Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Der entscheidende Kuss

Der entscheidende Kuss

Predigt am 7. November
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres

Predigt zu Psalm 85

Jammern hat einen schlechten Ruf. Wir alle kennen sicher Leute, die einem immer nur erzählen, was schwer ist und was nicht funktioniert und wer wieder mal alles falsch macht und wer schuld ist, und die anderen sollten und müssten doch dieses und jenes. Und man selbst hat es natürlich besonders schwer. Ich muss gestehen, ich kann das nicht gut ab. Und ich bin von mir selbst genervt, wenn ich ins Jammern verfalle. Es scheint so destruktiv und führt nirgendwo hin. Andererseits: Man muss manchmal jammern. Was nervt, was schwer ist, muss auch mal raus. Man muss das Ventil öffnen und Dampf ablassen. Das dient der eigenen Seelenhygiene. Allerdings nur, wenn der Dampf dann auch wirklich raus ist und nicht, wenn man sich immer weiter ins Negative vergräbt, im Jammern stecken bleibt.

Wie das geht – Jammern und nicht drin stecken bleiben – das machen viele Psalmen vor. Es sind Jammer-Psalmen, theolo­gisch korrekt nennt man sie natürlich „Klagepsalmen“, das klingt besser. Und heute möchte ich Sie einladen, einmal mit mir durch so einen Psalm zu gehen, sozusagen einen Schnelldurchgang in Sachen Seelenhygiene mitzuerleben.

Am leichtesten beginnt man natürlich mit dem Jammern: Wenn ich Sie fragen würde, was im Moment gerade schiefläuft, was Sie belastet ich bin mir sicher, wir hätten massenweise Themen im Raum. Angefangen bei den ganz persönlichen Krisen: Konflikte in der Familie oder am Arbeitsplatz, ange­schla­gene Gesundheit, finanzielle Ängste bis hin zu den Themen die uns als Gesellschaft beschäftigen – wie wird das mit der neuen Regierung – oder Fragen, die uns als globale Gemeinschaft umtreiben und die ganz existentiell sind, wie der Klimawandel.

Und uns alle beschäftigt natürlich nach wie vor diese Corona-Pandemie, man kann es schon nicht mehr hören, aber es hört eben auch nicht auf. Die Inzidenzwerte steigen schon wieder, die Mehrheit aller, die noch nicht geimpft sind, wollen das auch künftig nicht tun. Die wirtschaftlichen Folgen sind immens – die Erwartungen an das Wirtschaftswachstum sind gerade wieder deutlich nach unten korrigiert worden. Die Lieferketten funktio­nieren noch immer nicht, die Schiffe stauen sich in irgend­welchen Häfen, notwendiges Material fehlt für die Produktion, Leute müssen in Kurzarbeit, ihre Jobs werden unsicher. Da kann man natürlich schnell nach Schuldigen suchen – aber das hilft im Endeffekt nicht.

Unserem Psalmbeter hilft das, was er macht, nämlich Beten. Sich an Gott wenden. Und ihn volljammern:

Hilf uns, Gott, unser Heiland,


und lass ab von deiner Ungnade über uns!

Willst du denn ewiglich über uns zürnen


und deinen Zorn walten lassen für und für?

Willst du uns denn nicht wieder erquicken,

dass dein Volk sich über dich freuen kann?

Herr, zeige uns deine Gnade

und gib uns dein Heil!

So klagt der Beter vor Gott: Soll das ewig so weitergehen, es reicht jetzt, das zermürbt. Lass das endlich aufhören und wieder bessere Zeiten kommen. Mach doch was, Gott! Das ist die Phase des Jammerns. Das können wir vermutlich alle recht gut. Jammern vor anderen und vielleicht auch vor Gott. Aber der Psalmbeter bleibt eben nicht da stehen. Sondern er blickt zurück und voraus. Erstmal zurück – zurück auf die guten Erfahrungen mit Gott. Auf Gott, der sein Volk in schlechten Zeiten bewahrt und ihm gute Zeiten geschenkt hat:

Herr, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande

und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;

der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk

und all ihre Sünde bedeckt hast;

der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen

und dich abgewandt von der Glut deines Zorns.

Die, die damals dieses Gebet hörten oder auch selbst sangen, hatten sofort Geschichten vor Augen: Gott, der sein Volk aus der Knechtschaft in Ägypten geführt hat, der sie in der Wüste bewahrt hat, der ihnen gutes Land geschenkt hat, weise Könige, der sie aus der Gefangenschaft in Babylon zurück in die Heimat geführt hat. All die Erfahrungen derjenigen, die vor ihnen an Gott geglaubt und Begleitung, Schutz und Segen erlebt haben, holt der Beter vor Augen. Gott ist verlässlich. Auf ihn kannst du trauen.

Der Blick zurück kann auch uns helfen: Was hat sich bisher in unserem Leben als verlässlich erwiesen, worauf können wir trauen? Woraus haben wir bisher unsere Kraft geschöpft, was sind unsere Ressourcen? Diese Fragen können helfen, aus dem Jammern herauszufinden und uns auf das zu besinnen, was wir schon an Stärkendem und Tragendem erlebt haben. Ich hoffe, Sie alle haben in Ihrem Leben auch schon die Er­fahrung gemacht, dass Sie in schweren Phasen von Gott gehal­ten und getragen worden sind. Es tut gut, sich diese eigenen Geschichten, die eigenen Bilder vor Augen zu holen. Und wir alle haben sicher auch schon die banale Weisheit selbst erlebt, dass Unglück nicht ewig währt. Im Unglück den Blick dafür zu öffnen, fällt nicht leicht, dem Psalmendichter im Gebet gelingt es.

Nachdem er sich also auf das besonnen hat, was in der Vergangenheit getragen hat, nachdem der vor Gott geklagt hat, kommt erstmal ein Moment der Stille:

Könnte ich doch hören, was Gott, der Herr redet.

Eigentlich muss man an dieser Stelle mal einen Moment lang den Mund halten. PAUSE

Könnte ich doch hören, was Gott, der Herr, redet. Ein Gebet ist ein Gespräch, in dem im besten Falle beide reden. Dazu muss man aber zuhören können. Gebet heißt auch, Stille aushalten, ruhig werden, empfänglich. Und in dieser Stille hinein kommen Hoffnungsbilder auf in unserem Psalm. Jetzt kommt der Blick nach vorne, eine Vision leuchtet auf, eine Vision wird Gott in den Mund gelegt:

Könnte ich doch hören, was Gott der Herr redet,

dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,

auf dass sie nicht in Torheit geraten.

Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,

dass in unserm Lande Ehre wohne;

dass Güte und Treue einander begegnen,

Gerechtigkeit und Friede sich küssen;

dass Treue auf der Erde wachse

und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;

dass uns auch der Herr Gutes tue

und unser Land seine Frucht gebe;

dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe

und seinen Schritten folge.

Große Worte: Friede, Güte, Treue, Gerechtigkeit. Wie könnte das Leben, wie könnte unsere Welt aussehen, wenn das umge­setzt würde. Es wäre der Himmel auf Erden. In den hebräischen Worten des Originalpsalms schwingen in diesen Begriffen noch andere Werte mit: Solidarität und Gegen­seitigkeit, Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Gerechtigkeit ist da nicht als überparteiliche iustitia gemeint, sondern als Einsatz für die Schwachen und die Gemeinschaft, einer Gemeinschaft, in denen es allen gut gehen soll. Schalom, Friede, meint nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern ein umfassendes Wohlsein und Genug­haben.

Es sind abstrakte Begriffe, die aber im Gebet personalisiert werden, sie treten als Heilsmächte auf, und zwar miteinander, als Paare. Nicht nur als Wortpaare, sondern als Liebespaare, sie küssen sich! Wie Liebende ergänzen sie sich, befruchten sich gegenseitig. Es sind Puzzelteile, die zusammenfinden, damit sich ein Bild gelingenden Lebens ergibt. Dass sie als Paare auftreten, ist nicht nur ein poetisches Bild, sondern es spricht von der Wirklichkeit, dass gelingendes Leben nur in Beziehung geht. Diese Abstrakta beschreiben ein Beziehungsgeschehen: Friede kann es ja nur zwischen Menschen geben, Gerechtigkeit sind wir uns untereinander schuldig. Treu können wir nur einander sein und Güte bezieht sich immer auf ein Gegenüber. Gottes Reich kann zwischen uns Menschen nur entstehen, wenn wir auch mit Gott in ein Beziehungsgeschehen eintreten. Gottes Heilshandeln wird wirksam, wenn es auf Resonanz bei uns stößt. Ansonsten bleibt es als abstrakte Begriffe in der Luft hängen. Damit das Himmel­reich auf Erden kommen kann, müssen wir es empfangen.

Es sind wunderschöne Sehnsuchtsbilder, die da gezeichnet werden, vielleicht sogar etwas kitschig. Aber wenn man im Jammern feststeckt, dann tut es gut, sich einmal wegzuträumen in eine schöne, heile Welt. Wenn diese Utopie die Sehn­sucht ins uns wachhält, wenn sie uns aus dem Gejammere holt, dann ändert sie uns schon, ändert schon unser Leben und unsere Welt. Wir leben in der Hoffnung auf das Reich Gottes, in dem Treue und Güte herrschen, indem Gerechtigkeit und Friede sich küssen. Das sind nicht religiöse Spinnereien, unerreichbare Sphären, sondern Gottes Reich ist – wie wir es bei Lukas gehört haben – schon mitten unter uns, oder wie man auch übersetzen könnte, schon inwendig in uns.

Wenn Gottes Heilshandel in uns auf unsere Sehnsucht stößt, dann kann es schon ganz klein beginnen. Es beginnt, wenn uns die Hoffnung aus dem Jammern führt. Gottes Reich müssen und dürfen wir ganz passiv erwarten und gleichzeitig sollen und können wir etwas dazu beitragen, damit es schon unter uns Gestalt gewinnt. Das ist dann wiederum Übungssache. Sowie man ein Instru­ment üben muss, damit es irgendwann schön klingt, so müssen wir Friede üben und Gerechtigkeit, Treue und Güte. Immer wieder miteinander üben. Es ist Trainingssache. Oft genug mühsam. Aber wer eine große Vision vor Augen hat, ein leuchtendes Ziel, kann sich doch immer wieder dazu moti­vieren. Wenn man hört, wie schön Frieden klingen könnte, dann lohnt es sich kleine Friedens-Etüden schon mal zu probieren.

Dahin also führt uns unser Psalm: Das Gebet schenkt uns – gerade in schwierigen Zeiten – die nötige Selbstdistanz. Es lässt uns den Raum, zu jammern und zu klagen, wir können uns besinnen auf das, was uns in der Vergangenheit getragen hat und in der Stille leuchten dann hoffentlich die Hoffnungsbilder auf, die uns dazu locken, das einzuüben, was für uns und andere heilsam ist. Jemand hat einmal gesagt:„Gerechtigkeit und Frieden küssen sich nur in Psalmen, aber da küssen sie sich“. Amen.