Predigttext Markus 13, 28–32

Jesus sprach: An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 29 Ebenso auch, wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist. 30 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. 31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. 32 Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

Predigt zu Egon Schiele: Herbstbaum in bewegter Luft (1912)
und Markus 13, 28–32

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Im Sommer habe ich in Wien das Leopold Museum besucht. Eine ganze Etage ist dort dem Künstler Egon Schiele gewidmet, von dem das Museum die größte Sammlung der Welt besitzt: 42 Gemälde und 184 Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken. Bekannt ist Schiele, der jung – mit nur 28 Jahren – im Jahr 1918 an der Spanischen Grippe starb, vor allem für seine Frauen- und Männerakte in knalligen, schwarz kontrastierten Farben. Die exaltierte Mimik und Gestik, die durchbohrenden Blicke verbinden Selbstdarstellung und Selbstreflexion mit existentiellen Fragestellungen. Manche seiner Bilder können einem in ihrer Intensität fast zu nahekommen.

Neben den großformatigen Akten waren in Wien in einem Nebenraum auch einige von Schieles Naturbildern ausgestellt. Der „Herbstbaum in bewegter Luft“, auch „Winterbaum“ genannt, den Sie im Gottesdienstzettel sehen, sprach mich besonders an.

Es ist ein quadratisches Bild, etwa 80×80 cm groß, in Öl auf Leinwand gemalt. An mehreren Stellen sieht man, dass der junge Maler mit einem weichen Bleistift vorgezeichnet hat. Braun- und Grautöne. Ein abstrakt anmutender Baum, der sich kantig im Wind biegt, zwei dunkelbraune Hauptäste und ein weißgekalkter Stamm, der auf einen Weinstock oder Obstbaum hindeutet. Der Hintergrund craquelé-artig von Strichen durchzogen. Man weiß nicht genau: Sind es Zweige oder Risse?

Schmal und zart, fast zerbrechlich sieht der einsame Baum aus – und scheint dennoch Sturm und Kälte zu trotzen. Es wirkt, als habe er im Ungleichgewicht unberechenbarer Gewalten sein eigenes Gleichgewicht gefunden, seine eigene bestimmte Form.

Unwillkürlich hat mich der Baum an einen Menschen erinnert, ein Individuum. So, wie wir alle heute hier sind mit den individuellen Namen, Geschichten und Bildern von Menschen, die wir verloren haben. Die zu uns und unserem Leben gehörten, ihm seine bestimmte Form und Färbung gegeben haben und die wir hergeben mussten. Heute mögen sie uns wieder besonders deutlich vor Augen stehen und innerlich nah sein.

Auf eigene, damals neuartige Weise hat Egon Schiele den „Herbstbaum in bewegter Luft“ geradezu anthropomorph gemalt. Man weiß, dass er über seine Beobachtungen menschlicher Merkmale in der Natur intensiv nachdachte. So schrieb er beispielsweise 1913 in einem Brief: „Hauptsächlich beobachte ich jetzt die körperliche Bewegung von Bergen, Wasser, Bäumen und Blumen. Überall erinnert man sich an ähnliche Bewegungen im menschlichen Körper, an ähnliche Regungen von Freuden und Leiden in den Pflanzen.“ [https://www.leopoldmuseum.org/de/sammlung/highlights/106]

Der weißgekalkte Stamm kann einen an die Kindheit eines Menschen erinnern, die wir in unseren Erinnerungen und Gefühlen immer besonders stark bewahren. Schon in der Kindheit Krümmungen des Stammes; kein makelloser, edler Stamm schießt hier gerade empor, sondern einer, der offenbar verschiedenen Einflüssen von Standort und Klima ausgesetzt ist, die ihn prägen, wie ein Kind von seiner Familie, Gesellschaft und Zeit geprägt wird.

Ein Ast wächst auf Schieles Bild fast rechtwinklig nach links. Folgt man dem Stamm als der Kindheit, lässt er an jugendlichen Protest denken, wenn man alles ganz anders machen will als die Eltern, ihrem Lebensstil geradezu entgegengesetzt. Das galt für Schiele selbst, der als Sohn eines Eisenbahners in kleinbürgerlichen Verhältnissen aufwuchs, aus denen er ausbrechen wollte. Ein freies Leben suchte er, hatte wechselnde Liebesbeziehungen, zu wenig Geld, zog häufig um, suchte seinen eigenen unverwechselbaren Ausdruck…

Der Hauptast, der sich auf Schieles Bild durchsetzt, ist der, der aus dem Stamm hervorgeht – nicht die Abzweigung. Durchsetzungsstärker scheinen die frühen Prägungen und Entwicklungen zu sein, als die Versuche, auszubrechen oder sich selbst ganz neu zu erfinden.

Dieser braune Hauptast scheint sich erst der Windrichtung zu beugen, bis er sich verzweigt, zwei Nebenäste bekommt, und sich kurz danach dem Wind zuwendet, ihm die Stirn bietet – vielleicht wie es uns in den besonders kraftvollen Jahren unseres Lebens möglich ist.

Ein weiterer Abzweig, und dann beschreibt der Ast einen großen Bogen, so als wolle er wieder zur Erde, seinem Ursprung zurückkehren. Als würde sich sein Lebenskreis schließen. Wie alt auch immer dieser Baum geworden sein mag.

Und immer wieder kleinere Zweige, Striche oder Risse, mal spitz und zackig, mal geschwungen. Mal scheinen sie aus dem Baum herauszuwachsen, mal auf ihn zuzulaufen, wie Begegnungen mit der Umwelt, Interaktionen und Bewegungen.

Einerseits wirkt das Bild zerbrechlich und unfertig auf mich – und andrerseits ist es in sich geschlossen, mit einer ganz eigenen Form.

So mag es uns im Rückblick gehen, dass uns manche Wege und Bewegungen im Leben unverständlich oder unabgeschlossen erscheinen, während anderes, auch manche anderen Lebensläufe stimmig und rund wirken.

Die Einen, die alt und scheinbar lebenssatt gestorben sind, die Familie, Haus und Beruf hatten – womöglich alles, wonach man sich sehnen kann. Andere, die zu früh starben, in deren Leben vieles offen geblieben ist. Und wieder andere, die auf der Suche waren, rastlos, deren Leben vielleicht weniger einen roten Faden als viele kurze Kapitel hatte… Manche mehr, manche weniger glücklich, erfolgreich oder geliebt.

Heute, wenn wir die Namen unserer Toten vor Gott bringen, kann es uns im Glauben ein Trost sein, dass Gott seinen eigenen Blick auf sie und ihre Lebenswege hat. Dass er unsere Erfolge, unser Glück, unser Sehnen und Streben anders ansieht und beurteilt, als wir es können. Vielleicht gnädiger, vielleicht genauer, wahrscheinlich nach ganz anderen, als unseren menschlichen Maßstäben. Und wir können auch darauf vertrauen, dass sich bei Gott und durch ihn manches vollenden wird, was in unseren Augen Stückwerk geblieben ist.

Im Predigttext für heute, im Markus-Evangelium, spricht Jesus von einem Feigenbaum. An ihm könne man erkennen, welche Jahreszeit kommt: „An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.“ (V. 28+29)

An einem Baum kann man ablesen, wann die Zeit der Reife, wann die Zeit der Ernte ist. Blüten, Blätter und Frucht, und dann das Fallen der Blätter im Herbst, die Kahlheit und Starre des Winters – auch dies wie Bilder für das menschliche Blühen, Reifen, Welken und Vergehen.

Aber Jesus geht es nicht nur um den Vergleich der Jahreszeiten oder Lebensalter, er zieht das Bild auf den Anbruch der kommenden Zeit, der Endzeit, die zugleich den Beginn von Gottes Zeit und seinem Reich markiert. Jesus, die ersten Christinnen und Christen glaubten, dass diese Zeitenwende unmittelbar bevorstand.

Wir heute, jedenfalls wir Christen, tragen die Hoffnung auf Gottes Reich noch immer in uns. Gegen den Augenschein, der manchmal erdrückend sein kann, gegen die Katastrophen und Kriege, Leid und Tod halten wir daran fest, dass Gott da ist, in dieser und in der kommenden, neuen Zeit.

Dann werden die Schmerzen vergehen und die Tränen von Gott abgewischt, so erzählt es die Bibel. Dann wird stark sein, was jetzt daniederliegt oder mit Füßen getreten wird. Gott wird lebendig machen und leuchten lassen, was jetzt tot ist.

Nur in Bildern lässt sich von diesen großen Hoffnungen reden, die uns tragen, wenn Trauer uns drückt und die Zuversicht schwindet.

„Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen“, (V. 31) sagt Jesus. Gottes Worte der Liebe und des Lebens werden bleiben und neu zum Leben erwecken, was nun schwach und sterblich ist. Wir wissen nicht Zeit noch Stunde, aber die Hoffnung hält uns wach. Die Hoffnung auf Gott, der neues Leben schenken kann in dieser Zeit und in Ewigkeit. Amen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

als unser Predigttext geschrieben wurde, ging es dem Volk Israel sehr schlecht. 596/586 vor Christus hat das babylonische Heer Juda und Jerusalem in zwei Wellen überfallen. Die Stadt Jerusalem und der Tempel waren zerstört, die königliche Familie und ein Großteil der Bevölkerung wurde nach Babylon verschleppt. An den Wassern Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten, so beginnt der 137. Psalm. Aber die Großmachtkonstellation verschob sich im alten Orient; der persische Großkönig Kyros nahm Babylonien ein, und Israel konnte ab 536 wieder zurückwandern. Von dieser Möglichkeit haben viele keinen Gebrauch gemacht; sie hatten sich integriert und blieben im Lande. Das war nicht bedeutungslos, denn in diesen Kreisen entstand später der babylonische Talmud, korrekter müsste man sagen, der persische Talmud, eines der literarischen Hauptwerke des alten Israel. Die Geschichte Israels war immer ein Auf und Ab. Krieg und Frieden wechselten sich ab. Flucht und Verfolgung auf der einen Seite, Wohlstand und Integration auf der anderen. Der dunkle Höhepunkt der Verfolgung und Ermordung Israels war zweifellos gesetzt durch die Machthaber des 3. Reiches, so dass ernsthaft die Frage gestellt wurde, ob man nach Auschwitz überhaupt noch von Gott sprechen könne. Nicht zuletzt große Teile des Judentums tun dieses mit Leidenschaft bis zum heutigen Tage. Unser Predigttext stammt aus dem 49. Kapitel des Propheten Jesaja. Es stammt aber nicht von Jesaja. Jesaja lebte im 8. Jh. Die Kapitel 40–55 gehen auf einen unbekannten Propheten zurück, der den wissenschaftlichen Hilfsnamen Deuterojesaja, 2. Jesaja, erhalten hat. Und nun lese ich den Text:

Jes. 49, 1–6: Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf: Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott. Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wertgeachtet und mein Gott ist meine Stärke -, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erden.

Es ist das zweite der Gottesknechtslieder bei Deuterojesaja. Auch wenn wir nicht wissen, wer der Gottesknecht war – vielleicht der unbekannte Prophet, vielleicht das Volk Israel als ganzes –, so sind diese vier Lieder mit ihrer schmerzhaften Außenseite bei genauerem Hinsehen oder Hinhören doch von tiefster Menschlichkeit, Menschenfreundlichkeit gezeichnet. Und es ist nicht verwunderlich, dass die junge christliche Gemeinde nach Ostern bei der Suche nach der Bedeutung Christi immer wieder bei diesen vier Liedern hängengeblieben ist. Sie sagten: Wir wissen, wer der Gottesknecht war, der Gottesknecht ist eine Vorausschau auf Jesus Christus. Gerade beim vierten Lied: Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen; die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, sah die Gemeinde die Ereignisse vom Karfreitag beschrieben. Wir sollten den Gottesknecht aber nicht so schnell in eine christliche Schublade stecken, sondern hören, was er damals seinen Landsleuten im Exil sagte und schauen, ob dieses auch für uns Bedeutung hat. Der Gottesknecht, dem wir begegnen, ist eine schillernde Persönlichkeit, er spricht sehr vollmundig und zugleich ist er verzweifelt. Hört, ihr Inseln und ihr Völker in der Ferne. Der Herr hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, er hat mich zu einem spitzen Pfeil gemacht. Der Verdacht stellt sich ein beim Hörer, das kann nicht gut gehen. Hier richtet sich einer an die ganze Welt mit scharfer Rede. Schwert und Pfeil spielen eine Rolle. Man hat die Vermutung, hier kommt Bedrohliches zur Sprache. Hier wird es Sieger und Verlierer geben. Fast könnte man an den Hochmut und auch die Beschränktheit heutiger Diktatoren denken. Der 1. Jesaja, 8. Jh., Kapitel 2 war da schon viel weiter: „Und Gott wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln; denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“ Eine gewaltige Botschaft, 8. Jh. vor Christus, wenn wir daran denken, mit welcher Brutalität und Menschenverachtung ein Land wie die Ukraine in unseren Tagen überfallen wurde. Und dann kippt das Bild in unserem Lied: Ich aber dachte, ich arbeite vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, so spricht der Gottesknecht. Er ist absolut verzagt, er wendet sich an die Welt und kann nicht einmal den größten Teil der Israeliten überzeugen, ins Land der Väter zurückzukehren. Wir haben uns eingerichtet hier, wir haben nach 60 Jahren den größten Teil der Katastrophe bewältigt, was sollen wir in unserem völlig zerstörten Heimatland, so werden sie ihm entgegengehalten haben. Ende der Vorstellung, könnte der Gottesknecht sagen. Aber der Text nimmt eine ganz andere Wendung: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wieder zu bringen, sondern ich habe dich zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde, spricht Gott. Eine zweite Beauftragung, großartig und dennoch bescheiden; nichts klingt mehr durch von Schwert und Pfeil. Der Gottesknecht ist mit seiner Vollmundigkeit gescheitert, aber er ist nicht am Ende. Keine kriegerische Auseinandersetzung, keine missionarische Überheblichkeit klingt in der zweiten Beauftragung, sondern Leben und Heil. Ich finde das einerseits überraschend und andererseits sehr überzeugend. Kein Volk der Welt wurde in seiner Geschichte so verfolgt wie die Juden, durch kein Volk der Welt ist die Frage nach Gott in der Folge von Auschwitz so intensiv gestellt worden wie durch die Juden und zugleich gehört es zu den ältesten Völkern der Welt. Zugleich schuf das jüdische Volk so bedeutsame Texte wie die Gottesknechtslieder, als von unseren Vorfahren noch nicht die geringste Ahnung vorhanden war.

Es gibt ja drei moderne Ansätze, Religion zu begründen: der 1. Ist die Vernunft im Zuge der Aufklärung Kants und Lessings. Man kann die Welt in ihrer Tiefenstruktur, die Gleichwertigkeit aller Menschen nicht verstehen ohne die Frage nach Gott. Der 2. Ansatz ist die Ethik: Für viele Menschen eindrucksvoll ist immer noch christliches Verhalten, christliches Engagement. Der 3. Ansatz ist die Mystik: Gott ist in allem und wir haben teil an ihm. Der Glaube wird Mystik sein oder er wird nicht sein, hat ein berühmter katholischer Theologe (Karl Rahner) einmal gesagt. Es ist der Ansatz der modernen Spiritualität. Unser Gottesknechtslied hat noch einen anderen gewichtigen Punkt: Leben und Heil. Und dieses gilt nicht nur für Israel. Das wäre Gott zu wenig, sondern es gilt für alle Menschen bis an die Enden der Erde. Licht der Völker, das ist als Metapher nichts Anderes als Leben; Gottes Heil ist nichts Anderes als Frieden. Im 6. Jh. vor Christus wird hier eine Vision von menschlichem Zusammenleben entwickelt, die überwältigend ist und die im 21. Jh. alles Andere als verwirklicht ist. Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, das heißt, jeder Mensch hat das Recht, sich zu verteidigen, wenn er angegriffen wird. Aber jeder Versuch, einen Überfall theologisch zu rechtfertigen, wie es der orthodoxe Patriarch von Moskau versucht hat, ist das Ende der Theologie und wird zum blasphemischen Geschwätz.

Unser Text vom Leben für alle und vom Heil bis an die Enden der Erde schließt jeden Überfall aus, schließt auch jeden missionarischen Hochmut aus. Er gesteht jedem das Recht und die Möglichkeit zu, neben seinem andersdenkenden Nachbarn friedlich zu leben, und zugleich ist dieses genau der Wahrheitsanspruch von Judentum und Christentum. Es ist kein Wunder, dass die frühe christliche Gemeinde genau in den vier Gottesknechtsliedern eine Vorausschau auf Jesus Christus gesehen hat. Der Gottesknecht ist berufen, am Ende für das Licht, und das heißt, für das Leben der Völker Verantwortung zu tragen, damit Gottes Heil bis an die Enden der Erde reiche.

Wohin geht unsere Reise als Christen 2022? Genau in diese Richtung, hier vor Ort und global für das Leben aller Völker und das Heil Gottes bis an die Enden der Erde einzustehen. Es geht um den Mehrwert der Liebe, die stärker ist als der Tod.

Und der Friede Gotte, der höher ist als alle unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Predigttext: 5. Mose 8, 7–18

Mose sprach zum Volk: 7 Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, 8 ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, 9 ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. 10 Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.

11 So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. 12 Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst 13 und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, 14 dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, 15 und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen 16 und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte.

17 Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. 18 Sondern gedenke an den HERRN, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land…“ (V. 7)

So spricht, nach der biblischen Überlieferung, Mose im Auftrag von Gott zum Volk Israel. Am Ende der langen Wüstenzeit, bevor sie den Jordan überqueren und das verheißene Land in Besitz nehmen.

„Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land…“ (V. 7)

Für mich haben diese Worte nach den drei Monaten, in denen ich ein Sabbatical, eine Auszeit, machen durfte, einen besonderen Klang. Sie wecken in mir viele Bilder von dem, was ich gesehen und erlebt habe.

Ich denke an die allerersten Tage Anfang Juli, als ich alleine auf der Via Baltica von Wismar nach Lübeck gelaufen bin. Mecklenburg – ein gutes Land. Wo ich an den Wegrändern Himbeeren und Sauerkirschen gepflückt habe, in Seen baden konnte, in Gemeindehäusern als Pilgerin unkompliziert willkommen geheißen wurde.

Danach war ich mit meiner Partnerin in Irland. Wir sind im Südwesten der Insel im County Kerry den sog. Ring of Kerry gewandert. Eine atemberaubende Landschaft! So viel Grün und so viel Wasser! Weiden, Wiesen, Berghänge mit Schafen und Kühen. Die Gegend, wo Butter und Cheddar-Käse hergestellt werden. Wo es in den Flüssen und im Atlantik Lachs, Forellen, Makrelen und Hecht gibt.

Nahrungsmittel im Überfluss, viel mehr, als die Bevölkerung dort selbst essen kann. In deren kollektiven Gedächtnis aber zugleich die Große Hungersnot Mitte des 19. Jh. steckt, als 1 Million Menschen und weitere 2 Millionen Menschen das Land verlassen mussten, um zu überleben, und Irland für lange Zeit zum Armenhaus Europas wurde.

Und schließlich war ich im September in Südfrankreich. Da war es im Mittelmeerraum wirklich ganz ähnlich, wie es in der Bibel für Israel beschrieben wird: Bäche und Quellen, die in den Cevennen sprudeln, Weinberge, Feigen- und Granatapfelbäume, Olivenhaine und Bienenstöcke…

So viel Gutes, so viel Schönheit, Farben und Geschmack, dass es mich manchmal überwältigt hat, dass ich gar nicht anders konnte, als zu staunen und Gott zu danken.

Sie und ihr werdet in den letzten Monaten vielleicht auch verreist sein oder Ausflüge gemacht haben. Ihr werdet eure Bilder vom „guten Land“ in euch tragen, das euch genährt und erfreut hat. Erinnerungen, Düfte, Farben, die ihr genossen habt. So viel Gutes, für das wir Gott heute danken können.

Und gleichzeitig, wenn wir an diesen Sommer denken und den Bildern des guten Landes, der Fülle und Ernte nachgehen, schieben sich unweigerlich auch die anderen Bilder dazwischen: von brennenden Wäldern auf dem Brocken, in Brandenburg, in Galizien, Portugal oder bei Bordeaux… Ausgetrocknete Böden. Bäume und Tiere, die Durst haben. Tote Fische in der Oder. Abschmelzende Gletscher, die kahle graue Felswände zurücklassen.

Bilder von Zerstörung, Not und Mangel. Folgen des Klimawandels, der Misswirtschaft, Habgier und Gedankenlosigkeit. Sie können uns fassungslos machen, zornig oder traurig. Manche werden zynisch, andere wehren sie ab. Viele von uns schämen sich wohl auch. Denn wir wissen, wir sind durch unsere Lebensweise Mit-Verursacherinnen, Mit-Ausbeuter, Mit-Zerstörer.

In mir weckt der Blick auf die Umweltzerstörung, das Artensterben, die Klimakatastrophe die Erinnerung an das Stuttgarter Schuldbekenntnis. Die Schulderklärung, mit der im Oktober 1945 prominente Vertreter der neugebildeten Evangelischen Kirche in Deutschland eine Mitschuld deutscher evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannten. Auf einer der ersten internationalen Versammlungen des Ökumenischen Rates der Kirchen nach dem Krieg in Stuttgart sagten sie:

„Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ (vgl. https://www.ekd.de/Stuttgarter-Schulderklaerung-11298.htm)

So ähnlich, denke ich, könnten wir es heute – stellvertretend auch für die Generationen vor uns – sagen: Dass wir mitschuldig sind an der ökologischen Katastrophe. Schuldig, uns zu Gottes Schöpfung nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und sie nicht brennender geliebt haben.

Diese Schuld kann uns mit Scham, Wut und Trauer… mit verschiedenen unangenehmen Gefühlen behaften. Sie ist schwer zu ertragen. Sie ist für mich nur zu ertragen in der Hoffnung auf Vergebung, auf Umkehr, Verantwortung und Veränderung. Im Glauben an das zarte Geflecht oder Gespinst der Gnade Gottes, aus dem heraus für uns und für Gott Aufbrüche und Umbrüche möglich sind.

Zu diesem Gespinst der Gnade, zu der fragilen Beziehung, die wir zu Gott pflegen können, gehört für mich die Erinnerung an Gottes Verheißungen: Ein gutes Land, in dem alle Geschöpfe leben können. An die Schönheit und Vielfalt, in denen Gott sich uns als Schöpfer offenbart. An Gottes Treue, seine Barmherzigkeit und Vergebung für alle, die umkehren, die Schuld eingestehen und ihr Verhalten ändern, damit es mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden, mehr Schalom gibt. Die Dankbarkeit gehört dazu, offene Sinne für alles Gute, was wir zum Leben haben. Die uns das Herz weit macht für andere. Die Hoffnung auf Gottes Zukunft mit uns, auf den Bund, den er unseren Vätern und Müttern im Glauben versprochen hat.

Das ist der „gute Boden“, auf dem wir stehen. Das sind die Bäche und Quellen, Öl, Most und Weizen, die uns im Glauben ernähren und stärken, um im zarten Gespinst der Gnade Gottes zu bleiben.

Auf der letzten Etappe meines Sabbaticals bekam ich in einer Pilgerherberge in Südfrankreich ein Gespräch mit, das diese Fragen aufnahm. Zwei ältere Männer sprachen abends über ihre Touren: „Wann bist du heute gestartet? Wo bist du aufgestiegen? Bist du schon mal den Weg gelaufen? Warst du schon mal auf dem Gipfel?“

Dann kam das Gespräch auf die abschmelzenden Gletscher, „les glaciers“. Die beiden zeigten sich Fotos auf ihren Handys. Erschüttert, bewegt, schließlich fassungslos schweigend. Bis der Eine sagte: „Wir können nur noch beten, dass sich die Erderwärmung, das Abschmelzen der Gletscher noch aufhalten lässt.“

Und der Andere ergänzte: „Und all das andere genießen, was wir heute beim Wandern auch gesehen und erlebt haben. Uns trotzdem daran freuen. Es ist ja auch da!“

Ja, denke ich: Wir dürfen, wir sollen uns freuen und Gott danken für die reiche Ernte in all ihren Facetten, allzumal an einem Festtag wie heute. Und ebenso ist es an uns zu beten und zu handeln, damit auch unsere Kinder und Enkel, alle nachfolgenden Generationen, das „gute Land“ erleben dürfen, das Gott uns gegeben hat. Amen.