Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Der Freund, der verriet

Der Freund, der verriet

Predigt am 13. März
Passionsreihe: Menschen an Jesu Weg
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Reminiszere, 13. März 2022

Predigt zu Matthäus 26, 47–50 und Helga Schubert, Judasfrauen, 2021

Predigttexte

Matthäus 26, 47–50 und
Helga Schubert: Judasfrauen, 2021

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Er ist wohl neben Jesus die prominenteste, die am meisten hervorstechende und bekannteste Figur der Passionsgeschichte: Judas. Fast jeder kennt seinen Namen.

Wenn ich mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden über die 12 Jünger Jesu spreche, über das letzte Abendmahl oder Jesu Leiden und Kreuzigung, dann gibt es immer einige, die von Judas wissen oder neugierig nach ihm fragen: „Es gab doch einen, der ihn verraten hat?“ Oder: „Jesus hatte doch auch einen Freund, der ihn umgebracht hat!“

Auf unserem Altarretabel, dem Leonardo da Vinci nachempfundenen Abendmahlsbild, ist er sofort zu erkennen: Judas ist derjenige, der Jesus mit gesenktem Kopf, geduckt von der Seite ansieht, der „scheel“ guckt. Mit der Hand umschließt er fest einen Lederbeutel mit Münzen – 30 Silberlinge –, die er nach dem Matthäus-Evangelium von den Hohepriestern geboten bekam, wenn er Jesus verriete.

Judas, der auch von seinem Namen her seit den Anfängen des Christentums in Verbindung gebracht wird mit „den Juden“, die Jesus umgebracht hätten. Mit den Hohepriestern und Schriftgelehrten, dem jüdischen Volk, das Jesu Kreuzigung gefordert hätte, während der römische Statthalten ihnen sogar noch einen Ausweg eröffnete – „Wen soll ich euch losgeben: Barabas oder Jesus?“ – und sprichwörtlich seine Hände in Unschuld wusch.

Judas, der geldgierige, hinterhältige, falsche Freund, gehört mit in die christliche Geschichte des Antijudaismus, in unsere spannungsreiche und schuldbeladene Geschichte mit unseren älteren Geschwistern im Glauben. In ihm verdichtet unsere Tradition, christliche Malerei, Musik und Predigt, Verrat und Mord, den gewaltsamen Tod unseres geliebten Herrn und Bruders Jesus Christus. Immer wieder fratzenhaft dargestellt, steht Judas für das Böse, das Gott und seinem Sohn in dieser Welt entgegensteht.

Die Theologie, die sozialgeschichtliche Auslegung des Neuen Testaments, hat in den letzten Jahrzehnten dabei geholfen, den Blick auf Judas zu weiten. In neueren Entwürfen wird er als einer gesehen, dem die Jesus-Bewegung nicht konkret, nicht politisch genug war. Judas könnte, wie etliche andere Menschen seiner Zeit, die sich aufständischen Gruppen anschlossen, darüber enttäuscht gewesen sein, dass es in Jerusalem nicht zur Revolte kam. Dass Jesus nicht versuchte, seine Verkündigung vom anbrechenden Reich Gottes auch in die Tat umzusetzen und politisch zu handeln. Demnach könnte Judas aus Enttäuschung oder Wut heraus Jesus verraten oder sich auf diese Weise von ihm losgesagt haben. Als einer, der sich selbst und die gemeinsamen Ideale und Ziele von seinem Freund verraten fühlte.

Die Literatur, zuletzt der Roman „Judas“ des israelischen Schriftstellers Amos Oz, hat ihrerseits mitgeholfen, ein anderes, vielschichtigeres Bild von Jesu Freund zu gewinnen.

In dem Roman bzw. den zehn Fallgeschichten, von denen wir heute die erste über Carl Goerdeler gehört haben, geht Helga Schubert bewusst Judas, „dem Verräter“ bzw. „der Verräterin“ nach. Nicht, um posthum über die Verräterinnen zu richten oder die Verratenen zu rehabilitieren, auch nicht, um sich nachträglich am Bösen des Nationalsozialismus zu gruseln. Sondern sie fragt nach der Versuchung zum Verrat, der Versuchbarkeit. Diese wird in ihren Geschichten umso deutlicher, als die vorgestellten Verräterinnen ausnahmslos Frauen sind – zum größten Teil ohne Amt und Würden, ohne beruflichen oder gesellschaftlichen Druck, der sie genötigt hätte, den Andersdenkenden, den Kritiker von Nationalsozialismus, Hitler oder Krieg, zu verraten.

Die Motive der von ihr in den Akten des Volksgerichtshofes in Ost-Berlin untersuchten Fälle, der weiblichen Verräterinnen, changieren: zwischen Überdruss am Ehemann, der verraten wird, Geltungsbedürfnis gegenüber Freundinnen, Habgier, wenn eine Belohnung ausgesetzt ist, oder auch – so wirkt es bei Helene, der Verräterin von Carl Goerdeler – einem gewissen sportlichen Ehrgeiz: Schaffe ich es, ihn zu erkennen?

Nach der Verhaftung Goerdelers sei sie in Tränen ausgebrochen und habe „bitterlich geweint“, wie sie und viele andere der Verräterinnen später vor Gericht aussagten. Die Belohnung nahm sie trotzdem an, verwandte aber nur einen Bruchteil des Geldes für sich selbst, spendete an die Stadt Königsberg und das Rote Kreuz und machte großzügige Geschenke in ihrer Familie.

Beim Lesen der Falldarstellungen, in denen Helga Schubert ja bewusst der Frage nach der Versuchung zum Verrat nachgeht, musste ich immer wieder an Hannah Arendts Begriff der „Banalität des Böses“ denken, den sie im Zusammenhang der Eichmann-Prozesse formulierte. Die Nachbarinnen, Freundinnen, Ehefrauen oder Mitarbeiterinnen, die Männer aufgrund ihrer systemkritischen Äußerungen verrieten, waren keine Teufelinnen. Weder waren sie per se männer- oder menschenfeindlich, noch besonders sadistisch, teilweise noch nicht einmal überzeugte Anhängerinnen des Nationalsozialismus. Offenbar lag die Versuchbarkeit woanders, tiefer oder sogar eher an der Oberfläche, banal und alltäglich…

Helga Schubert forschte und berichtete über die sog. Judasfrauen, um aufzuzeigen, wie die Diktatur Menschen verführen kann. Wie es dazu kommen konnte, dass es in der DDR Tausende „IM“, Inoffizielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stasi“, gab, auch wenn sie deren Gesamtzahl von etwa 200.000 Personen zur Zeit der Entstehung ihres Buches noch nicht kennen konnte. Die Wiederauflage ihres Romans 2021 setzt sie in Beziehung, will sie als ihre Antwort verstanden wissen auf die anti-demokratischen Tendenzen und politischen Gruppierungen in unserem Land jetzt. Eine offene, demokratische Gesellschaft, sagt sie, schütze Menschen mehr davor, zu Täterinnen und Tätern zu werden, weil Gerichte angerufen werden könnten und es eine freie Presse gäbe.

„Sie schützt uns alle mehr davor,“ schreibt sie. Und drückt damit implizit aus, dass nichts und niemand uns sicher davor bewahren kann, zur Verräterin, zum Täter zu werden. Dass kein Erziehungs- oder Gesellschaftsmodell das Böse verhindern kann, das uns Menschen offenbar innewohnt.

Ich würde es von daher, von unseren uns verbindenden Neigungen oder Möglichkeiten auch zum Bösen hin, als eine Weisheit und als Ausdruck der tiefen Menschenkenntnis unserer biblischen Überlieferung beschreiben, dass hier unter den Menschen an Jesu Weg neben denen, die zu ihm hielten, auch Judas dargestellt wird. Judas, der seinen Freund verriet.

Wir wissen nicht, warum. Aber die Passionsgeschichten der Evangelien und die Fallbeispiele von Helga Schubert bieten eine Vielzahl von Motiven an, beleuchten seine und unsere Versuchbarkeit aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln: Habsucht, Langeweile, Geltungsdrang, enttäuschte Liebe, Rache, sportlicher Ehrgeiz…

Vielleicht wagen wir es, „dahin zu denken, wo es weh tut“, wie Hannah Arendt es beschrieb, und uns selbst zu fragen, wo unsere Versuchbarkeit am ehesten liegt, was uns selbst am leichtesten zum Bösen verleitet – und wir merken es kaum oder finden uns überzeugende Gründe für unser Handeln.

Oft werde ich als Pastorin gefragt, wie es das Böse in der Welt geben könne, wo doch Gott alles geschaffen haben soll, den Menschen sogar zu seinem Ebenbild?

Ich glaube, Gott hat uns zur Freiheit geschaffen. Nicht perfekt, nie fertig – jedenfalls nicht in dieser Welt. Darum gehört die Auseinandersetzung mit dem Bösen, mit unseren Schattenseiten, dem menschlichen Streben nach Dominanz oder unserem Egoismus, zu uns. Sie ist notwendig für unser Denken und für unseren Glauben – gerade um der Banalität, dem Allzumenschlichen des Bösen widerstehen zu können.

In den Jüngern, in Petrus oder Maria Magdalena, und auch in Judas können wir uns und andere entdecken und verstehen lernen. Aufmerksam für die Alltäglichkeit des Bösen, auch in und durch uns. Aufmerksam auch für die Barmherzigkeit Gottes und unserer Mitmenschen, die uns davor behüten mögen, Böses zu tun. Im Glauben an Gottes Gnade und Vergebung, aus der wir leben – trotz allem.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.