Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Berge versetzen

Berge versetzen

Predigt zur Konfirmation
Theologiestudent

Simon Eckhardt

Konfirmationsgottesdienste am 29.+30. August 2020

Predigt zu Matthäus 17,14–20

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Großeltern, Geschwister, Angehörige, liebe Boomer, liebe Millenials, liebe Generationen, X, Y, Z, Alpha…

Unser Predigttext klingt in meinen Ohren überraschend vertraut. Nicht das Wunder, das in dieser Geschichte geschieht, sondern der Vorwurf von Jesus an die Jünger: „Was seid ihr nur für eine ungläubige und verdorbene Generation!“ Da werde ich sofort in meine Jugend zurückgeworfen. Ich erinnere mich lebhaft an Diskussionen mit meinen Eltern und Großeltern. Einige dieser Gespräche sind gar nicht so lange her. Angefangen bei den Klamotten, die ich getragen haben: „Wo sitzt den eigentlich deine Hose, hast du keinen Gürtel?“ „Vielleicht kaufst du dir mal eine heile Hose.“ „Sowas hätten wir nicht mal zu Hause angezogen, ganz sicher nicht in der Schule!“ „Was ist das denn überhaupt für eine Frisur.“ Ich gebe zu, ich hab‘ meinen Großeltern schon viel zugemutet, vom Iro in Pink bis zu Dreadlocks war alles dabei.

Und bei den Klamotten blieb die Diskussion natürlich nicht stehen. Selbstverständlich ging es auch um die Fragen der Lebensgestaltung: „Ein Studium, das ist doch auch wirklich nur was für eure viel zu verwöhnte Generation. Alle in unserer Familie sind Arbeiter geworden. Ihr bekommt doch alles in den Hintern gesteckt.“ „Geh erstmal richtig arbeiten, bevor wir über die Zukunft unseres Landes diskutieren.“

Und nicht selten wurden diese Konflikte schnell verallgemeinert. „Deine Generation weiß doch überhaupt nicht, was Mangel bedeutet. Ihr seid doch nur auf euer Vergnügen aus. Faul, selbstverliebt, kein Pflichtbewusstsein, kein Gemeinsinn, keine Religion, keinen Respekt, nur am Handy und sonst nur viele Träumereien.“ „Was seid ihr nur für eine ungläubige und verdorbene Generation!“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass jede und jeder, der heute hier sitzt, diese Erzählungen kennt. Die Auseinandersetzung der Generationen über Leistung und Faulheit, Arbeit und Vergnügungssucht, die richtige Lebensführung, den Verfall der Moral und die viel zu kurzen Röcke, über Jogginghosen und Leggings in der Schule, über Richtig und Falsch, über Hoffnungen und Träumereien gegen Realismus und „Werd erstmal erwachsen!“

Diese Betrachtung der älteren Generation in Bezug auf die jüngere ist so alt wie die Menschheit selbst.

Merret: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“.

Simon: Ein Satz von heute, gemeißelt auf eine Tontafel der Sumerer, ca. 3000 Jahre vor Christus.

Marie: „Der aktuellen Generation fehlt es an Motivation, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit.“

Simon: Das weiß die Deutsche Industrie und Handelskammer im Jahr 2018 über die Generation von heute zu berichten.

Merret: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Simon: Auch der weise alte Grieche Sokrates wusste um 430 vor Christus, wie es um die jungen Menschen steht.

Marie: „Der grenzenlose Mutwille der Jugend ist ein Zeichen, dass der Weltuntergang nah bevorsteht“.

Simon: Zu diesem Abgesang auf die Jugend und die ganze Welt ließ sich der enge Vertraute Martin Luthers, Phillip Melanchthon, im Jahr 1530 hinreißen.

Merret: „Was seid ihr nur für eine ungläubige und verdorbene Generation!“

Simon: Auch Jesu Worte finden in dieser Aufzählung einen guten Platz.

Ich habe selber schon in diese Redeweise eingestimmt:

· In Bezug auf Studierende (alle so unselbstständig, nie vorbereitet, eine Generation der man alles hinterhertragen muss)

· in Bezug auf die aktuelle Generation der Jugendgruppe (immer nur am Handy, können es nicht ertragen, wenn mal nichts passiert, eine selbstverliebte Generation, bei der nur die Likes für das nächste Selfie zählen, Berufsziel Influencer und Youtuber)

· in Bezug auf die Konfirmandinnen (immer nur klagen über die vielen Belastungen, so leicht wie eure Generation hatten wir es nicht).

Und für einen kurzen Augenblick scheint Jesus in diesen vielstimmigen Abgesang auf die kommende Generation einzustimmen. Wie lange muss ich das noch alles für euch regeln? Wie lange soll ich noch bei euch bleiben? Wann werdet ihr endlich erwachsen? Wann übernehmt ihr Verantwortung?

Aber, Jesus wird nicht hart mit ihnen. Auch das wäre denkbar angesichts seines Ärgers über seine Jünger. Vielmehr zeigt Jesus eine Perspektive auf. „Wenn euer Glaube nur so groß ist wie ein Senfkorn, könnt ihr diesem Berg befehlen: ‚Geh von hier nach dort!‘ Und er wird dorthin gehen. Dann wird für euch nichts unmöglich sein.“ Jesus eröffnet ihnen eine Perspektive, die auf Hoffnung und Glaube hin ausgerichtet ist. Sicherlich auch in dem Wissen, dass er nicht auf Dauer bei ihnen bleiben kann und dass es eben gerade an der nächsten Generation hängt, von der Hoffnung auf gelingendes Leben zu erzählen.

Wenn wir auf die Generationen vor uns blicken, dürfen wir feststellen, dass die Welt gegen alle Abgesänge noch existiert und jede Generation auf ihre Weise Verantwortung übernommen hat. Ich selber überblicke auch nur einen kleinen Ausschnitt aus all dem, wofür sich Generationen vor mir eingesetzt haben. Auch wenn aus ihrer Perspektive die Aussichten auf Erfolg gering waren.

Die Hoffnung, dass Mann und Frau gleichberechtigt sein werden. Die Hoffnung, dass eines Tages die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Die Hoffnung auf einen verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung. Auf den Ausstieg aus der Atomenergie. Auf das Ende von Krieg und Aufrüstung. Dass jeder lieben darf, wen er oder sie will. Dass ein geteiltes Land wieder eins wird. Dass Menschen vor dem Ertrinken gerettet werden.

Die Welt, in der wir leben, ist eine andere. Mann und Frau sind nicht gleichberechtigt. Schwarze werden auf offener Straße erschossen. Der Klimawandel ist allgegenwärtig. Weltweit nehmen Konflikte zu. Menschen ertrinken im Mittelmeer. Ein geeintes Land teilt sich wieder. Diesmal nicht durch eine Mauer, aber durch Ideologien. Menschen, die mit nicht mehr als der Kleidung an ihrem Leib auf der Flucht sind, werden ausgegrenzt und bespuckt. Da fällt es mir schwer, an die großen Hoffnungen und das Wunder zu glauben. Angesichts dieser Schrecken resigniere ich manchmal. Und ich halte den Enthusiasten der kommenden Generation entgegen: „Das wird sich eh nicht ändern lassen. Lern du erstmal die echte Welt kennen.“ Dann werde ich hartherzig gegenüber den Hoffnungen einer ganzen Generation. Gerade auch, weil ich mich ertappt fühle. Ertappt, die Hoffnung zu begraben, die ich selber mal geglaubt und geträumt habe.

Denn überraschend oft legt die jüngere Generation, legt ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, den Finger genau in diese Wunde. In Themen, wo es uns besonders weh tut, gerade weil ich aufgehört habe, mit zu hoffen und mit zu träumen. Weil die harte Schule des Lebens mich eingeholt hat. Weil ich mich eingerichtet habe in meinem Leben. Weil ich bequem geworden bin.

Die Generationen vor euch sind älter geworden. Sie werden sicherlich auch gehört haben, wie verdorben sie sind, welch unsinnige Träume sie träumen. Sie werden die erhobenen Zeigefinger und die mahnenden Stimmen gehört haben, genau wie ihr jetzt. Und vielleicht sind sie irgendwann müde geworden. Und doch: Jede Generation hat etwas bewegt. Auch wenn sich der Berg nicht sofort von hier nach dort bewegt hat. Auch wenn das große Wunder ausgeblieben ist und auch wenn es manchmal viel zu lange gedauert hat. Aber: Die Mauer ist weg. Die EKD schickt ein Schiff ins Mittelmeer. Gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Flüchtlinge werden freudig empfangen und integriert. Es gibt einen Atomausstieg. Menschen gehen auf die Straße gegen Diktatoren, gegen Rassismus und Hass. Das alles sind Wunder. Gegen die Erwartungen aller Generationen davor.

Auch der Predigttext erzählt von einem Wunder. Er beginnt mit einem, und ich glaube, er endet auch mit einem. Es beginnt mit dem Wunder, dass ein Junge mit einer damals unbekannten Krankheit, vermutlich Epilepsie, gesund wird. Gegen alle Erwartungen. Gegen alles Verstehen. Gegen alle Vernunft und jeden Realismus. Denn manchmal geschehen Wunder.

Und der Text endet mit einem Wunder. Manchmal reicht schon ein kleines Senfkorn Glaube, um die Welt zu verändern. Damit lassen sich Berge versetzen. Vielleicht nicht heute oder morgen. Es wird Enttäuschungen geben und Momente, in denen es keine Perspektive auf einen guten Ausgang zu geben scheint.

Aber irgendwann wird sich auch der größte Berg bewegen. Lassen wir uns die Hoffnung nicht nehmen, von den Bedenkenträgerinnen und Mahnern, von den vermeintlichen Realisten und Ewiggestrigen. Lassen wir uns nicht den Glauben nehmen. Den Glauben daran, dass es eines Tages gut sein wird. Für jeden Menschen.

Das ist es, was Jesus seinen Jüngern und uns zuspricht. Das dürfen wir glauben, und darauf hoffen wir.

Gehen wir Berge versetzen!

Und die Liebe Gottes, die höher ist als alle Vernunft, erhalte unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen