neu erkämpfen musste, was aber dennoch Grundlage seines Lebens war, das erschütterte ihn zutiefst. Der Text sagt: Und er fing an zu weinen.

Fraglos ist die Szene im Hof des Hohenpriesterlichen Palastes der Tiefpunkt im Leben des Simon Petrus. An solch einem Tiefpunkt gibt es immer zwei Möglichkeiten: Entweder ich zerbreche, ich werde zum Zyniker, zum Menschenverächter, vielleicht zum Schwerverbrecher, oder die andere Möglichkeit ist: Ich erfahre einen Neubeginn, ich mache einen Prozess mit, ich ordne die Dinge neu, ich werde kein total anderer Mensch, aber ich entdecke eine neue Tiefendimension im Leben, ich entdecke den Fels Petros oder den Edelstein Kepha in meinem Leben. Ich entdecke Gott.

Ich denke, so ist es Simon Petrus ergangen. Nach Ostern zu Pfingsten hält er eine Rede vor dem versammelten Volk: So wisse nun das ganze Haus Israel, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat (Apostelgeschichte 2,36). Das war überwältigend. Da war eine neue Gewissheit. Ein neuer Mut. Nicht vorstellbar ohne die Tränen vorher.

Paulus starb mit großer Wahrscheinlichkeit als Märtyrer in Rom. War Simon Petrus das gleiche Schicksal beschieden? Auch dieses wissen wir nicht genau. Aber im Johannes-Evangelium gibt es einen Hinweis, dass er gewaltsam ums Leben kam. Da sagt der auferstandene Jesus zu Petrus (Johannes 21,18f): Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst. Das sagte er aber um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde.

Wieso konnte Simon Petrus trotz so großer Verkennungen, Verirrungen, Zielverfehlungen zu dem neben Paulus wichtigsten Apostel werden. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Petrus und manchem bis in diese Stunde, der die Situation verkennt, der sich verirrt, der sein Ziel verfehlt, der schwerster Verbrechen schuldig ist, der Unterschied zu Petrus besteht darin, dass Petrus seine Verfehlung entdeckt, mehr noch, dass er Tränen darüber vergießt und ein anderer Mensch wird. Er verändert seine Erwartungen und Hoffnungen. Ob er ein Heiliger geworden ist, weiß ich nicht. Das zu sein ist sicherlich auch nicht unser Leben. Aber er entdeckt Gott und damit hat er teil am Heiligen, ein Schutzschild für ihn selbst und für die anderen, die mit ihm zu tun haben.

Gott zu suchen und ein Leben lang auszuhalten, ihn nicht zu verstehen, immer Hörender zu sein und manchmal auch Fels, das ist in der Tat auch unsere Aufgabe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigttext:

Markus 14, 43-52

43 Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten. 44 Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab. 45 Und als er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach: Rabbi!, und küsste ihn. 46 Die aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn. 47 Einer aber von denen, die dabeistanden, zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab. 48 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich gefangen zu nehmen? 49 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden. 50 Da verließen ihn alle und flohen. 51 Und ein junger Mann folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. 52 Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt.

Predigt:

Immer wieder gibt es große Protest-Demonstrationen gegen den Krieg in der Ukraine. Hier in Hamburg, in Berlin, in anderen europäischen Städten kostet uns das nicht viel, dafür auf die Straße zu gehen. Höchstens vielleicht einen freien Nach­mittag am Wochen­ende. In Russland zahlen die Menschen einen hohen Preis, wenn sie öffentlich ihre Stimme erheben für ihren Wunsch nach Frieden. Dort kann es die Demonstrierenden ein Monats­einkommen Geldstrafe kosten oder sogar mehrere Jahre Freiheit. Immer wieder wird zu Recht darauf verwiesen, wie mutig die russischen Männer und Frauen sind, die es trotz­dem wagen, auf den Plätzen in Russland zu stehen und zu sagen, was Sache ist: nämlich Krieg. Und zu sagen, was sie wollen, nämlich, dass er aufhört. Sie stehen zu ihren Über­zeugungen unter Lebensgefahr.

Neulich las ich online einen Artikel über diese Demonstrationen in Russland auf einem Schweizer Newsportal und mitten in den Artikel war eine Umfrage geschaltet:
Würden Sie trotz drohender Gefängnisstrafe demonstrieren gehen?
Ja, ich hätte den Mut
Nein, ich würde es nicht riskieren.
Ein Ergebnis der Umfrage war leider nicht zu finden, aber ich weiß, was ich angeklickt hätte. Ich befürchte, gehöre nicht zu den Mutigen. Ich würde vermutlich denken, das kann ich meinen Kindern nicht zumuten, dass ihre Mutter hinter Gittern verschwindet. Das ist ja auch ein gutes Argument. Es gibt immer gute Argumente. Verständliche Argumente – selbst die schlichte Aussage „Ich hätte Angst!“ ist nur zu verständlich. Russische Gefängnisse sind sicher kein gemütlicher Ort. Aber diese Umfrage hat mich weiter verfolgt: Die Frage dahinter heißt ja: Können wir zu unseren Überzeugungen stehen, wenn es ungemütlich wird, gefährlich? Oder ergreifen wir dann die Flucht.

Von einem der flieht, handelt dieser Gottesdienst heute. Und dazu machen wir einen Ausflug in den Garten Gethsemane. Hier im Altarraum im Kirchenfenster ist der Garten zu sehen: Jesus betet, die Jünger schlafen – alles noch ganz friedlich. Aber nicht mehr lange. Mitten hinein ins Gebet und in den Schlaf platzen die Häscher. Die Jünger wussten, dass es gefährlich ist. Natürlich war klar, dass Jesus provoziert. Sicher wurden auch alle, die mit ihm unterwegs waren, immer wieder ange­feindet und beschimpft. Aber jetzt wird es ernst. Eine ganze Schar taucht aus der Dunkelheit auf, geht auf sie los, bis an die Zähne bewaffnet. Schwerter und Stangen. Die Hohe­priester sind dabei, die Schriftgelehrten, die Ältesten – alles mächtige Männer, von denen man sich erwischen lassen sollte. Und dann fließt auch schon Blut, einer hat den Knecht des Hohepriesters mit dem Schwert verletzt. Schreie, heilloses Chaos. Jesus haben sie sich schon geschnappt, und er macht auch keine Anstalten zu entkommen. Alle anderen fliehen. Da laufen sie also – all die guten Freunde und lassen ihn im Stich.

Ein junger Mann war damals dabei, bei dieser wilden Flucht. Einer, der Jesus nachgefolgt ist, wie lange schon, das wissen wir nicht. Nur zwei Verse gibt es über ihn in der Bibel. Und die erzählen, dass er sogar einer der Mutigeren war. Als die an­deren schon weg sind, bleibt er dabei, folgt Jesus weiter nach, geht hinter denen her, die ihn verhaftet haben und abführen. Aber dann, dann greifen die Soldaten nach ihm und dann ist es aus mit seinem Mut. Als es brenzlig wird in jener Nacht, da packt ihn doch die Angst und er rettet sein nacktes Leben. Nackt im wahrsten Sinn des Wortes. „Er ließ sein Gewand fahren und floh nackt davon“.
Wie peinlich!
Diese Flucht hat ihn völlig bloßgestellt. Alle Hüllen sind gefallen. Er hat sich für mutig gehalten und dann doch kläglich versagt. Er musste sich selbst ganz nackt sehen, der ungeschminkten Wahrheit ins Auge blicken: Er ist kein Held, kein Freund, auf den man sich 100%ig verlassen kann, kein Anhänger, der bereit ist für seine Überzeugungen bis zum Äußerten zu gehen, keiner, der sich von Autoritäten nicht einschüchtern lässt. Wenn es hart auf hart kommt, dann lässt er alle Masken fallen und zeigt sein wahres Gesicht.

Ich kann ihn gut verstehen diesen jungen Mann – ich wäre sicher auch um mein Leben gerannt. Was Jesus blüht, kann sich jeder ausrechen und Jesus selbst, hat es vorher klar benannt. Die Priester wollen ihn loswerden und die Römer fackeln nicht lange, wenn sie einen Unruhestifter in ihrem besetzten Gebiet vermuten. Jesu Anhänger wären sicher mit ihm verurteilt worden und genauso am Kreuz gelandet. Der junge Mann ist in Lebensgefahr, und er tut, was er tun muss, um seine Haut zu retten.

Ich habe mich immer gefragt, wie es für ihn weiterging. Ob diese Flucht zu seinem Fluch wurde. Hat er deswegen die Achtung vor sich verloren? Traut er sich selbst nicht mehr über den Weg. Ein Gescheiterter? Ich hoffe, er hat zurückgefunden zu den anderen Jüngern und Jüngerinnen. Sie sind ja alle geflohen. Eine Gemeinschaft der Angsthasen. Sie alle mussten ja – ob mit oder ohne Leinen­gewand – den nackten Tatsachen ins Auge sehen, dass ihre Angst größer war als ihr Vertrauen. Auch als ihr Selbstver­trauen: Sie glaubten sich ja gewarnt und gewappnet. Petrus hat noch wenige Stunden vorher groß den Mund aufgerissen. „Wenn ich auch mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen!“ so hat er es Jesus geschworen und dann doch im entscheidenden Moment versagt.

Und auf diese Versager baut Jesus später seine Kirche auf. Als Jesus sich – nach Tod und Auferstehung – seinen Jüngern wieder zeigt, da hat er sie nicht als Angsthasen beschimpft, er hat sie nicht auf ihr Scheitern festgenagelt. So wie er ihr Ver­halten vorhergesehen hat, so hat er es ihnen nachgesehen. Er hat ihnen trotzdem zugetraut, seine Botschaft in die Welt zu tragen, den Menschen von ihm zu erzählen, sie zu taufen, Gemeinden aufzubauen. Und sie haben es getan – sonst säßen wir nicht hier. Diese Truppe von davonlaufenden Angst­hasen ist in die Welt gegangen, sie sind verfolgt worden und verhaftet, manche gefoltert und getötet. Jesus hat ihnen das zugetraut, trotz dieser nächtlichen Szene in Gethsemane.

Denn wer hat denn diese Berichte weitererzählt und aufge­schrieben, wenn nicht die, die damals davonliefen und über­lebten. Dass wir davon wissen, wie Jesus verhaftet wurde, liegt an ihren Erzählungen, und in diesen Erzählungen haben sie offensichtlich ihr eigenes Verhalten nicht schöngeredet, sondern ihr Ver­sagen klar benannt. Sie haben es überliefert und weiter­erzählt, dass sie selbst alle davongelaufen sind.

Es gibt eine Legende, die besagt, dass dieser fliehende nackte Jüngling niemand anders war als der Evangelist Markus. Keine Ahnung, ob das stimmt, das lässt sich nicht mehr herausfinden und ist auch nicht so sehr wahrscheinlich. Aber die Tatsache, dass es ihm zugeschrieben wurde, heißt ja: Der – der da die frohe Botschaft aufschreibt – gibt zu, dass er Angst hatte, er zeigt sein Versagen und sein Scheitern. Er macht sich vor den Augen der Leserinnen und Leser total nackt! Obwohl die Jüngerinnen und Jünger so versagt haben, hat Jesus sie berufen und seine Geschichte in ihre Hände gelegt. Vielleicht muss man sagen: Weil sie sich so selbst nackt gesehen haben, konnte er das tun. Nur wer weiß, wie Scheitern geht, nur wer die eigenen Abgründe kennt, kann diese Aufgabe tragen.

Und so können wir von diesem jungen Mann, der beim Nachfolgen davonläuft, trotzdem lernen, wie Nachfolge geht: Nämlich sich nicht zu belügen, sich der nackten Wahrheit über sich selbst zu stellen, auch wenn das Bild, das wir dann von uns sehen so ist, dass wir am liebsten davonlaufen würden. Jeder und jede kennt ja an sich die Seiten, die wir nicht gerne anschauen. Bei solch einem „Seelenstrip“ fühlen wir uns entblößt und beschämt. Aber die Geschichte des nackten Jünglings kann uns auch Mut machen, dass wir uns un­geschönt zeigen dürfen, weil Jesus uns nicht dafür verurteilt, sondern gerade dann in seinen Dienst nimmt.

Deswegen können wir es wagen, die uns den unbequemen Fragen zu stellen, die in dieser Geschichte stecken:
Stehen wir zu unseren Überzeugungen und sind wir bereit dafür einen Preis zu zahlen?
Wovor haben wir Angst? Wovor laufen wir davon?
Was bekämen wir zu sehen, wenn wir die Hüllen fallen lassen?
An die Antworten können wir uns wagen in dem Wissen, dass über uns immer die Zusage der Taufe steht: „Du bist mein geliebtes Kind“. Amen.

Predigttext:

Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unver­fälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen unter­einander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. (Mk 14, 3-9)

Predigt:

Liebe Gemeinde,
was gerade in diesem Moment hier und heute passiert, das hat Jesus selbst vor gut 2000 Jahren vorausgesagt. „Wahrlich ich sage euch“ – so sprach er damals – „wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächt­nis, was sie getan hat“. Heute und hier wird das Evangelium ge­predigt und Sie haben gerade gehört, was sie getan hat, nämlich: Sie platzt in eine Gesellschaft aus Männern. Uneingeladen tritt sie an den Tisch. Ich stelle mir vor, wie die Gespräche verstummen, als die Frau hereinkommt. Kennt man sie? Wer ist das? Was will die? Das alles spielt keine Rolle. Sie weiß, was sie tun will, und sie tut es sofort: Sie geht auf Jesus zu und zerbricht den Hals des kleinen Glasgefäßes, das sie bei sich hat. Der Duft breitet sich im Raum aus und sofort wissen alle: Das ist etwas ganz Besonderes: echtes Nardenöl. Aus dem Himalaya muss es importiert werden. Unglaublich teuer, wird deswegen nur in kleinsten Mengen verwendet. Aber die Frau gießt Jesus das ganze Öl auf einmal auf den Kopf, alles, was im Fläschchen ist. Mit zärtlichen Bewegungen salbt sie ihn.

Das also hat sie getan: Sie hat mal eben 300 Silbergroschen verschenkt, das ist ein volles Jahresein­kommen. Rechnen Sie mal nach: Wie hoch ist Ihr Jahreseinkommen? Oder wie viel Rente kriegen Sie im Jahr? Oder einfach, was brauchen Sie im Jahr, um davon zu leben? Haben Sie eine Summe im Kopf? In Deutschland ist das durchschnittliche Jahreseinkommen ungefähr bei 48.000 €.
48.000 €! Verschenkt, in einer einzigen Minute, vielleicht zwei. Aufgelöst in einen schönen Duft, verwendet für eine zärtliche Geste. Nicht verwendet, verschwendet sagen die Männer. Und sie machen ihre Rechnung auf: Was hätte man mit 300 Silbergroschen, was hätte man mit 48.000 € tun können? Den Bedürftigen helfen. Und zwar gründlich.

Mit diesem Betrag könnte man z.B. über Caritas 2400 Familien in der Ukraine ein Lebensmittelpaket, Waschmittel und eine warme Mahlzeit zukommen lassen. Oder mit dieser Summe könnte die Organisation Oxfam mehr als 30 Familien im Jemen (und man rechnet eine Familie dort mit 6 Personen), also mehr als 30 Familien ein Jahr lang mit Nahrungs­mitteln versorgen. Ich muss dazu sagen: Im Jemen stirbt alle 10 Minuten ein Kind an den Folgen des Hungers. Mit diesem Betrag könnte man auch über Plan International neun Paten­kinder irgendwo in der Welt 15 Jahre lang unterstützen: Sie bekommen dann einen Schulabschluss, eine Ausbildung und können sich und ihre Familie danach selbst versorgen. Nachhaltige Hilfe für ein gelingendes Leben. Wie viele winterfeste Zelte für Flüchtlinge man dafür wohl kaufen könnte? Oder Wie vielen Kindern, die hier in Hamburg in sozial schwachen Familien leben, bessere Chancen verschaffen? Was könnte man nicht alles tun mit 300 Silbergroschen!

Und was hat sie getan??
Ich kann verstehen, dass die Männer fassungslos sind, dass sie rechnen. Ist es das wert? „Ja, ist es“, sagt Jesus. „Lasst sie. Urteilt nicht. Das hat sie nämlich getan: Ein gutes Werk an mir, zur rechten Zeit. Meinen Leib hat sie gesalbt für das Begräbnis.“Gewichtige Worte Jesu machen aus ihrer Tat einen symbolischen Akt.

Das hat sie getan: Eine entscheidende Rolle gespielt in der Passions­ge­schichte. Und das tut sie noch heute – so wie Jesus es prophezeit hat. Ob in den Oberammergauer Passionsspielen oder in der Matthäuspassion von Bach – immer kommt sie vor: diese namenlose Frau und ihre Tat.
Das nämlich hat sie getan: Sie hat in dieser furchtbaren Geschichte vom Leiden Jesu, in dieser Erzählung von Neid und Hass, von Enttäuschung und Angst, von Verleugnung und Verrat – darin hat sie einen Moment des Inne­haltens geschaffen. Eine wohlriechende Oase der Zuwendung und Zärtlich­keit. Eine Geste des Friedens, der Schönheit, des Wohltuens. Eine Hoffnung darauf, dass die Liebe stärker ist als alle Machtspiele der Welt. Eine voröster­liche Ahnung.

Was kriegen wir da nicht biblisch zugemutet in diesen Wochen, die jetzt in der Passionszeit noch vor uns liegen: miese Mordpläne und gröhlende Massen. Männer, die ihren besten Freund verraten und verkaufen. Jesus hochgejubelt, wenig später, wie wir wissen, zum Tode verurteilt. Die Anhänger verängstigt und verkrochen. Die Gegner geifernd und grausam. Inmitten dieses öffentlichen Schau­spiels führt uns die Szene in Bethanien an einen Esstisch. Eine intime Situation, wenige Menschen, Zeit für Gespräch. Diesen Moment wählt die Frau, um das zu tun, was sie tun muss. Und was sie getan hat, hat sie unsterblich gemacht.

Diese verschwenderische Geste der Liebe ist es wert über Jahr­tausende tradiert zu werden – glücklicherweise. Glücklicherweise überlebt nicht nur der Bericht von Grausamkeit und vom men­schlichen Scheitern in den Erzählun­gen, sondern auch das Gute, das Mitmenschliche, das Duftende. Was für ein Menschenbild bliebe übrig, würden wir in diesen Wochen nicht auch von ihr erzählen. Ja, das ist es wert. Lasst sie!

Weil sie nämlich ihren Duft versprüht über die Jahrhunderte. Weil wir von ihr lernen, dass Liebe sich hingibt, dass Liebe verschwen­derisch ist und nicht rechnet. Und gerade das durften wir mitten in der Corona-Pandemie auch erleben: Dass Menschen nicht rechnen, sondern sich einsetzen für ihren Nächsten. Was wäre wenn all die Ärztinnen im Krankenhaus, all die Pfleger in den Heimen be-rechnet hätten, wie ihr Risiko auf Ansteckung steigt, weil sie sich sorgen um die Kranken und Gebrechlichen.

Diese Duftnote macht sich breit, wenn unzählige Ehrenamtliche an den Grenzen und Bahnhöfen stehen, wo Hundertausende Flüchtlinge aus der Ukraine ankommen und Hilfe brauchen. Es ist oft alles andere als „vernünftig“, was so viele im Moment tun – und sie tun es trotz­dem, sie tun es für andere, sie geizen nicht mit ihrer Zuwendung, sondern tun, was getan werden muss. Da können wir auch heute noch etwas ahnen von dem Duft des kostbarsten Öls.

Ja, diese Frau lehrt uns, wie wir heute unseren Auftrag erfüllen sollen. Dieses unser „Heute“ definiert die Geschichte nämlich unbeabsichtigt mit. Heute, das ist die Zeit, in der wir nicht mehr Jesus bei uns haben, aber die Armen. Ihnen können wir Gutes tun. Wie – zeigt uns die namenlose Frau. Wir – oder ich zumindest, ich höre schnell diese Männer reden, die Stimme der Vernunft, die sagt: Es gibt so viele Flüchtlinge, so viele potentielle Patenkinder und auch mehr als 30 jementische Familien, die hungern. Wir können nicht allen helfen. Wohin soll ich spenden?
In die Ukraine, weil es gerade so aktuell und so nah dran ist?
Nach Syrien, wo fast auf den Tag genau schon seit 11 Jahren Krieg herrscht?
Oder lieber für sogenannte vergessenen Katastrophen wie die Hungerkrise in Sambia?
Oder noch besser für die Arche, die direkt hier in Hamburg benachteiligten Kindern hilft?
Alles, was ich tue ist immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht ist es aber auch wie ein Tropfen kostbares Öl auf Jesu Haupt, denn „was ihr diesen meinen geringsten Brüdern getan habt….“

Ich stelle mir vor, die Frau wäre am Eingang von Simons Haus stehen ge­blieben und hätte nachgedacht: „Soll ich das Öl verkaufen und damit den Armen helfen oder soll ich Jesus salben? Ich weiß nicht. Vielleicht am besten noch etwas abwarten. Erstmal wieder nach Hause gehen, ehe ich was Falsches tue.“ Sie hätte das Öl wieder in das Kästchen im Schrank gestellt, wohl verwahrt. Und da würde es wohl noch heute stehen – wenn die Frau so gezaudert hätte, wie wir das oft tun, oder wenn sie angefangen hätte, mit den Männern zu diskutieren. Glücklicherweise aber hat die Frau getan, was sie getan hat, und glücklicher­weise wird das immer wieder erzählt und gepredigt. Denn das ist wirklich Evangelium – frohe Botschaft. Frohe Botschaft, die uns lehrt, dass manchmal vernünftiges Abwägen nur lähmt. Wenn ich denke „Ich kann ja eh nichts ändern“, dann ändert sich sicher nichts. Dann tropft es nicht mal auf den heißen Stein.

Sie lehrt uns, dass es nicht hilft, sich die Armen auf Distanz zu halten: zu viel, zu weit weg. Ist das furchtbar! Da müsste man…, da sollte man…, da könnte die Politik, aber nur die.
Sie lehrt uns Geistesgegenwart, das Gespür für den richtigen Moment: Jetzt ist der Moment, jetzt leben wir und zwar mit den Armen.
Sie lehrt uns auch das Opfer. Ein ganzes Jahreseinkommen. Liebe, auch Nächstenliebe dosiert sich nicht im Almosen, sondern verschwendet sich großzügig.
Und für all das zeigt uns die Frau die Kräfte, die in uns schlummern: den Mut, sich nicht ausbremsen zu lassen, das Mitgefühl, sich jemandem zuzuwenden, die Möglichkeit, Leiden zu lindern. Kräfte, die in jedem von uns stecken. Deswegen hat die Frau keinen Namen: Wir müssen nicht Mutter Theresa sein oder Malala oder Greta, um etwas zu ändern. Wir sind anonym, namenlos genau wie die Frau. Das reicht! Das reicht, um das zu tun, was sie getan hat. Sie tut, was sie tun muss, sie gibt, was sie geben kann. Jesus gibt sie einen Moment der Zuwendung und Zärtlichkeit in all dem Leid. Den Männern gibt sie hoffentlich etwas zum Nachdenken. Und uns gibt sie schon mitten in der Passionszeit das Zeichen, dass für den Gesalbten nach dem Tod der Ostermorgen anbricht. Uns gibt sie hoffentlich den Mut, uns nicht so schnell ausbremsen zu lassen, sondern großzügig und verschwenderisch zu lieben. Damit die Liebe sich stärker erweist als der Tod und es immer wieder Ostern werden kann. Amen.

Predigttext:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.Jesus fing an, die Jünger zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh hinter mich, du Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird es behalten. Denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? (Markus 8, 31-36)

 

Predigt:

Liebe Gemeinde, warum ging Jesus nach Jerusalem? Er wirkte in Galiläa, im Norden des Landes, in dem Gebiet um den See Genezareth herum. Eigentlich war alles sehr in Ordnung; die Jünger begleiteten ihn, bewunderten ihn und die Leute kamen zu ihm, um ihn zu hören, ihn zu erleben, um geheilt zu werden. Und so erging es wohl auch den Jüngern. Der erste, zu dem Jesus gesagt hatte: „Folge mir nach“, war Simon Petrus, der Familie und Beruf aufgab und sich Jesus anschloss. Jesus muss etwas sehr zwiespältig Faszinierendes ausgestrahlt haben, so dass viele Menschen alles aufgaben und sich ihm anschlossen. Sie hatten etwas sehr Großes in ihm gesehen. Sicherlich war er einer, dessentwegen es sich lohnte, alles aufzugeben. Wahrscheinlich wird er Israel befreien vom römischen Joch und dann winkten große Ehren. Unmittelbar vor unserem Predigttext fragt Jesus seine Jünger: „Wer sagen die Leute, wer ich sei?“ Und die Jünger tragen alles Mögliche zusammen. „Und wer sagt ihr, wer ich sei?“ Und Petrus antwortete wahrscheinlich für alle anderen: „Du bist der Christus, d.h. der Gesalbte Gottes, der Nachfolger Davids, der zukünftige König.“

Petrus hatte im vorhergehenden Text den Grund angegeben, warum sie alle in Jesus etwas Besonderes sahen, sich Großes von ihm erhofften. Und jetzt tritt das Gegenteil ein. Jesus sagt: Es wird etwas gänzlich Anderes geschehen. Der wiederkehrende David, der erhoffte Erlöser vom römischen Joch bin ich nicht. Im Gegenteil: Ich muss viel leiden in Jerusalem, ich werde verworfen und getötet werden.

Und Petrus ist wirklich schockiert: Herr, so haben wir uns den Weg mit dir nicht vorgestellt. Geh doch bloß nicht nach Jerusalem. Das ist doch weit weg. Wir haben doch hier im Norden, in Galiläa genug zu tun. Gerade in der Stadt, in der wir uns befinden, in Caesarea Philippi. Markus hatte bei der Abfassung des Evangeliums, etwa 40 Jahre nach den erzählten Ereignissen, sicherlich vor Augen, dass der römische Kaiser Vespasian und sein Sohn Titus von Caesarea Philippi aus den Rachefeldzug gegen Jerusalem wegen verschiedener Aufstände gestartet hatten und Jerusalem im Jahre 70 zerstörten, einschließlich des Tempels. Markus lässt gerade von Caesarea Philippi aus den Gegenkönig Jesus seinen Weg beginnen. Ich muss viel leiden und getötet werden. Sehr scharf reagiert Jesus auf Petrus: Geh hinter mich, du Satan, denn du meinst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist. Ein hochemotionaler Text. Petrus, der alles verlassen hatte, weil er in Jesus die Erfüllung der Hoffnung des alten Israel sah: Befreiung vom römischen Joch und Wiederherstellung der Davidsherrschaft und Jesus, der dieses in aller Schärfe zurückweist. Aus dir spricht der Satan. Du sagst, ich bin der Christus, der König von Israel, ich aber sage euch, ich muss viel leiden und getötet werden. Ein gewaltiger Gegensatz zwischen Jesus und seinen Jüngern, eine gewaltige Korrektur ihrer Erwartungen.

Jesus würde dennoch Petrus teilweise recht geben: Ja, es stimmt, dass die Welt voll gewaltiger Schmerzen ist, in der Ukraine, in Syrien, im Mittelmeer, um nur einige zu nennen, voll schwerer Krankheiten, auch voller Hass, voller Menschenverachtung. All dieses stimmt und hier in Galiläa gäbe es auch genug zu tun. Petrus ist in gewisser Weise auch ein Sprecher der ganzen erlösungsbedürftigen Menschheit. Mein Weg aber, sagt Jesus, ist ein anderer. Ich bin nicht der triumphale König, dem die Leute beim Vorbeiziehen applaudieren. Für einen Moment sah es in Jerusalem so aus beim Einzug auf einem Esel. Aber schon dieses Bild ist eine Karikatur auf einen triumphalen Einzug. Nein, sagt Jesus, im Kontakt mit mir kann man nicht applaudierend am Straßenrand stehen bleiben.

Und dann entwirft er ein extrem hartes Bild. Es ist der zweite Teil des Evangeliumstextes, die sog. Nachfolgesprüche. Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich. Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren. Aber wer es um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, der wird es behalten; denn was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden an seiner Seele zu nehmen? Eigentlich kann man diesen Worten Jesu nur zustimmen oder sich abwenden. Entweder: “Ja, so ist es“ oder „Nein, das will ich nicht“. Mein Weg, sagt Jesus, ist ein total anderer als der mit Toten gesäumte Weg der Gewaltherrscher dieser Erde; mein Weg ist gewaltlos, es ist der Weg der Liebe Gottes.

Dennoch, die Frage bleibt: Warum ging Jesus nach Jerusalem? Den Weg der Liebe Gottes hätte er auch in Galiläa verwirklichen können. Ich muss gestehen, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall ist den Texten abzulesen, dass Jesus in Jerusalem ein anderer war als in Galiläa, viel härter, viel kompromissloser, viel provozierender; so als lege er es darauf an, zum Tode verurteilt zu werden. Vielleicht wollte er genau das beweisen: Die Umwertung der Werte wird in den damaligen Herrschaftsverhältnissen und in den Herrschaftsverhältnissen der meisten Länder heute nicht akzeptiert. Was bleibt uns übrig? Wir müssen über die Nachfolgesprüche nachdenken. Was heißt das: sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen, Schaden an seiner Seele nehmen? Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren, und wer es um meinetwillen verliert, der wird es behalten. Wir sind doch voll ausgelastet mit Arbeit und Freizeit, mit den Anforderungen des Berufes und der Familie. So leben wir alle Jahre, aber hin und wieder drängt sich doch die Frage auf: Was ist eigentlich wirklich wichtig? Was ist die Wahrheit meines Lebens? Und dann können uns die Nachfolgesprüche einfallen und wie ein Stachel schmerzen.

Gelingt es mir, hin und wieder meine Wichtigkeit zu vergessen und der Liebe Gottes in dieser Welt Gestalt zu geben? Ich kann mir vorstellen, dass dieses dann mehr Leben, mehr Erfüllung schafft als jeder Karriereschritt. Und dennoch werden wir immer wieder daran scheitern, weil wir anders geschaffen sind. Und Markus, der – wie gesagt – etwa 40 Jahre nach dem 1. Karfreitag schrieb, kann noch eine Perspektive hinzusetzen. Er lässt Jesus sagen: Ich muss viel leiden und getötet werden, und in der Rückschau setzt Markus hinzu: und nach drei Tagen auferstehen. Hinter dem Leiden, dem Jesus in Jerusalem entgegengeht, sieht Markus das Licht des Ostermorgens. Ich habe die Vermutung, dass Jesus wohl nach Jerusalem ging, weil er die Ahnung hatte, dass er in dem beschaulichen Galiläa Schaden an seiner Seele nehmen würde. Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden an seiner Seele zu nehmen?

An zwei Beispielen möchte ich die Wahrheit dieses Wortes verdeutlichen, einmal aus der Opferperspektive und einmal aus der Täterperspektive:

Janusz Korczak leitete als jüdischer Kinderarzt im Warschauer Ghetto in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Waisenhaus für jüdische Kinder, deren Eltern ermordet worden waren. In dieser Funktion war er weltberühmt. Und als die Kinder ins KZ abtransportiert werden sollten, wurde ihm von den Nazis der Vorschlag gemacht, sich von den Kindern zu trennen, weil die Nazis wohl spürten, die eigene Reputation in der Welt erhöhen zu müssen. Er wies den Vorschlag ohne Diskussion zurück und wurde dann im KZ mit den Kindern ermordet. Janusz Korczak wusste, dass er schweren Schaden an seiner Seele nähme, wenn er die Kinder verließ. Das andere Beispiel ist Wladimir Putin. Sie alle wissen, dass er in Friedenszeiten ohne Verteidigungsgrund der Ukraine den Krieg erklärt hat, nur um Macht und Einfluss und Herrschaft zu sichern oder auszudehnen. Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? In einem Fall kann einer die der Ermordung ausgesetzten Kinder nicht alleine lassen, im anderen verursacht einer unendliches Leid und den Tod vieler Menschen um große Teile der Welt zu gewinnen. Gott offenbart sich auf zweierlei Weise: im Gesetz und im Evangelium, m.a.W. im bedingungslosen Weg der Liebe und im undiskutierbaren eindeutigen: Es ist nicht erlaubt. Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Beiden Aspekten, dem Gesetz und dem Evangelium begegnen wir in diesem Spruch. Schmerzhaft entdecken wir, Janusz Korczak ist dem Nachfolgespruch gefolgt. Genauso schmerzhaft entdecken wir aber auch, Wladimir Putin hat in furchtbarer Weise dagegen verstoßen.

Gott sei Dank, haben die Fragen unseres Lebens nur in seltenen Ausnahmen dieses Gewicht. Aber die Frage Jesu bleibt an seine Jünger damals und an uns heute: Wollt ihr mit mir den Weg der bedingungslosen Liebe Gottes gehen oder nicht?

Sicherlich spiegeln die Nachfolgesprüche ein Utopie. Und zum Wesen der Utopie gehört, dass sie nie allgemeine Realität wird. Nie werden Hass und Menschenverachtung aufhören, wie wir an den Nazis sehen, wie wir an dem Überfall auf die Ukraine sehen. Aber dier Utopie übt einen Druck aus, der die Wirklichkeit verändert, manchmal nur bei Einzelnen, aber genau darin weist sie einen Weg im Lichte des Ostermorgens.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen