Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Beten, Bitten, Betteln

Beten, Bitten, Betteln

Predigt am 22. Mai
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Rogate, 22. Mai 2022

Predigt zu Lukas 11, 1–10

Predigttext: Lukas 11, 1–10

Und es begab sich, dass Jesus an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. 2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag 4 und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung.

5 Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Ich gehöre zu den Menschen, die sich zwar immer über einen guten Witz freuen, sich aber fast nie einen Witz merken können. Nur ganz wenige Witze haben sich mir wirklich eingeprägt. Darunter diese beiden über das Beten. Der Erste:

Ein Missionar in Afrika wird allein, mitten in der Wüste von einem Löwen angegriffen. Er schließt die Augen und betet: „Lieber Gott, mach auch aus diesem Untier einen frommen Christen!“ Als er die Augen öffnet, liegt der Löwe vor ihm mit gefalteten Tatzen und betet: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!“

Der andere Witz:

Ein Bischof besucht auf einer Inspektionsreise ein Kloster auf einer einsamen Insel, das nur von drei Nonnen bewohnt wird. Bei der Frage, wie sie Gott anrufen, tragen sie ihm ihr Gebet vor: „Gott, wir sind drei, du bist drei, steh uns bei!“ Dem Bischof fehlen das Amen, das Ave Maria und das Credo. Unter Mühen bringt er ihnen immerhin das Vaterunser bei. Als sein Schiff schon ablegt, kommen die Nonnen zum Ufer gerannt und rufen: „Heiliger Vater, wie ging das nach dem Geheiligt-werde-dein-Name nochmal weiter?“

Zwei Witze, die das Gebet treffend aufs Korn nehmen. Das Erste die Wirkmacht des Gebets: Es trifft zwar ein, worum der Missionar gebeten hat – der Löwe scheint fromm und andächtig geworden zu sein –, aber anders als gehofft. Und außerdem: Der Löwe hat ein eigenes Gebetsanliegen!

Der zweite Witz parodiert die Tradition: Braucht es bestimmte Worte oder Vorkenntnisse zum Beten? Und was unterscheidet ein Gebet von einer magischen Formel?

Fragen, die viele von uns beschäftigen, wenn es ums Beten geht. Jedenfalls höre ich solche Fragen oft im Gespräch: Hilft beten eigentlich? Und was macht Gott, wenn die Einen um das Eine, und die Anderen um das Andere bitten? Spielt es eine Rolle, ob ich das Vaterunser oder ein freies Gebet spreche? Und warum sollte ich eigentlich im Gottesdienst in Gemeinschaft beten? Ich bete lieber allein zuhause.

Beten ist heikel, weil Beten etwas Intimes und Persönliches ist. Im Gebet sage, äußere ich, was mir besonders wichtig ist, worüber ich vielleicht sonst gar nicht spreche. Ich zeige mich damit Gott. Und im gemeinschaftlichen Gebet verbinde ich sogar meine persönlichen Anliegen, Wünsche oder Hoffnungen mit denen der anderen; mache mich zum Teil einer Gruppe im Dialog mit Gott.

Ich vermute, solche und ähnliche Unsicherheiten haben auch die Menschen zu Jesu Zeiten umgetrieben. Immerhin sind uns im Neuen Testament eine ganze Reihe von Texten überliefert, in denen Jesus Fragen zum Gebet beantwortet und auf das Wie, Wo und Warum des Betens eingeht. Als rabbinisch gelehrter Jude antwortet er oft sowohl mit prägnanten Merksätzen als auch mit Gleichnissen, also mit Beispielerzählungen, und diese haben mitunter auch einen humorvollen oder anekdotischen Charakter.

Der Predigttext heute enthält beides: zuerst eine knappe, eher nüchterne Anleitung, was man am besten beten, worum man bitten soll. Und dann eine anschauliche Geschichte, wie wir beten sollen.

Die Jünger bitten Jesus, ihnen ein Gebet beizubringen, so wie es andere religiöse Lehrer auch täten, zum Beispiel Johannes der Täufer. Anscheinend sind sie ein bisschen unsicher, welche Worte sie verwenden sollen. Ob es für das Gespräch mit Gott bestimmte Regeln gibt?

Im Lukas-Evangelium ist uns auf diese Fragen eine Kurzfassung des Vaterunsers überliefert. Auf das „Geheiligt-werde-dein-Name“ und das „Dein-Reich-komme“ folgen die Bitten um das tägliche Brot, um Sündenvergebung und um Bewahrung vor Versuchung. Diese Drei scheinen für Jesus das Wesentliche gewesen zu sein, worum wir zu bitten haben. Dreierlei, was wir uns selbst nicht geben können, aber dennoch dringend zum Leben brauchen:

Essen – Brot, Fisch, Wasser und Wein –, um körperlich gesund und kräftig zu sein. Vergebung, um in guten, friedlichen Beziehungen zu unseren Nächsten zu leben. Und weil dies ein wechselseitiges Geschehen ist, gehört auch die zweite Satzhälfte dazu: „denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird“. Und als Drittes Gottes Schutz, seine Bewahrung vor Versuchungen zum Bösen, vor Sünden, die mir oder anderen, meiner Mitschöpfung, schaden. – Brot, Vergebung und Schutz.

Ich glaube, in abgewandelter Form kommen diese drei Bitten in sehr, sehr vielen Gebeten vor, die Kinder, Jugendliche, jüngere und ältere Frauen und Männer täglich vor Gott bringen. Auf der ganzen Welt und auch in unserer Gemeinde.

Die Bitte ums tägliche Brot, die nach Martin Luthers Interpretation im Kleinen Katechismus Kleidung und Geld, Haus, Hof und Beruf, Familie, Freunde und Nachbarn einschließt, „alles, was not tut für Leib und Leben“. In der Corona-Krise die vielen Gebete um Gesundheit, aber auch darum, dass das Kurzarbeitergeld reichen möge oder dass bei Selbstständigen wieder Aufträge reinkommen oder auch um bezahlbare Wohnungen. Die Gebete der Jugendlichen um Vergebung und Wiederaufnahme in eine Gruppe, aus der sie herausgefallen sind – oder um Versöhnung der Eltern. Und die Bitten um Schutz und Bewahrung vor falschen Entscheidungen, vor Dummheiten oder Ignoranz. Auch viele Gebete für andere gehören dazu: für Angehörige, Freundinnen und Freunde, Kranke, Trauernde, Notleidende…

In Jesu Formulierung des Vaterunsers stehen alle diese Bitten unter dem Satz: „Dein Reich komme!“ Ich verstehe ihn wie eine Öffnung zu Gott hin. All mein Bitten, Reden und Denken stelle ich in die Verheißung des kommenden Reiches Gottes. Ich erwarte, dass Veränderungen möglich sind. Ich erwarte, dass Gott noch etwas mit uns vorhat. Dass Gott die Zukunft im Blick hat – unsere und auch meine Zukunft.

Wenn ich bete: „Dein Reich komme!“, dann vertraue ich mich sozusagen Gottes Weg in die Zukunft an. Dass er mich ernährt, mir vergibt und mich behütet, damit ich auch morgen leben kann. Diese Bitte gibt die Richtung vor und hebt unseren Blick in die Zukunft.

Beten funktioniert nicht so, das wissen wir alle, dass man um etwas bittet und dann fällt einem das Gewünschte in den Schoß. Weder lassen sich alle Krankheiten noch alle beruflichen Katastrophen oder persönlichen Enttäuschungen abwenden. Der hungrige Löwe in der Wüste sitzt nicht fromm in der Kirchenbank. Aber im Beten um das kommende Reich Gottes mache ich mich bereit für Gottes Antworten und Wege, öffne ich mich für Gottes Kraft und seine Liebe.

Folgen wir dem Predigttext, der Beispielgeschichte, die Jesus seinen Jüngern nach der konkreten Anleitung zum Vaterunser erzählt, dann hat Jesus aber noch mehr und anderes vor Augen als ein „Mich-bereit-halten“ für Gottes Antworten.

„Stellt euch vor“, erzählt Jesus, „ihr habt einen Freund, der kommt nachts unangemeldet zu Besuch und ihr habt nichts zu Essen im Haus. Ihr würdet doch – nach dem Gebot orientalischer Gastfreundschaft – zu einem Freund in der Nachbarschaft gehen, ihn aus dem Bett klopfen und bitten euch auszuhelfen. Ich bin sicher, wenn er euch auch nicht aus Freundschaft etwas geben würde, so würde er euch doch deshalb helfen, weil ihr so unverschämt wart zu bitten.“

Das ist eine Geschichte mit komischen Zügen: Wenn wir uns konkret vorstellen, wie wir nachts im Schlafanzug über die Straße gehen… Auf welche Klingel würden wir wohl drücken, um einen Schlafsack, etwas Brot und Käse, eine Flasche Wein zu erbetteln? Und wie würde der, die andere uns angucken? – Oder auch die bildliche Vorstellung, Gott sozusagen aus dem Bett zu klingeln, seinen ganzen himmlischen Hofstaat aufzuwecken… So einen Lärm zu machen, nur damit mein Freund, mein Gast bekommt, was er braucht.

Ein humorvolles und ein einprägsames Bild: Beten ist wie nachts beim Nachbarn klingeln. Das tut man bei Menschen, die einem vertraut sind, vor denen man sich nicht so sehr schämt. Und das kann man bei Gott machen, vor dem wir uns auch nicht schämen müssen. Der uns kennt und mit dem wir umso vertrauter werden, je öfter wir mit ihm sprechen und zu ihm beten.

Und dabei werden wir auch unsere Erfahrungen machen, wie oder womit Gott antwortet.

Erwartungsoffenheit und Beharrlichkeit braucht es fürs Beten, so verstehe ich Jesus. Und dann möge Gott uns und allen Menschen geben, was wir am nötigsten brauchen: Brot, Vergebung und Schutz, damit Gottes Reich komme und sein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Amen.