Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Bist du ein Weihnachtsmensch?

Bist du ein Weihnachtsmensch?

Predigt zum 2. Weihnachtstag
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Gottesdienst am 26. Dezember
mit Teil III des Weihnachtsoratoriums

Predigt zu 1. Timotheus 3,16

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Im Advent war ich in Berlin im sog. Christmas Garden. Seit Jahren wird der Botanische Garten ab Mitte November illuminiert. Es gab leuchtende Engel, über den breiten Hauptweg gespannt, grüne Rehe auf der Wiese, türkise Glocken in Bäumen, sogar gelbe Bienenwaben und an jeder Ecke eine andere Weihnachtsmusik. Ich hatte mir das Ganze etwas anders vorgestellt, etwas zarter und romantischer… Und war einerseits froh, als wir den Rundgang geschafft hatten.

Andererseits war der Besuch des Christmas Garden für mich durchaus ein weihnachtliches Erlebnis. Ich war lange nicht mehr in so einer altersgemischten und multikulturellen Riesengruppe unterwegs! Babys im Kinderwagen, verliebte junge Pärchen, Rollstuhlfahrer und Familien… Gespräche auf Portugiesisch, Türkisch, Schwedisch, Russisch, Englisch…

Zu einer richtigen „Weihnachtsgeschichte“ wurde für mich aber ein Gespräch auf dem Rückweg. Vor uns gingen eine ältere Frau, neben ihr wohl ihr Enkelsohn mit seiner Freundin, beide etwa Mitte 20. Er breitbeinig, in festen Stiefeln, mit kurzer, dicker, schwarzer Daunenjacke. Sie gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinander her, bis die kleine, gebeugte Großmutter ihren Kopf hob und ihren kräftigen Enkel fragte: „Bist du eigentlich ein Weihnachtsmensch?“

Er stutzte, überlegte und sagte dann schroff: „Nee, ick find Weihnachten nur jut, wenns richtich fett is. Richtich große Party mit viel Leuten, Essen und Musik, allem Drum und Dran, wa. Aba dies Jahr wird’s nur ne kleene Sache. Nee, dies Jahr freu ick mir nich…“

Sie schwieg. Ich fragte mich, was sie wohl dazu dachte. Ich wurde schon ein bisschen enttäuscht, dass sie gar nicht antwortete. Aber wahrscheinlich war sie einfach eine weise, alte Frau, die ihren Mund halten kann.

Und dann geschah etwas Unerwartetes: Der junge breite Mann beugte sich zu seiner Großmutter hinunter und fragte sie sehr sanft und freundlich: „Und du, bist du denn ein Weihnachtsmensch? Magst du Weihnachten?“ Sie nickte, antwortete und sprach lange – aber so leise, dass ich sie leider nicht verstehen konnte. Ihr Enkel ging jetzt ganz nah neben ihr und hörte ihr zu.

Da dachte ich bei mir: Du Berliner Type, bist vielleicht doch auch ein Weihnachtsmensch! Du weißt es vielleicht nur nicht so genau. Aber du beugst dich zu deiner kleinen, gebrechlichen Großmutter, du hörst ihr zu – wahrscheinlich hast du sie überhaupt in diesen Christmas Garden geschleppt, verbringst deinen Samstagabend mit ihr und begleitest sie jetzt gleich mit dem Bus nach Hause…

„Bist du ein Weihnachtsmensch?“ Diese Frage ging mir nach. Was zeichnet wohl einen „Weihnachtsmenschen“ aus?

Und das Bild der beiden ging mir nach: der kraftstrotzende junge Mann und die zarte alte Frau. Einträchtig ins Gespräch über Weihnachten vertieft, ehrlich interessiert an den Gedanken und Gefühlen des anderen.

Was, wer ist wohl ein „Weihnachtsmensch“? Sind es diejenigen, die Rituale besonders lieben, die Jahr für Jahr die gleichen Engel im Wohnzimmer aufstellen, die in der Familie überlieferten Stollen- und Plätzchenrezepte backen, die alten Weihnachtslieder singen… Oder sind es diejenigen, die andere Menschen lieben, die Familienangehörige, Patenkinder und Freunde mit Geschenken und Post bedenken, sich mit Freundinnen auf dem Weihnachtsmarkt treffen, keine Mühe beim Kochen für die Familie scheuen… Oder sind es die eher Stillen, die einsame Winterspaziergänge, klassische Musik, Bücher und handgeschriebene Briefe mögen…

Was meinen Sie, was denkt ihr: Gehört ihr eher zu den Weihnachtsmenschen oder zu den Weihnachtsmuffeln? Und woran macht sich das für euch fest? – Vielleicht unter anderem am Weihnachtsoratorium oder der Marienvesper, an Konzerten oder Gottesdiensten…

In der 3. Weihnachtskantate von Bach, die wir eben gehört haben, geht es in besonderer Weise um das weihnachtliche Wechselspiel zwischen Groß und Klein, Schwach und Stark. Und ich glaube, darin steckt ein Schlüssel zum Wunder von Weihnachten und vielleicht auch ein Hinweis auf das, was „Weihnachtsmenschen“ auszeichnet.

„Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen…“ So beginnt diese Kantate. Nicht ganz so kraftvoll, wie die 1. Kantate mit ihren Trompeten und Paukenschlägen: „Jauchzet, frohlocket!“, aber doch in festlicher, voller instrumentaler Besetzung. Der „Herrscher des Himmels“, der Schöpfer der Welt wird besungen, als mächtiger König, der auf dem heiligen Berg Zion thront. Mit dem Weihnachtsgeschehen hat dies erst einmal nichts zu tun. Es ist mehr wie ein Lobpreis Gottes aus den alttestamentlichen Psalmen. Das erste Bass Rezitativ nimmt diese Spur auf:

„Er hat sein Volk getröst‘, er hat sein Israel erlöst,
die Hülf‘ aus Zion hergesendet und unser Leid geendet.“

Die Hirten schlagen den Bogen zur Krippe. Vom Gesang der Engel aufgescheucht, brechen sie auf:

„Lasset uns nun gehen nach Bethlehem!“

Fröhlich, schnell laufen sie, darin noch bestärkt vom Bass, der die Hirten – stellvertretend für alle Menschen – auffordert:

„Seht, Hirten, dies hat er getan; geht, dieses trefft ihr an!“

Und die Hirten finden, wie es in der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas heißt, Maria und Josef und das neugeborene Kind in der Krippe. Ein Menschenkind, ganz klein, ohne irgendwelche Insignien der Macht.

Als stark kontrastierende Bilder stehen in dieser Kantate der mächtige Herrscher des Himmels und die Begegnung mit dem neugeborenen Menschenkind nebeneinander.

Man muss ganz Großes denken, Lautes aushalten und Starkes fühlen können, um sich diesen Himmelsherrscher und Schöpfergott vorstellen zu können. Und man muss das Kleine denken, das Leise hören und das Schwache, Sanfte empfinden können, um sich dem Neugeborenen zu nähern. Das ist die große Spannung, darin liegt das Wunder von Weihnachten, dass dies beides in der Geburt Jesu zusammenkommt. Dass die Hirten – und wir mit ihnen – im Kind in der Krippe zugleich dem Weltenherrscher begegnen.

Johann Sebastian Bach kann uns helfen, dies zusammenzubringen, uns vorzustellen und zu glauben: Dass in der Krippe „wahr Mensch und wahrer Gott“ zu finden ist. Bach baut in seiner Kantate Brücken, legt Verbindungsstücke an im Duett Sopran und Bass, in der Alt Arie und den Chorälen. Sie helfen, das wundersame Geschehen zu bedenken und es sich anzueignen.

„Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei.“

Für mich ist dies eins der schönsten Stücke aus dem Weihnachtsoratorium. Ein Stück, das mir hilft, Himmel und Erde, Vater und Sohn, Gott und Mensch zusammenzudenken. Mich mitgemeint zu fühlen im Weihnachtsgeschehen.

Ob wir wohl „Weihnachtsmenschen“ sind? Ich glaube, diese Frage entscheidet sich unter anderem daran, ob wir uns an das Geheimnis von Weihnachten heranwagen. An den wundersamen Wechsel zwischen König und Knecht, Schöpfergott und Menschenkind. Vielleicht so ungleich, wie eine zierliche alte Großmutter und ihr junger starker Enkel. Man muss dafür ganz groß und weit und zugleich ganz klein und behutsam denken und fühlen können.

In diese Spannung ruft uns die Kantate, auf diesen Weg lockt uns die Weihnachtsgeschichte, dass wir uns so dem Geheimnis Gottes nähern, das uns selbst stark und frei machen kann – und zugleich zart und freundlich.

„Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei.“ Lasst uns dies fassen und „Weihnachtsmenschen“ werden! Amen.