Predigttext: Lukas 16, 19–31

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. 23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. 26 Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde!

Es gibt Wohlfühlgeschichten und Lieblingstexte in der Bibel, wie das Hohelied der Liebe, manche Psalmen, Rettungs- oder Heilungsgeschichten, und es gibt Geschichten wie den heutigen Predigttext. Die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus, bei der einem ungemütlich werden kann.

Schon die Stichworte stechen uns: „Der reiche Mann“. Und wir wissen ja, dass wir in einem der reichsten Viertel in einer der reichsten Städte Europas leben. Dass unser Wohlstand zu Lasten anderer geht. Also ahnen wir auch, wo wir in der Geschichte wohl zu verorten sind…

Dann ist die Rede von der „Hölle“, die einem Angst machen kann, die Menschen jahrhundertelang geängstigt hat. Eine Vorstellung, die wir weitgehend abgelegt haben, und darauf sind wir auch irgendwie stolz.

Der altertümliche Ausdruck „Abrahams Schoß“ – und doch sehnen wir uns danach, wie nach den Engeln, die uns behüten und tragen mögen, nach Geborgenheit und Frieden, wenigstens im Tod.

Und schließlich die Weigerung von Abraham, die Brüder des Reichen durch Lazarus warnen zu lassen. Wie ungerecht ist das denn?!

Leicht gerät es uns mit dieser Geschichte so, dass wir uns angeklagt, abgelehnt oder ausgegrenzt fühlen, und dann drehen wir den Spieß sozusagen um und klagen die vermeintliche Ungerechtigkeit oder Lieblosigkeit der Geschichte an.

Ich will daher eingangs etwas tun, was man in einer Predigt eigentlich auf keinen Fall tun soll, nämlich sagen, worum es in Jesu Erzählung vom reichen Mann und armen Lazarus nicht geht.

Es ist keine Beispielgeschichte über Himmel und Hölle oder das Gericht. Von einem Gericht ist gar nicht die Rede, von der Hölle eigentlich auch nicht. Denn im griechischen Urtext steht dort „Hades“, also das Totenreich, von dem man in der hellenistischen Welt der Antike, zu der der Evangelist Lukas gehörte, mehr oder weniger konkrete Vorstellungen hatte – aber nicht die von Höllenfeuer und Paradiesgarten.

Es ist eher eine bildreiche, mythologisch aufgeladene, als eine ethische oder eschatologische Geschichte. Dafür spricht das Bild von Abraham, dem beispielhaften Gerechten und Urvater im Glauben, in dessen Schoß oder an dessen Seite nach jüdischer Vorstellung ein rettender Ehrenplatz war.

Der Text ist schließlich auch keine Lehrgeschichte über Reiche und Arme. Die Moral von der Geschichte, die Pointe lautet nicht: Reiche landen in der Hölle, Arme im Himmel. Die Erzählung geht ja weiter; sie endet nicht mit der erschreckenden Gegenüberstellung von Lazarus und dem reichen Mann im Jenseits.

In dieser ungemütlichen Geschichte geht es um anderes: Um Menschen und um Gott und um die Beziehung zwischen ihnen.

Zuerst kann einem auffallen, dass „der reiche Mann“ in der Geschichte keinen Namen hat, der arme Mann aber schon: „Lazarus“, das heißt „Gott hilft!“ So, wie es früher die Vornamen „Gotthelf“, „Gottlieb“ oder „Gottfried“ bei uns gab.

Für die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen heißt das wohl, dass bei Gott auch die Menschen einen Namen haben, die in der Welt ohne Rang und Namen sind. Manche Namen kennen wir ja gut, auf manche Namen beziehen wir uns gerne, seien es Prominente aus Politik, Wirtschaft oder Kultur, Leute mit guten Verbindungen oder Einfluss. Menschen, unter deren Schutz oder in deren Glanz wir uns stellen möchten, von denen wir uns Unterstützung erhoffen. Der Arme dagegen setzt seine Hoffnung auf Gott: „Gott hilft!“ Sein, der Erzählung nach einziger, Gewährsmann ist Gott. Der wiederum kennt Lazarus beim Namen.

Dieser, mit Gott in einer Beziehung stehende Mensch wird von Engeln in Abrahams Schoß getragen. Denn wo die eigene Kraft nicht ausreicht und die Nächsten fehlen, da – so erzählt es die Bibel immer wieder – sendet Gott seine Engel. Zu dem unerwartet schwangeren, unverheirateten Mädchen Maria, zu dem lebensmüden, ausgelaugten Propheten Elia wie zu dem im Dreck sterbenden Lazarus. Der Reiche mag das eher weniger kennen, dass die eigene Kraft, das Geld oder die Beziehungen nicht reichen, um sich selbst zu helfen, und sich stattdessen auf Engel zu verlassen.

Der Reiche stirbt nun auch, aber er sieht Abraham und Lazarus im Totenreich nur von Ferne. Er ist von dem Ort des Friedens und der Gottesnähe weit entfernt. Das quält ihn. Nun will er, dass Abraham Lazarus zu ihm schickt, damit der ihm die Zunge mit Wasser kühlt. Wie selbstverständlich geht er davon aus, dass der Arme ihm zu Diensten sein müsste. Er beherrscht auch die Spielregeln der Mächtigen, wendet sich direkt an die höchste Ebene: Vater Abraham soll Lazarus wie einen Sklaven zu ihm schicken.

Der Reiche, der sich zu Lebzeiten nicht um den Mann gekümmert hat, der krank, hungrig und obdachlos vor seiner Tür lag, dem er noch nicht einmal seine Essensreste überlassen wollte, meint noch immer, es gehe nach seinem Wunsch. Es gibt, wie Abraham nüchtern bemerkt, „zwischen uns und euch eine große Kluft“ (V. 26)

Ich glaube, diese Kluft kennen wir. Sie tut sich nicht erst nach dem Tod, im Jenseits oder beim Letzten Gericht auf. Es gibt diese himmelschreiende Kluft zwischen Reichtum und Armut auf der Erde und in schwächerer Form auch in unserer Stadt.

Aber es gibt daneben noch eine weitere erschütternde Kluft zwischen Menschen, die ihre Hoffnung auf Gott und ihre Nächsten setzen, und Menschen, deren Herz allein an ihrem Hab und Gut, ihrem Tisch, Haus und Beruf, ihrer eigenen Kraft und Gesundheit hängt. Es gibt eine riesige Kluft zwischen Menschen, die auch für andere oder nur für sich selbst leben. Und meistens spüren wir schon im Gespräch, noch bevor es um Taten geht, mit welcher Sorte Menschen wir es zu tun haben. Daran, wie jemand zuhört, ob er sich in andere hineinversetzen und mitfühlen kann, ob sie das Wohl von anderen im Blick hat…

Unendlich schwer fällt es dem reichen Mann in der Geschichte, von sich selbst abzusehen. Noch im Tod schielt er auf das, was er auch gerne hätte: Engel, Geborgenheit, Erleichterung… Mit Mühe lenkt er seine Gedanken schließlich auf seine Brüder als seine engsten Verwandten: Diese Fünf mögen doch gewarnt werden, indem Abraham den Lazarus auferstehen lässt und als Boten zu ihnen schickt!

Auf dieses letzte Ansinnen der Indienstnahme des Armen für die Rettung der eigenen Familie antwortet Abraham – und darin stecken wahrscheinlich Jesu eigene Gedanken: „Wer Mose – also das Gesetz – und die Propheten nicht hört, lässt sich auch nicht überzeugen, wenn jemand von den Toten aufersteht.“ (V. 31)

Denn ihr wisst, wir wissen ja, was uns im Alten wie im Neuen Testament gesagt ist: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (vgl. 3. Mose 19, 18; Lk 10, 27)

Das ist die Botschaft, die wir hören sollen, die Pointe der Geschichte, die Gott uns durch seine Propheten immer wieder gesagt hat, für die Gott schließlich in seinem Sohn selbst zu uns gekommen ist. Die Grundlage jeder Gottesbeziehung, die sich nicht an arm und reich entscheidet und auch nicht erst im Tod, sondern jetzt, im Leben: Der Liebe Raum zu geben, Kraft, Gedanken und Vermögen – der Liebe zu Gott, zu unseren Nächsten und zu uns selbst.

„Was für ein Mensch möchtest du sein?“ hat die Rednerin Aster Obereit bei der Antirassismus-Veranstaltung „Speech&Sound“ am Donnerstag im Gemeindesaal gefragt. Gott stellt uns diese Frage auch, damit wir – auch durch ungemütliche Geschichten wie den heutigen Predigttext – uns erkennen und uns entscheiden, was für ein Mensch wir sein möchten.

Nur dass dies im Glauben nicht beliebig ist und nicht allein bei uns liegt, sondern Gott sich von uns eine bestimmte Entscheidung, ein bestimmtes Menschsein wünscht: Dass wir zu Menschen werden, die ihn und die er mit Namen kennt. Dass wir dann und wann von unseren eigenen Sicherungssystemen absehen und uns wie von Engeln tragen lassen. Dass wir möglichst mehr als bloß unsere Reste mit anderen teilen und in unseren Nächsten nicht Sklaven und Dienerinnen sehen, sondern Bilder Gottes, unsere Geschwister.

Auch Lazarus sei dabei. „Gott hilf!“ uns allen. Amen.

Apostelgeschichte 2, 1–19

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen:

Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. 19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Pfingstgemeinde!

Vor einigen Jahren habe ich einen Seniorennachmittag zum Thema „Glück“ gemacht. Ich habe die Besucherinnen und Besucher gefragt: „Was war der glücklichste Moment in Ihrem Leben?“ Fast alle älteren Frauen haben geantwortet: „Als meine Kinder geboren sind.“ Und einige haben gesagt: „Als mein Mann aus dem Krieg zurückkam.“ Auch einige Männer nannten diesen Moment, als sie nach dem Krieg wieder ihr Heimatdorf erreichten oder vor der Tür ihres Elternhauses standen. Andere erinnerten ihre Verlobung oder Hochzeit.

Starke Erinnerungen an besonders glückliche Momente, in die sich oft auch noch andere Gefühle mischten: Stolz, Anstrengung, Erleichterung oder auch Gefühle von Verwirrung Der berühmte russische Theaterlehrer Konstantin Stanislavski hat den Begriff von „emotional memories“ aufgebracht. Auf Deutsch: „emotionale Erinnerungen“ oder das „emotionale Gedächtnis“. Heute wird der Begriff auch in der Neurologie gebraucht. Seinen Schauspielschülerinnen und -schülern empfahl Stanislavski, mit eigenen Gefühlserinnerungen zu arbeiten: “that type of memory which makes you relive the sensation you felt when your father died.“

 

(https://www.wondriumdaily.com/what-is-emotional-memory/, 04.06.2022)

Um gut Theater zu spielen, um sich in den Charakter, die Situation einer anderen Person gut hineinzuversetzen, sie möglichst lebendig darzustellen, sollten die Schauspieler auf ihre eigenen „emotional memories“ zurückgreifen, auf besonders gefühlsstarke Erlebnisse.

Die großen Feste unserer christlichen Tradition – Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten – bergen alle spezifische „emotional memories“, die uns als Gemeinschaft verbinden.

Das beliebteste, glücklichste Fest ist zweifellos Weihnachten, Jesu Geburt. Weit verbreitet, mit unzähligen Bräuchen, Liedern und Speisen behaftet. Es gibt wohl niemand unter uns, der nicht einen Heiligabend aus der Kindheit in sich wachrufen könnte – den berühmten Blick durchs Schlüsselloch oder den Klang des Weihnachtsglöckchens – mit all den dazugehörigen Gefühlen von Spannung, Vorfreude, Kichern und Gerangel mit den Geschwistern. Weihnachten wie ein kollektives Glücksfest, in das sich unsere Freude über alle Neugeborenen, über die glücklichen Geburten von Kindern im Familien- und Freundeskreis und vielleicht auch über unsere eigene Geburt mischen.

Pfingsten, das Fest, das wir heute feiern – 50 Tage nach Jesu Tod und Auferstehung – hat es naturgemäß schwerer, in uns gefühlsmäßig Platz zu finden. Denn es geht um so etwas Flüchtiges und Luftiges wie den Heiligen Geist. Viel abstrakter als die Geburt eines Kindes oder der Tod eines jungen unschuldigen Menschen.

Pfingsten, so wird es uns in der Apostelgeschichte erzählt, geschieht etwas Unbegreifliches: „ein Brausen vom Himmel, wie von einem gewaltigen Sturm“, „Zungen, zerteilt wie von Feuer“, und dann erhebt sich brodelnd, laut und durcheinander ein Stimmengewirr. Der Heilige Geist ist da!

Von den Bildern und Eindrücken her ist das Pfingstgeschehen emotional verworren, gegensätzlich oder zumindest sehr gemischt: Ängstlich und eingeschüchtert werden die Jünger damals in Jerusalem gewesen sein. Erschrocken, als ein Sturm durch das Haus stob, in das sie sich zurückgezogen hatten, als Feuerflammen über ihren Köpfen im Raum erschienen. Möglich, dass sie sich insgeheim fragten, ob nach Jesu Tod jetzt nicht doch das Ende der Welt anbrach?

Dann die Irritation der anderen, als draußen auf den Straßen alle durcheinander redeten, in den verschiedensten Sprachen. Verwirrung, Chaos. Auch das wird in den meisten eher unangenehme Gefühle ausgelöst haben. Vielleicht so ähnlich, wie wenn man im Gedränge in einem überfüllten Bahnhof steckt oder im Gewühl auf einem exotischen Marktplatz, und man versteht weder die Sprachen, noch die Gesten und Bräuche, auch die Gerüche und Farben sind fremd.

Und dann der Moment des Verstehens: „Ich verstehe die anderen wie in meiner eigenen Sprache. Ich höre Stimmen, Klänge, Worte, die mir vertraut sind.“ Unruhe, Fremdheit, vielleicht Angst und Überforderung legen sich. Verstehen und Vertrauen stellen sich ein. Ein Kontakt, der verbindet und beruhigt.

Das sind die ersten Geistesgaben, die ersten Wirkungen, die Menschen dem Heiligen Geist zugeordnet haben: Verständigung und Verbindung.

Wenn wir dieses Geschehen als „emotional memory“ unserer Tradition, als unser „emotionales Gedächtnis“ zu fassen versuchen, welche Gefühle, Bilder und Erinnerungen gehören wohl für uns dazu? Welche Erlebnisse kennen wir, wo sich brodelnde Unruhe, Chaos und Fremdheit in Verständigung und Verbindung verwandelt haben? Wo wir uns zunächst fremd und allein fühlten und dann doch einer Gruppe zugehörig, auf- und angenommen, verstanden.

Nicht zufällig gibt es schon in der biblischen Pfingstgeschichte die Frage, ob nicht alle, die da durcheinanderreden und sich zu verstehen meinen, betrunken sind. Das Rauschhafte, die Entgrenzung gehören sicher zu unseren „emotional memories“ von Pfingsten dazu: zu Bockbier und Maibäumen, Zeltlagern, Grillfesten, Open-Air-Konzerten… Endlich wieder draußen sein, wie gestern, mit vielen feiern, tanzen, essen und trinken. Eine großzügige, fröhliche Feststimmung, bei der die verschiedensten Menschen dazugehören dürfen, um ein Feuer, einen Grillplatz, eine Band…

Die Nordkirche hat ihr großes Gründungsfest vor zehn Jahren auf Pfingsten gelegt: Als aus der Nordelbischen, der Mecklenburgischen und der Pommerschen Landeskirche eine gemeinsame evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland wurde und Tausende sich zum Feiern auf der Dominsel in Ratzeburg versammelten, Chöre, Bläser, Gemeinde- und Jugendgruppen…

Ich denke auch an das große Tauffest an der Elbe Pfingsten 2019, als 500 Täuflinge in der Elbe getauft wurden, knapp 100 Pastorinnen und Pastoren und mehrere Hundert Patinnen und Paten im Einsatz waren zwischen Biertischen und Picknickkörben und einem ziemlich kühlen norddeutschen Pfingstwind.

Oder an den großen Segnungsgottesdienst vor zwei Wochen in Berlin-Neukölln, als das Segensbüro alle Paare, die wollten, zu einem Pop-Up-Hochzeitsfestival eingeladen hatte: alt und jung, verheiratet und unverheiratet, muslimisch und christlich, hetero- und homosexuell. 72 Paare ließen sich segnen – ohne Beschränkungen, Gesetze und Vorschriften.

Große Feste, ob in der Kirche, auf dem Festivalgelände oder im Park, wo wir den Heiligen Geist spüren und „geistreich“ sind, weil wir seine Geistesgaben in Fülle haben: Verständigung, Verbindung, Fröhlichkeit – zu der oft auch etwas Überbordendes, Entgrenztes gehört.

Und ich glaube, wir wissen auch, dass dies die großen Beispiele oder die lauten Erlebnisse mit der Kraft des Heiligen Geistes sind. Dass Verbindung und Verständigung auch leiser, alltäglicher und unbemerkter geschehen – und wir spüren dennoch deutlich, was der Heilige Geist bewirken, wie er Menschen verbinden kann.

Ich denke an eine Begegnung in der letzten Woche, als wir einer Ukrainerin und ihrem jugendlichen Sohn die kleine Wohnung für Geflüchtete in unserem Gemeindehaus gezeigt haben, die zum 1. Juli wieder frei wird. Und als ich sie fragte: „What do you think about the appartment?“, fing sie an zu weinen und sagte: „You can see.“ Weinend und lächelnd sagte sie: „Du kannst sehen, was ich denke.“

Verbindung und Verständigung, die zwischen Fremden geschehen kann, zwischen Menschen verschiedener Sprache, verschiedener Kulturen oder Milieus.

Der Heilige Geist wie eine Brücke zwischen Menschen, mal laut und mitreißend wie ein Sturmwind, mal leiser und intimer, eher wie ein Lufthauch. Der uns anrührt und miteinander verbindet, dass wir uns durch Gottes Geistkraft verstehen. Geistreich, geistesgegenwärtig oder begeistert von dem Verständnis und der Verbundenheit, die Gott uns schenkt.

Hütet eure „emotional memories“, dass wir erkennen und feiern, wenn der Heilige Geist da ist, mitten unter uns! Amen.

Predigttext: Lukas 11, 1–10

Und es begab sich, dass Jesus an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. 2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag 4 und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung.

5 Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Ich gehöre zu den Menschen, die sich zwar immer über einen guten Witz freuen, sich aber fast nie einen Witz merken können. Nur ganz wenige Witze haben sich mir wirklich eingeprägt. Darunter diese beiden über das Beten. Der Erste:

Ein Missionar in Afrika wird allein, mitten in der Wüste von einem Löwen angegriffen. Er schließt die Augen und betet: „Lieber Gott, mach auch aus diesem Untier einen frommen Christen!“ Als er die Augen öffnet, liegt der Löwe vor ihm mit gefalteten Tatzen und betet: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“

Der andere Witz:

Ein Bischof besucht auf einer Inspektionsreise ein Kloster auf einer einsamen Insel, das nur von drei Nonnen bewohnt wird. Bei der Frage, wie sie Gott anrufen, tragen sie ihm ihr Gebet vor: „Gott, wir sind drei, du bist drei, steh uns bei!“ Dem Bischof fehlen das Amen, das Ave Maria und das Credo. Unter Mühen bringt er ihnen immerhin das Vaterunser bei. Als sein Schiff schon ablegt, kommen die Nonnen zum Ufer gerannt und rufen: „Heiliger Vater, wie ging das nach dem Geheiligt-werde-dein-Name nochmal weiter?“

Zwei Witze, die das Gebet treffend aufs Korn nehmen. Das Erste die Wirkmacht des Gebets: Es trifft zwar ein, worum der Missionar gebeten hat – der Löwe scheint fromm und andächtig geworden zu sein –, aber anders als gehofft. Und außerdem: Der Löwe hat ein eigenes Gebetsanliegen!

Der zweite Witz parodiert die Tradition: Braucht es bestimmte Worte oder Vorkenntnisse zum Beten? Und was unterscheidet ein Gebet von einer magischen Formel?

Fragen, die viele von uns beschäftigen, wenn es ums Beten geht. Jedenfalls höre ich solche Fragen oft im Gespräch: Hilft beten eigentlich? Und was macht Gott, wenn die Einen um das Eine, und die Anderen um das Andere bitten? Spielt es eine Rolle, ob ich das Vaterunser oder ein freies Gebet spreche? Und warum sollte ich eigentlich im Gottesdienst in Gemeinschaft beten? Ich bete lieber allein zuhause.

Beten ist heikel, weil Beten etwas Intimes und Persönliches ist. Im Gebet sage, äußere ich, was mir besonders wichtig ist, worüber ich vielleicht sonst gar nicht spreche. Ich zeige mich damit Gott. Und im gemeinschaftlichen Gebet verbinde ich sogar meine persönlichen Anliegen, Wünsche oder Hoffnungen mit denen der anderen; mache mich zum Teil einer Gruppe im Dialog mit Gott.

Ich vermute, solche und ähnliche Unsicherheiten haben auch die Menschen zu Jesu Zeiten umgetrieben. Immerhin sind uns im Neuen Testament eine ganze Reihe von Texten überliefert, in denen Jesus Fragen zum Gebet beantwortet und auf das Wie, Wo und Warum des Betens eingeht. Als rabbinisch gelehrter Jude antwortet er oft sowohl mit prägnanten Merksätzen als auch mit Gleichnissen, also mit Beispielerzählungen, und diese haben mitunter auch einen humorvollen oder anekdotischen Charakter.

Der Predigttext heute enthält beides: zuerst eine knappe, eher nüchterne Anleitung, was man am besten beten, worum man bitten soll. Und dann eine anschauliche Geschichte, wie wir beten sollen.

Die Jünger bitten Jesus, ihnen ein Gebet beizubringen, so wie es andere religiöse Lehrer auch täten, zum Beispiel Johannes der Täufer. Anscheinend sind sie ein bisschen unsicher, welche Worte sie verwenden sollen. Ob es für das Gespräch mit Gott bestimmte Regeln gibt?

Im Lukas-Evangelium ist uns auf diese Fragen eine Kurzfassung des Vaterunsers überliefert. Auf das „Geheiligt-werde-dein-Name“ und das „Dein-Reich-komme“ folgen die Bitten um das tägliche Brot, um Sündenvergebung und um Bewahrung vor Versuchung. Diese Drei scheinen für Jesus das Wesentliche gewesen zu sein, worum wir zu bitten haben. Dreierlei, was wir uns selbst nicht geben können, aber dennoch dringend zum Leben brauchen:

Essen – Brot, Fisch, Wasser und Wein –, um körperlich gesund und kräftig zu sein. Vergebung, um in guten, friedlichen Beziehungen zu unseren Nächsten zu leben. Und weil dies ein wechselseitiges Geschehen ist, gehört auch die zweite Satzhälfte dazu: „denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird“. Und als Drittes Gottes Schutz, seine Bewahrung vor Versuchungen zum Bösen, vor Sünden, die mir oder anderen, meiner Mitschöpfung, schaden. – Brot, Vergebung und Schutz.

Ich glaube, in abgewandelter Form kommen diese drei Bitten in sehr, sehr vielen Gebeten vor, die Kinder, Jugendliche, jüngere und ältere Frauen und Männer täglich vor Gott bringen. Auf der ganzen Welt und auch in unserer Gemeinde.

Die Bitte ums tägliche Brot, die nach Martin Luthers Interpretation im Kleinen Katechismus Kleidung und Geld, Haus, Hof und Beruf, Familie, Freunde und Nachbarn einschließt, „alles, was not tut für Leib und Leben“. In der Corona-Krise die vielen Gebete um Gesundheit, aber auch darum, dass das Kurzarbeitergeld reichen möge oder dass bei Selbstständigen wieder Aufträge reinkommen oder auch um bezahlbare Wohnungen. Die Gebete der Jugendlichen um Vergebung und Wiederaufnahme in eine Gruppe, aus der sie herausgefallen sind – oder um Versöhnung der Eltern. Und die Bitten um Schutz und Bewahrung vor falschen Entscheidungen, vor Dummheiten oder Ignoranz. Auch viele Gebete für andere gehören dazu: für Angehörige, Freundinnen und Freunde, Kranke, Trauernde, Notleidende…

In Jesu Formulierung des Vaterunsers stehen alle diese Bitten unter dem Satz: „Dein Reich komme!“ Ich verstehe ihn wie eine Öffnung zu Gott hin. All mein Bitten, Reden und Denken stelle ich in die Verheißung des kommenden Reiches Gottes. Ich erwarte, dass Veränderungen möglich sind. Ich erwarte, dass Gott noch etwas mit uns vorhat. Dass Gott die Zukunft im Blick hat – unsere und auch meine Zukunft.

Wenn ich bete: „Dein Reich komme!“, dann vertraue ich mich sozusagen Gottes Weg in die Zukunft an. Dass er mich ernährt, mir vergibt und mich behütet, damit ich auch morgen leben kann. Diese Bitte gibt die Richtung vor und hebt unseren Blick in die Zukunft.

Beten funktioniert nicht so, das wissen wir alle, dass man um etwas bittet und dann fällt einem das Gewünschte in den Schoß. Weder lassen sich alle Krankheiten noch alle beruflichen Katastrophen oder persönlichen Enttäuschungen abwenden. Der hungrige Löwe in der Wüste sitzt nicht fromm in der Kirchenbank. Aber im Beten um das kommende Reich Gottes mache ich mich bereit für Gottes Antworten und Wege, öffne ich mich für Gottes Kraft und seine Liebe.

Folgen wir dem Predigttext, der Beispielgeschichte, die Jesus seinen Jüngern nach der konkreten Anleitung zum Vaterunser erzählt, dann hat Jesus aber noch mehr und anderes vor Augen als ein „Mich-bereit-halten“ für Gottes Antworten.

„Stellt euch vor“, erzählt Jesus, „ihr habt einen Freund, der kommt nachts unangemeldet zu Besuch und ihr habt nichts zu Essen im Haus. Ihr würdet doch – nach dem Gebot orientalischer Gastfreundschaft – zu einem Freund in der Nachbarschaft gehen, ihn aus dem Bett klopfen und bitten euch auszuhelfen. Ich bin sicher, wenn er euch auch nicht aus Freundschaft etwas geben würde, so würde er euch doch deshalb helfen, weil ihr so unverschämt wart zu bitten.“

Das ist eine Geschichte mit komischen Zügen: Wenn wir uns konkret vorstellen, wie wir nachts im Schlafanzug über die Straße gehen… Auf welche Klingel würden wir wohl drücken, um einen Schlafsack, etwas Brot und Käse, eine Flasche Wein zu erbetteln? Und wie würde der, die andere uns angucken? – Oder auch die bildliche Vorstellung, Gott sozusagen aus dem Bett zu klingeln, seinen ganzen himmlischen Hofstaat aufzuwecken… So einen Lärm zu machen, nur damit mein Freund, mein Gast bekommt, was er braucht.

Ein humorvolles und ein einprägsames Bild: Beten ist wie nachts beim Nachbarn klingeln. Das tut man bei Menschen, die einem vertraut sind, vor denen man sich nicht so sehr schämt. Und das kann man bei Gott machen, vor dem wir uns auch nicht schämen müssen. Der uns kennt und mit dem wir umso vertrauter werden, je öfter wir mit ihm sprechen und zu ihm beten.

Und dabei werden wir auch unsere Erfahrungen machen, wie oder womit Gott antwortet.

Erwartungsoffenheit und Beharrlichkeit braucht es fürs Beten, so verstehe ich Jesus. Und dann möge Gott uns und allen Menschen geben, was wir am nötigsten brauchen: Brot, Vergebung und Schutz, damit Gottes Reich komme und sein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Amen.

Predigttext: Johannes 15, 1–8

Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ (Joh 15, 5) So das Evangelium zum Sonntag Jubilate. Es ist eins der sieben sog. Ich-bin-Worte im Johannesevangelium. Worte, in denen Jesus in einem konkreten Bild von sich spricht: „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10, 14), „Ich bin die Tür“ (Joh 10, 9) oder „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8, 12).

Heute: „Ich bin der Weinstock“. So, wie wir es auf dem weißen Parament, dem Altartuch, sehen, das in der Osterzeit vorne am Altar hängt: ein Weinstock mit Reben und Laub.

Als Nordostdeutsche kenne ich mich mit Weinstöcken und Weinbau nicht gut aus. Ich kenne zwar Weinlauben im Garten oder ein Weinspalier an der Hauswand, aber richtige Weinberge kenne ich – wie Sie und ihr wahrscheinlich auch – hauptsächlich von Reisen.

Dabei haben sich mir drei Eindrücke besonders eingeprägt: Zum ersten Mal habe ich Weinberge bewusst als Jugendliche in der Provence wahrgenommen. Im Hochsommer. Lavendel- und Sonnenblumenfelder, Olivenhaine und Weinberge wechselten in der Haute Provence ab. Von diesen vier – duftender Lavendel, leuchtende Sonnenblumen, silbrige Olivenbäume und grüne Weinstöcke – erschienen mir die Weinberge eigentlich am wenigsten interessant. Auf ausgetrockneten Böden standen Ende Juli die staubig-grünen Weinstöcke in langen, gleichförmigen Reihen. Die grünen Trauben zwischen dem Laub kaum zu erkennen. Monoton und farblos.

Später durchquerte ich auf einer Pilgerwanderung auf dem Ignatiusweg in Spanien ein Rioja-Anbaugebiet. Es war Oktober. Breite Täler und langgezogene Hänge standen wie in Flammen. Das Weinlaub loderte in allen Farben: rot, lila, orange, gelb und grün. Die Trauben, fast schwarz, waren süß. Und wenn man die Augen schloss, hörte man die Weinstöcke, denn sie summten und brummten voller Bienen und Wespen.

Und ein drittes Bild steht mir vor Augen, wenn ich an Weinberge denke: Wie ich einmal im März in der Nähe von Meißen in Sachsen war. Ganz nackt standen da die Weinstöcke. Von Blättern, Trauben oder Knospen keine Spur. Krumm und schutzlos wirkten sie gegen den hellen Märzhimmel, fast wie graue Kreuze.

So verschieden können Weinstöcke aussehen! So verschieden werden auch die Bilder sein, die Sie und ihr von Weinbergen im Kopf habt. Und so verschieden wird uns auch Jesu Wort ansprechen: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15, 5)

Wir hören das sicher unterschiedlich, je nachdem, wie alt wir sind, wie wir im Leben stehen, was die starken Worte von Gemeinschaft, Miteinander-Verwachsen-Sein und Abhängigkeit in uns auslösen, welche Erfahrungen wir mit dem Glauben und der Zugehörigkeit zu Jesus Christus oder zur Kirche gemacht haben…

Manche bleiben in der Kirche, andere treten aus. Manche halten enge Beziehungen zu ihren Eltern, andere entfernen sich über die Jahre. Manche bleiben an einem Ort, in einer Gegend, andere ziehen in ihrem Leben mehrmals um, wechseln Städte oder Länder.

Und es ist nicht immer so, dass die einen die „Bleibenden“, „Treuen“ wären und die anderen die „Unsteten“ oder „Aussteiger“. Äußere Sesshaftigkeit muss nicht mit inneren Kontinuitäten einhergehen, wie äußere Umtriebigkeit nicht innere Wechselhaftigkeit bedeuten muss.

Aber dies ist eine Frage, die der Text stellt: die Frage nach dem, was uns hält. Wo bleiben wir gerne? Zu wem oder an was halten wir uns? Welche Zugehörigkeit, welche Traditionen behalten wir, auch wenn sich anderes in unserem Leben verändert? Was hält uns im Wandel der Zeiten?

Ich vermute, so natürlich, selbstverständlich und fest verbunden, wie es das Bild vom Weinstock und den Reben fasst, fühlen sich die wenigsten von uns mit Jesus Christus im Glauben verbunden. Die meisten von uns kennen Kritik und Zweifel, Unbehagen oder Unsicherheit im Blick auf den Glauben, auf ihr Verhältnis zu Jesus Christus und allzumal zur Kirche. Und ebenso kennen die meisten von uns die Suche nach dem, was uns hält.

Vielleicht erschließt sich uns das Bild vom Weinstock und den Reben am ehesten im Wandel. Im Wandel der Jahreszeiten wie im Wandel der Lebensalter.

Ich erinnere deutlich, wie ein junger Vikar in unserer Ausbildung einmal über diesen Text eine Probepredigt hielt. Wie er sich mit dem Bild des Vaters auseinandersetzte, mit dem der Text beginnt: „Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.“ (Joh 15, 1) Viel zu starr und zu hierarchisch erschien ihm dieses Bild. Es fühlte sich für ihn zu eng an, so an Jesus hängen zu sollen, wie eine Rebe am Weinstock, und außerdem noch abhängig zu sein von Gott dem Weinbauern. So, als könne er gar nichts selber entscheiden, als müsse er immer ganz nah dranbleiben und dürfe nichts verändern. Das waren wohl Gefühle, die er auch von zuhause, von seinen Eltern kannte, aus der Kleinstadt, in der er aufgewachsen war.

Jesus stellte er sich eher als „Tür“ oder als „Weg“ vor, wie es in anderen Ich-bin-Worten heißt. Als einen, der seinen Anhängern Freiheit und Bewegung ermöglicht, statt passives Hängen und Bleiben zu fordern.

Für Jesus selbst – der auch ein junger Mann war, als er aufbrach mit Freunden und der Botschaft vom kommenden Reich Gottes – war der Vater im Himmel oder der Weingärtner eine stärkende Macht. Gott, in dem er sich verwurzelt und aufgehoben wusste, auf dessen Hilfe er setzte. Aus der Beziehung zu Gott heraus hat er Kraft geschöpft für seinen Weg, für die Gemeinschaft mit immer wieder wechselnden Menschen, für Entbehrungen und Ängste. Das Gefühl oder Vertrauen, wie ein Weinstock zu einem bestimmten Weingärtner zu gehören, sich von ihm leiten, ziehen und pflegen zu lassen – auch wenn dessen Leitung nicht immer seinen eigenen Wünschen entsprach.

So ähnlich haben es andere nach ihm erlebt und erleben es bis heute. Die in schwerer Krankheit oder im Krieg, in Angst oder Trauer Halt finden in Gott. Die manche Worte – ihren Konfirmationsspruch oder Psalm 23 oder das Vaterunser – beten wie ein Mantra. Darauf vertrauen, dass Jesu Worte wahr sind: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.“ (Joh 15, 7) Dass wir Jesus Christus nicht immer wie von selbst oder durch seine Kraft, sondern auch durch unsere eigenen Worte und Gebete so nah bleiben, wie eine Rebe dem Weinstock.

Und zu wieder anderen Zeiten sind wir vielleicht eher mit den Früchten unseres Lebens beschäftigt. So, wie ein alter Mann, pensionierter Religionslehrer, der sich schließlich ganz auf Sizilien niedergelassen hat. Der dort ein altes, verfallenes Steinhaus wieder aufgebaut und einen kleinen Gemüsegarten angelegt hat, Ziegenkäse und Rotwein liebt, gelegentlich die Vorabendmesse in der Dorfkirche besucht. Für ihn ist das Bild von Jesus dem Weinstock und Gott dem Weinbauern stimmig. Als alter Mann ist er eins damit, sich in seinem Leben mal mehr, mal weniger zu Jesus gehalten zu haben. Zufrieden mit dem, was der große Weinbauer durch ihn hat wachsen lassen: den Beruf, die Schülerinnen und Schüler, Kinder und Enkel, Essen und Lebensfreude. Er freut sich an den Früchten seines Lebens und weiß, dass er sie kaum sich selbst verdankt. Sondern wohl vor allem dem Weinbauern, der ihn gezogen, dem Weinstock, der ihn gehalten, und dem Boden, der ihn genährt hat.

So ähnlich ist es wohl auch mit dem Jesuswort vom Weinstock: Dass es seine Kraft entfalten kann je nachdem, auf welchen Boden es in uns fällt. Wie wir es hören, in uns aufnehmen und etwas daraus machen. Zum Trost, zum Ansporn, zur Ermutigung oder Freude…

Guter Wein braucht – so heißt es – einen bestimmten Boden: tiefgründig, locker, kräftig und warm. Nicht zu sauer oder steinig. Auf guten Boden möge Jesu Wort in uns fallen, wachsen und reifen und den Geschmack entfalten, den wir wie Trauben am Weinstock Christi der Welt zu geben haben. Saft und Wein zum Zeichen der Freude am Leben!

Amen.

Predigt zu Johannes 19, 26+27

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Am Ende ist von Jesu Leben, Lieben und Leiden nur das Kreuz geblieben. Das Symbol des Kreuzes, ganz schlicht. Man kann es mit zwei Fingerstrichen in den Sand malen, mit Wasser einem Täufling auf die Stirn zeichnen oder aus zwei Ästen zusammenbinden.

Das Kreuz als ein universales Zeichen. Eigentlich steckt darin die ganze christliche Botschaft: die Liebe, Treue und Wehrlosigkeit Jesu, in dem wir Gottes Sohn glauben. Seine Hingabe bis zum Tod – und sein Durchgang durch den Tod zu neuem Leben.

Das Kreuz kann für sich alleine stehen, ohne Hintergrund, ohne Umgebung, ohne Menschen. Es spricht für sich allein. Aber es ruft nach Menschen, es fragt nach Menschen. Nach den Menschen damals, von denen wir eben in der Passionsgeschichte gehört haben, die Jesu Tod gefordert oder gebilligt haben oder ihn miterleben mussten. Es fragt auch nach den Menschen heute, die sich und ihr Leben in Beziehung zum Kreuz setzen, Jesu Kreuz ins Leben ziehen.

Diese Spannung zwischen den Fragen, die das Kreuz uns Menschen stellen kann, und den Fragen, die wir ans Kreuz haben mögen, macht auf eindrückliche Weise der bekannteste zeitgenössische Künstler des Nordens Per Kirkeby deutlich. Für mehrere Kirchen in seiner Heimat Dänemark und in Deutschland, wo er lange als Kunstprofessor in Karlsruhe und Frankfurt a.M. gelehrt hat, schuf er Altarbilder, Glasfenster und Skulpturen.

Ein Altarbild hat es mir besonders angetan. Ich möchte es euch schildern, damit ihr euch davon eine Vorstellung machen könnt.

Das Bild entstand 2012 und befindet sich in der kleinen, an sich schmucklosen Kirche im Stadtteil Gentofte im Norden von Kopenhagen. Es hängt im Hochaltar, füllt dessen mittlere Tafel ganz aus. Auf den ersten Blick sieht man darauf einen Stamm. Nicht tot, sondern sehr lebendig, mit einer längs geriffelten, feucht glänzenden Rinde. Licht und Schatten spielen darauf in vielen Farben. Rechts vom Stamm Dunkelheit, kräftige schwarze Pinselstriche, durch die es grün und braun schimmert. Als sei eine fruchtbare Landschaft schwarz durchgestrichen worden. Links vom Baumstamm sonnige Farben: hellgrün, gelb und orange.

Erst auf den zweiten Blick fallen die beiden Farbflächen am Fuß des Stammes auf: klares Blau auf der einen, klares Rot auf der anderen Seite. Einige Tupfer Violett, wo sich die beiden Farben gerade nicht berühren.

Rot und blau, eine Anspielung, ein Zitat der Menschen, die da in der kirchlichen Kunst seit dem Mittelalter stehen, auf Altartafeln, in Kreuzigungsgruppen und auf Ikonen. Maria, die Himmelskönigin, oder in Gegenden, die von der Seefahrt geprägt sind, auch „Stella maris“, Seestern Maria, in einem himmel- oder wasserblauen Umhang. Und Johannes, der Lieblingsjünger oder beste Freund Jesu, in einem Gewand so rot wie Blut, so rot wie die Liebe.

Wenn zwei Menschen unter dem Kreuz abgebildet sind, kann man ziemlich sicher sein, dass es diese beiden sind: Maria und Johannes. Wie auch unter dem Kreuz in unserem Hochaltar. Sie stehen da, weil es im Text so steht, jedenfalls im Evangelium nach Johannes. Aber das wird für einen modernen, experimentellen Künstler wie Per Kirkeby nicht die einzige Begründung, keine zwangsläufige Herleitung sein. Wenn er sich auf die mittelalterliche Farbtradition bezieht, so trifft er eine bewusste Wahl. Er gibt dem Kreuz in seiner Sprache Antwort oder Deutung, zieht es auf seine Weise ins Leben.

Maria und Johannes, die Per Kirkeby so leuchtend farbig zitiert, wie der schillernde Baumstamm auf seinem Bild das Kreuz zitiert, sie stehen am Fuß des Stammes als Zeugen, vielleicht auch als Mittler oder Interpreten. Sie bezeugen die Liebe Jesu, seine Fürsorge, die noch im Sterben anderen galt: seiner Mutter und seinem besten Freund. Er wies sie aneinander, dass sie sich fortan gegenseitig helfen und unterstützen sollten. Sein Mitgefühl mit dem Schmerz derer, die seinen Tod erleiden müssen, denen er im Leben fehlen wird. So, wie manche Sterbende vor allem mit der Hilflosigkeit, der Einsamkeit oder Trauer derer beschäftigt sind, die zurückbleiben werden. Eine tiefe Verbundenheit, die nicht mit dem Tod endet. „Er liebte die Seinen“, heißt es, „und er liebte sie bis ans Ende“ (Joh 13, 1).

Wenn Jesus am Kreuz sagt: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Und: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19, 26+27), dann gab er damit Maria und Johannes zugleich einen Auftrag. Einen einfachen Hinweis auf das, was im Leid hilft, uns trösten und aufrichten kann: die Nähe, Zuwendung und Hilfe anderer. Nicht alleine zu bleiben mit Gewalt, Tod und Zerstörung, sei es im privaten oder im öffentlichen Raum, in Katastrophenfällen oder im Krieg. Manches Leid ist nicht alleine zu tragen. Mal braucht es Worte, mal eine Umarmung oder körperliche Nähe, mal praktische Hilfe, um nicht unterzugehen im Schmerz.

Als Jesus seinen Freund und seine Mutter aneinander weist, da stiftet er im Abschied so etwas wie eine neue Familie. Insofern bezeugen Maria und Johannes auch die christliche Gemeinschaft, die vom Kreuz ausgeht und schnell viel größer wurde als die Zwölfergruppe der Jünger. Eine Gemeinschaft, zu der von Anfang an Menschen in instabilen Familienverhältnissen gehörten, diese vielleicht auch besonders suchen: Witwen, verwaiste Eltern oder Geschwister, Fremde. So, wie sich bis heute in manchen Kirchengemeinden viele Zugezogene, Vertriebene, Geflüchtete, Umgesiedelte und Vagabunden versammeln. Menschen mit mehreren Heimaten. Der Schmerz des Abschieds mag uns einen, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit oder Freundschaft und auch die Bereitschaft, im andern einen Bruder oder eine Schwester, eine Mutter oder einen Sohn zu sehen, ganz gleich, woher wir kommen.

Alle dürfen dazu gehören, auch dafür stehen Maria und Johannes. Johannes ein Mann, so jung, dass er noch keinen Bart trägt, ohne Familie. Maria eine Frau, Ehefrau und Mutter, schon älter. Zusammen stehen sie da für uns alle, ob wir alleinstehend, verheiratet, verwitwet oder geschieden sind, Mütter und Väter oder Töchter und Söhne. Gleichermaßen verletzlich und ohnmächtig, liebend und trauernd. Entsetzt über das, was zum Beispiel in der Ukraine geschieht, bangend um den Zusammenhalt und die Sicherheit in Europa, ängstlich oder wütend über die Klimakatastrophe, in Sorge um die Zukunft. Gemeinsam stehen wir da, in Johannes und in Maria. Weinend und ratlos wie Maria in ihrem tränenblauen Umhang, zornig und leidenschaftlich wie Johannes in seinem flammendroten Überwurf.

„Für uns“ ist Jesus Christus am Kreuz gestorben, so hat es unsere Tradition formuliert. Und wir versuchen immer wieder, dieses „für uns“ zu verstehen… „Für unsere Sünden“, für unsere heillose Welt mit ihren tödlichen Mächten, die sich an Jesu Kreuz ausgetobt haben, sodass Friede sei. Sodass wir spüren könnten, dass Gottes Liebe zum Leben größer ist als die Gewalttätigkeit der Menschen.

Im Glauben wird Jesus „für uns“ wahr. In unserer Beziehung zum Kreuz, zur Liebe und zum Leid. Ausgegossen sind Gottes Tränen über dem Kreuz seines Sohnes, wie ein Meer. In Flammen steht Gottes Liebe am Kreuz, seine leidenschaftliche Liebe zum Leben, aus der heraus neues Leben für uns entsteht, stärker als der Tod.

Zwei Farbflächen, rot und blau, am Fuß eines schillernden Stammes. Auf mystische Weise bezeugen sie die Anwesenheit Gottes in der Welt: im Wasser, in dem alles Leben entstanden ist, in der Luft, die wir zum Atmen brauchen. Und in der Liebe, in der Leidenschaft und im Feuer, das uns nährt und wärmt und neues Leben schenkt.

„Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich“, heißt es im Hohelied der Liebe. „Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme Gottes. Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch Ströme sie ertränken.“ (Hld 8, 6+7)

In Jesu Kreuz für uns halten wir daran fest. Amen.

Predigttext: Johannes 13, 1–15. 34–35

Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. 2 Und nach dem Abendessen – als schon der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben hatte, dass er ihn verriete; 3 Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging – 4 da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. 5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und zu trocknen mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war. 6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße? 7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. 8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. 9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! 10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; er ist vielmehr ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er wusste, wer ihn verraten würde; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch. 14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. 15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.
34 Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. 35 Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

„Mensch, weigere dich“ – las ich neulich auf der Straße, in der Heckscheibe eines parkenden Autos, mit schwarzem Filzstift auf ein Blatt Papier geschrieben: „Mensch, weigere dich, ein Feind zu sein!“

Im Moment denkt man dabei sofort an den Krieg in der Ukraine. An den kriegerischen Konflikt, in dem Russen und Ukrainer Feinde sind und Russland für die gesamte NATO der Feind ist.

Erst nach und nach merken die Medien, dass wohl zu differenzieren ist zwischen Russland und den Russen, zwischen dem russischen Präsidenten, der Oligarchie, den Ministern und Beratern, der in sich gespaltenen russisch-orthodoxen Kirche, den Wählern, den Künstlern, den Mitläufern, den Oppositionellen, den vielen Russinnen und Russen auch mit multikulturellem und -nationalem Hintergrund. Das haben wir Deutschen nach dem 2. Weltkrieg langsam gelernt, und wie erinnern uns hoffentlich: dass nicht „der Russe“ der Feind ist oder „der Chinese“.

„Mensch, weigere dich, ein Feind zu sein!“ Das heißt nicht, dem Einmarsch einer übermächtigen Armee in ein anderes Land tatenlos zuzusehen. Es muss nicht radikalen Pazifismus bedeuten. Aber es heißt: Lass dich nicht verbiegen zur Feindschaft gegenüber anderen Menschen. Bleib ein Bruder, eine Freundin, ein Mensch! Bleib dem Nächsten nah!

Unser Nächster, unsere Nächste ist im christlichen Sinn nicht der oder die, die unserem Herzen besonders nah sind, die wir lieben oder mögen, mit denen wir zusammenleben. Unser Nächster ist nach christlichem Verständnis der oder die, die vielleicht gerade zufällig neben uns sitzt, unseren Weg kreuzt oder unsere Hilfe braucht.

Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der Beispielgeschichte zum Thema „Nächstenliebe“ hat Jesus das einprägsam formuliert, als er am Ende seine Zuhörer fragte: „Wer von diesen dreien, meint ihr, ist dem zum Nächsten geworden, der unter die Räuber gefallen war?“ (Lk 10, 36) Wer hat sich dem Ausgeraubten, dem Verprügelten als Nächster zugewandt?

Ein Nächster zu sein, eine Nächste zu werden – das könnte der Umkehrschluss aus dem Satz sein: „Mensch, weigere dich, ein Feind zu sein!“ Bleib nicht feindlich abgewandt, sondern komm nah heran!

Jesu ganze Lebensgeschichte, sein Umgang mit anderen, die Heilungen, das Brotteilen und seine Verkündigung, erzählen von diesem Selbst- und Gottesverständnis: Gott und den Menschen „nah“ zu sein. Daran hat Jesus bis zuletzt festgehalten, trotz Anschuldigungen, Verrat und Feindschaft bis zum Tod.

Zwei Beispiele der Nähe zu Gott und den Menschen hat Jesus seinen Jüngern am Vorabend seiner Gefangennahme, Verurteilung und Kreuzigung mitgegeben, wie ein Vermächtnis. Zwei Zeichenhandlungen: Das Abendmahl, in dem er ein letztes Mal mit seinen Freunden Brot und Wein geteilt hat, so wie viele Male zuvor. Und die Fußwaschung, von der nur im Johannes-Evangelium berichtet wird. Als Jesus seine Kleider hochnahm, sich eine Schürze umband, eine Schüssel mit Wasser füllte und sich vor seine Jünger kniete, um ihnen die Füße zu waschen.

In unserer Kirche ist die Geschichte versteckt überliefert: Hinter der Kanzel, gegenüber von dem Bronzerelief, das Jesu Geißelung zeigt, ist auf einem Relief dargestellt, wie Jesus mit gerafftem Gewand wahrscheinlich vor Petrus kniet, der hier wie so oft als alter Mann dargestellt wird. Der es zunächst ablehnt, dass Jesus ihm die Füße wäscht.

„Ein Beispiel gebe ich euch“, hat Jesus gesagt, nachdem er seinen Freunden gegen deren Willen die Füße gewaschen hat. Ein Beispiel am letzten Tag seines Lebens, trotz des bevorstehenden Verrats kein Feind, sondern ein Mensch und ein Nächster zu sein.

Das ist, besonders wenn man sich eine Fußwaschung ganz konkret vorstellt, gar nicht so leicht auszuhalten, diese Nähe. Eine Freundin von mir dachte es sich so schön: In ihren ersten Amtsjahren als Pastorin war diese Geschichte von der Fußwaschung Predigttext an Gründonnerstag, wie heute. Und sie dachte, es sei eine gute Idee, ein sinnliches Erlebnis, im Gottesdienst eine Fußwaschung anzubieten. Mehrere aus der Vorbereitungsgruppe standen mit Schüsseln und warmem Wasser bereit, anderen die Füße zu waschen. Aber dann meldeten sich gleich Weitere, die gerne anderen die Füße waschen wollten – und die anderen hatten Gründe, warum es heute für sie nicht passte, die Schuhe und Strümpfe auszuziehen und die Füße gewaschen zu bekommen…

Während es zu Jesu Zeiten ein Zeichen freiwilliger Zuwendung und Ehrerbietung war, einer eigentlich höherstehenden Person die Füße zu waschen, fühlen wir uns heute sicherer und souveräner in der Rolle des Fußwäschers – und eher nackt, bloß und verletzlich, wenn wir die Füße gewaschen bekommen, selbst von Freundinnen und Freunden.

Eine besondere Form der Nähe, wie sie auch in der medizinischen Pflege geschieht – und viele kranke oder ältere Menschen müssen sich erst langsam daran gewöhnen oder lehnen dies lange ab. Ein Dienst, in dem wir uns gegenseitig sehr nah kommen – und das kann eine Zumutung für unsere Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und Intimsphäre sein, und zugleich eine Wohltat, gewaschen, eingecremt oder angezogen zu werden. Es ist eine Herausforderung, in der Nähe, die wir in der Pflege oder in dem Dienst einer Fußwaschung brauchen, einander auf gute Weise nah zu sein. Nicht übergriffig, vereinnahmend oder ruppig auf der einen Seite, nicht abweisend, herablassend oder beleidigt auf der anderen Seite.

Eine besondere, empfindliche Beziehung zwischen Dienenden und Empfangenden, Pflegenden und Bedürftigen, Dienstleistern und Konsumenten. Wie wir sie an den verschiedensten Orten erleben können, im Restaurant, auf Reisen oder bei Hilfen im Haushalt, überall, wo wir die Hilfe oder den Dienst von anderen brauchen oder sie anderen anbieten.

Eine besondere Nähe, kostbar und dennoch gar nicht leicht auszuhalten – auch wenn wir an Gründonnerstag denken. An Jesu Abschied von seinen engsten Freundinnen und Freunden, das letzte Abendmahl. An einem Tisch zusammen zu sitzen, von einem Brot, aus einer Schale zu essen. Zu wissen, dass ein Mensch, den wir lieben, geht. Zu wissen, dass wir ein letztes Mal zusammen sind. Einander in die Augen sehen, eine letzte Umarmung, sich jede Handbewegung und jedes Wort genau einprägen…

Darin bleibt die Geschichte und die Erinnerung an die Fußwaschung Jesu wichtig, auch wenn wir sie anders als das Abendmahl nicht praktizieren. Weil sie wachruft, was Jesus wichtig war: Einander zu dienen und füreinander da zu sein, nah, verbunden und verletzlich zu sein und dies auch zu zeigen.

„Mensch, weigere dich, ein Feind zu sein!“ Bleib in der Liebe Gottes, die höher ist als unsere Vernunft und die tiefer reicht als unsere Angst und Zweifel. Amen.

Predigt zu Johannes 17, 1–8

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Und wenn ich euch so von der Kanzel begrüße, mit einem Gruß von Christus, „der da ist, der da war und der da kommt“, dann steckt darin für mich heute in ganz komprimierter Form ein Bild von Christus, das uns auch der heutige Palmsonntag zeigen kann oder die Bibeltexte, die zu ihm gehören: Jesus Christus als einer, der war, ist und kommt.

In dem Zusammenhang, in dem diese Wendung im Buch der Offenbarung (Offb 1, 4) steht, ist damit gemeint, dass Christus vor aller Zeit war, dass er in dieser Zeit ist und auch in der kommenden Zeit sein wird – als präexistent, gegenwärtig und zukünftig. Ich möchte diese Wendung heute etwas weniger abstrakt fassen. Als einen Spiegel, in dem wir Jesus sehen können: mal wie von vorne als jemand, der kommt, mal wie von hinten als einen, der war und geht, und mal wie jetzt an unserer Seite anwesend.

An Palmsonntag geht es vor allem um den, der kommt. Nachdem Jesus zunächst im Norden von Israel gepredigt und geheilt hat, ist er mit seinen Jüngern nach Süden gewandert. Jetzt kommt er in Jerusalem an. Seine Anhänger und das einfache Volk in der Stadt begrüßen ihn jubelnd. Sie bereiten ihm den Weg mit Kleidern und Palmzweigen, singen und applaudieren ihm wie einem König.

Das Adventslied „Tochter Zion“, das wir eben gesungen haben, nimmt diese Stimmung auf: den Jubel, die Freude und gespannte Erwartung, die sich mit Jesu Ankunft und Einzug in Jerusalem verbinden, wo er als Messias gefeiert wird.

Dieser Blick auf den kommenden Friedenskönig verknüpft sich für uns vielleicht mit der Vorfreude im Advent oder der Spannung an Heiligabend: Gottes Kind kommt in die Welt, und damit wird ein neuer Anfang gesetzt, der uns selig macht. So, wie der Besuch einer guten Freundin oder eines treuen Freundes, den wir lange nicht gesehen haben, einen glücklich machen kann. Oder die Geburt eines Kindes im Familien- oder Freundeskreis. So kommt Christus zu uns – auch in den Kindern, den Freunden, den Gästen und auch in den Fremden und Geflüchteten, die zu uns kommen.

Gleichzeitig haben wir an Palmsonntag schon Jesu Ende im Blick. Es brechen Jesu letzte Tage an. Und wir, im Rückblick, können ja schon wissen, dass diejenigen, die bei Jesu Einzug „Hosianna“ gerufen haben, dieselben waren, die wenige Tage später „Kreuzige!“ schrien. Wer im Chor singt oder die Passionen kennt, wird diese Rufe im Ohr haben: „Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!“.

Jesu Abschied aus dieser Welt, der nicht freiwillig war, nicht sanft und friedlich, sondern grausam. Und wir sehen darin Jesus als den, der „war“, der umgebracht und aus der Welt geschafft wurde. So, wie es heute Menschen widerfährt in der Ukraine, in Afghanistan oder dem Irak. Dass Menschen sich am Lebensrecht von anderen vergreifen – und im Fall von Jesus am Lebensrecht Gottes.

Als Christinnen und Christen leben wir mit diesem Jesus, „der da war“. Der gelebt und gelitten hat, gestorben ist, wie wir es im Glaubensbekenntnis sagen. Dessen Tod am Kreuz für uns ein Mahnmal ist, ein Gedenkzeichen menschlicher Gewalt gegen andere und gegen Gott. Das Kreuz, von dem wir glauben, es müsste der Gewalt auf Erden ein Ende setzen.

Und schließlich – neben dem, dessen Ankunft wir freudig erwarten, und dem, dessen Tod wir schmerzlich erinnern – ist Christus für uns immer auch der, „der da ist“. Der jetzt da ist, wo auch immer Menschen sich heute, jetzt gerade in seinem Namen versammeln, in Armut oder Reichtum, in Sicherheit, in Krieg oder Verfolgung, in Freude oder Leid.

Jesus als unser „Bruder“, wie wir manchmal sagen, der uns und unseren Herzen nah ist, uns kennt und versteht: unsere Wünsche und Sehnsüchte nach Liebe, Frieden und Freundschaft ebenso wie unsere Ängste und Abgründe. Er ist da – und wir werden unsere eigenen Bilder davon haben, wo und wie wir Jesus schon einmal wie anwesend erfahren haben, im Gebet, in Not, in Gemeinschaft, in Kunst oder Musik.

Der Predigttext heute aus dem Johannes-Evangelium im 17. Kapitel, das sog. hohepriesterliche Gebet Jesu, kann man wie eine Klammer dieses gegenwärtigen, des vormaligen und zukünftigen Christus lesen. Der Evangelist Johannes platziert den Text unmittelbar vor Jesu Gefangennahme. Es sind Jesu letzte öffentliche Worte in Würde und Freiheit. Er spricht sie halb zu Gott, halb zu seinen Jüngern und Freundinnen:

Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; 2 so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. 3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. 4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. 5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. 7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.
(Joh 17, 1–8)

Wie ein Vermächtnis klingen diese Worte für mich. Als hätte Jesus innerlich schon längst Abschied genommen. Wie aus einer Außenperspektive spricht er von sich selbst in der 3. Person.

Ein schwieriger Text, nicht leicht zu verstehen. So viel Herrlichkeit, so viel inniges Ich und Du, als sei alles gut. Eine Rede voll von bedeutungsschweren Worten und Begriffspaaren: Vater und Sohn, Himmel und Erde, Welt und Herrlichkeit, annehmen und erkennen, mein und dein und immer wieder ich und du – und kein Blatt passt dazwischen.

Ich verstehe diesen Text, dieses Gebet so, dass Jesus hier als einer spricht, der weiß, dass er gehen muss. Der noch im Leben steht, noch hier in dieser Welt ist, aber zugleich weiß, dass er Abschied nehmen und sterben muss. Als würde er versuchen, die Spannung zu halten zwischen Jetzt-Noch und Bald-Nicht-Mehr, Leben und Tod, zwischen den Menschen auf der Erde, die ihm anvertraut waren und die er geliebt hat, und Gott im Himmel, zu dem er auch gehört.

Ich frage mich: Was würden wir wohl sagen, was würden wir tun, wenn es uns so zu zerreißen droht? Wenn wir wüssten, es gilt Abschied zu nehmen. Von einem Menschen, der schwer krank ist oder im Sterben liegt. Von einem Ort oder Beruf, der uns alltäglich Heimat war. Von Gewohnheiten oder Überzeugungen, die uns lange getragen haben, und wir müssen uns nun von ihnen trennen. Was hilft uns zu gehen, ins Ungewisse aufzubrechen, als das manche von uns auch diese Zeit empfinden?

In einigen Berichten oder Interviews mit Menschen, die in den letzten sechs Wochen aus der Ukraine geflohen sind, erzählen diese von den letzten Stunden in ihrer Heimat. Woran sie gedacht, was sie eingepackt, mit wem sie noch einmal gesprochen haben. Manchmal sind es Zufallsstücke, wie ein Becher oder ein Spielzeug, die mit auf die Flucht gehen, oder nützliche Dinge, wie warme Kleidung oder eine Decke, Papiere und Handy. Oft sind es Gedanken an die Nächsten, die Menschen im Abschied beschäftigen: an den Ehemann, die Mutter, die Tochter… Oder an den Beruf, das Wohnhaus, den Geburtsort – das ganze innere und äußere Zuhause, das plötzlich verlassen werden muss.

Im Predigttext hat der Evangelist die Abschiedsgedanken und -worte von Jesus ausformuliert, fiktiv und nachträglich, vielleicht viel ausführlicher, als Jesus selbst sie in sich bewegte, vielleicht auch glatter und eindeutiger, als Jesus es empfunden haben mag.

Aber was in diesem Gebet, in diesen Abschiedsworten zum Ausdruck kommt, was Gestalt gewinnt, ist so etwas wie ein sicherer Ort oder ein innerer Raum, in den Jesus sich zurückzieht, als die äußeren Beheimatungen zusammenbrechen. Als er weiß, dass er loslassen und gehen muss. Da versucht er, im Gebet in sich zusammenzuhalten, was in seinem Leiden und Sterben grausam auseinanderbricht.

„Du, Gott, und ich, wir gehören zusammen. Ich habe deine Worte bewahrt und dich verherrlicht, nun halte du dein Wort und verherrliche mich. Nimm mich zu dir. Du hast mir alles gegeben, nun gebe ich mich dir.“

Und so, denke ich, ist auch für uns das Gebet ein Schutzraum in dieser Zeit, in allem, was um uns herum zusammen- oder auseinanderzubrechen droht. Ein sicherer Ort für uns und unsere Ängste, unser Hin- und Hergerissensein zwischen Alltag und Krieg, Wohlstand und Leid. Ein Ort auch für die, die in realer äußerer Bedrohung durch Gewalt, Hunger oder Krieg leben und unsere Fürbitte brauchen. Die wir Gott ans Herz legen, so wie Jesus Gott für uns gebeten hat und bittet, und er wird nicht aufhören, für uns zu bitten, zu hoffen und da zu sein.

Als der, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Predigttexte

Matthäus 26, 47–50 und
Helga Schubert: Judasfrauen, 2021

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Er ist wohl neben Jesus die prominenteste, die am meisten hervorstechende und bekannteste Figur der Passionsgeschichte: Judas. Fast jeder kennt seinen Namen.

Wenn ich mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden über die 12 Jünger Jesu spreche, über das letzte Abendmahl oder Jesu Leiden und Kreuzigung, dann gibt es immer einige, die von Judas wissen oder neugierig nach ihm fragen: „Es gab doch einen, der ihn verraten hat?“ Oder: „Jesus hatte doch auch einen Freund, der ihn umgebracht hat!“

Auf unserem Altarretabel, dem Leonardo da Vinci nachempfundenen Abendmahlsbild, ist er sofort zu erkennen: Judas ist derjenige, der Jesus mit gesenktem Kopf, geduckt von der Seite ansieht, der „scheel“ guckt. Mit der Hand umschließt er fest einen Lederbeutel mit Münzen – 30 Silberlinge –, die er nach dem Matthäus-Evangelium von den Hohepriestern geboten bekam, wenn er Jesus verriete.

Judas, der auch von seinem Namen her seit den Anfängen des Christentums in Verbindung gebracht wird mit „den Juden“, die Jesus umgebracht hätten. Mit den Hohepriestern und Schriftgelehrten, dem jüdischen Volk, das Jesu Kreuzigung gefordert hätte, während der römische Statthalten ihnen sogar noch einen Ausweg eröffnete – „Wen soll ich euch losgeben: Barabas oder Jesus?“ – und sprichwörtlich seine Hände in Unschuld wusch.

Judas, der geldgierige, hinterhältige, falsche Freund, gehört mit in die christliche Geschichte des Antijudaismus, in unsere spannungsreiche und schuldbeladene Geschichte mit unseren älteren Geschwistern im Glauben. In ihm verdichtet unsere Tradition, christliche Malerei, Musik und Predigt, Verrat und Mord, den gewaltsamen Tod unseres geliebten Herrn und Bruders Jesus Christus. Immer wieder fratzenhaft dargestellt, steht Judas für das Böse, das Gott und seinem Sohn in dieser Welt entgegensteht.

Die Theologie, die sozialgeschichtliche Auslegung des Neuen Testaments, hat in den letzten Jahrzehnten dabei geholfen, den Blick auf Judas zu weiten. In neueren Entwürfen wird er als einer gesehen, dem die Jesus-Bewegung nicht konkret, nicht politisch genug war. Judas könnte, wie etliche andere Menschen seiner Zeit, die sich aufständischen Gruppen anschlossen, darüber enttäuscht gewesen sein, dass es in Jerusalem nicht zur Revolte kam. Dass Jesus nicht versuchte, seine Verkündigung vom anbrechenden Reich Gottes auch in die Tat umzusetzen und politisch zu handeln. Demnach könnte Judas aus Enttäuschung oder Wut heraus Jesus verraten oder sich auf diese Weise von ihm losgesagt haben. Als einer, der sich selbst und die gemeinsamen Ideale und Ziele von seinem Freund verraten fühlte.

Die Literatur, zuletzt der Roman „Judas“ des israelischen Schriftstellers Amos Oz, hat ihrerseits mitgeholfen, ein anderes, vielschichtigeres Bild von Jesu Freund zu gewinnen.

In dem Roman bzw. den zehn Fallgeschichten, von denen wir heute die erste über Carl Goerdeler gehört haben, geht Helga Schubert bewusst Judas, „dem Verräter“ bzw. „der Verräterin“ nach. Nicht, um posthum über die Verräterinnen zu richten oder die Verratenen zu rehabilitieren, auch nicht, um sich nachträglich am Bösen des Nationalsozialismus zu gruseln. Sondern sie fragt nach der Versuchung zum Verrat, der Versuchbarkeit. Diese wird in ihren Geschichten umso deutlicher, als die vorgestellten Verräterinnen ausnahmslos Frauen sind – zum größten Teil ohne Amt und Würden, ohne beruflichen oder gesellschaftlichen Druck, der sie genötigt hätte, den Andersdenkenden, den Kritiker von Nationalsozialismus, Hitler oder Krieg, zu verraten.

Die Motive der von ihr in den Akten des Volksgerichtshofes in Ost-Berlin untersuchten Fälle, der weiblichen Verräterinnen, changieren: zwischen Überdruss am Ehemann, der verraten wird, Geltungsbedürfnis gegenüber Freundinnen, Habgier, wenn eine Belohnung ausgesetzt ist, oder auch – so wirkt es bei Helene, der Verräterin von Carl Goerdeler – einem gewissen sportlichen Ehrgeiz: Schaffe ich es, ihn zu erkennen?

Nach der Verhaftung Goerdelers sei sie in Tränen ausgebrochen und habe „bitterlich geweint“, wie sie und viele andere der Verräterinnen später vor Gericht aussagten. Die Belohnung nahm sie trotzdem an, verwandte aber nur einen Bruchteil des Geldes für sich selbst, spendete an die Stadt Königsberg und das Rote Kreuz und machte großzügige Geschenke in ihrer Familie.

Beim Lesen der Falldarstellungen, in denen Helga Schubert ja bewusst der Frage nach der Versuchung zum Verrat nachgeht, musste ich immer wieder an Hannah Arendts Begriff der „Banalität des Böses“ denken, den sie im Zusammenhang der Eichmann-Prozesse formulierte. Die Nachbarinnen, Freundinnen, Ehefrauen oder Mitarbeiterinnen, die Männer aufgrund ihrer systemkritischen Äußerungen verrieten, waren keine Teufelinnen. Weder waren sie per se männer- oder menschenfeindlich, noch besonders sadistisch, teilweise noch nicht einmal überzeugte Anhängerinnen des Nationalsozialismus. Offenbar lag die Versuchbarkeit woanders, tiefer oder sogar eher an der Oberfläche, banal und alltäglich…

Helga Schubert forschte und berichtete über die sog. Judasfrauen, um aufzuzeigen, wie die Diktatur Menschen verführen kann. Wie es dazu kommen konnte, dass es in der DDR Tausende „IM“, Inoffizielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stasi“, gab, auch wenn sie deren Gesamtzahl von etwa 200.000 Personen zur Zeit der Entstehung ihres Buches noch nicht kennen konnte. Die Wiederauflage ihres Romans 2021 setzt sie in Beziehung, will sie als ihre Antwort verstanden wissen auf die anti-demokratischen Tendenzen und politischen Gruppierungen in unserem Land jetzt. Eine offene, demokratische Gesellschaft, sagt sie, schütze Menschen mehr davor, zu Täterinnen und Tätern zu werden, weil Gerichte angerufen werden könnten und es eine freie Presse gäbe.

„Sie schützt uns alle mehr davor,“ schreibt sie. Und drückt damit implizit aus, dass nichts und niemand uns sicher davor bewahren kann, zur Verräterin, zum Täter zu werden. Dass kein Erziehungs- oder Gesellschaftsmodell das Böse verhindern kann, das uns Menschen offenbar innewohnt.

Ich würde es von daher, von unseren uns verbindenden Neigungen oder Möglichkeiten auch zum Bösen hin, als eine Weisheit und als Ausdruck der tiefen Menschenkenntnis unserer biblischen Überlieferung beschreiben, dass hier unter den Menschen an Jesu Weg neben denen, die zu ihm hielten, auch Judas dargestellt wird. Judas, der seinen Freund verriet.

Wir wissen nicht, warum. Aber die Passionsgeschichten der Evangelien und die Fallbeispiele von Helga Schubert bieten eine Vielzahl von Motiven an, beleuchten seine und unsere Versuchbarkeit aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln: Habsucht, Langeweile, Geltungsdrang, enttäuschte Liebe, Rache, sportlicher Ehrgeiz…

Vielleicht wagen wir es, „dahin zu denken, wo es weh tut“, wie Hannah Arendt es beschrieb, und uns selbst zu fragen, wo unsere Versuchbarkeit am ehesten liegt, was uns selbst am leichtesten zum Bösen verleitet – und wir merken es kaum oder finden uns überzeugende Gründe für unser Handeln.

Oft werde ich als Pastorin gefragt, wie es das Böse in der Welt geben könne, wo doch Gott alles geschaffen haben soll, den Menschen sogar zu seinem Ebenbild?

Ich glaube, Gott hat uns zur Freiheit geschaffen. Nicht perfekt, nie fertig – jedenfalls nicht in dieser Welt. Darum gehört die Auseinandersetzung mit dem Bösen, mit unseren Schattenseiten, dem menschlichen Streben nach Dominanz oder unserem Egoismus, zu uns. Sie ist notwendig für unser Denken und für unseren Glauben – gerade um der Banalität, dem Allzumenschlichen des Bösen widerstehen zu können.

In den Jüngern, in Petrus oder Maria Magdalena, und auch in Judas können wir uns und andere entdecken und verstehen lernen. Aufmerksam für die Alltäglichkeit des Bösen, auch in und durch uns. Aufmerksam auch für die Barmherzigkeit Gottes und unserer Mitmenschen, die uns davor behüten mögen, Böses zu tun. Im Glauben an Gottes Gnade und Vergebung, aus der wir leben – trotz allem.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigttext: Markus 14, 66–70

Und Petrus war unten im Hof. Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters; und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Warst du nicht auch mit dem Jesus von Nazareth? Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte. Und die Magd sah ihn und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Dieser ist einer von denen. Und er leugnete abermals.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Seit etwa 20 Jahren verbreitet sich im deutschsprachigen Raum eine Methode der Bibelauslegung, die „Bibliolog“ heißt. Sie stammt ursprünglich aus den USA und nimmt Anregungen vom Bibliodrama, aus der Literaturwissenschaft und der jüdischen Schriftauslegung auf. Biblische Texte werden so ausgelegt, dass die Leerstellen oder Zwischenräume, die im Text nur angedeutet sind, erzählerisch mit eigenen Erfahrungen gefüllt werden. „Weißes Feuer“ wird diese Methode auch genannt, in Aufnahme einer jüdischen Metapher, nach der die Buchstaben der Tora das „schwarze Feuer“ darstellen, das „weiße Feuer“ aber in den Leerstellen leuchtet. So wird bei einem Bibliolog zum Beispiel den Personen oder Dingen nachgegangen, die nur am Rand erwähnt werden, den Gedanken oder Gefühlen, die zwischen den Zeilen stehen, den Themen, die unsichtbar, „weiß“ im Text lodern.

Einer Person, der man in einem Bibliolog im Gespräch mit einer Gruppe typischerweise Raum geben würde, ist zum Beispiel die namenlose Magd, von der wir eben gehört haben. Sie tritt in den Passionserzählungen aller vier Evangelisten auf. Im frühesten Evangelium, bei Markus, spricht sie zweimal; in den späteren Evangelien bekommt sie nur noch einen Redebeitrag.

Zur Eröffnung unserer Gottesdienstreihe in der Passionszeit – „Menschen an Jesu Weg“ – eignet sie sich meines Erachtens besonders gut, denn wir kennen sie am wenigsten. Sie macht uns gut deutlich, wie wenig wir auch die anderen Personen kennen, die Jesus auf seinem Leidensweg begegnet, ihn begleitet und unterstützt oder auch verraten und gequält haben. Und sie stellt eine Frage, spricht Petrus an, wie wir selbst es an ihrer Stelle vielleicht auch getan hätten.

Die namenlose Magd war eine Bedienstete, eine Sklavin des Hohepriesters in seinem Palast in Jerusalem. Ob sie wohl schon länger für ihn arbeitete? Was mag sie mitbekommen haben von Jesu Gefangennahme, seiner Vernehmung vor dem Hohen Rat, den Anschuldigungen, die von Zeugen gegen ihn vorgebracht wurden, er bezeichne sich als Gottes Sohn? Während drinnen, im Palast von Kaiphas, das Verhör stattfindet, hält sie sich im Hof auf. Vielleicht fegt sie, nimmt eine Warenlieferung entgegen oder unterhält sich mit anderen Sklaven. Da sieht sie einen Mann, der ihr bekannt vorkommt. Wo hat sie ihn bloß schon einmal gesehen? Im Tempel, als dieser Jesus dort neulich Tische, Wechselgeldkassen und Taubenkäfige umgestürzt hat? Oder auf der Straße? Da fällt es ihr ein: Ja, er war in der Gruppe, die zum Abendessen zu Simon ging. Wovon die Nachbarin erzählte. Sie hatte sie abends gesehen, nur ein paar Häuser weiter waren sie eingekehrt… Jetzt fragt sie ihn: „Warst du nicht auch mit dem Jesus von Nazareth?“

In welchem Ton, warum mag sie wohl gefragt haben? Aus Neugier, um auch etwas zu erzählen zu haben? Oder aus Sympathie? Es waren ja auch andere Frauen in der Gruppe um Jesus gewesen, wie sie. Deutlich erkennbar auch andere Arme, wie sie. Was hatte sie wahrgenommen, was erschien ihr interessant oder attraktiv an dieser Gruppe? Oder fragte sie etwa, um auch Petrus zu verraten, aus Loyalität zu ihrem Dienstherrn, aus Misstrauen oder Gehässigkeit?

Warum hätten wir selbst damals vielleicht Petrus angesprochen? Was hätten wir gerne von ihm gewusst?

„Gehörst du nicht auch zu Jesus? Warum hast du dich ihm angeschlossen?“

Wann wurden wir das zuletzt gefragt? Wer hat uns so eine Frage schon einmal gestellt? „Bist du auch Christin? Glaubst du auch an diesen Jesus? Du gehst doch manchmal zur Kirche.“

Ich denke an einen Freund, der erzählte, wie er während eines längeren Aufenthalts in Indien bei Busfahrten über Land regelmäßig angesprochen wurde: „Woher kommst du? Wer ist deine Familie? Und welche Religion hast du?“ Wie es ihm zuerst peinlich war, über seinen Glauben zu sprechen, ihm diese Frage fast privater erschien, als die nach seiner Familie. Wie ungewohnt es für ihn war, über seine Religion Auskunft zu geben – dies aber in Indien ganz selbstverständlich war, auch Fremden gegenüber zu sagen, welchen Glauben, welche Religion, welchen Kult man praktiziert und warum.

Im Bus in Indien auf Englisch mit einem zufälligen Sitznachbarn mögen solche Fragen überraschen, aber vielleicht sind sie in der Verfremdung sogar einfacher zu beantworten, als in unserem alltäglichen Kontext. So ähnlich, wie man in einem Gespräch auf einer Bahnfahrt manchmal eher sein Herz ausschüttet, als gegenüber Bekannten. Wie antworten wir aber auf die Frage nach unserem Glauben auf einer Party, am Arbeitsplatz oder bei einer Familienfeier? Gegenüber Menschen, die wir wahrscheinlich wiedersehen, die uns kennen?

Als ich mit den Jugendlichen in der Jugendgruppe darüber sprach, sagten sie, am schlimmsten fänden sie diese Frage im Familienkreis. Da würde dann immer Streit aufkommen, weil eine Person oder ein Teil der Familie eben mit Kirche nichts am Hut hat und diesen ganzen Kram Quatsch findet. Familienstreit, der verletzend sein kann – wie es ihn in anderen Familien bei bestimmten politischen Themen oder um die Corona-Impfung gibt. Schwer auszuhalten, dass es in einer Familie unterschiedliche Haltungen zu Glaube, Corona, Klima, Waffenlieferungen oder Flüchtlingspolitik gibt!

Am liebsten, sagte ein Jugendlicher, Auszubildender bei der Deutschen Bahn, würde er einmal bei der Arbeit nach seiner Religion gefragt werden. Das fände er gut, davon zu erzählen, und auch zu hören, was die anderen so glauben, die Katholiken und Muslime. Er hätte dann schon Argumente, warum es gut sei, evangelisch zu sein.

Wo möchten wir nach unserem Glauben gefragt werden – und wo scheuen wir diese Frage? Und wo stellt sie sich uns, egal ob wir es möchten oder nicht? In welchen Situationen oder Zeiten vernehmen wir diese Frage sozusagen zwischen den Zeilen?

Manchen unter uns ging es so, als 2015/16 viele Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Irak nach Deutschland kamen, dass diese Not an ihr Mitgefühl, an ihre christliche Nächstenliebe und Gastfreundschaft rührte. So, wie Menschen sich jetzt für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine stark machen. Manchen geht es beim Thema Rüstung so, dass dies an ihren Wunsch nach Frieden und Gewaltverzicht in Jesu Sinn rührt. Anderen beim Thema Atomkraft oder Klimawandel, dass sie dies mit dem biblischen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung verbinden.

Niemals ist der Glaube, das Bekenntnis zu Jesus Christus nur privat, immer berührt dies auch unser Handeln, Denken und Zusammenleben in dieser Welt. Und darauf gibt es selten nur eine Antwort, sondern im guten Fall eine gemeinsame Suche. Ein eigenes Bekenntnis in der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, Gruppe oder Kirche und im Gespräch mit anderen.

„Gehörst du nicht auch zu Jesus von Nazareth?“, wurde Petrus von der namenlosen Magd gefragt. Die Bibel erzählt, wie er auf diese Frage hin leugnete. Abstritt, Jesus zu kennen und ihm zu folgen, weil er ängstlich oder bequem oder feige war – obwohl er doch sein treuester Freund sein wollte. Ein Versagen, das uns trösten kann, wo es auch uns nicht gelingt, über unseren Glauben zu sprechen oder zu zeigen.

Und andrerseits erzählt uns die Bibel in der Apostelgeschichte zum Beispiel von Tabita, von Stephanus oder Kornelius – viel unbekannteren Personen als Petrus – die sich trotz der damaligen Christenverfolgung zu Jesus Christus bekannten, in ihren Worten und Taten. So, wie auch heute Christinnen und Christen und auch wir es tun können.

„Gehörst du nicht auch zu Jesus von Nazareth?“

Lasst uns vor dieser Frage nicht die Ohren verschließen, ob einzelne Menschen sie uns laut, oder bestimmte Situationen sie uns leise stellen.

In der Epistel heute heißt es: „Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Eine Zeit, ein Tag, an dem wir nicht vergeblich Gottes Kraft und Gnade empfangen, um Zeugnis abzulegen oder einen Dienst in Jesu Sinn zu tun. Dass hörbar und sichtbar wird, zu wem wir gehören und was unser Glaube für unser Leben, Reden und Handeln bedeutet: Gott zu lieben, seine Schöpfung und seine Menschen, unsere Nächsten wie uns selbst.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.