Wahl zum Kirchengemeinderat

In der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Johannis-Harvestehude sind 3.481 Gemeindemitglieder wahlberechtigt (Stand: 26.11.2022). 200 Gemeindemitglieder haben gewählt; dies entspricht 5,75% der Wahlberechtigten. Es gab 197 gültige Stimmzettel und 3 ungültige Stimmzettel.

Auf die Kandidat:innen entfielen folgende Stimmenzahlen:

Christopher Bender (*1979, Kirchenmusiker) 179
Dr. Tilman Seidel (*1978, Regierungsrat) 153
Tilo Zimmermann (*1970, IT-Unternehmer) 141
Friederike Hoppe (*1993, Journalistin) 134
Johanna von Hammerstein (*1962, Lehrerin) 132
Ann Happke (*1968, Rechtsanwältin) 124
Dr. Christoph von Bülow (*1957, Rechtsanwalt) 123
Kirsten von Mejer (*1968, Kommunikationstrainern und -beraterin) 119
Brigitte Rau (*1957, Diplom-Psychologin) 116
Anke Hennigs (*1952, Diplom-Kauffrau) 111
Dr. Elke Wawers (*1955, Bibliothekarin) 101
Klaus Ebert (*1953, Journalist) 91

Damit sind Christopher Bender, Tilman Seidel, Tilo Zimmermann, Friederike Hoppe, Johanna von Hammerstein, Ann Happke, Christoph von Bülow, Kirsten von Mejer, Brigitte Rau und Anke Hennings – neben den gesetzten Mitgliedern Pastorin Dr. Claudia Tietz und Pastorin Andrea Busse – Mitglieder im neuen KGR. Herzliche Glückwünsche an alle gewählten Kandidatinnen und Kandidaten!

Hinweis: Wahlberechtigte Gemeindemitglieder können eine schriftliche und begründete Wahlbeschwerde beim amtierenden KGR innerhalb einer Woche nach der ortsüblichen Bekanntmachung des Wahlergebnisses einlegen. Die Wahlbeschwerde kann nur in dem Verstoß von Vorschriften über das Wahlrecht oder das Wahlverfahren begründet werden.

Die Kandidatinnen
und Kandidaten

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Christopher Bender
*1979, Kirchenmusiker

Seit 2008 lebe ich in Hamburg und wirke in dieser Gemeinde als Kirchenmusiker. Die Musik hat in der Kirche und insbesondere in dieser Gemeinde eine wichtige Bedeutung. Ich kandidiere für den KGR, um meine Arbeit eng abstimmen zu können mit den verschiedenen Gremien und mit dem Leitbild unserer Gemeinde.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Dr. Christoph von Bülow
*1957, Rechtsanwalt

Mich inspiriert St. Johannis: die Gottesdienste, der Abendsegen, die Musik (besonders natürlich die Orgel), aber auch Holy Honey und andere Aktivitäten. Durch meine Mitarbeit im KGR möchte ich einen Beitrag zu einer selbstbewussten, fürsorglichen und den Geist der Ökumene lebenden Gemeinde leisten.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Klaus Ebert
*1953, Journalist

In St. Johannis ist die alte Kirche für mich jung geblieben. Wer Gott sucht, wird ihn hier finden. Das gefällt mir. Ich bin erst seit Kurzem in der Gemeinde, weil ich zugezogen bin, aus der nächsten Nachbarschaft. Die gute Nachbarschaft in St. Johannis, die gemeinsame Arbeit in der Gemeinde berühren mich. Daran teilhaben zu dürfen, ist ein Geschenk.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Johanna von Hammerstein
*1962, Lehrerin

St. Johannis ist für mich seit vielen Jahren geistliche – und als Sängerin im Chor auch musikalische – Heimat. Gern möchte ich dazu beitragen, dass sich Viele – Fromme ebenso wie weniger Fromme – in unserer Gemeinde wohl und willkommen fühlen. Meine Erfahrungen aus dem Bildungs- und Stiftungswesen und der Flüchtlingshilfe bringe ich dafür gern ein.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Ann Happke
*1968, Rechtsanwältin

St. Johannis bin ich seit meiner Hochzeit vor 26 Jahren eng verbunden. Schon fast ebenso lange begleite ich als Arbeitsrechtlerin die personellen Angelegenheiten der Gemeinde und ihrer Einrichtungen. Im KGR möchte ich gerne weiterhin aktiv sein – beim Personal, den Finanzen und dem Ausbau des Ehrenamtes an St. Johannis.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Anke Hennings
*1952, Diplom-Kauffrau

Seit 1991 gehöre ich zu St. Johannis und St. Johannis zu mir. Lange schon bin ich Teil des KiKi-Teams (Kinderkirche) und in den letzten Jahren auch in die Finanzen von Förderverein und Pämi eingestiegen. Zahlen haben mein Berufsleben geprägt, jetzt als Finanzvorstand einer Hamburger Stiftung. Mein Wissen möchte ich nun auch gerne in die Gemeinde einbringen.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Friederike Hoppe
*1993, Journalistin

St. Johannis war Liebe auf den ersten Blick. Ich bin Teil des Kinderkirchenteams und gestalte den Konfirmandenunterricht mit. Hier fühle ich mich so wohl, dass ich gern weiterhin zum Leuchten der Gemeinde beitragen möchte. Als Journalistin (Kultur, Wirtschaft) und Musikerin kann ich meine Erfahrungen in verschiedenen Ausschüssen einbringen.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Kirsten von Mejer
*1968, Kommunikationstrainern und -beraterin

St. Johannis ist meine Gemeinde, seit ich 2006 wieder nach Hamburg gezogen bin. Begeistert war ich mehr als zehn Jahre lang eine der Verantwortlichen für das Krippenspiel. Nun gilt mein besonderes Interesse der Integration von Familien und Eltern: Verbindungen schaffen, Austausch ermöglichen. Das ist mein Anliegen – privat und beruflich.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Brigitte Rau
*1957, Diplom-Psychologin

Seit ca. 40 Jahren bin ich Mitglied dieser Gemeinde und singe im Chor St. Johannis. Bereits zu Beginn meines Psychologiestudiums war ich schon einmal Mitglied im KGR. Jetzt habe ich als Rentnerin wieder mehr Zeit und Lust, mich ehrenamtlich zu engagieren. Als langjähriges Chormitglied möchte ich besonders den Bereich Musik und Kultur stärken. Die Gemeinde ist mir aber auch als Ort der Begegnung und des Austausches wichtig.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Dr. Tilman Seidel
*1978, Regierungsrat

Im Sommer 1999 habe ich St. Johannis als Student und jüngstes Mitglied im großen Chor kennengelernt. Mittlerweile habe ich in der Gemeinde geheiratet, meine drei Kinder wurden hier getauft, und ich singe heute gemeinsam mit meiner Frau bei Christopher Bender im Vokalwerk. Beruflich befasse ich mich mit der Digitalisierung.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Dr. Elke Wawers
*1955, Bibliothekarin

Seit vielen Jahren bereichern die Gottesdienste, Konzerte und kulturellen Veranstaltungen von St. Johannis mein Leben. Gerne möchte ich mich daher in diesen Bereichen in unserer Gemeinde engagieren. Im KGR kann ich ein lebendiges Gemeindeleben und den Wandel, in dem sich Kirche befindet, mitgestalten.

Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Wahl zum Kirchengemeinderat

Tilo Zimmermann
*1970, IT-Unternehmer

Gebürtiger Berliner, mit einer Hamburgerin verheiratet, unsere Kinder sind in St. Johannis konfirmiert. Seit 2004 singe ich mit viel Freude im Chor St. Johannis-Harvestehude. Meine berufliche Erfahrung mit Organisation und Finanzen möchte ich in die Erhaltung unserer Gemeinde einbringen.

 

Predigttext:

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! 16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. 18 Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. 19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! 20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl[1] mit ihm halten und er mit mir. 21 Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. 22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Predigt:

Liebe Gemeinde,

dieses Jahr liegt die längst mögliche Adventszeit vor uns. Weil der Heiligabend auf einen Samstag fällt, ist der Advent diesmal wirklich volle 4 Wochen lang. Mehr Zeit als sonst also, um das Weih­nachts­­fest vorzubereiten: Wem möchte ich etwas schenken und was? Wer fährt wohin? Kommen die Kinder? Und wenn ja, wann? Wie können wir als Paar, als Familie, wie kann ich alleine die Feiertage verbringen?

Ich will von einem Mann erzählen, der sich auch auf die Weihnachtstage vorbreitet. Er hat beschlossen, seine Familie einzuladen: Die Tochter mit ihren zwei Kindern, den Sohn und die Schwiegertochter, den Bruder mit Frau, eine angeheiratete Tante, die noch lebt – sieben Personen insgesamt. Sie alle sollen, so stellt er es sich vor, an Weihnachten gemeinsam um den großen Tisch sitzen und miteinander feiern. Aber das muss eben gut vorbereitet sein. Deswegen sitzt er jetzt an seinem Schreibtisch und verfasst die Einladungen. Und zwar persönlich, jeder und jede bekommt einen individuellen Brief. Sechs Umschläge liegen dort schon, nun kommt das letzte Schreiben – an seinen Bruder, vielleicht das schwierigste. Die Einladung zum Weihnachtsessen hat er schon formu­liert, Ort und Zeit stehen auf dem Papier, aber das reicht nicht. Er schreibt weiter:

„Du tust immer so, als ob alles ok wäre zwischen uns. Nach außen hin ist das wohl auch so, da steht die Fassade. Alles gut. Aber nichts ist gut. Ich war dir immer ziemlich egal, großer Bruder. Du hast dein Ding gemacht und durch mich hindurch­geschaut. Wenn ich mit den Eltern Schwierig­keiten hatte, dann bist du mir nie in den Rücken gefallen, aber für mich eingesetzt hast du dich auch nicht. Wenn du wenigstens mal Position bezogen hättest. Aber du warst nie greifbar für mich, hast dich immer so durchgewurstelt. Aalglatt. Du wirst vermutlich sagen: ‚Wieso, es ist doch alles in Ordnung zwischen uns, wir haben keinen Streit, was hast du denn?‘ Aber ich finde dein Verhalten – verzeih den Ausdruck – zum Kotzen. So will ich das nicht mehr. Und ich schreibe das so hart und so deutlich, weil du mir eben nicht egal bist. Weil mir an unserer Beziehung liegt, einer ehrlichen echten Beziehung. Also bitte ich dich, denk über das alles nach, lass dich auf dieses Gespräch ein, nimm meine Einladung an. Ich bin sicher, dann tun sich für uns ganz neue Türen auf.“

Sie merken, der Brief ähnelt dem, den wir in der Lesung gehört haben. Dem Brief, den der Seher Johannes im Buch der Offen­barung schreibt. Auch da wird reiner Tisch gemacht mit drastischen Worten. Johannes schreibt im Namen Christi an die sieben Gemeinde in Kleinasien. Man weiß von diesen früh­christ­lichen Gemeinden, dass sie eine Krisenzeit durchlebten. Es gab zum einen Konflikte mit den örtlichen Synagogen­gemeinden und zum anderen nahm der Kaiserkult zu, dem sich die christlichen Gemeinden natürlich nicht unterwerfen konnten. Es kam zu lokalen Christen­verfolgungen. Und damit waren die Gemeinde natürlich auch in ihrer innerlichen Ausrichtung in Frage gestellt: Was glauben wir eigentlich? Und wie müssen wir uns als Christinnen und Christen verhalten, damit wir nach innen und außen glaubwürdig bleiben? Manche Gemeinden haben sich auf diese Fragen wohl gar nicht ernsthaft einge­lassen und eher eine pragmatische Antwort gelebt.

Laodizea z.B., die Gemeinde deren Brief vorgelesen wurde, Laodizea scheint es trotz allem gut zu gehen. Die Fassade steht. Kein Problem. „Ich bin reich, ich habe mehr als genug, ich brauche nichts“ – so zitiert der Schreiber die Gemeinde. Dass er ausgerechnet diese reiche Stadt – bekannt für ihr Banken­wesen, die florierende Textil- und Arzneimittelher­stellung in seinem Brief als „arm, nackt und blind“ beschreibt, entbehrt nicht der Ironie. Und dann empfiehlt er ihr im gleichen Duktus: „Ich rate dir, dass du Gold kaufst und weiße Kleider und Augensalbe.“ – „Du glaubst, du bist reich, aber im Grund bist du ganz schön armselig“, so schwingt es zwischen den Zeilen mit.

Laodizea, so der Vorwurf, laviert sich halbherzig zwischen Gottesdienst und Kaiserkult durch, biedert sich der römischen Haltung an, will lieber nicht auffallen. Statt sich klar zum Glauben zu bekennen, lebt die Gemeinde ein unerträglich pragmatisches JEIN. Und das ist „zum Kotzen“ – so steht es wörtlich in dem Brief. „Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich aus­speien aus meinem Munde.“

Befremdlich ist das für uns schon, dieser emotionale, dieser wütende Christus. Denn in seinem Namen schreibt der Seher ja. Er ist das „Ich“, welches die Gemeinde Laodizea beschimpft. Christus redet Tacheles. Dieser Begriff „Tacheles“ kommt vom jüdischen Wort „tachlit“ und meint eine Rede, die das Ende und Ziel einer Sache anspricht, ist im Endeffekt also apokalyptische Rede. Man hört dieser Rede hier den Zeitdruck an, der diese Briefe in der Offen­barung prägt. Christus will Laodizea für sich gewinnen, ehe es zu spät ist. Diese selbstverblendete Gemeinde geht ihm auf die Nerven bzw. man müsste besser sagen an die Nieren.

Vielleicht verständlich, aber für uns trotzdem befremd­lich: Wenn jemand eine Einladung ausspricht, mit jemandem in Kontakt kommen will, dann sollte er die Eingeladenen vielleicht nicht gerade beschimpfen, oder? Das entspricht nicht unseren neuzeitlichen pädago­gischen Erkenntnissen. Eine kalte Dusche wird da denen verpasst, die es eben lieber lau haben. Die Warm­duscher müssen ins Kneipp­bad. Aber – Kneippen soll ja heilsam sein. Und es gibt nicht nur die kalte Dusche, es steckt tatsächlich ein Wechselbad zwischen kalt und heiß in diesen Zeilen. Es spricht hier nicht einfach nur ein verärgerter Christus, sondern ein leidenschaftlicher, ein leidenschaftlich liebender. Ein gekränkter Liebender, der um seine Gemeinde kämpft, der sie eben an seinem Tisch sitzen haben will beim großen Mahl, zu dem er lädt, im Reich Gottes. Das ist das Ziel, auf das sich seine Tacheles-Rede richtet.

Sieben Schreiben hat er diktiert an sieben Gemeinden. Das ist kein Zufall. 7 symbolisiert Vollständigkeit und Ganzheit im göttlichen Heilsplan. Es ist nicht egal, ob eben nur sechs Gemeinden dabei sind beim großen Fest, es ist nicht egal ob Laodicea fehlt oder nicht, Christus kämpft um jede und jeden.

„Siehe, ich stehe vor der Tür….“

schreibt er. Das ist das zentrale Bild seiner Botschaft. Christus steht vor der Tür. Das ist Advent. Das ist ein Bild, das wir alle kennen. Türen sind allgegenwärtig im Advent. Und wir haben es gesungen und gesprochen. „Macht hoch die Tür!“ Wenn die Tür zu bleibt, kann keiner kommen, auch Gott nicht.

Da steht jemand vor der Tür. Das ist eine alltägliche Situation. Ich bin mir sicher, jeder und jede von uns hat die Tür­klingel auch schon mal überhört. Weil man mit etwas anderem beschäftigt war, weil man Kopfhörer im Ohr hatte, weil andere Geräusche – das Radio, der Wasser­kocher, ein Gespräch – so laut waren, dass man gar nicht mitgekriegt hat, dass da jemand zu uns kommen will. Vielleicht haben manche von uns auch schon mal bewusst die Türklingel überhört. Da will man einfach seine Ruhe haben oder man will gerade die Person, die kommt, jetzt nicht sehen und sprechen, sich nicht mit ihr auseinandersetzen.

„Siehe, ich stehe vor der Tür….“

Christus steht vor der Tür der Gemeinde von Laudizea und klopft an. Bisher hat ihm wohl niemand freudig die Tür geöffnet. Es hat sie ihm auch niemand vor der Nase zugeknallt. Mit seinen drastischen Worten hämmert Christus – um im Bild zu bleiben – nun ziemlich laut an diese Tür, um klar zu machen: Hallo, hier bin ich! Will mich eigentlich jemand reinlassen?

Aufmachen oder Dichtmachen – das ist die Frage im Advent. Irgendwie durchlavieren, durchwursteln, so ein bisschen, einen Spalt, vielleicht, irgendwann, das ist – Entschuldigung ist zitiere es nochmal – „zum Kotzen“. Vielleicht muss Christus auch bei uns und bei unserer Gemeinde etwas lauter klopfen, um sich Gehör zu verschaffen. Auch bei uns sind die Nebengeräusche manchmal laut, der Terminkalender voll, die Prioritäten woanders.

Aber diese Adventszeit ist so lang wie sonst nie. Wir haben vier volle Wochen, nicht nur, um Weihnachten zu planen – Geschenke, Besuch etc. – sondern auch um reinen Tisch zu machen, um die Geräusche unseres Lebens, den Termin­kalender und die Prioritäten zu überprüfen. Und um vor die Tür zu gucken, wer da steht. Ein jüngerer Bruder vielleicht mit seiner Kränkung. Und mit der Leidenschaft, die Beziehung neu zu gestalten und sich an einem Tisch zu setzen. Möglichst einen reinen.

Advent ist in diesem Sinne eine Chance und eine Zumutung, eine zwiespältige Angelegenheit. Advent ist Neuanfang, Kirchenjahresbeginn. Alle Anfänge sind schön und schwer. Neue Chance und gleichzeitig Verände­rungen, die Angst machen. Advent ist nicht nur gemüt­liche und glitzernde Vorfreude auf Weihnachten, sondern in kirchlicher Tradition immer auch Buß- und Fastenzeit gewesen. Das ist etwas in Vergessenheit geraten, und so mag uns dieser apoka­lyptische Brief über­rumpeln und aufs Adventsgemüt schlagen. Den auf den wir warten, kennen wir als sanftmütigen König, aber er kann eben auch Tacheles reden. Diese Tacheles-Rede soll keine Angst schüren, sondern will uns aufs Ziel hin ausrichten: Können wir in Frieden miteinander zu Tisch sitzen an Weihnachten? Alle zusammen? Vielleicht brauchen wir dazu den Engel, von dem in der Offenbarung die Rede ist: Er sucht uns ja nicht heim mit seinen drastischen, offenen Worten, sondern er will uns heim-leuchten. An den Tisch eben, an dem wir gemein­sam sitzen, und an dem wir nur in Frieden sitzen können, wenn wir vorher reinen Tisch machen. Dazu gehören im Advent vielleicht Fragen wie:
Vermissen wir Gott in unsrem Leben?
Wollen wir, dass er kommt?
Welche Türen wollen wir öffnen? Amen.

 

 

Predigttext:

Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier!, oder: Da! Denn sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch. (Lukas 17, 20f)

Predigt:

Was bringt die Zukunft? Für mich persönlich? Für meine Familie? Für unsere Gesellschaft? Für diese Welt?
Was erwarten wir, was befürchten wir, was erhoffen wir?
Diese Fragen haben sich Menschen schon immer gestellt. Und man hat schon immer versucht, Antworten darauf zu finden. Möglichst eindeutige. Es gab zu allen Zeiten Menschen, die überzeugt waren: Die Zeichen für ein absehbares Ende – manche sagten auch für den Weltuntergang – sind jetzt schon sichtbar. Diese Vorstellung heißt Apoka­lyptik. Man findet sie in der Bibel und – oft nach biblischer Vorlage – auch in der Literatur oder im Kino. Da wird dann ein großes Drama nach himmlischem Drehbuch inszeniert. Als Vorzeichen für solche Weltuntergangsszenarien werden oft Hungernöte und Kriege, Dürren und Seuchen genannt. Das kommt uns alles bekannt vor. Der wissenschaftliche Blick in die Zukunft sieht oft ähnlich düster aus: Umweltverschmutzung, Erderwärmung, Über­bevölkerung, Möglichkeiten des Overkills.

Es gab aber auch immer andere Antworten auf die Zukunfts­fragen, die nicht oder nicht nur die Ängste in den Blick nahmen, sondern die Sehnsüchte, Hoffnungen, Visionen formulierten. Fragen wir den Psalmdichter, der vor Jahrtausenden lebte, was er für die Zukunft hofft, dann sagt er:

Ich hoffe, dass Güte und Treue einander begegnen
Dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen.
Dass Treue auf der Erde wachse. (Psalm 85)

Fragen wir den Propheten Micha, der im 8. Jh vor Christus lebte, welche Vision von der Zukunft er hat, dann schreibt er:

Dass die Völker ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben und sie werden nicht mehr lernen Krieg zu führen. Jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen und niemand wird in Schrecken leben. (Micha 4)

Und dann haben wir die Konfirmanden und Konfirmandinnen des neuen Jahrgangs befragt, die alle im 21. Jh geboren sind, was sie von der Zukunft befürchten und erhoffen – und sie sagen Folgendes:

Maya
Was uns persönlich angeht, befürchten wir gefährliche Krank­heiten und dass wir selbst – z.B. durch einen Autounfall -sterben könnten oder dass Freunde und Familienmitglieder sterben. Eine andere Angst ist, dass die Obdachlosigkeit weiter zunimmt.

Madeleine
Was die ganze Welt betrifft, haben wir Angst, dass große Länder und Mächte sich weiter ausweiten werden oder dass es zu einem Atomkrieg zwischen Russland und den USA kommen könnte. Wir befürchten auch, dass es zu weiteren schlimmen Überschwemmungen kommt, dass noch mehr Tierarten aussterben und die Menschheit den Kampf gegen den Klimawandel verliert und es zur Erderwärmung kommt.

Carla
Wenn wir in die Zukunft blicken, haben wir zum Teil ganz persönliche Wünsche, wie z.B. viele Sportturniere zu gewinnen, schönen Feiertage zu erleben, den Traumjob zu finden, eine eigene Familie aufzubauen, ein wohlhabendes Leben führen zu können – und dass Deutschland die Fußballweltmeisterschaft gewinnt.

Johanna
Wenn wir uns Gedanken machen über die Zukunft der Welt, dann hoffen wir, dass die Inflation abnimmt, Corona irgendwann weg ist und keine neuen großen Viren kommen. Wir wünschen uns, dass der Ukrainekrieg aufhört und die Klimakrise aufgehalten wird. Überhaupt hoffen wir auf Gleichheit und Wertschätzung zwischen den Menschen und auf eine Welt, in der Freude, Liebe und Frieden herrschen.

Was würden Sie, die Erwachsenen sagen, die Sie vermutlich alle im 20. Jh geboren sind? Wie sehen Sie in die Zukunft? Ich glaube, vieles, was den Jugendlichen Angst macht und wonach sie sich sehnen, würden wir ähnlich benennen.

Auch die Pharisäer, die zur Zeit Jesu lebten, hatten ihre Antwort auf die Frage, was die Zukunft bringt. Sie sind fromme Schrift­gelehrte. Sie haben die Psalmen gelesen und studiert und den Propheten Micha und viele andere biblische Zukunftsstimmen. Sie sehen die bedrohlichen Entwicklungen, aber sie sind überzeugt, dass Gott selbst irgendwann auf der Erde eingreift und dass damit alles gut wird, dass es dann endlich gerecht zugeht und friedlich. Sie haben eine Kurzformel für diese Zukunftsvision, sie nennen sie das „Reich Gottes“. Sie glauben fest daran, dass das so kommt, sie wüssten nur gerne wann! Und diese Frage stellen sie Jesus: Wann kommt das Reich Gottes?

Aber Jesus liefert ihnen kein Datum. Er beschreibt auch keine apokalyp­tischen Szenarien. Irgendwelchen düsteren Zukunfts­visionen erteilt er eine Absage: „Es wird keine äußeren Zeichen geben“, sagt er. Das ist alles viel unspektakulärer. „Guckt hin“, sagt er, „das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Die Reaktion der Pharisäer wird nicht berichtet. Ich könnte mir vorstellen, dass sie enttäuscht waren. Reich Gottes, das ist für sie der Inbegriff dafür, dass alles gut wird. Mehr noch: Dass da jemand ist, der alles gut macht. Im Endeffekt, dass Gott vom Himmel herabkommt, einer, der unsere Zukunftsprobleme für uns löst und die Welt für uns rettet. Diese Sehnsucht ist total menschlich.

Auch wir finden vermutlich, dass nicht wir die Zukunftsprobleme unserer Zeit lösen können. Dass das andere tun müssten: Politiker, Wissen­schaftlerinnen, die eben mit Macht oder Geld oder Expertise oder am besten allem zusammen. Wir suchen den großen Gegenentwurf zu den Putins der Welt, jemand der oder die weise herrscht, menschlich, gerecht und den finden wir nicht bei uns auf der Erde. Und deswegen geht der Blick in den Himmel. Das ist einerseits klug. Damit haben wir begriffen: Wir Menschen allein können eben nicht für eine gerechte, friedliche, nachhaltige Zukunft sorgen. Das überfordert uns. Wir brauchen Gott für unsere Zukunft. Aber umgekehrt braucht auch Gott uns für seine Zukunft. Jemand hat es einmal so ausgedrückt: „Gott braucht unsere Hände. Gott hat keine anderen Hände als unsere Hände.“ Er kann nur mit unseren Händen Zukunft bauen.

Das meint die Formel „Reich Gottes unter uns“. Zukunft geht nicht ohne Gott, sie geht aber auch nicht ohne uns. Wir können diese Welt nicht aus eigener Kraft retten, aber ohne unseren Einsatz geht es auch nicht. Vieles ist uns unverfügbar, aber wir können und müssen auch aktiv gestalten. Und zwar jetzt! „Reich Gottes unter uns“ ist nicht nur eine Zukunftsvision, sagt auch Jesus, es fängt definitiv schon jetzt an. Und das ist die positive Botschaft unseres Glaubens: Der christliche Glaube blendet die düstern Zukunftsängste nicht aus – wie gesagt, es gibt auch die apokalyptischen Szenarien in der Bibel – aber Jesus sagt: Guckt hin! Wo Liebe und Achtung zwischen Eltern und Kindern herrscht – da ist Reich Gottes. Wo wir einander beistehen, wenn Hundertausende aus der Ukraine zu uns flüchten – da ist Reich Gottes. Wo Menschen sich gegenseitig trösten – da ist Reich Gottes. Wo kreative Ideen entwickelt werden und man sie nicht mit angeblichem Pragmatismus gleich wieder im Keim erstickt – da ist Reich Gottes. Wo Jugendliche wie ihr auf eine Welt in Frieden und Liebe hoffen – da ist Reich Gottes.

„Guckt hin“, sagt Jesus, „das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Das heißt, das Gute, das Heilsame steckt im Keim schon in uns. Zwischen Schwarzmalerei von Verschwörungs­theoretikern und berechtigen Zukunftsängsten können trotz allem optimistische Visionen gedeihen. Die Formel „Reich Gottes“ heißt für mich auch, dass wir der mensch­lichen Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach Gerechtigkeit und Friede mehr Durchsetzungskraft zutrauen können. Der christliche Glaube ist die Hoffnung auf eine gute Zukunft. Trotz aller gegenteiliger Zeichen. Christlicher Glaube heißt: „Fürchte dich nicht!“, heißt sich keine Angst machen lassen und daran glauben, dass im Hier und Jetzt mit unserer Hilfe etwas Gutes entstehen und wachsen kann. Wir haben den Auftrag, das zu gestalten, aber wir sind nicht allein dafür verantwortlich. Wir sind gefordert, aber nicht überfordert. Wir müssen und können nicht die Welt retten – das kann nur Gott – aber er braucht uns dazu. Auch und gerade euch Jugendliche. Amen.

 

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

„Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Tauben hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead. Deine Zähne sind wie eine Herde geschore­ner Schafe, die aus der Schwemme kommen; alle haben sie Zwillinge, und es fehlt keiner unter ihnen. Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel. Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, alle Köcher der Starken. 5Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle, die unter den Lotosblüten weiden. Du bist schön, ganz wunderschön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir.“

So wird im Hohelied die Geliebte be­schrieben. Für mich hört sich das an wie ein Jahr­tausen­de alter Vorläufer mancher Instagram-posts von völlig idealisierten, gephotoshoppten weiblichen Körpern. Die perfekte Schönheit – Phantasiegebilde von manchen Männern, Vorbild für manche Frauen, die daran eigentlich nur scheitern können. Und sowas steht in der Bibel?

Das Hohelied ist zumindest an der Oberfläche ein weltliches Buch, altorientalische Liebeslyrik, ein Dialog zwischen Lieben­den, in manchen Versen bis an die Grenze der Pornografie. Als Liebeslied wurde es noch im ersten nachchristlichen Jahr­hundert in den Wirts­häusern gesungen. Was es in der Bibel zu suchen hat, beantwortet die jüdische Tradition damit, dass (ZITAT) „der Mensch liebt, weil und wie Gott liebt“. (Franz Rosenzweig). In den Synagogen wurde und wird das Hohelied beim Passah­fest gelesen, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert. Damit wird betont, dass Gott aus Liebe sein Volk aus der Gefangenschaft befreit und in Wüstenzeiten begleitet bis ins Land, wo Milch und Honig fließen. Die christliche Auslegungstradition knüpft daran an und beruft sich jahrhundertelang auf allegorische Interpre­tationen, d.h. es geht im Hohelied auf übertragener Ebene um Christus als Bräutigam und seine Braut die Kirche.

Egal wie man es auslegt: Eines ist klar: Es geht um die Liebe – und zwar in ihrer ganzen Ambivalenz. Das Hohelied idealisiert nicht einfach das Zusammensein der zwei Liebenden, es besingt auch die unerfüllte Sehn­sucht. Es geht auch um das Suchen und Nichtfinden, um das Anklopfen und unerhört Bleiben. Manches geschieht nur in der Phantasie. Gerade die zwei Verse aus dem Hohe­lied, die den Predigttext für heute bilden, unterstreichen diese Zweischneidigkeit:

Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme. Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, würde man ihn verspotten.

Die Liebe ist so ambivalent wie Feuer und Wasser: Beides ist nötig zum Leben und beides kann Leben vernichten. Liebe kann sein wie ein Rausch, der sprichwörtlich blind macht. Das mag höchste Glücks­gefühle auslösen, hat aber Menschen auch schon in tiefste Verzweiflung gestürzt. In der Liebe liegen Erfüllung und Enttäuschung, himmelhoch­jauchzend und zu Tod betrübt eng beieinander.

Wenn diese Sätze aus dem Hohelied bei Trauungen gelesen werden, dann hören das zumindest zwei, die im Liebesglück sind, die voll Zuversicht und Hoffnung sich ein Leben in Liebe versprechen. Und es hören viele andere, die sich mit den beiden freuen.

Hier und heute unter uns mag es auch die geben, die sich im Liebesglück befinden, die dankbar sind für eine lange ver­trauens­volle Be­ziehung, die Höhen und Tiefen erlebt und überlebt hat. Unter Ihnen sind bestimmt auch Menschen, die sich das wünschen, die das nie erlebt haben, die an und in Liebesbeziehungen gescheitert sind, deren Sehnsucht unerfüllt blieb. Oder auch Menschen, die nie die Sehnsucht nach einer stabilen, hetero­sexuellen Zweierbeziehung empfunden haben, die in unserer Gesellschaft so normativ ist. Homosexuelle Partnerschaften mögen inzwischen akzeptiert sein, die Wahl, allein zu leben, wird meist noch eher bemitleidet und als defizitär gewertet. Hier unter uns mag es auch Einsamkeit inmitten von Paaren geben oder Neid ver­partnerter Menschen auf die Freiheit Allein­lebender. Die Liebe – zumindest in ihrer konkret gelebten Form – sie ist und bleibt eben ambivalent.

Die Liebe ist wie eine feurige Glut und eine gewaltige Flamme – sagt das Hohelied. Sie wärmt, sie spendet Licht, sie zieht uns Menschen magisch an – und sie wirft, wie jedes Feuer, auch Schatten – sei es als Liebeskummer, Eifersucht, Ab­hängigkeit, Selbstverleugnung. Keine Beziehung ist perfekt und doch ziehen Paare ihre Kraft für die nötigen Kompromisse oder auch für die Bereitschaft zu vergeben aus der Liebe, die sich durch viele Wasser und Ströme nicht auslöschen lässt. Und in Trauergesprächen erlebe ich immer wieder, dass die Liebe stark ist wie der Tod. Manche sagen sogar: stärker, weil der Tod die Liebe nicht einfach beendet.

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt: „Literatur kennt nur zwei Themen. Die Liebe und den Tod. Alles andere ist Mumpitz.“ Vielleicht könnte man dasselbe auch für Gottesdienste sagen. Denn Menschen beginnen nach Gott zu fragen, wenn sie von der Liebe oder dem Tod berührt werden. Ich meine damit nicht nur Menschen, die um eine Trauung oder Trauerfeier bitten, sondern uns alle, die wir hier sonntags sitzen, weil uns die wesentlichen Themen des Lebens umtreiben:
Bin ich liebenswürdig, bin ich liebensfähig?
Was zählt im Leben angesichts der Tatsache, dass es endlich ist?
Was trägt und hält im Leben und Sterben?
Kann das wirklich etwas anderes sein als die Liebe, die Liebe anderer Menschen und die Liebe Gottes?

Und spätestens dann wird deutlich, dass die Liebe nie eng­geführt werden kann auf die intime Zweierbeziehung. Dass es immer auch um die Liebe von Eltern zu ihren Kindern geht und umgekehrt. Dass die Zuwendung in engen Freundschaften manchmal haltbarer ist als das helle Feuer einer rauschenden Liebesbeziehung. Dass es auch um Nächstenliebe geht, ohne die unsere Gesellschaft nicht überleben kann. Und bei der Frage, woraus wir unsere Liebenswürdigkeit und Liebes­fähigkeit schöpfen, bleibt für mich als stärkste Antwort: die Liebe Gottes zu uns Menschen.

Die ganze Bibel ist im Endeffekt nichts anderes als eine Liebesgeschichte. Sie beschreibt die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung, vor allem zu uns Menschen. Sie erzählt auch von dem Liebeskummer, den Gott immer wieder mit uns Menschen hat, wenn wir nichts von ihm wissen wollen. Sie zeigt die Ambivalenz dieser Liebes­beziehung zwischen Gott und Mensch, lotet sie bis in die Tiefen hinein aus. Das Buch Hiob z. B. ist ein verzwei­felter Kampf zwischen Gott und Mensch um ihre Liebe angesichts von Leid, Ungerechtigkeit und Tod. Es ist die Nagelprobe dafür, ob das auch stimmt, dass „viele Wasser die Liebe nicht auslöschen können noch Ströme sie ertränken“.

Wenn immer mal wieder – auch von mir – so etwas floskelhaft von Gottes bedingungsloser Liebe zu uns Menschen gepredigt wird – in den biblischen Ge­schichten gewinnt diese Floskel Tiefe, nimmt Farbe und Gestalt an. Gestalt vor allem in der Person Jesu, der nichts anderes getan hat, als davon zu reden und vorzuleben, dass die Liebe Gottes zu den Menschen stark ist wie der Tod, feurig, leidenschaftlich. Diese Liebe schafft im wahrsten Sinn des Wortes Leiden. Erzählt wird davon in den Berichten vom Leiden und Sterben Jesu. Vielleicht ist es DIE Geschichte schlechthin davon, dass die Liebe stark ist wie der Tod und stärker noch.

Die Bibel ist aber nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen Gott und Mensch mit allen Höhen und Tiefen. Auch zwischen­menschliche Liebe in all ihren Facetten wird beschrieben: Oft steht die Nächstenliebe im Vorder­grund, aber nichts wird ausgeblendet, nicht mal die die erotische Liebe. Würde das Hohelied in der Bibel fehlen, ein ganz wesentlicher Teil zwischen­menschlichen Liebens würde fehlen. Deswegen glaube ich, dass wir nicht nur der übertragenen Auslegung verdanken, dass diese Schrift in unserer Bibel überlebt hat, sondern auch dem Wissen, dass das mit dazu gehört zum mensch­lichen Lieben, auch wenn es bei weitem und glücklicher­weise nicht alles ist, was die Liebe zu bieten hat.

So viele Facetten der Liebe zeigt uns die Bibel – in so vielen Formen: in Erzählungen, in weisheitlichen Sprüchen, in den Ermahnungen der Briefe, in poetischen Texten wie den Psalmen oder eben dem Hohelied. Und doch kann man die Liebe nie ausloten, nie vollständig beschreiben. Kann man sie überhaupt erklären? Bepredigen? Auslegen?
Wer versteht die Liebe?
Wer versteht den Tod?
Poesie führt uns auch immer an die Grenzen des kognitiven Verstehens, genau wie die erotische Liebe das tut. Aber wir alle erleben Liebe – immer wieder: Mal als hell loderndes Feuer, mal wie eine leicht vor sich hin glimmende Glut. Menschliche Liebe mag auch verglimmen. Göttliche Liebe glücklicherweise nie. In diesem Vertrauen beten wir den Gott der Liebe an. Amen.

Predigttext Teil 1: Johannes 5, 1- 9

Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. 6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Predigt Teil 1:

„Hört das denn nie auf?
Ändert sich in meinem Leben nie etwas?
Es bleibt doch sowieso immer alles beim Alten!“

Dieses Klagelied haben Sie sicher auch schon gehört – es existiert in den unterschiedlichsten Varianten:

Eine sagt z.B.:
Jetzt bin ich schon seit 12 Jahren in der Firma. Drei verschie­dene Chefs habe ich schon erlebt, aber das Arbeitsklima ist und bleibt einfach schlecht. Und von meiner 60 Stundenwoche komme ich einfach nicht runter! Es muss doch mehr geben, mein ganzes Privatleben bleibt auf der Strecke.

Eine andere jammert:
Ich bin 80 Jahre alt, mein Mann ist tot und meine Kinder haben nie Zeit! Früher habe ich mich immer um sie gekümmert, aber jetzt ist ihre Arbeit so wichtig, dass sie nur alle Schaltjahre mal bei mir vorbeikommen können. Also sitze ich hier alleine rum – was soll noch groß kommen in meinem Leben?

Und der nächste klagt:
Schon so lange bin ich gelähmt. Seit Jahrzehnten liege ich in diesem Sanatorium, in dem sich niemand so recht um mich kümmert. Andere werden geheilt, aber nir hilft ja niemand. Dieses letzte Klagelied steht schon in der Bibel – im Johannes­evangelium im 5. Kapitel, wir haben die Geschichte eben gehört.

Jesus begegnet einem Menschen, der leidet, der klagt. So wie wir Menschen begegnen, die leiden und klagen. Wir bemühen uns dann vielleicht, ihnen Mut zu machen – „Sieh doch nicht alles gleich so schwarz, hab doch Geduld, irgendwelche Wege finden sich immer“. Und dann ernten wir als Antwort oft Abwehr: „Ach, du hast gut reden, du musst ja nicht in meiner Haut stecken.“ Alle Versuche, den anderen zu trösten, werden so erstickt. Und manchmal macht mich das fast aggressiv und denke: Der gefällt sich ja in seiner Opferrolle. Die genießt ihr Klagelied. Und am besten sind dann auch noch die anderen schuld an der verfahrenen Situation. Der Staat, der nicht die richtigen Maß­nahmen trifft, der Chef, der die Arbeit unfair delegiert, die Kinder, die nicht genug Zeit haben, die anderen Kranken die vor ihm ins Wasser steigen. Aber wenn ich ehrlich bin: Natürlich bin ich genervt, weil ich das von mir selbst kenne. Weil auch ich gerne anderen die Schuld gebe, wenn es nicht so läuft, wie ich will. Weil auch ich immer wieder neue Klagelieder komponiere und in manche verliebe ich mich so, dass ich die Melodie gar nicht mehr loswerde. Ein richtiger Ohrwurm. Klar, dass andere entweder selbst mitsummen beim Klagelied oder eben einfach ab­schalten.

Jesus tut keines von beiden. „Willst du gesund werden?“ –fragt er. Das ist fast unverschämt. Was für eine überflüssige Frage. Natürlich will der Gelähmte gesund werden. Oder doch nicht? „Willst du dein Problem wirklich lösen?“

Unsere unglückliche Angestellte denkt über ihre Möglichkeiten nach: So einen gutbezahlten Job findet sie vermutlich nie wieder. In dieser Coronazeit sowieso nicht und die Jüngste ist sie auch nicht mehr. Wer weiß, ob das in anderen Firmen nicht genauso läuft. Das kann sie nicht riskieren. Da bleibt sie lieber in ihrer Abteilung, das kennt sie wenigstens und weiß, wem sie besser aus dem Weg geht.

Unsere 80-Jährige hat fast ihr ganzes Leben damit ver­bracht, für andere zu sorgen. Wie soll sie da das Leben plötzlich genießen? Noch dazu allein. Oder soll sie etwa losgehen und sich neue Freunde suchen. In ihrem Alter, wie soll das gehen? Im Seniorenkreis kennt sie doch niemanden. Da kann sie doch nicht einfach auftauchen. Nein, da bleibt sie lieber in ihrem Zimmer, wartet, dass die Kinder kommen, und ist traurig, dass es so selten ist.

Veränderungen machen Angst – das ist menschlich. Wir können das, was kommt, nicht voraussehen und befürchten oft das Schlimmste. Das lähmt uns, im wahrsten Sinn des Wortes. Auch der Gelähmte in der Geschichte sagt nicht freudig „Ja!“, als Jesus ihn fragt: „Willst du gesund werden?“ Er lässt sich gar nicht so schnell unterbrechen in seinem Klagelied. Er jammert einfach weiter: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt.“ Am liebsten möchte er hingetragen werden, am liebsten die Verantwortung für seine Heilung, für sein Leben in Jesu Hände legen. Getragen werden. Auch sehr verständlich. Aber wer sich tragen lässt, wird nie auf eigenen Beinen stehen.

Und die Frage ist im Raum: „Willst du gesund werden?“ Dadurch zwingt Jesus den Kranken, sich zu überlegen: Will ich das, will ich gesund werden? Was will ich? Mit dem Kranken wird nicht einfach irgendwas gemacht, er wird gefragt, was er selber will. Jesus fragt ihn nach seinen Erwar­tungen und seinen Wünschen. Das weckt seinen Lebenswillen und so kann die Gesundung beginnen. „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Der Gelähmte braucht niemanden, der ihn trägt. Er kann selbst Kräfte mobilisieren.

Das heißt nicht, dass wir uns allein aus jedem Leid heraus­kämpfen können und deswegen auch müssen. Gott hat uns Menschen so angelegt, dass wir den Mitmenschen brauchen. Nicht, dass er uns trägt, sondern, dass er uns zutraut, dass wir uns selbst tragen können. Der Kranke braucht Jesu Zuspruch: „Du kannst das, also mach!“ Und so wird Jesus ihm zu dem Menschen, von dem er vorher sagte: Ich habe keinen. Jesus wir hier zum Mitmenschen schlechthin – da geschieht Menschwerdung Gottes.

Und der Mann steht auf und geht. Halt nicht ganz – er nimmt sein Bett mit. Fast, als ob er sein Leid, plötzlich schultern kann, als ob seine Krankheit jetzt leicht genug ist, um sie zu tragen. Er streift seine Vergangenheit nicht völlig ab, das wäre auch unrealistisch – er nimmt sie mit.

Und jetzt wird es ja eigentlich erst spannend. Der ehemals Gelähmte geht in ein neues Leben. Er tut genau das, wovor die meisten Menschen Angst haben, selbst wenn sie noch so unzufrieden sind. Er ändert sich. Und was kommt dann? Und tatsächlich: Die Geschichte ist hier nicht zuende, sie geht weiter und zwar folgendermaßen:

Predigttext Teil 2: Johannes 5, 10-16

Es war aber an dem Tag Sabbat. Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: „Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen.“ Er antwortete ihnen: „Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: ‚Nimm dein Bett und geh hin!’“ Da fragten sie ihn: „Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: ‚Nimm dein Bett und geh hin?’“ Der aber gesund geworden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war. Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: „Siehe du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nichts Schlimmeres widerfahre“. Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hat.

Predigt Teil 2:

Der Mann beginnt sein neues – geheiltes – Leben und schon gibt es Stress. Eigentlich kein Wunder. Wer sein Leben verändert, der erschüttert auch das Leben seiner Mitmenschen, ob die nun wollen oder nicht.

Unsere klagende Angestellte verlangt ein Zwischenzeugnis und geht auf Jobsuche. Ihr Mann ist entsetzt: Was denkt dein Chef jetzt, der stellt dich doch jetzt aufs Abstellgleis, wenn er weiß, dass du auf dem Absprung bist. Und in der nächsten Sparrunde bist du dran. Wieso riskierst du deine sichere Stellung? So einen gut bezahlten Job findest du nie wieder!

Unsere 80-jährige hat den Weg in eine Senioren-Skatrunde gefunden, und nicht nur das: Sie hat dort jemanden kennen­gelernt, jemanden, den sie sehr nett findet. Die Kinder finden das lächerlich – Händchenhalten in deinem Alter, Mutter, das ist doch peinlich!

Wer am gewohnten Trott etwas ändert, der eckt an, der gerät schnell in Konflikte. „Du bist gesund geworden“ sagt Jesus, als er den Mann im Tempel sieht. Dieser Mann ist seine ersten Schritte gegangen, er hat nicht klein beigegeben, als man ihm vorgeworfen hat, dass er sein Bett herumträgt am Sabbat. Er hat es nicht abgestellt und stillgehalten. Er hat sich nicht wieder lahmlegen lassen. Er ist zum Tempel gelaufen.

„Du bist gesund geworden. Sündige hinfort nicht mehr, damit dir nicht Schlimmeres geschehe.“ sagt Jesus bei der zweiten Begegnung. Das gehört mit zur Heilung, denn Heil schließt Körper und Seele mit ein. Wenn etwas zerbrochen ist – eine Vase etwa – dann liegt es in Stücken. Wenn etwas heil ist, ist es ganz. Kein Mensch kann stückweise heil werden, das ist ein Widerspruch in sich. Heil für Körper und Seele gehört zusammen. Und es gehört auch zum Sabbat.

Jesus macht in dieser Begegnung und auch sonst immer wieder klar: Der Sabbat, der Ruhetag, mit allen seinen Vorschriften ist nicht dazu da, uns lahm zu legen. Sondern er soll uns helfen, wieder auf die Beine kommen. Im wahrsten Sinn des Wortes Kraft zu tanken, damit wir aufstehen und gehen können. Aber dazu muss man ab und zu sitzen dürfen, ausruhen. Das hat nichts mit Lähmung zu tun, sondern mit Heilwerden und Heilbleiben an Körper und Seele.

In vielen biblischen Geschichten wird erzählt, wie Menschen heil werden. Und es gibt viele weitere solche Geschichten, die nicht in der Bibel stehen. Gott traut uns zu, dass wir heil werden können. Er fragt uns, ob wir es wollen. Dann wird die Welt nicht rosarot sein, dann werden wir nicht tanzen und springen. Aber wir können aufstehen, unser Bett nehmen und gehen. Amen

 

 

 

 

 

 

 

 

Impuls von Dr. Stefan Atze:

„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ – haben wir in der Lesung gehört. Spätestens seit Martin Luther lesen wir das als Aufforderung, Gott mehr zu lieben als das Geld, als Aufforderung, unser Herz an die richtige Sache zu hängen: an Gott statt den Abgott „Geld“. Für die meisten von uns ist das für gewöhnlich nicht schwer. Ablenkung von Gott durch den Blick aufs Geld ist bei sicherem Einkommen, stabilen Renten und gut angelegtem Ersparten kaum ein Thema. Bei einer aktuellen Teuerungsrate von 8%, bei Nahrungsmitteln die fast 1/5 verteuert sind, bei Energiepreisen, die schon jetzt mehr als 1/3 erhöht sind verschiebt sich unser Blick.

Die Entwertung des Mammons hat begonnen, aber anders als von Jesus gefordert und von Luther weiterdgedacht. Nicht wir schreiben dem Geld weniger Wert zu, es wird selbst schlicht einfach weniger wert.

Was macht den Wert von Geld aus? Was ist Geld überhaupt? Wenn man genau hinschaut, wird die Verwechslungsgefahr zwischen Geld und Gott erschreckend hoch. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die Sache erst einmal einfach: Geld ist, was es tut: es ist Tausch- und Zahlungsmittel, Recheneinheit und Wertspeicher. Doch aus christlicher Sicht und unter der Frage „Geld oder Gott?“, lässt sich Geld auch theologisch beschreiben.

Geld ist allgegenwärtig, es durchdringt alle Lebensbereiche, was hat da nicht alles einen Geldwert: von der Kilowattstunde Heiz-Energie über das ausgestoßene CO2 bis zu einem Menschenleben in der Lebensversicherung. Nicht von ungefähr warnt Jesus vor dem Mammon, denn die Gefahr der Verwechslung von Geld und Gott liegt auf der Hand. Geld spielt überall eine Rolle und ist allgegenwärtig. Aber Allgegenwart ist doch eigentlich Kennzeichen und Wesensmerkmal Gottes.

„Geld ist geprägte Freiheit“, erkannte schon Dostojewski. Geld bedeutet die Freiheit, sich fast alles zu kaufen, sich frei zu bewegen und sich frei zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden zu können. Geld als Grund der Freiheit? Aber Christinnen und Christen glauben, dass nur Gott wahre Freiheit schenkt.

Geld wird heute – von den Zentralbanken – als Papier- und Münzgeld wie aus dem Nichts geschaffen und hat sogleich einen Wert. Geschaffen aus dem Nichts, klingt wie aus dem biblischen Schöpfungsbericht. Geld und Gott – zum Verwechseln ähnlich.

Und genau da geht es weiter: Fiat lux! – es werde Licht –, so beginnt der erste Tag in der Schöpfungsgeschichte. Genauso gibt es Fiat-Geld. Während früher das Geld unmittelbar durch einen realen Wert wie durch Gold gedeckt war, ist der Euro letztlich eine Glaubenssache. Heutigen Währungen sind künstlich erschaffen und durch keinen konkreten Wert gedeckt, was sich in der Finanzwelt eben Fiat-Geld nennt.

Fiat lux – fiat pecunia – es werde Geld. Natürlich haben wir ein berechtigtes Vertrauen in den Staat und die Zentralbanken, aber dennoch bleibt das Vertrauen in unser Geld Glaubenssache, wenn es selbst keinen Wert besitzt.

Und dieser Wert, den das Geld in unserem Alltag hat, schwindet gerade. Die Folgen spüren wir alle. Teuerung überall. Die Ursachen sind vielschichtig. Eine fragliche Energiepolitik, die in die einseitige Abhängigkeit geführt hat, Lieferprobleme bei vielen Waren, weil nach der Pandemie die globalen Lieferketten nicht wieder funktionieren.

Die Folgen sind für uns alle spürbar. Preise steigen, Mangel überall. Drohender wirtschaftlicher Abschwung, weil Unternehmen nicht wie gewohnt produzieren und arbeiten können. Sorge vor Wohlstandsverlust. Wenn der Blick ins Portemonnaie und auf die Heizkostenabrechnung uns Sorgenfalten auf der Stirn macht, ist es schwer, den Mammon Geld aus dem Sinn zu bekommen. Zu sagen, Geld zählt nicht, nur der ungetrübte Blick auf Gott und das Evangelium, fällt schwer, wenn wir uns um den nächsten Tag sorgen.

Geldentwertung – ist doch eigentlich gut, wenn der Mammon entmachtet wird, wenn Geld nicht all unser Denken und Handeln bestimmt. Aber Geldentwertung als Inflation trifft uns dann doch, ganz anders, ganz persönlich. In der Predigt wollen wir schauen, wie wir auch Gott und Geld trennen können, und was auch heute Hoffnung gibt. Im Anschluss hören wir jemanden, der Hoffnung schenkt, Frank von der Tafel.

 

Kurzpredigt von Pastorin Andrea Busse:

Über die Entwertung des Geldes, also über Inflation, wird gerade viel gesprochen. Hier und heute sprechen wir von der Entwertung des „Mammon“. Das meint im Endeffekt dasselbe, aber es wird anders gewertet. Denn bei dem Wort Mammon schwingt immer mit, dass Geld ja sowieso irgendwie ein bisschen anrüchig sei. Dieser alte Ausdruck „Mammon“ stammt aus dem Aramä­ischen. Uns wurde er überliefert durch einen Ausspruch Jesu, dessen Muttersprache ja Aramäisch war, nämlich: „Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Und in diesem Kontext beinhaltet Mammon als Bezeichnung für Geld eben eine nega­tive Konnotation. Gott und Geld treten in Konkurrenz: Wer sich also Sorgen macht, dass das Geld an Wert verliert, der hängt sein Herz nicht an den richtigen Wert, den, der stabil ist und bleibt – nämlich Gott. So einfach könnte man die Rechnung aufmachen. Dieser Kurz­schluss mag nahe liegen, aber es ist eben ein Kurzschluss. Angesichts der Geldsorgen von Menschen ist er fast zynisch. Und auch die Bibel behandelt das Thema Geld ja durchaus viel­schichtiger als es dieser so prägnante und deswegen auch bekannte Ausspruch suggeriert.

Wenn wir über die Ent-wertung des Mammon nachdenken, dann geht es natürlich nicht nur um Geld, sondern auch um Wert oder besser um Werte. Darüber lässt sich besonders gut philo­sophieren, wenn man satt ist und warm sitzt. Aber weil ich mal davon ausgehe, dass wir hier heute morgen hier alle satt sind und einigermaßen warm sitzen, können wir uns das viel­leicht mal leisten. Ich vermute (und hoffe), dass für uns alle „eat or heat“ nicht zutrifft. Wohl aber, dass wir mehr zahlen, wenn wir bei EDEKA an der Kasse stehen und vielleicht die Heiz­kosten­pauschale vorsichtshalber hoch­setzen. Die meisten von uns hier haben – ich sage wieder: vermutlich und hoffent­lich – keine richtigen Verarmungs­ängste. Möglicherweise aber durch­aus Geldsorgen. Denn ab wann man sich – auch als im globalen Vergleich reich geltender Mensch – Sorgen macht, das ist subjektiv. Sorgen werden nicht weniger, wenn man darauf verweist, dass andere größere Sorgen haben oder eine größere Berechtigung haben, sich Sorgen machen zu dürfen.

Was also sind – bei allen Sorgen um das weniger wert werdenden Geld – unsere Werte? Wenn ein Pfeiler unseres Lebens und unseres Alltags weniger wert wird, wie im Moment das Geld, was erfährt dann im Gegenzug eine Auf­wertung? Was wird in die Waagschale geworfen, wenn sich die Ge­wichtungen verändern, ohne, dass wir es beeinflussen können? Da sind wir bei der grundlegenden und immer auch religiösen Frage: Was ist wichtig und wesentlich?

Wenn ich versuche in den Stadtteil zu lauschen, dann nehme ich zum einen schon auch eine große Dank­barkeit wahr bei Menschen, denen bewusst ist, wie gut es ihnen noch immer geht und weiterhin gehen wird. Und zum anderen die ehrliche Sorge um Menschen, bei denen das nicht so ist. Keine Ahnung, wie repräsentativ meine Wahrnehmung ist, ob das nur die Seite ist, die man der Pastorin zeigt, oder ob mein Wunschdenken da auch mitschwingt. Aber wenn nicht allein die Sorge, sondern auch die Für-Sorge zunehmen würde, wäre das ein gutes Zeichen.

Unsere Überschrift „Die Entwertung des Mammon“ kann man ja zweifach verstehen. Zum einen, dass das Geld an Wert verliert, darauf haben wir, die wir hier sitzen wenig Einfluss. Zum anderen könnte man dieses Motto aber auch so deuten, dass man die Wertigkeit des Geldes ganz bewusst durch anderes, dem man einen höheren Stellenwert zuschreibt, entwertet – das können Menschen aktiv und bewusst tun. Und wieder: Das können vor allem natürlich die tun, die genug Geld haben.

Die alleinerziehende Mutter, die zur Tafel kommt, und dort weniger mitnehmen kann als früher, weil mehr Menschen dort versorgt werden müssen und weniger gespendet wird, die ist vollauf damit beschäftigt, den Pegel auf ihrem Konto zu beobachten. Was für sie zählt, ist, wie viel sie für das Geld, das sie besitzt, für sich und ihre Kinder kaufen kann. Ihr zu sagen, sie solle dem Geld nicht so einen großen Stellenwert in ihrem Alltag zumessen, ist nicht besonders realitätsnah und auch nicht einfühlsam. Je mehr das Geld fehlt, das ist die Erfahrung, desto größeren Raum nimmt es – verständlicherweise – ein in den Überle­gungen des Alltags. Deswegen noch einmal: die Umwertung der Werte muss man sich leisten können. Aber wer es sich leisten kann – und ich zähle mich dazu – für den und die ist es wichtig, sich bewusst mit dem Wert zu beschäftigen, den man Geld in seinem Leben zumisst. Denn die Logik, die ich gerade aufge­macht habe, funktioniert leider nicht automatisch umge­kehrt. Wer viel Geld hat, für den spielt es nicht automatisch eine geringere Rolle.

Wenn das Geld weniger wird, wenn die, die sowieso nicht genug haben, noch weniger haben, sind sie um so mehr darauf angewiesen, dass die, die noch genug haben, bereiter werden von dem, was auch für sie weniger wird, abzugeben. Werte wie Fürsorge, die sich auch in Geldspenden ausdrückt, wie Solida­rität, die sich in Umverteilung verwirklicht, werden kostbar. Und der Appell, der mitschwingt wird drängender. Der Appell, frei­giebiger zu werden, Werte wie soziale Gerechtigkeit spürbarer umzusetzen. Etwas mehr Verzicht zu üben, um anderen zu helfen. Die Aufforderung, über sich und die eigene Familie hinauszublicken und die in den Blick zu nehmen, die nicht in die eigene Blase gehören.

Es gehört sicher in die politische Debatte, inwieweit solche Forderungen angemessen sind und wie sie – möglichst gerecht und wirksam – umgesetzt werden könnten. Ich finde, es gehört auch in die kirchliche Debatte. Und ich bin überzeugt, dass wir als Kirche noch einen anderen Aspekt in beisteuern können. Eben weil es um Werte geht. Je mehr andere Werte in unserem Leben zählen, desto besser können wir mit der Ent-wertung des Geldes umgehen. Je weniger Geld das ist, was uns im Leben letzendlich Sicherheit gibt, was uns versorgt, trägt und hält, desto freier sind wir im Umgang mit Geld – sei es, dass wir bei knapper Kasse trotz­dem zuversichtlich bleiben können, sei es, dass wir uns bei vollem Portemonnaie freigiebig zeigen. Die Alternative „Gott oder dem Mammon dienen“ kann man auch weniger fordernd und eher entlastend formulieren im Sinne von: Sich auf Gott oder Geld verlassen. Gott oder Geld vertrauen.

Der wesentliche Unterschied zwischen Gott und Mammon, hat Luther einmal gesagt ist, dass der Besitz von Geld fröhlich mache und die Abwesenheit zu Verzweiflung führt, während Gott auch in der Not das Hoffnungsziel des Glaubens ist. Vertrauen kann man nicht fordern. Genau so wenig, wie man Sorgen verbieten kann. Der wunderbare Anti-Sorgen-Text aus dem Matthäusevanglium, den wir vorhin gehört haben, lässt sich deswegen nie als Forderung predigen, im Sinne von: Hab doch Gottvertrauen, egal wie es auf deinem Konto aussieht. Das hilft niemandem. Aber der Text kann trotzdem zu uns sprechen, kann uns immer wieder trösten und zuversichtlich stimmen. Und ich sehe es als Geschenk, wenn ich dieses Gottvertrauen – das ich nicht von anderen einfordern darf – selbst empfinden kann.

Das Schöne an dem Wort „Sorgen“ im Deutschen ist ja, dass es diese zweifache Bedeutung hat. Wenn ich es mal auf Englisch ausdrücke, steckt ja nicht nur „to worry“ darin – also das ängstliche Grübeln – sondern auch „to care“ – sich um andere sorgen, sie versorgen, sich um sie kümmern. Die Für-sorge also. Je freier ich von meinen Sorgen bin, weil ich mich versorgt weiß, desto besser kann ich für andere sorgen. Und das Sich-versorgt-Wissen, das mag unterschiedliche Quellen haben. Ich kann mich versorgt wissen, weil ich finanziell abgesichert bin, und / oder weil ich mich Gottes Fürsorge anvertrauen kann.

Wenn wir als Christen und Christinnen uns gut versorgt wissen und deswegen zu „fröhlichen Gebern“ werden, zu Menschen, die für andere da sein und für andere Geld spenden können aus der inneren Einstellung heraus: „Ich bin so frei!“, dann leisten wir einen wichtigen gesellschaftspolitischen Beitrag. Was ich Ihnen und uns also wünsche, ist, dass wir bei aller Sorge um das Geld – der ich nicht die Berechtigung absprechen möchte und die ich auch kenne – immer wieder darauf vertrauen können, dass wir versorgt sind. Amen.

Zitat aus dem Roman Dunkelblum von Eva Menasse:

„Das ist eben das Problem mit der Wahrheit. Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis. So war es auch in Dunkelblum.“ (S. 253)

Lesung aus dem Roman Dunkelblum von Eva Menasse:

Am Schluss des Romans betritt ein Bauer – es könnte auch irgendein anderer der Bewohner Dunkelblums sein – die Kirche des Dorfes:

„Er war lange nicht einfach so in der Kirche gewesen, und welche Kraft oder Macht immer ihn darum bat, sie hatte recht. (…) Er hatte vor, sich mittendrin in eine der Bänke zu setzen und die Stille auf sich wirken zu lassen, aber es zog ihn weiter, bis nach vorne, vor das Altarbild mit dem letzten Abendmahl. (…) An der Seite stand ein Mann, er war gerade hereingekommen. Blass und verstört schaute er auf Jesus, der sich bereits erhoben hatte. Dieser Mann war Judas, natürlich, aber es sah gar nicht böse aus, nur unendlich verzweifelt. (…) Unter ihm standen die berühmten gefiederten Teufelchen (….) Als der Faludi-Bauer auf den Messias schaute und dessen Gesichtsausdruck zu ergründen suchte, begannen sich die kleinen Teufel am Rand des Gesichtsfeldes zu bewegen. Und er hörte sie flüstern. (…) ist es nicht, glaubte der Faludi-Bauer zu verstehen, Geschichte, ist nicht, das. Der Faludi-Bauer hielt den Atem an, schloss die Augen und bekreuzigte sich. Und nun hörte er es klar, im Chor gesprochen von vielen boshaften Stimmen, die zwischendrin metallisch kicherten. Sie wiederholten es immer wieder, es kam ihnen unendlich lustig vor, den kleinen gefiederten Teufeln auf dem dreiflügeligen Altzar der Kirche von Dunkelblum: Das ist nicht das Ende der Geschichte.“ (S. 510 – 512)

Predigt

Die Wahrheit ist das erste Opfer des Krieges sagt eine Weis­heit. Wir erleben das im Moment wieder, wenn wir Nach­richten aus der Ukraine hören, die regelmäßig begleitet werden mit dem Satz: „Nachprüfen lassen sich diese Angaben nicht“. Bei vergangenen Kriegen lassen sich Angaben oft noch schlechter nachprüfen und je stärker es bei dem Geschehenen auch um Schuld geht, desto größer das Interesse, die Wahrheit – ich sag mal – „auf sich beruhen zu lassen.“ Wie trügerisch diese Ruhe ist, das erlebt das kleine Städtchen Dunkelblum im Burgenland in den Spätsommertagen des Jahres 1989. Nicht nur, dass an der nahegelegenen Grenze zwischen Österreich und Ungarn die Dinge in Bewegung kommen und sich plötzlich manches und mancher nicht mehr ausgrenzen lässt. In diesen Tagen trifft auch ein Besucher in der Stadt ein, den keiner kennt, bzw. er-kennt, und der doch wiederum Dunkelblum und seine Vergangenheit zu kennen scheint. Dieser Besucher ist auf der Suche nach der Wahrheit, die man auf sich beruhen lassen wollte und die dort sprichwörtlich als Leiche im Keller liegt – bzw. auf der Rotensteinwiese. Auf dieser Wiese nämlich könnten die Opfer eines Massakers vergraben sein, das kurz vor Kriegs­ende an jüdischen Zwangsarbeitern verübt wurde. Manche Dunkelblumer wissen davon, manche befürchten es, andere sind ahnungslos. Aber graben will dort lieber keiner!
Nur der Besucher, der mit kleinen Holzkästen angereist ist, kleinen Urnen, in denen die menschlichen Überreste, die er zu finden hofft, dann tatsächlich zur Ruhe gebettet werden könnten. Was innerhalb des Romans nicht geschieht. Und das ist das Problem: Die Leichen werden eben nicht gefunden. Und des­wegen ist die Geschichte noch nicht zuende, wie die Teufel­chen es am Ende treffend zusammenfassen.

Man könnten ja fragen – und Rezensenten des Buches haben so gefragt: Muss das sein? Schon wieder ein Nazi-Roman, schon wieder die Geschichte vom Nazi-Opa, ist das nicht längst ausgelutscht. Aber die Leichen in Dunkelblum sind eben noch nicht geborgen. Sie werden noch immer ver-borgen vom „tosenden Dunkelblumer Schweigen“.

Dunkelblum ist dabei eine Chiffre für den österreichischen Ort Rechnitz, nahe an der ungarischen Grenze gelegen. Dort feierten am Palmsonntag 1945 die örtlichen SS-Leute und deren Kollaborateure ein Fest – und ermordeten im Rahmen ihrer Feierlichkeiten 200 jüdische Zwangsarbeiter. Aufgeklärt wurde das Verbrechen nie: Verantwortliche setzten sich ins Ausland ab, Zeugen wurden ermordet, andere schwiegen dann lieber.

Und auch die Autorin Eva Menasse liefert keine Aufklärung – so gerne man die als Leserin hätte. Sie macht das, was alle machen: Sie schweigt über das, was eigentlich die Mitte ihrer Erzählung ist, nämlich jenes Massaker. Diese Nacht wird immer nur vorsichtig gestreift, angedeutet, meistens wird darum herum­­geredet oder eben gar nichts dazu gesagt.

Und doch spiegeln sich die Geschehnisse in den Bio­gra­fien und Persön­lich­keiten ihrer Dunkelblumer:
Sie spiegeln sich in der Hilfslosigkeit des Hobbyhistorikers Rehberg, dem die Wahrheit je mehr er forscht, desto mehr durch die Finger zu gleiten scheint. Sie zeigen sich im ver­narbten Gesicht des sogenannten „geschlickten Schurl“, der einst das Schweigen brechen wollte und dem die Strafe der Nachbarn dafür ins Gesicht geschrieben steht. Da sind die Erzählungen über den grausamen Schlächter Horka, der – ob­wohl am Massaker maßgeblich beteiligt – jahrelang unbehelligt blieb, bevor er dann doch verschwinden musste. Während sein öliger Gönner Dr. Alois Ferbenz, Machtzentrum des Dorfes, bleibt – bevor in einem Interview seine braune Wahrheit aus ihm heraus­bricht, was man als alters­dementen Ausrutscher schnell unter den Teppich zu kehren versucht. Und dann sind da noch die jungen Leute von außerhalb, die den jüdischen Friedhof sanieren – für die kleinen Holzkästchen des jüdischen Heim­kehrers, den eben keiner erkennen will. Und sehr sympathisch kommt die Ahnungslosigkeit des jungen Lowetz daher, dessen verstorbene Mutter eben jenen jüdischen Besucher damals in den letzten Kriegstagen ver­steckte.

Ich muss gestehen, dass ich immer darauf gewartet habe, dass dieser Lowetz im Endeffekt doch alles aufdeckt und die Schul­digen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber sein Gefühl, dass alles, was da in Dunkelblum so wabert, doch unterirdisch irgendwie zusammenhängt, das kommentiert er zum Schluss mit: „Ich hab einfach nur gesponnen“. Der Roman ist eben kein Krimi, wo zum Schluss der Täter verhaftet wird.

„Rund um Dunkelblum“ – so schreibt Eva Menasse – „übersteigt die Anzahl der Geheimnisse seit jeher die der aufgeklärten Fälle um ein Vielfaches. Es ist, als ob die Landschaft, die hier erst noch wie eine saftiggrüne bestickte Samtborte aufgeschoppt und gekräuselt wurde, bevor sie abstürzt ins Flache, Gelbe, Endlose, sich grundsätzlich verwahrt gegen das Durchschaut werden. Und als ob das auch ihre Einwohner beträfe, die sich ähnlich disparat verhalten, alle beobachtend, nichts verstehend. Alles kommentierend, nichts erklärend.“

Das lässt uns als Leser und Leserin unbefriedigt zurück. Die Teufel kichern und wispern: „Das ist nicht das Ende der Geschichte.“
Ist das jetzt eigentlich eine Drohung oder eine Verheißung?

Was wäre, wenn die Leichen gefunden und der Besucher sie auf dem jüdischen Friedhof zur letzten Ruhe würde betten können. Würde Ruhe einkehren? Würde die Geschichte ihr Ende finden, wenn klar für jedermann ersichtlich würde, was die Horkas und Ferbenz, die Schurls und Rehbergs und all die anderen Dunkelblumer getan oder nicht getan oder zu tun unterlassen haben? Wenn die ganze Schuld klar und unzwei­deutig an die Oberfläche geholt werden könnte? Wäre dann der Wahrheit genüge getan?

Welcher Wahrheit? Wessen Wahrheit? Wie viele Wahrheiten gibt es da?

Ich finde den Roman gerade deswegen klug, weil er so realitäts­nah beschreibt, dass man die Wahrheit leider meist nicht eindeutig zu Gesicht bekommt, sondern eben nur gespiegelt in den Geschichten, schillernd, schwammig, gebrochen. Und doch ist auch das – zumindest in christlicher Sicht – nicht das Ende der Geschichte. Paulus schreibt:

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“

Auch hier bin ich versucht zu fragen. Ist das jetzt Drohung oder Verheißung? Immer nur fragmentarisch zu wissen, nur stück­weise zu erahnen, das ist unbefriedigend. Aber wenn es um eigene Schuld und Scham geht, dient es oft dem Schutz. Denn auch wir ahnen ja manchmal nur, was an dunklen Seiten in uns verborgen liegt und wollen gar nicht gerne graben und das alles ans Licht bringen. Und doch – das ist nicht nur biblische Weisheit, sondern auch psychologische – kann die Wahrheit frei machen. Das ist es ja, was wir uns von Büchern erhoffen und was uns dieser Roman vorenthält. Eine Art Karthasis – das Gefühl, jetzt ist endlich reiner Tisch gemacht worden – und das Aufatmen, das damit einhergeht – manchmal ja auch bei den Schuldigen, wenn das Verstecken und Ver­stellen ein Ende hat. In Dunkelblum bleibt das befreite Auf­atmen aus, das Leben geht weiter seinen Gang: Der Besucher ist wohl abgereist, der Arzt wird pensioniert, Lowetz verliebt sich.

Bleibt die Wahrheit da nicht auf der Strecke?
Und wieder: Welche Wahrheit eigentlich?

Der hebräische Begriff für „Wahrheit“ im Alten Testament hat dieselbe Wurzel wie die Wörter für „Glaube“ und „Treue“. Wahrheit im biblischen Sinne bedeutet also nicht, dass eine Aussage mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern dass man sich darauf verlassen kann. Sie hat Bestand und der, der etwas sagt, ist treu. Wahrheit ist das, was Menschen meinen, wenn sie jemanden als „wahren Freund“ bezeichnen oder sagen, dass jemand ein „wahres Wort“ gesprochen habe.

Wahrheit ist in diesem Sinne also kein ans Licht Zerren von Fakten, auch kein Ausgraben von Schuld. Sondern die Mög­lichkeit, sich selbst – und der eigenen Schuld! – ins Auge zu sehen. Das aber geht nicht mit einem Spiegel, der mich selbst auf mich zurückwirft, sondern das geht nur, wenn ich ein Gegenüber habe – so wie Paulus schreibt:

„Dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“

Ich kann mich erkennen, kann meiner Wahrheit über mich ins Auge schauen, weil ein anderer sie sieht, mich sieht, mich erkennt. Dieses Erkennen – das muss man dazu sagen – ist im biblischen Kontext immer ein gnädiges. Die Verse über den Spiegel und das Erkennen stehen im 1. Korintherbrief im 13. Kapitel, ein Kapitel, das auch das Hohelied der Liebe genannt wird. Diese Sätze sind gerahmt mit Aussagen wie: „Die Liebe hört niemals auf.“ und „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ In diesem Kontext, in einem liebevollen Umfeld kann man sich und seiner Wahrheit ins Auge blicken. Kann man auch Schuld annehmen, erkennen, be-kennen.

Die Teufelchen haben recht. „Das ist nicht das Ende der Geschichte.“ Wir sehen vieles durch einen Spiegel in einem dunklen Bild. Vieles lässt sich nicht nachprüfen. Viele Leichen liegen in Kellern. In unseren eigenen und in denen anderer. Und ja, wir müssen danach graben, damit die Leichen ihre Ruhe finden – und wir.

Aber es ist nicht nur eine Drohung der Teufelchen, dass die Geschichte nicht zuende ist. Auch Gott verheißt uns, dass die Geschichte weitergeht. Nicht dereinst einmal, sondern auch hier und heute, wenn wir uns der Wahrheit stellen können, weil wir uns erkannt wissen – in Gottes liebevollem Blick. Amen.

 

 

 

Predigttext:

Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind, ihm gleich geworden in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein. Wir wissen ja, dass unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, sodass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. (Römer 6, 3-8)

Predigt:

Als ich 7 Jahre alt war, zogen meine Eltern aufs Land. In ein mittelgroßes Dorf. Sie waren das, was man dort im Badischen „Noigschneite“ nennt – Hereingeschneite, also Zugezogene. Mein Schulweg führte mich durch das ganze Dorf. Und immer wieder sprachen mich wildfremde Leute an und fragten: „Zu wem käschen du?“ auf Deutsch: Zu wem gehörst du denn? Die Frage hat mich am Anfang – nicht nur wegen des Dialektes – ratlos gemacht. Aber bald habe ich gelernt, was die richtige Ant­wort war, nämlich: Busse. Mein Name. Die Frage war eigentlich „Wer bist du?“ Und wer ich bin, das definiert sich eben darüber, zu wem ich gehöre: Damals zu diesem Ehepaar Busse, was im Neu­baugebiet eines der ersten Häuser bezogen hatte. Identität hängt an Zugehörigkeit habe ich als 7-Jährige von den Dorfbewohnern gelernt.

Zu wem gehörst du? Wie würden Sie diese Frage spontan beantworten?
Gehören wir in erster Linie zu unserer Familie, zu denen, deren Namen wir tragen?
Zu denen, deren Sprache wir sprechen, vielleicht auch deren Dialekt.
Zu unserem Millieu mit ähnlichem Bildungs­grad und Wohl­stand? Zu unserer „Blase“ also?
Zu denen, mit denen wir grundlegende Überzeugungen teilen?
Oder zu jenen, mit denen uns ein gemeinsamer Glaube ver­bindet, die sich wie wir Christen und Christinnen nennen?

Der Grundstein für diese Zugehörigkeit wird in der Taufe gelegt. Taufe bedeutet ganz formal: Aufnahme in die christliche Gemeinde. Dazugehören. Mitglied sein. Nur mit dem Mitgliedsein ist es so eine Sache – wie wir vor kurzem bei der Sylter Promihochzeit erleben durften. Denn die Kirchen­mitgliedschaft lässt sich ja auch wieder beenden. Heißt aus der Kirche austreten, ich beende auch mein Christsein? Wenn ich die Kirchensteuer sparen will, bin ich dann keine Christin mehr? Wenn mich etwas an der Institution Kirche ärgert und ich das nicht mittragen kann, bin ich dann kein Christ mehr?

Wenn Menschen sich hier in unserer Gemeinde für eine Trau­ung oder ihre Kinder für die Taufe anmelden, schreiben sie ins Anmeldungsformular bei „Religions­zu­gehörigkeit“ oft „evange­lisch“, obwohl sie aus der Kirche ausgetreten sind und damit eigentlich „konfessionslos“ ins Formular eintragen müssten. „Konfessionslos“ aber scheint ihnen gar nicht als Beschreibung für sich selbst zu passen. Und als Grund höre ich dann oft: „Aber ich bin doch getauft!“ Obwohl ausgetreten, fühlen sie sich weiter zugehörig. Es gehört zu ihrer Identität.

Theologisch gesehen haben sie nicht ganz unrecht. Die Taufe ist unverwüstlich, also nicht rückgängig zu machen, immer gültig. So schreibt es Paulus in seinem Brief an die Römer, aus dem wir vorhin einen Aus­schnitt gehört haben. Dort beschreibt Paulus die Taufe als eine Sache von Leben und Tod: „Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft. So sind wir mit ihm begra­ben durch die Taufe in den Tod, damit – wie Christus auferweckt ist von den Toten – auch wir im neuen Leben wandeln.“

Die Taufe als Tod des alten Menschen, als Beginn eines ganz neuen Lebens. Wer damals Paulus Zeilen gelesen hat, hatte das vor Augen: Taufe hieß, ein Erwachsener wurde komplett untergetaucht, ersäuft sozusagen, und kam dann als neuer Mensch, sauber und rein, wieder an die Wasseroberfläche – wie neu geboren. Das war damals nicht nur ein symbolischer Akt. Man starb zwar keinen biologischen Tod, aber durchaus einen biografischen. Wer sich damals durch die Taufe der neuen jüdischen Bewegung der Jesus-Anhänger zugehörig bekannte, für den begann ein neues Leben. Wir wissen aus den histori­schen Berichten, dass es für Getaufte nicht weitergehen konnte wie zuvor, dass diese Entscheidung manchmal ganze Familien entzweite, dass man dann eben nicht mehr zur leib­lichen, sondern zur geistlichen Familie gehörte. Die sozialen Spielregeln, die den Alltag zuvor bestimmt hatten, wurden außer Kraft gesetzt: Schranken zwischen Juden und Heiden, Sklaven und Freien, Männer und Frauen entfielen. Schlimmsten­­falls musste man mit Diskriminierung und Verfol­gung rechnen. Taufe war also ein einschneidendes Ereignis, ein Akt von Leben und Tod. Und die Frage nach dem „Zu wem gehörst du?“ wurde neu beantwortet: Zu Jesus Christus und zu all denen, die sich nach ihm ebenfalls Christen und Christ:innen nennen.

Das alles hat auf den ersten Blick wenig mit dem zu tun, wie wir heute Taufe feiern. Es ist bezeichnend, dass von dem symbo­lischen Akt des Untertauchens bei uns nur noch ein paar Tröpf­chen Wasser auf den Kopf übriggeblieben sind. Ein Baby oder Kleinkind, dessen Leben gerade begonnen hat, stirbt keinen bio­grafischen Tod, es ändert sich faktisch nichts. Familien, die ihre Kinder zur Taufe bringen, sprechen nicht vom Sterben und Auferstehen Christi, sie wünschen sich schlicht den Segen Gottes, seine Bewahrung und Begleitung – und auch, dass das Kind mit christlichen Werten aufwächst. Und da wiederum, finde ich, sind wir doch eigentlich gar nicht so weit von Paulus entfernt. Denn auch da geht es darum: Zu wem gehörst du? Wessen Kind bist du?

Taufe ist heute kein radikaler Bruch mehr mit alten Lebens­bedin­gungen, wir wachsen in den Glauben hinein, werden darin sozialisiert, und manchmal wachsen Menschen auch wieder hinaus. Das sind keine dramatischen Entscheidungen, sondern Entwicklungen, Übergänge. Aber der Kern bleibt, nämlich die Frage: Zu wem gehöre ich? Wessen Kind will ich sein?

Es ist schön, zu jemanden zu gehören. Ich glaube sogar, es ist lebensnotwendig: Kein Mensch will nur auf sich selbst zurück­geworfen sein. Wir sind Beziehungswesen, wir brauchen Zuge­hörigkeit. Menschliche Beziehungen, selbst familiäre, sind brüchig. Nicht jede Ursprungsfamilie bietet den schützenden Rahmen, den Kinder brauchen, nicht jede Ehe hält. Familien scheitern und zerfallen. Menschen fallen aus Blasen heraus, aus Milieus. Manche verlieren – wie z.B. Geflüchtete – auch Vaterland und Mutter­sprache. Die Taufe dagegen ist unver­wüstlich. Sie verspricht eine Bindung, die hält und bleibt – die in Leben und Tod hält und bleibt. So Paulus.

Aber wie immer ist Paulus sehr theoretisch und schmeißt mit großen Vokabeln und abstrakten Gedanken­gängen um sich, die mühsam zu übersetzen sind, z.B. seine Rede von der Sünde. In der Taufe sind wir der Sünde gestorben, „so dass wir hinfort der Sünde nicht dienen.“ Es gab Zeiten in der Kirchen­geschichte, als sich Gläubige erst auf dem Sterbebett haben taufen lassen, damit sie nach der Taufe ja nicht mehr sündigen konnten. Von Kaiser Konstantin dem Großen wird das z.B. behauptet.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Paulus das so gemeint hat. Natürlich machen auch Menschen, die getauft sind, Fehler, scheitern, werden schuldig. Es geht nicht um moralische Ver­fehlungen. Es geht um die Frage, zu wem ich gehöre. Das Wort Sünde kommt von ab-sondern, sich von jemandem trennen – in diesem Fall von Gott. In der Taufe bietet Gott uns seine Be­ziehung an. Dieses Beziehungsangebot ist und bleibt gültig. Wir sind Gottes Kinder. Auf göttlicher Seite bleibt diese Beziehung bestehen, sie kennt keine menschlichen Grenzen – außer unseren eigenen eben. Gott verlässt uns nicht, wenn wir ihn verlassen. Aber es mag sein, dass wir ihn dann nicht mehr in unserem Leben spüren, wenn wir uns ab-sondern. Ich glaube, das meint Paulus mit Sünde.

Soviel zur abstrakten Tauftheologie. Wenn ich überlege, wie sich das mit konkretem Leben füllt, dann muss ich an eine Frau aus einer meiner früheren Gemeinden denken. Sie war relativ jung Witwe geworden und hatte keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter. Irgendwelche Konflikte muss es da wohl gegeben haben, sie wollte nicht darüber sprechen. Aber sie hat oft über das Gefühl gesprochen, zu niemandem zu gehören. Sie kam relativ regelmäßig in den Gottesdienst, getrieben von dem Bedürfnis, irgendwo dazuzugehören. Einmal sagte sie, sie habe Angst, sich selbst zu verpassen, nicht sagen zu können, wer sie sei. Ehefrau sei sie schon lange nicht mehr, Witwe war für sie nur ein Begriff, der den Mangel definierte, als Mutter habe sie versagt, berufstätig war sie aus Alternsgründen auch nicht mehr. Sie hatte Angst, auf die Frage: „Zu wem gehörst du denn?“ keine Antwort zu wissen, und so wiederholte sie mantra-artig: „Ich bin ein Kind Gottes“. Nach dem Gottes­dienst ging sie jedes Mal zum Taufbecken und legte die Hand darauf. Es war fast eine magische Handlung. Als ob das Kind­sein Gottes sich durch die Berührung mit dem Stein bewahr­heiten könnte. Und immer wenn Taufe gefeiert wurde, konnte ich sicher sein, dass sie zum Gottesdienst kam und alles aufge­sogen hat, was ich oder andere zur Taufe gesagt haben.

Natürlich ist die Pointe der Taufe, dass wir zu Gott gehören, dass es etwas über uns, über jede und jeden von uns zu sagen gibt, was über das hinausgeht, was wir uns selbst sagen können, was andere über uns sagen, nämlich: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Und doch blieb bei mir oft das Gefühl, dass diese Sätze, nach denen die Frau so be­dürftig war, vom Kopf gar nichts ins Herz wandern konnten.

Einmal habe ich sie ganz anders erlebt: Das war auf einem Gemeindeausflug. Wir waren in eine Klosterruine gefahren, hatten dort eine Führung bekommen, gemeinsam im Garten gepicknickt und waren dann zum nächsten Dorf gewandert. Sie war mittendrin, spielte mit den Kindern, war angeregt im Ge­spräch mit anderen Teilnehmerinnen, schenkte beim Pick­nick den Kaffee aus den Thermoskannen aus und schien so gelöst, wie ich sie in der Kirchenbank nie erlebt habe. Ich denke, dass ihr ganz schlicht die Gemeinschaf gutgetan hat. Sie gehörte dazu – zu dieser Gemeinde. Dazu musste sie nicht Mutter oder Ehefrau oder Physiotherapeutin sein, sondern einfach mit dabei.

Kind Gottes sein – das lässt sich nicht immer mit Leben füllen, wenn wir es rein bilateral zwischen Gott und uns aushandeln. Es wird lebendig und anschaulich und spürbar in der Gemein­schaft derer, die Kinder Gottes sind. Und deswegen glaube ich, dass die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft eben doch nicht be­liebig ist. Dass es nicht nur ein formaler Akt ist, dass die Taufe die Kirchenmitgliedschaft begründet.

Auch Gemeinden sind keine perfekten Gemeinschaften, man kann sich auch unter Christen und Christ:innen einsam fühlen. Und doch erlebe ich immer wieder, wie das, was uns in der Taufe versprochen ist, in einer Gemeinde gelebt wird: Wenn wir beim Kirchenkaffee miteinander schnacken, wenn man sich auf der Straße erkennt und grüßt, wenn man über unterschiedliche Ansichten diskutiert, weil sich die Blasen und Überzeugungen dann auch mischen, wenn Menschen sich ehrenamtlich ein­bringen, weil ihnen daran gelegen ist, dass in dieser Gemeinde Feste gefeiert und Veranstaltungen stattfinden können. Wenn wir gemeinsam das Glaubensbekenntnis sprechen.

Dieser Sonntag erinnert uns daran, was es heißt, getauft zu sein: Wir gehören dazu. Wir gehören zu Gott, der uns bei unserem Namen ruft. Und wir gehören zur Gemeinschaft derer, die in Jesus Christus ihren Namen gefunden haben. Amen.

 

Predigttext:

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog. (1. Mose 12, 1-4)

Predigt:

Aufbrechen wirbelt Staub auf: Im Falle von Abrams Aufbruch ist es im wahrsten Sinne des Wortes Jahrtausende alter Staub. Vielleicht Sternenstaub. Ich zumindest sehe Abraham immer unter dem Sternenzelt stehen, wenn er die göttliche Stimme hört und die Segens­verheißung bekommt. Stellen wir uns also mit ihm heute hinein in diesen Staubwirbel – und gucken, ob der uns bloß husten lässt oder ob er uns Stern­schnuppen verheißt.

Die göttliche Stimme treibt Abram mitten in der Nacht vor das Zelt. „Geh!“ Schon seit Wochen hört er diese Stimme in sich. Am Tag schwächer, da geht sie unter in dem, was erledigt werden muss. Da wird sie übertönt, wenn Sarai zum Essen ruft, sein Neffe Lot eine Frage stellt, wenn die Hirten Anweisungen über die Ziegen hinweg brüllen. Aber nachts, wenn alle Ge­räusche verstummt sind, dann plagt ihn die Stimme mit Hart­näckig­keit. „Geh!“

„Du solltest“ – „Du könntest!“ – „Du müsstest!“ – die Stimmen in ihrem Kopf plagen sie seit Wochen, wenn sie sich im Halbschlaf hin- und herwirft. Tagsüber am Computer gehen sie unter in dem, was erledigt werden muss. Da werden sie übertönt von den Besprechungen mit den Kollegen, vom Gemecker ihrer pubertierenden Tochter, vom Geplapper an der Supermarkt­kasse. Aber nachts, wenn alles zur Ruhe kommt, dann kommen die Stimmen immer wieder hoch: „Ich wollte schon immer mal…!“- „Ich müsste jetzt wirklich endlich….! Ich könnte doch eigentlich auch….“

Abram steht vor dem Zelt und schaut ins Weite. Obwohl es dunkel ist, sieht er alles genau vor sich. Die Ebene, die Senke, die Hügel, das Weideland. Jeder Baum, jeder Strauch ist ihm bekannt von Kindesbeinen an. Er kennt die Geräusche, die Gerüche, den Wechsel der Jahreszeiten. Das ist seine Heimat. Hier hat er Wurzeln. Alles vertraut und gewohnt und sicher. Sein Vaterland und seine Muttersprache. Seine Familie und die Vorfahren. Seine Zelte, seine Tiere, seine Hirten. Die besitzan­zeigenden Fürwörter bohren sich in sein Herz beim Gedanken­spiel an Abschied. All das verlieren? Zurücklassen? Bei Null anfangen?

Auf dem Computer läuft der Bildschirmschoner: Zeigt Fotos aus ihrer Galerie in Zufallsfolge. Ihre Tochter mit den ersten Zähnen, Grillabend mit der Nachbarschaft, Strandszene aus dem Portugalurlaub, Gruppenfoto der Abteilung, Umzugs­kartons vor dem neuen Eigenheim, Hochzeitbild, das alte Auto, Taufe ihrer Nichte. Sie drückt auf die Entertaste. Ihre Ordner tauchen auf in alpha­be­thischer Reihenfolge: Bauangelegenheiten, Bewerbungen, Dienstpläne, Familie, Finanzen, Korrespondenz, Reise, Rezepte, Steuer, Versicherungen. Inventar ihres Lebens. Was davon hält sie fest? Was gibt ihr Halt?

Abram hebt den Blick von den Weiden und schaut in den Himmel. Er träumt von der Zukunft, einer Zukunft, die anders ist als die Gegenwart. Was könnte da draußen alles auf ihn warten? Welche neuen Möglichkeiten! Aufbrechen, Aus­brechen. Alles Alte, allen Ballast loswerden. Nicht mehr auf starre Bilder und Rollen festgelegt sein. Der Kinderlosigkeit entfliehen. Noch einmal ganz neu anfangen können. Er hat die göttliche Stimme im Ohr, die „Segen“ flüstert. Segen, Segen und noch mehr Segen. Das verspricht Wunder­bares: Nicht nur das zum Leben Notwendige, sondern Überfluss und Fülle. Nachkommen und einen Namen, Land und ein großes Volk unter allen Geschlechtern auf der Erde. Sternenstaub.

Sie schaut auf die Uhr. Die Spitze des Sekundenzeigers leuchtet. Wie ein kleiner Licht­punkt bewegt er sich durch die Dunkelheit fort. In winzigen regelmäßigen Sprüngen. Unendlich viele Sprünge noch bis zum Morgen, unendlich viele kleine Lichtpünktchen. Tausende und abertausende Sekunden, die noch vor ihr liegen. Sie erscheinen ihr als Meer an Licht­pünktchen – ein ganzer lichtpünktchenvoller Sternen­himmel. Jeder Sprung des Zeigers, jeder Lichtpunkt ist ein neuer Anfang, ein neues Versprechen, alles in Bewegung. Nichts bleibt stehen, nichts bleibt dort, wo es war und wie es war. Aufbruch ist keine Option, es ist Wirklichkeit. Tausende, Millionen, Milliarden verheißungsvollen Lichtpünkt­chen warten noch auf sie. Was könnte daraus nicht alles werden? Was birgt das für Möglichkeiten? Welcher Segen könnte darauf liegen?

Liebe Gemeinde,
in den wenigen Versen, die wir heute über Abram gehört haben, spiegelt sich die ganze menschliche Existenz. Abram hört Gott sagen „Geh!“ und er geht. Und dazwischen liegen Rückblick und Ausblick, Abschiedsschmerz und Segens­verheißung. Unser Leben befindet sich in jedem Sekunden­schlag zwischen Loslassen ­Müssen und neue, erfüllende Erfahrungen machen Können. Dieses Gefühl verdichtet sich natürlich in konkreten Aufbruchs­situationen und bei wichtigen Entscheidungen. Aber es trifft auch zu, wenn wir nicht über konkrete Lebensveränderungen nachdenken. Immer wieder erleben wir Verlust und Abschied, sei es ganz banal, dass wir mit dem Älterwerden bestimmte Möglichkeiten nicht mehr haben, bestimmte Fähigkeiten verlieren, z.B. meine Predigt ohne Brille lesen zu können. Und genauso gibt es immer wieder – auch im Alter, Abram ist das beste Beispiel – es gibt immer wieder die Chance, ein „Ich wollte schon immer mal!“ oder ein „Ich könnte doch auch!“ in uns laut werden zu lassen und dem nachzugehen.

Wir tragen als Menschen alle das Bedürfnis in uns, irgendwo dazu zu gehören, beheimatet zu sein, verwurzelt. Wir lieben unsere Kom­fort-Zone und hassen Veränderungen. Und doch kenne ich keinen Menschen, der nicht auch neugierig ist, der nicht über den Horizont des Alltags hinausblickt und fragt, was es noch so zu entdecken geben könnte. Wir alle haben Träume, uner­füllte Sehn­süchte und eine Ahnung vom Zauber des Neuan­fangs. Die Fluchtpunkte dieser Abram-Geschichte betreffen deswegen auch unsere meist un-nomadische Lebens­form: Es geht um Grundsicherung und Wohlstand, um familiäre Norm und Eigentum, um Geltung und Identität. In diesen Fluchtpunkten lagern auch unsere Sehnsüchte. Und deswegen sind auch unsere Ohren so empfänglich für die göttlichen Worte: Ich will dich segnen!

Segen – das ist keine magische Kraft. Und doch beschreibt Segen nicht nur etwas, sondern bewirkt etwas. Segen verändert Wirklichkeit. Im Segen wird inszeniert, was Gnade ist, nämlich sich nicht verdienen müssen, wovon man wirklich lebt, sondern es geschenkt bekommen. Und was braucht jeder Mensch, um wirklich leben zu können: Nicht in erster Linie Heimat und Haus, nicht Wurzeln und Wohlstand, sondern: Zuwendung und Anerkennung. Anerkennung ohne Vorbe­dingung. Wo ich gesehen, anerkannt und geschätzt werde als die, die ich bin, da kann ich gut leben. Da fühle ich mich angenommen und angekommen, da bin ich zuhause. Wer segnet, erkennt an, und wer anerkannt wird, kann groß und gut sein. Das wissen wir im Grunde genommen alle oder ahnen es zumindest. Deswegen erbitten wir für manche Unter­nehmung oder Entscheidung ja den Segen anderer. Wenn wir jemanden um seinen Segen bitten, heißt das ja: Ich brauche dein OK, dein Anerkennen, dass du das, was ich tue, richtig findest. Nur dann kann es auch richtig werden.

Als Gott Abram segnet, hat der noch nichts geleistet. Er ist noch kein Glaubensheld. Er hat sich noch nicht mal bereit erklärt, Gottes Aufforderung zum Aufbruch zu folgen. Vor alldem kommt der Segen. Göttliche Anerkennung. Die göttliche Anerkennung wird in diesem Fall ausgemalt in den Kategorien der menschlichen Anerkennung und zwar der menschlichen Anerkennung der damaligen Zeit, das heißt konkret: Nachfahren, Land, Volk. Das ist die Verheißung, die Gott gibt. Er gibt nicht die Erfüllung.

Wir alle wissen, dass die Geschichte Abrams nicht in diesen vier Versen erschöpft ist. Abram bekommt das Sternenzelt über sich ausgespannt mit der himmlischen Verheißung, aber dann geht es an den langen, mühsamen und auch enttäuschenden Weg der Erfüllung: Abram und die Seinen geraten in eine Hungernot, er macht sich schuldig an seiner Frau, verkracht sich mit seinem Neffen Lot, erlebt die Zerstörung von Sodom und Gomorrah. Er bekommt immer noch nicht den verheißenen Sohn, bekommt dafür einen mit seiner Magd Hagar, womit der nächste Streit vorprogrammiert ist. Den ersehnten Sohn soll er dann opfern und als seine Frau Sarah stirbt, muss er – immer noch Fremdling im Land – bei den Einheimischen um eine Grab­stätte für sie bitten, weil er kein eigenes Land besitzt. Es ist ein Weg voller Fehltritte, Gefahren, Taktiererei, Streit, Stress, Sorgen und Not. Aber auch voller Bewahrung und Begleitung. Ein Weg, der Abram zum Vater zweier Söhne macht und zu Abra-ham, das heißt Vater vieler Völker. Abrams nomadische Existenz bleibt hart und gefährdet. Sein Vertrauen auf Gott bietet kein einfaches Leben, kein Leben in Sicherheit, aber es bietet einen Halt, der ihn trägt auf seinen unsicheren Wegen. Immer wieder wiederholt Gott seine Verheißung an Abraham. Dieser bleibt ein Nomade, er bleibt unbehaust, aber er ist in seinem Glauben beheimatet.

Wenn sich jetzt der Staub, den Abram mit seinem Aufbruch aufgewirbelt hat legt, was wird dann für uns sichtbar?
Eine staubige Wüste, ein sternenklarer Himmel?
Die Entbehrungen des Weges, die Erfüllung der Verheißung?
Ein Glaubensheld, eine Persönlichkeit mit vielen Facetten, Urvater dreier Religionen?

„In dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter auf Erden“ so weitet sich der göttliche Segen, den Abram damals empfängt, über die ganze Welt und die Weltgeschichte bis hin zu uns. In ihm sind auch wir gesegnet. Wie er können auch wir aufbrechen, können den inneren Stimmen folgen, Altes zurücklassen, Umwege gehen, scheitern, neu beginnen – alles unter dem Segen Gottes. Auch wir können Heimat finden im Glauben. Und Vertrauen in die Zusagen Gottes – so wie wir es besungen haben:

„Vertraut den neuen Wegen auf die uns Gott gesandt,
er selbst kommt uns entgegen, die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen, in Zeit und Ewigkeit,
die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit. Amen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Was ist sündig? Was ist gerecht? Und was ist in alledem der Wille Gottes? Jesus hat die Frage beantwortet und auch Paulus und Martin Luther, um einmal die großen Namen unserer Tradition zu nennen. Und wie lautet die Antwort? Wir sind immer beides zugleich.

Simul peccator et iustus. „Zugleich Sünder und Gerechter“, hat Luther gesagt. Und als sein Kollege in Wittenberg Melanchthon versuchte, absolut gerecht zu sein, schrieb Luther ihm einen Brief, der ihm einen Schock versetzt haben dürfte. Luther schrieb im Wesentlichen zwei Sätze: Pecca fortiter, sed crede fortius. „Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger“. Beide Satzteile gehören zusammen. Versuche nicht, besser zu sein als du bist; aber lass Gott niemals aus dem Spiel. Der erste Satz alleine: Sündige kräftig, macht uns Menschen zu brutalen Menschenverächtern; der zweite Satzteil alleine: “aber glaube kräftiger“ macht uns zu Heuchlern. Im Zusammendenken der Gegensätze war Luther ein absoluter Meister. Sicherlich war er damit der Realität, wie wir sie erfahren, sehr, sehr nahe. Sünder und Gerechter sind aber erst einmal keine moralischen Kategorien, sondern Maßstäbe, an denen sich entscheidet, ob wir das Ziel unseres Lebens, das durch Gott qualifiziert ist, verfehlen oder erreichen, ob wir den Weg unseres Lebens, der von Gott gewollt ist, gehen oder ablehnen. Natürlich spiegelt sich dieses dann im Zusammenleben von uns Menschen und im Leben mit dieser Welt. Es ist absolut zentral, ob wir dem Menschen und dieser Schöpfung guttun oder ob wir sie verachten. Für beides gibt es wunderbare und grauenhafte Beispiele in unserer Zeit.

Und nun lese ich den Predigttext des heutigen Sonntags aus dem 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums:

Die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen und stellten sie in die Mitte und sprachen zu Jesus: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, um ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie ihn nun so beharrlich fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem anderen, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau die in der Mitte stand. Da richtete sich Jesus auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Dieser Text bietet mehrere Überraschungen. Die erste Überraschung ist, dass er in den ältesten Handschriften des Johannes-Evangeliums gar nicht vorkommt. Das Johannesevangelium ist um 100 nach Christus verfasst worden. Unser Text stammt aus dem 3. Jahrhundert. Und wenn wir uns einmal diese Zeit vergegenwärtigen, verstehen wir schon einiges an unserem Text. Es war die Zeit starker Christenverfolgungen. Und in der Kirche gab es eine heftige Diskussion, ja gegenseitige Verurteilungen zwischen den sog. Gefallenen, die die Forderungen des römischen Staates erfüllten, und den Rigoristen, die unglaublich hart am Hergebrachten festhielten. In dieser Situation gab es Fragen zu entscheiden: z.B. Wie ist mit jemandem zu verfahren, der oder die die Ehe bricht? Wir erleben Jesus vor einer Fragestellung, die in sein Leben zurückprojiziert worden war. Wie gesagt, der Text stammt aus späterer Zeit, und entsprechend erweisen sich die Ankläger der Frau als sehr schlecht bewandert in der strengen jüdischen Prozessordnung. Eine Sache, vor allem eine so gravierende Angelegenheit, durfte nur entschieden werden, wenn die Aussagen von mindestens zwei unabhängigen Zeugen übereinstimmten. Außerdem gehörten zum Ehebruch mindestens zwei Angeklagte, die beide – Frau und Mann – hätten angeklagt werden müssen. Aber es geht gar nicht um die Frau in unserem Text.

Es geht um Jesus, der von den harten Rigoristen in Gestalt der Pharisäer und Schriftgelehrten auf die Probe gestellt werden sollte. Der Erzähler unseres Textes wagt schon eine Menge, Jesus so in Frage gestellt zu sehen. Schließlich wurde die Geschichte im Gemeindekontext des 3. Jahrhunderts verfasst. Und Jesus, wie reagierte er? Die Geschichte erzählt, dass Jesus mit dem Finger im Sande malte. Warum? Vielleicht um Zeit zu gewinnen; vielleicht ist es auch ein Stilmittel, um die Spannung zu erhöhen. Denn – wie gesagt – wir befinden uns in einer kirchengeschichtlich sehr schwierigen Zeit. Und als die Schriftgelehrten und Pharisäer nicht aufhörten, Jesus zu bedrängen, richtet er sich auf und sagt einen unglaublichen Satz:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Das entsprach durchaus wieder jüdischer Prozessordnung: Die Zeugen einer todeswürdigen Straftat hatten die ersten Steine zu werfen. Das ist erst einmal eine überraschende Bestimmung. Meistens sind wir gewohnt, den Gott der Strafe, der Rache im AT zu verorten, im NT aber den Gott der Liebe. Dem muss aber eindeutig widersprochen werden. Dass die Zeugen die ersten Steine werfen mussten, war eine Bestimmung, die sich gegen die Todesstrafe richtete. Wenn die Zeugen sagten: Das schaffen wir nicht, das können wir nicht, dann wurde die Todesstrafe kassiert. Wenn man unter dieser Fragestellung die Thora, also die 5 Bücher Mose liest, dann begegnet einem sehr häufig die Todesstrafe, aber ebenso die gewichtigen Vorbehalte dagegen, die man noch heute vergeblich in vielen Ländern der Erde sucht. Noch stärker diskutiert und noch eindeutiger verankert ist dieses im Talmud. Da lesen wir: Ein Sanhedrin – also der oberste Gerichtshof Israels -, der einmal in sieben Jahren jemanden tötet, ist blutrünstig. Dagegen argumentierte Rabbi Eleazar ben Azariah: Dieses gilt auch für einen Sanhedrin, der einmal in siebzig Jahren ein Todesurteil fällt. Die Todessstrafe war im jüdischen Recht, eher Prinzip als Praxis. Ich glaube, dass man dieses wissen muss, um sich unserem Text anzunähern:

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

Es fällt ein Schlaglicht auf die Ankläger: Wer unter euch ohne Sünde ist… Es ist die Überzeugung des Apostels Paulus, des Reformators Martin Luther, dass es keinen Menschen gibt, der nicht das Ziel, das Gott ihn gesetzt hat, auch verfehlt. Nicht permanent, aber immer wieder. Und so den Spiegel der eigenen Existenz vorgehalten zu bekommen, verfehlt seine Wirkung nicht. Die anklagenden Pharisäer und Schriftgelehrten verschwinden nach und nach. Und Jesus richtet sich an die Frau: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr.

Jesus und die Frau stehen alleine da. Wieso schreibt unser Text: die Frau, die in der Mitte stand. Es ist ein dritter vorhanden, der nicht genannt wird: Gott. Ich muss bekennen, dass dieser Text in seiner Schönheit und seiner Tiefgründigkeit mich sehr beeindruckt. Die vordergründige Moraldiskussion, auch die verschärfte Form des 3. Jahrhunderts, ist völlig verschwunden. Wir sehen Menschen vor uns, die zu tiefer Selbsterkenntnis fähig sind, die Pharisäer und Schriftgelehrten. Wir sehen eine Frau, die gegen die Normen der Tradition verstoßen hat, und wir erleben in der Nähe Gottes einen Neubeginn des Lebens, eine Feier des Lebens, die die schwierige Situation des 3. Jahrhunderts weit hinter sich lässt. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Ist dieser Schluss zu simpel? Ich glaube es nicht. Er behaftet die Frau nicht auf ihre Vergangenheit, sondern er eröffnet ihr eine neue Lebenschance.

Und zugleich begleitet er sie mit einer Richtlinie, mit einer Lebenshilfe. Ich denke nicht, dass die Frau ein Leben ohne Zielverfehlungen in Zukunft führen konnte. Aber Jesus schaut sie mit anderen Augen an: Sei achtsamer im Blick auf dich selbst und im Blick auf die Menschen, mit denen du zusammen lebst. Du kannst es sein mit Gott an deiner Seite. Und damit entlässt er die Frau im 3. Jahrhundert und uns im 20. Jahrhundert. Amen