Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Der Begleiter, der verurteilte

Der Begleiter, der verurteilte

Predigt am 3. April
Pastor i.R.

Josef Kirsch

Gottesdienst zum Sonntag Judika

Predigt zu Markus 14, 66-72

Predigttext:

Und Petrus war unten im Hof. Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters; und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth. Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte.
Und die Magd sah ihn und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Dieser ist einer von denen. Und er leugnete abermals. Und nach einer kleinen Weile sprachen die, die dabeistanden,abermals zu Petrus. Wahrhaftig, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer. Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet. Und alsbald krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da gedachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er fing an zu weinen.

(Markus 14, 66-72)

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Simon Petrus, fraglos war er eine Leitungsfigur im engsten Jüngerkreis der Zwölf, in der Jerusalemer Gemeinde, die sich nach Ostern gebildet hatte, in der katholischen Kirche, wo sich die lange Reihe der Päpste auf ihn als dem ersten zurückführt. Historisch wird man das korrigieren müssen. Es ist nicht sicher, ob Petrus überhaupt in Rom war und wenn, dann war er einer von vielen; einen Bischof von Rom gab es erst im zweiten Jahrhundert; und einen Bischof von Rom, der den Vorrang vor den anderen Bischöfen des römischen Reiches beanspruchte, gab es erst zum Ende des dritten Jahrhunderts in der Gestalt des Bischofs Stephan. Genauso fraglos, wie Petrus Leitungsfigur war, war er unter den Zwölfen aber auch der große Versager.

Am stärksten sticht heraus seine Verleugnung im Hofe des Hohenpriesterlichen Palastes, wo ihn eine Magd erkannte und Petrus dreimal Jesus verleugnete, bevor der Hahn zwei Mal krähte. Aber auch als er auf dem See Genezareth Jesus entgegen eilen wollte und – wie der Text sagt – aus Unglauben in den Fluten versank , war er schwach (Matthäus 14,22-33). Auch als für Jesus im Garten Gethsemane die Hölle begann und Petrus mit den anderen Jüngern fest schlief, versagte er (Markus 14, 32-42).
In der Stadt Antiochia nach den Osterereignissen aß und trank er mit Heidenchristen zusammen. Dann aber, als eine Delegation aus Jerusalem kam, zog er sich schnellstens von den nicht-koscheren Heidenchristen zurück. Paulus hat zu Petrus immer ein gespanntes Verhältnis gehabt und er kritisierte ihn wegen seines Verhaltens in Antiochia scharf (Galater 2, 11ff)

Leitungsfigur und Versager, genau in dieser Mischung – kann ich mir vorstellen – kommt Petrus uns nahe. Glaube und Unglaube, ein Zwiespalt, der nicht aufgehoben werden darf und den wir wohl alle kennen.

Schimeon, Petros, Kepha, das sind die drei Namen, die er trägt. Und auch dieses stellt uns vor Rätsel. Schimeon, das kommt vom hebräischen Verb „hören“. Jeder in Israel wird die Liturgie des Gottesdienstes wieder erkennen, in der es heißt: Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig. Und daneben Petros und Kepha. Das eine ist griechisch, das andere aramäisch. Beide Wörter bedeuten „Fels“. Kepha hat auch noch die Nebenbedeutung „Edelstein“. Im Neuen Testament lesen wir, dass Jesus selbst Simon diesen Namen beilegte (Markus 3, 16). Simon, der hörende Jünger und zugleich der Fels, der Sicherheit gewährt, auf den die Kirche gebaut ist, wie es im Matthäus-Evangelium heißt. Aber das ist zweifellos eine spätere Gemeindebildung, die Jesus in den Mund gelegt worden war (Matthäus 16, 18). Jesus selbst hat nie an die Gründung einer Kirche gedacht.

War Petrus ein ängstlicher Mensch, ein enttäuschter Mensch? Ich glaube, man wird beides bejahen müssen. Bei der Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane berichtet das Johannes-Evangelium zwar, dass Petrus das Schwert zog und einem Soldaten ein Ohr abhieb. Die drei anderen Evangelien erzählen auch die Schwertepisode, aber sie nennen Petrus nicht mit Namen. Sicherlich war Petrus enttäuscht, als deutlich wurde, Jesus war nicht der verheißene Messias, der Nachfolger des großen Königs David, der das Land vom römischen Joch befreien würde; im Gegenteil, Jesus sagte seinen Jüngern, dass er viel leiden müsse und getötet würde. Zweifellos hatte Petrus andere Hoffnungen, vielleicht hatte er deswegen Familie und Beruf verlassen. Und als er Jesus Vorhaltungen machte, widersprach Jesus ihm extrem hart: Weiche von mir, Satan, denn du redest nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist (Markus 8, 32-33).

Enttäuscht und ängstlich war Simon, der Hörende, Petrus, der Fels, als er sich in den Hof des Hohenpriesterlichen Palastes schlich. Im Palast wurde Jesus der Prozess gemacht, der mit dem Todesurteil endete. Im Hof versucht der Verschüchterte sich am Feuer zu wärmen. Und eine Magd trat zu ihm und sagte: Auch du warst mit dem Jesus von Nazareth. Petrus leugnete: Ich weiß nicht, was du meinst. Und der Hahn krähte. Wiederum insistierte die Magd: Doch, dieser ist einer von ihnen. Und Petrus leugnete abermals. Ein drittes Mal setzten die Umstehenden an: Du bist einer von ihnen, du sprichst galiläischen Dialekt. Und Petrus verfluchte sich und schwor: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. Und der Hahn krähte zum zweiten Mal. Zutiefst aufgewühlt entdeckt Petrus, was er getan hatte. Er hatte ja nicht nur seine Haut zu retten versucht. Das könnte ja jeder verstehen. Aber dass er in drei Sätzen alles zerstört hatte, was für ihn zentral war, woran er geglaubt hatte, was er sich immer wieder neu erkämpfen musste, was aber dennoch Grundlage seines Lebens war, das erschütterte ihn zutiefst. Der Text sagt: Und er fing an zu weinen.

Fraglos ist die Szene im Hof des Hohenpriesterlichen Palastes der Tiefpunkt im Leben des Simon Petrus. An solch einem Tiefpunkt gibt es immer zwei Möglichkeiten: Entweder ich zerbreche, ich werde zum Zyniker, zum Menschenverächter, vielleicht zum Schwerverbrecher, oder die andere Möglichkeit ist: Ich erfahre einen Neubeginn, ich mache einen Prozess mit, ich ordne die Dinge neu, ich werde kein total anderer Mensch, aber ich entdecke eine neue Tiefendimension im Leben, ich entdecke den Fels Petros oder den Edelstein Kepha in meinem Leben. Ich entdecke Gott.

Ich denke, so ist es Simon Petrus ergangen. Nach Ostern zu Pfingsten hält er eine Rede vor dem versammelten Volk: So wisse nun das ganze Haus Israel, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat (Apostelgeschichte 2,36). Das war überwältigend. Da war eine neue Gewissheit. Ein neuer Mut. Nicht vorstellbar ohne die Tränen vorher.

Paulus starb mit großer Wahrscheinlichkeit als Märtyrer in Rom. War Simon Petrus das gleiche Schicksal beschieden? Auch dieses wissen wir nicht genau. Aber im Johannes-Evangelium gibt es einen Hinweis, dass er gewaltsam ums Leben kam. Da sagt der auferstandene Jesus zu Petrus (Johannes 21,18f): Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst. Das sagte er aber um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde.

Wieso konnte Simon Petrus trotz so großer Verkennungen, Verirrungen, Zielverfehlungen zu dem neben Paulus wichtigsten Apostel werden. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Petrus und manchem bis in diese Stunde, der die Situation verkennt, der sich verirrt, der sein Ziel verfehlt, der schwerster Verbrechen schuldig ist, der Unterschied zu Petrus besteht darin, dass Petrus seine Verfehlung entdeckt, mehr noch, dass er Tränen darüber vergießt und ein anderer Mensch wird. Er verändert seine Erwartungen und Hoffnungen. Ob er ein Heiliger geworden ist, weiß ich nicht. Das zu sein ist sicherlich auch nicht unser Leben. Aber er entdeckt Gott und damit hat er teil am Heiligen, ein Schutzschild für ihn selbst und für die anderen, die mit ihm zu tun haben.

Gott zu suchen und ein Leben lang auszuhalten, ihn nicht zu verstehen, immer Hörender zu sein und manchmal auch Fels, das ist in der Tat auch unsere Aufgabe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.