Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Der Geist der Weihnacht

Der Geist der Weihnacht

Predigt zu Heiligabend
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Predigt zu Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“ und Jesaja 11, 1+2

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da war, der da ist und der da kommt!

In diesem Jahr hat sich in meiner Familie bei der Frage, welcher Weihnachtsfilm im Advent gesehen wird, die Muppet-Fraktion durchgesetzt. Die Fans der bunten expressiven Gestalten aus der Muppet Show, die auch in der Verfilmung der „Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens tragende Rollen spielen. Mit Witz, Phantasie und Satire kommt Dickens‘ Weihnachtsmärchen mit den Muppets daher und hat mich die alte Geschichte aus dem viktorianischen England noch einmal neu sehen lassen.

„Marley war tot. Damit wollen wir anfangen. Darüber gibt es nicht den geringsten Zweifel.“

So knapp und düster beginnt Dickens‘ Roman. Im Mittelpunkt steht Ebenezer Srooge, ein böser, alter, geiziger Mann, der mit Weihnachten so gar nichts zu tun haben will – nichts mit Familie oder Geschenken, nichts mit Freude oder Mitgefühl. Vor sieben Jahren ist sein Geschäftspartner und einziger Freund Jacob Marley gestorben. Seitdem lebt er noch einsamer zwischen Kontor und Wohnung, habgierig und kaltherzig gegenüber allen anderen.

An diesem Weihnachtsabend nun bekommt Scrooge Besuch von Marleys Geist. Kettenbehangen tritt der auf, und an den Ketten hängt alles, was in Marleys und Scrooges Leben wichtig war: Geldkassetten, Juwelen, Portemonnaies… Diese Ketten binden Marleys Geist an die Erde und verhindern, dass er Ruhe und Frieden findet.

Nun ermahnt er seinen alten Freund Scrooge, es ihm nicht gleichzutun, sondern sich zu ändern, solange es noch geht. Sein Herz nicht an Besitz und Bilanzen zu binden, sondern es für andere Menschen zu öffnen. Drei weitere Geister kündigt er ihm für die Heilige Nacht an, drei Weihnachtsgeister, die ihm zur Rettung helfen würden.

Der Erste, eine Mischung aus Kind und Greis, stellt sich als „Geist der vergangenen Weihnacht“ vor. Er führt Scrooge durch seine Kindheit und Jugend, lässt ihn prägende Erlebnisse, teils schöne, teils schmerzliche Szenen seines Lebens noch einmal sehen.

Ich glaube, diesen „Geist der vergangenen Weihnacht“, vielleicht auch den „Geist der Kindheit“, der einen zu Weihnachten besucht, kennen viele von uns. Wie in der Weihnachtszeit Erinnerungen an unsere Kindheit kommen, als wir mit Eltern, Großeltern und Geschwistern gefeiert haben, an anderen Orten als heute, in anderen Häusern… Welche Rituale, Lieder und Speisen dazugehörten… Worauf wir uns am meisten gefreut und was uns auch tief enttäuscht hat… Was unsere Art, Weihnachten zu feiern, geprägt hat, unsere Freude am Schenken oder Beschenktwerden, am Musizieren, Backen oder Basteln…

Der zweite Geist, der Ebenezer Scrooge besucht, ist der „Geist der diesjährigen Weihnacht“. Er nimmt ihn mit auf eine Rundreise durch London und zeigt ihm, wie andere Leute feiern: fröhlich, freigiebig und ausgelassen, obwohl es ihnen materiell oder gesundheitlich viel schlechter geht – und manchmal hilft der Weihnachtsgeist dabei auch mit ein paar Spritzern Weihnachtswasser nach.

Klug, der „Geist der diesjährigen Weihnacht“! Der den Finger auf einen empfindlichen Punkt legt: Wie feiern wir Weihnachten in diesem Jahr? Wie, wo und mit wem feiern wir das Fest, allzumal unter den Bedingungen der Pandemie? Wer ist in diesem Jahr dabei, wer ist von uns gegangen und fehlt, und wer ist in der Familie oder im Freundeskreis auch neu dazugekommen? Wonach steht uns der Sinn, und was hilft in diesem Jahr unserer Weihnachtsfreude auf die Beine?

Der letzte Geist schließlich erscheint Scrooge, ohne ein Wort zu sagen. Es ist der „Geist der zukünftigen Weihnacht“, der dem Geizkragen seine Zukunft vor Augen führt. Einsam und verbittert wird er leben, unbetrauert und schnell vergessen sterben.

Mit Freude am Gruselig-Morbiden stellt Dickens in diesem „Geist der Zukunft“ die Frage nach dem Sinn unseres Lebens, wofür wir leben wollen, was einmal von uns bleiben wird, und welche Geschichten dann von uns erzählt werden sollen.

So, wie wir zu Weihnachten und in den Tagen zwischen den Jahren manchmal ins Nachdenken darüber kommen, wohin die Lebensreise für uns geht, wer dabei an unserer Seite ist, wo wir verankert sind und welcher Kompass uns leitet.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – in Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“ treten sie als „Geister der Weihnacht“ auf, als Gestalten und Fragen, die uns gerade zu Weihnachten anwehen können.

Der Prophet Jesaja hat uns auf seine Weise die „Geister der Weihnacht“ verheißen. In den alten Worten, die wir Jahr für Jahr am Heiligabend hören, kündigt er den Erlöser an:

Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Ehrfurcht des HERRN.

(Jesaja 11, 1+2)

Gottes Geist wird mit dem Retter in die Welt einziehen, dass wir erlöst werden von den anderen Geistern, die uns bedrohen, binden oder für sich einnehmen können. Seien es die Geister der Habgier, Härte und Kälte, die Ebenezer Scrooge beherrschen. Seien es die Geister der Angst und Konkurrenz, die auch uns heimsuchen können. Seien es die Geister der Abhängigkeit, Ohnmacht oder Ablehnung, vor denen wir uns fürchten.

Gottes Kind bringt uns den „Geist der Weisheit und des Verstandes, den Geist des Rates und der Stärke, den Geist der Erkenntnis und der Ehrfurcht“. Geister, die uns beistehen mögen in unseren Blicken auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.

Vielleicht der freundliche Geist der Weisheit und des Verständnisses für das, was war. Was uns von anderen geschenkt wurde, was wir erleben durften, wofür wir uns eingesetzt haben, woran wir auch gescheitert sind oder was wir versäumt haben… Verständnis für unser eigenes So-Sein und das unserer Eltern, Kinder und Freunde und auch für das So-Sein der anderen, die uns fremd sind.

Vielleicht der Geist des Rates und der Stärke für das, was jetzt ist, in diesem Jahr. Wo wir Rat suchen und Kraft brauchen in den Konflikten, die die Pandemie noch deutlicher macht, den Spaltungen, Verteilungskämpfen und starren Abgrenzungen. Rat und Stärke in den Sorgen, die uns anfallen können, in unserer Dünnhäutigkeit und Hilflosigkeit.

Und vielleicht der kluge Geist der Erkenntnis und Ehrfurcht für das, was kommt. Für unser Leben in unseren Familien und mit nachfolgenden Generationen. Achtsamkeit für die Schöpfung, die uns anvertraut ist, für die Zukunft, die wir schon jetzt durch unser Tun und Lassen mitgestalten. Erkenntnis in die komplexen Zusammenhänge unserer Zeit. Ehrfurcht vor dem wunderbaren, zerbrechlichen Leben, das uns geschenkt ist.

Das Kind, das Neugeborene in der Krippe bringt diesen Geisthauch in die Welt. Noch ahnungslos, wie Gottes Geist in seinem Leben einmal von den Geistern der Welt bedroht werden wird. Vertrauensvoll, dass wir Menschen uns von Gottes Geisthauch berühren lassen werden, vom Geist der Weisheit, des Rates und der Ehrfurcht. Dass wir durch Gottes Geist unser Leben miteinander und unsere Berufung in der Tiefe verstehen und annehmen mögen.

„Scrooge war besser als sein Wort“, endet Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte. Und: „Gott segne einen jeden von uns.“

Ja, Gott segne uns mit seinem Geist der Weihnacht, dass wir besser oder mehr sein mögen als unsere Worte, dass wir großzügiger sein mögen als unser Herz und fröhlicher als unsere Gedanken.

Gott sende uns seinen Geist. Er erfülle uns mit seiner Liebe und tauche uns ein in seinen Frieden. Amen.