Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Bedrohte Freiheit?

Bedrohte Freiheit?

Predigt am 28. Februar 2021
Pastorin

Andrea Busse

Reihe: Denken & Beten

mit dem Theologen Dr. Stefan Atze und dem Juristen Dr. Fritz von Hammerstein

Denken & Beten: Bedrohte Freiheit?

Einstieg – Dr. Stefan Atze

Als sie nach Hause kam, sah sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Ihr Mann schaute sie nur merkwürdig an. Sie versuchte mit ihm zu reden, aber er konnte ihr nicht antworten. Sofort rief sie 112: „Mein Mann hatte wahrscheinlich einen Schlaganfall. Kommen Sie schnell.“ Der Krankenwagen kam tatsächlich sehr schnell, sie durfte mitfahren, aber vor dem Eingang des Krankenhauses war Schluss: kein Zutritt für Besucher, nur Patienten. „Aber mein Mann braucht mich!“ Keine Chance, keine Ausnahme. Sie steht vor dem Krankenhauseingang und weint. Im Krankenhaus sieht es nicht anders aus. Ihr Mann muss den Aufenthalt ganz allein bewältigen. Einen Schlaganfall und die Folgen mit Mitte 50 verkraften, ist schwer genug. Aber dann diese Einsamkeit. Auch, wenn das ganze Krankenhauspersonal sehr bemüht ist, und sich aufopfernd kümmert, fehlt durch Schutzanzüge, Gesichtsvisier und Maske hindurch die Nähe. Fast wie in einem Gefängnis, allein im eigenen Körper isoliert.

Eine der vielen traurigen Corona-Geschichten von denen wir alle viele erzählen könnten. Der Grund dieser Geschichten ist derselbe: im Kampf gegen das Virus und seine Mutationen werden für selbstverständlich geglaubte Freiheiten beschränkt, und wir beschränken uns aus Verantwortung selbst. Es fühlt sich an wie Hausarrest in den eigenen vier Wänden: Entweder gibt es zu viel Nähe, und das zu Hause platzt aus allen Nähten oder es regiert die Einsamkeit. Dann droht daheim die Isolation. Keine Familienfeiern, kein Kaffeetrinken mit Freunden, kaum Kontakt zu anderen Menschen. Alle sind auf Distanz. Wie ein gefliestes Gefängnis. Der traurige Blick auf die Fliesen allein beim Frühstück in der Küche oder auf die Kacheln in der Videokonferenz. Auch wenn manche sich daheim allein sicherer vor dem Virus wähnen, fühlen sich viele der Freiheit beraubt.

Die Vernunft sagt uns, dass die Beschränkungen grundsätzlich richtig sind, um andere zu schützen. Doch vieles ist unklar, wirkt unscharf und viele neue Begriffe, die plötzlich in unserem Alltag aufgetaucht sind, scheinen das Geschehen irgendwie zu verhüllen. Es sind Fremdwörtern, die man erst einmal für sich übersetzen muss: Lockdown, Shutdown, Triage, Pandemie, Social Distancing, Home Schooling, Home Office. An solchen Begriffe scheint die biblische Botschaft, die uns Hoffnung gibt, nicht anschlussfähig zu sein. Aber bei einem Wort wie „Quarantäne“ sieht es anders aus. Quarantäne, vom Lateinischen „quadraginta“, die Zahl 40. Im Frankreich und Italien der frühen Neuzeit hat sich dieser Begriff für eine 40-tägig Isolation bei Verdacht auf die Pest eingebürgert. Und die Zahl 40 hat in diesem Zusammenhang einen eindeutigen biblischen Bezug: die 40 Tage Jesu in der Wüste, aber besonders im Alten Testament: die 40 Tage dauernde Sintflut, die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste gezogen ist.

Das Alte Testament erzählt von Freiheit und Befreiung. Zentral ist die Erfahrung der Gefangenschaft des Volkes Israel in Ägypten – und das erzwungene Exil in Babylon. Es geht um das befreiende Handeln Gottes und die Verheißung von Freiheit. Gerade die Psalmen bekräftigen das in wunderbaren Bildern: „Unsre Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netze des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei.“ Oder: „Führe mich aus dem Kerker, dass ich preise deinen Namen.“ Und, so haben wir es vorhin gemeinsam gebetet: „Der Herr macht die Gefangenen frei“.

Das klingt wie Balsam für pande-müde Seelen. Gefangen in den eigenen vier Wänden, im Alten- oder Pflegeheimen, isoliert, ohne Besuch, ohne Kontakte nach außen. Wir schränken uns aus gutem Grund selbst ein oder werden durch notwendige Regeln beschränkt. Doch die Folgen sind viel weitrechender als die persönliche Isolation aus Vorsicht. Ganz andere Freiheiten sind bedroht:

– Die Religionsfreiheit, wenn Gottesdienste, Abendmahl und Seelsorge Einschränkungen unterworfen sind.

– Viele sehen ihre Berufsfreiheit in Gefahr, wenn Geschäfte, Restaurants und Hotels nicht öffnen dürfen. Das gilt
auch für den Kulturbetrieb. Die Einschränkungen der Freiheit bedrohen Existenzen.

– Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt. Das selbstverständliche Reisen in der Welt ist ausgesetzt. Es geht
nicht nur um das private Vergnügen. Weltweit sollen 400.000 Seeleute fern ihrer Heimat festsitzen – viele
davon in Hamburg.

– Die Versammlungsfreiheit ist beschnitten. Das gilt nicht nur für Demonstrationsfreiheit, überhaupt sind
Treffen in größerer Runde untersagt. Darunter leiden besonders Jugendliche und der Freizeitsport.

– Und die langfristigen Folgen, die psychischen Auswirkungen, die die Einschränkungen der Freiheit gerade auf
Kinder und Jugendliche haben, sind noch gar nicht absehbar.

Unsere Freiheit ist vielfach eingeschränkt. Aber auf welcher Grundlage lassen wir diese Beschränkungen der Freiheit zu? Was sagen Recht und Theologie dazu? Herr von Hammerstein, was meinen Sie?

Freiheit aus juristischer Perspektive – Dr. Fritz von Hammerstein
Für uns Juristen ist der Umgang mit dem Problem der Freiheitseinschränkungen klar strukturiert und damit auf den ersten Blick ziemlich einfach. Die Schwierigkeiten liegen in der Anwendung im konkreten Fall. Ich versuche mal, das ganz vereinfacht darzustellen:

Das Grundgesetz garantiert unsere Freiheit mit den Grundrechten. Um nur einige zu nennen: Die Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Meinungs- und Pressefreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Freizügigkeit, die Berufsfreiheit und das Eigentum. Und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, das vom Bundesverfassungsgericht als allgemeine Handlungsfreiheit und damit als Auffanggrundrecht für alle anderen Freiheiten interpretiert wird. So ist es auch offen für neue Bedrohungen, z.B. in Gestalt des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung, auch als Grundrecht auf Datenschutz bezeichnet.

Keines dieser Grundrechte wird aber schrankenlos gewährt. Eine komplexe Gesellschaft funktioniert nur mit Regeln, die das Zusammenleben ermöglichen, indem sie die ungehemmte Freiheitsentfaltung des Einzelnen begrenzen. Denken wir nur an das Strafrecht. Niemand darf sich die Freiheit nehmen, jemandem etwas wegzunehmen, das ihm nicht gehört. Oder die Straßenverkehrsordnung. Parken darf man nur, wo es erlaubt ist. Letztlich besteht der größte Teil der ungeheuren Vorschriftenproduktion der Bundes- und Landesgesetzgeber aus freiheitsbeschränkenden Regeln. Und aus freiheitsermöglichenden Normen, wie zum Beispiel dem Sozialrecht. Wem es am Nötigsten zum Leben fehlt, der hat auch nicht viel von seiner Freiheit.

Bedeutet das nun, dass die Grundrechte doch nichts wert sind, dass der Staat sie nach Belieben einschränken darf? Nein, denn die Grundrechtsschranken werden wiederum durch das Rechtsstaatsgebot eingeschränkt. Hier eine knappe Skizze dieser sog. Schranken-Schranken: Grundrechte dürfen nur eingeschränkt werden, wenn es dafür eine gesetzliche Grundlage gibt. Das nennt man den Vorbehalt des Gesetzes. Maßnahmen zum Schutz vor Corona sind nicht nur, aber vor allem auf das Infektionsschutzgesetz gestützt.

Jede Grundrechtsbeschränkung muss durch einen legitimen öffentlichen Zweck gerechtfertigt werden. Bei Corona ist dies der Schutz der Volksgesundheit. Hier kollidieren übrigens durchaus Grundrechte: Der Staat garantiert nicht nur die Freiheitsrechte. Er hat auch die grundrechtliche Pflicht, das Leben und die Gesundheit der Menschen zu schützen.

Es reicht aber nicht aus, dass es eine gesetzliche Grundlage und ein öffentliches Interesse gibt. Der Grundrechtseingriff muss den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit beachten. Es wird auch als Übermaßverbot bezeichnet und hat wiederum drei Elemente: Der Eingriff muss geeignet sein, seinen öffentlichen Zweck zu erfüllen. Angeordnete Corona-Maßnahmen, die wirkungslos sind, sind ungeeignet und verfassungswidrig. Der Eingriff muss erforderlich sein. Es darf kein milderes, d.h. die Freiheit weniger einschränkendes Mittel geben, mit dem der Zweck genauso gut erfüllt werden kann. Und vor allem: Die Freiheitsbeschränkung muss angemessen sein. Wenn die Schwere der Einschränkung außer Verhältnis zum angestrebten Nutzen steht, ist der Eingriff ebenfalls unzulässig. Eine Rolle spielt schließlich das Grundrecht auf Gleichheit vor dem Gesetz: Es wäre gleichheitssatzwidrig, bestimmte Freiheiten einzuschränken, andere aber nicht, obwohl dort der Gesundheitseffekt größer und die Einschränkung geringer wäre.

Das wirft die Frage auf: Wer entscheidet, welche Maßnahmen getroffen werden sollen und ob sie mit dem Rechtsstaatsgebot vereinbar sind? Auch dafür enthält das Grundgesetz Regeln: Die grundlegenden Prinzipien muss der Gesetzgeber festlegen, d.h. die Parlamente, je nach Gesetzgebungszuständigkeit Bundestag und Bundesrat oder die Landesparlamente, in Hamburg die Bürgerschaft. Ausgeführt werden die Gesetze durch die zuständigen Regierungen und Behörden, meistens auf Landes- und Kommunalebene.

Was ist, wenn die Parlamente und Behörden sich nicht an die Schrankenschranken halten? Dann kommt das Rechtsschutzgebot ins Spiel: Wer meint, durch ein Gesetz oder eine Anordnung in eigenen Grundrechten verletzt zu sein, kann dagegen vor dem Verwaltungsgericht, in bestimmten Fällen auch vor dem Bundesverfassungsgericht, klagen. Letztlich entscheidet also die unabhängige Justiz.

Klingt eigentlich klar und einfach, oder? Aber ich sagte schon: In der praktischen Anwendung ist das ungeheuer schwer. Nur zwei Beispiele: Wer sagt eigentlich, welche Maßnahmen geeignet sind, um Corona-Infektionen wirkungsvoll zu bekämpfen? Helfen Masken? Müssen die Schulen geschlossen werden, oder ist die Infektionsrate bei Kindern zu vernachlässigen? Wer sollte in welcher Reihenfolge geimpft werden? Die einen Wissenschaftler sagen dies, die anderen anderes. Halten wir uns an Drosten oder an Streeck?

Hier lassen die Gerichte dem Staat einen gewissen Beurteilungsspielraum. Je größer eine Gefahr ist und je geringer der Erkenntnisstand, desto vorsichtiger dürfen die Regierungen handeln. Sie müssen nicht abwarten, bis sicher feststeht, welche Maßnahme wirkt, weil es dann zu spät sein kann. Sie dürfen – und sie müssen unter Umständen – auch Maßnahmen treffen, wenn es noch Unsicherheiten gibt. Sie müssen aber nachsteuern, wenn sich später herausstellt, dass eine Anordnung sinnlos, übertrieben oder unzureichend war. Das haben wir in den letzten Monaten immer wieder gesehen.

Am schwierigsten ist die Abwägung bei der Frage des angemessenen Verhältnisses von Freiheitseinschränkung und Nutzen. Das ist nämlich keine mathematische Aufgabe, wie 4 ist größer als 3. Sondern es werden Dinge gegenübergestellt, die nicht in einem objektiven Verhältnis zueinander stehen. Auf der einen Seite Leben und Gesundheit, auf der anderen Seite die schulische Entwicklung von Kindern, die Arbeitsplätze in der Gastronomie oder die Freiheit, ins Theater, Konzert oder in die Kirche zu gehen oder sich mit Freunden zu treffen. Da werden notgedrungen Äpfel mit Birnen verglichen.

Es gibt dafür kein allgemeingültiges Wahr oder Falsch. Sondern es sind Menschen – konkret: Politiker und Beamte –, die diese Entscheidungen treffen müssen. Die eine gewichtet den Gesundheitsschutz höher; der andere schaut mehr auf die wirtschaftlichen und kulturellen Folgen. Und weil das so ist, lassen die Gerichte der Politik einen relativ großen Spielraum. Richter dürfen nicht ihre eigene Gewichtung an die Stelle der Politik setzen. Sie prüfen nur, ob eine Entscheidung noch vertretbar ist und den äußersten Rahmen der Angemessenheit einhält. Natürlich gibt es dabei Grenzfälle und Grauzonen.

Richter sind übrigens auch Menschen mit unterschiedlichen Präferenzen. Darum ist es nicht verwunderlich, dass unterschiedliche Gerichte unterschiedlich urteilen. Auch wenn es manchmal schwer zu ertragen ist: Das ist kein Mangel, sondern normal, wenn wir nicht Roboter oder die Künstliche Intelligenz über unsere Grundrechte entscheiden lassen wollen.

Im Großen und Ganzen haben die Gerichte die angeordneten Corona-Maßnahmen bestätigt. In Einzelfällen haben sie Verbote aber auch aufgehoben und zwar aus unterschiedlichen Gründen, in denen sich die eben skizzierten rechtsstaatlichen Anforderungen widerspiegeln: Hier fehlte es an einer ausreichenden gesetzlichen Grundlage, da war ein Mittel ungeeignet und dort stand die Einschränkung nicht in einem angemessenen Verhältnis zum angestrebten Erfolg.

Jetzt verlasse ich mal den mir vertrauten Boden des Rechtlichen. Im Rechtsstaat gilt: Es ist alles erlaubt, was nicht verboten ist. Aber ist es wirklich klug, alles was erlaubt ist, auch zu tun? Sollte man vielleicht hier und da zum Schutz von Menschen, insbesondere von Älteren und Risikogruppen, stärkere Zurückhaltung üben? Damit sind wir im Bereich der staatsbürgerlichen Verantwortung, die der Gesetzgeber nicht bis ins Letzte regeln kann. Der Verfassungsrichter und Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde hat es auf den Punkt gebracht:

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

In der Pandemiezeit klingt das bedrohlich. Ich wende mich deshalb hilfesuchend an unsere Pastorin. Andrea: Können wir Rat bei Paulus und Luther finden?

Freiheit aus theolgischer Perspektive – Pastorin Andrea Busse
Auf jeden Fall haben sich die beiden ausführlichst mit diesen Freiheits-Fragen ausein­andergesetzt. Gucken wir also mal, ob uns das hilft. „Ist es wirklich klug, alles was erlaubt ist, auch wirklich zu tun?“ hast du eben gefragt und auf diese Frage gibt Paulus eine direkte Antwort – im 1. Korintherbrief im 6. Kapitel:

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.“

Frei bin ich also nicht, wenn mir alles erlaubt ist, sondern wenn nichts Macht über mich hat. Und da sind wir mittendrin im biblischen Freiheitsbegriff, der sich zunächst als innere Freiheit definiert.

Aus theologischer Sicht gehen wir also ganz anders an das Thema heran. Juristen interessiert, unter welchen Voraussetzungen der Staat die persönliche Freiheit einschränken darf. Wir beschäftigen uns eher damit, woher unsere Freiheit kommt – also um auf das Böckenförde-Diktum zurückzukommen – mit den Voraussetzungen, die der freiheitliche, säkularisierte Staat nicht garantieren kann. Und dann damit, wie wir mit dieser Freiheit umgehen.

Ausgangspunkt für Paulus ist die urmenschliche Erfahrung, eben nicht frei zu sein. Der Mensch will das Gute und schafft es nicht, er scheitert an seinen Vorsätzen, an der Kluft zwischen Wollen und Vollbringen. Das kennen wir alle: Wir sind von etwas überzeugt, und schaffen es trotzdem nicht, es umzusetzen. Und zwar meistens nicht, weil irgend­jemand von außen uns das verbietet, sondern weil wir an uns selbst scheitern. Wir scheinen da alles andere als frei, denn unsere eigene Begrenztheit steht uns im Weg.

Grund für unsere innere Unfreiheit – so Paulus – ist die Sünde, unsere Trennung von Gott. Umgekehrt liegt der Grund für unsere Freiheit eben auch in Gott und kann nur dort liegen. Wir können uns die Freiheit nicht selbst geben oder erschaffen, sondern sie ist uns zugesprochen: „Ihr aber, liebe Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen.“ So beschreibt Paulus die Befreiungserfahrung des Glaubens. Er bezieht sich natürlich auf Christus, der den Brückenschlag zwischen Gott und Mensch vollbringt und damit die Trennung, die Sünde, aufhebt. Aber die Befreiungs­erfahrung des Glaubens ist nicht erst im Neuen Testament angelegt. Der Urkeim des Glaubens an den Gott Israels liegt, wie wir schon gehört haben, in einem Befreiungserlebnis: dem Auszug aus Ägypten, der Befreiung aus der Sklaverei.

Immer wieder war die Erfahrung der Befreiung durch Gott für Menschen die Initialzün­dung für den Glauben. Es war auch die Initialzündung für unsere evangelische Kirche. Luthers große Entdeckung, die zur Reformation führte, war, dass Gott den Menschen nicht mit Gesetzen gängelt, sondern ihm Freiheit schenkt. Das war so eindrücklich für Luther, dass er seinen Namen – er hieße ja ursprünglich Luder – in Luther änderte. Er griff damit das griechischer eleutheria auf, was nichts anderes bedeutet als „Freiheit“. Er schrieb sich also die Freiheit in den Namen, denn er fühlte sich befreit. Befreit von einem Erbsenzähler-Gott, der die Sünden aufrechnet und dem ein Mensch es eigentlich nie recht machen kann. Luther, der ja mal Jurist werden sollte, benutzt dabei ein sehr juristisch klingendes Vokabular: Gott als der strenge Richter, der die Menschen wegen ihrer Taten verurteilt – ja, wenn er gerecht ist, verurteilen muss. Es aber nicht tut. Sondern seinen Sohn schickt, der uns rechtfertigt. Nachdem ihm aufgegangen ist, was das bedeutet, verkündet Luther die „Freiheit eines Christenmenschen“ – so der Titel einer seiner bekanntesten Schriften. Die Ausgangsthese darin:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“

Das Bewusstsein dieser Freiheit, so seine Überzeugung, verändert unsere Einstellung nicht nur zu Gott, dem wir fortan mit Liebe anstatt mit Angst begegnen können, sondern auch zu uns selbst und zu anderen. Zu uns selbst, weil wir bei allem unaus­weichlichen Scheitern an den berechtigten Ansprüchen anderer, nicht mehr auf dieses Scheitern festgelegt sind und dafür verurteilt werden. Die Einstellung zu anderen Menschen wird verändert, weil wir sie nicht mehr zum Zweck unserer eigenen Seligkeit (oder der eigenen Selbstgefälligkeit) instrumentalisieren, sondern ihnen so begegnen können, dass sie als Personen mit eigenen Bedürfnissen und Interessen in den Blick kommen. Luther geht sogar noch einen Schritt weiter: Glaubende können dies alles nicht nur, sondern sie wollen es auch, und sie tun es nach Kräften.

Und das ist der Punkt, wo die innere Freiheit sich nach außen wendet und wenden muss. Denn das ist bei Paulus, das ist bei Luther und dass ist in der ganzen Theologie klar – die christliche Freiheit wirkt in diese Welt hinein, verändert den Alltag der Gläubigen. Wie? Auch das hat Luther in seiner Schrift wunderbar pointiert formuliert, indem er der ersten These „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem Untertan.“ eine zweite zur Seite stellt:

„Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Frei und frei-willig können Gläubige auf Freiheiten verzichten – um der anderen willen. Gerade in diesen Coronazeiten, in denen so viele Freiheiten in Frage gestellt sind, kann sich das in konkretem barm­herzigen Handeln ausdrücken, in Nächstenliebe und Verantwortung für die Gesellschaft und die Welt.

Es ist eine Haltung, die sich in unserer Alltagssprache in dem Ausdruck „Ich bin so frei“ bündelt. Ich bin so frei, dass ich verzichten kann, dass ich von mir weg auf andere schauen kann. Ich bin so frei, dass ich Maske trage, dass ich möglichst nicht verreise, dass ich Quarantäne einhalte. Aus Fürsorge­pflicht. Ich habe auch kein Problem damit, wenn schon geimpfte Menschen dann etwas tun dürfen, was ich vielleicht noch nicht darf – denn meine Freiheit wird ja nicht be­schnitten, nur weil die anderen mehr dürfen. Kann ich ihnen also gönnen.

Ich kann die Einschränkungen meiner Freiheit hinnehmen und gleichzeitig aber nach neuen Räumen suchen, die ich frei füllen kann: Bin ich z.B. bereit, mühsamere Wege auf mich zu nehmen, um Kontakt zu denen zu halten, die vom Kontakt abgeschnitten sind. Achte ich darauf, im Gespräch nicht nur selbst rumzujammern, sondern versuche ich ermutigende Worte für das Gegenüber zu finden.

Wenn ich dann also auf die Frage zurückkomme, die der Jurist eingebracht hat, nämlich was meine Freiheit einschränken darf, dann sind das natürlich – denn wir leben ja als Christinnen und Christen in dieser Welt – die staatlichen Gesetze. Aber für meinen inneren Handlungsimpuls ist es schlicht eine Frage der Nächstenliebe.

„Liebe – und tu was du willst“

hat August gesagt. Und ich behaupte, von der Liebe lässt man sich lieber beschränken als von allen anderen noch so guten Gründen. Insofern glaube ich, dass – wie Böckenförde es ja formuliert hat – alle gesetzlichen Regelungen auch einen Rückhalt brauchen in einer Art Moral oder Ethik und dass Christinnen und Christen in diesen politischen Fragen etwas beizutragen haben: Eben gemeinsam mit Blick auf das Wohlergehen des Nächsten darüber nachzudenken, was nun geeignet oder angemessen sein könnte – ohne dabei zu glauben, dass wir der Weisheit letzten Grund gepachtet haben. Aber vielleicht mit einem freieren Blick, weil man dabei von sich selbst absehen kann.

Es bleiben, gerade in dieser Zeit immer wieder schwierige Fragen der Abwägung: Dann wenn nicht klar ist, ob Maßnahmen zum Schutz vor dem Virus noch größeren Schaden anrichten könnten – z.B. bei Kindern, die komplett auf die eigenen 4 Wände zurückgezwungen, familiärer Gewalt ausgesetzt sind, bei Älteren, die vereinsamen. Da bringt Freiheit zur Entscheidung eine unglaublich große Verantwortung mit sich. Und genau da sind wir wieder auf die innere Freiheit zurückgeworfen: eben nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, im Blick auf andere, und dabei auch zu wissen, dass wir uns schuldig machen können – aber nicht in letzter Instanz verurteilt werden. Das möge uns frei machen, mit diesen schwierigen Situationen besonnen und gelassen umzugehen. Und dabei helfe uns – vielleicht Paulus, Augustin oder Luther – vor allem aber Gott. Amen.