Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Der Jünger, der floh

Der Jünger, der floh

Predigt am 27. März
Pastorin

Andrea Busse

Passionsreihe: Menschen an Jesu Weg

Predigt zu Markus 14, 43-52

Predigttext:

Markus 14, 43-52

43 Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten. 44 Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab. 45 Und als er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach: Rabbi!, und küsste ihn. 46 Die aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn. 47 Einer aber von denen, die dabeistanden, zog sein Schwert und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm ein Ohr ab. 48 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich gefangen zu nehmen? 49 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden. 50 Da verließen ihn alle und flohen. 51 Und ein junger Mann folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. 52 Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt.

Predigt:

Immer wieder gibt es große Protest-Demonstrationen gegen den Krieg in der Ukraine. Hier in Hamburg, in Berlin, in anderen europäischen Städten kostet uns das nicht viel, dafür auf die Straße zu gehen. Höchstens vielleicht einen freien Nach­mittag am Wochen­ende. In Russland zahlen die Menschen einen hohen Preis, wenn sie öffentlich ihre Stimme erheben für ihren Wunsch nach Frieden. Dort kann es die Demonstrierenden ein Monats­einkommen Geldstrafe kosten oder sogar mehrere Jahre Freiheit. Immer wieder wird zu Recht darauf verwiesen, wie mutig die russischen Männer und Frauen sind, die es trotz­dem wagen, auf den Plätzen in Russland zu stehen und zu sagen, was Sache ist: nämlich Krieg. Und zu sagen, was sie wollen, nämlich, dass er aufhört. Sie stehen zu ihren Über­zeugungen unter Lebensgefahr.

Neulich las ich online einen Artikel über diese Demonstrationen in Russland auf einem Schweizer Newsportal und mitten in den Artikel war eine Umfrage geschaltet:
Würden Sie trotz drohender Gefängnisstrafe demonstrieren gehen?
Ja, ich hätte den Mut
Nein, ich würde es nicht riskieren.
Ein Ergebnis der Umfrage war leider nicht zu finden, aber ich weiß, was ich angeklickt hätte. Ich befürchte, gehöre nicht zu den Mutigen. Ich würde vermutlich denken, das kann ich meinen Kindern nicht zumuten, dass ihre Mutter hinter Gittern verschwindet. Das ist ja auch ein gutes Argument. Es gibt immer gute Argumente. Verständliche Argumente – selbst die schlichte Aussage „Ich hätte Angst!“ ist nur zu verständlich. Russische Gefängnisse sind sicher kein gemütlicher Ort. Aber diese Umfrage hat mich weiter verfolgt: Die Frage dahinter heißt ja: Können wir zu unseren Überzeugungen stehen, wenn es ungemütlich wird, gefährlich? Oder ergreifen wir dann die Flucht.

Von einem der flieht, handelt dieser Gottesdienst heute. Und dazu machen wir einen Ausflug in den Garten Gethsemane. Hier im Altarraum im Kirchenfenster ist der Garten zu sehen: Jesus betet, die Jünger schlafen – alles noch ganz friedlich. Aber nicht mehr lange. Mitten hinein ins Gebet und in den Schlaf platzen die Häscher. Die Jünger wussten, dass es gefährlich ist. Natürlich war klar, dass Jesus provoziert. Sicher wurden auch alle, die mit ihm unterwegs waren, immer wieder ange­feindet und beschimpft. Aber jetzt wird es ernst. Eine ganze Schar taucht aus der Dunkelheit auf, geht auf sie los, bis an die Zähne bewaffnet. Schwerter und Stangen. Die Hohe­priester sind dabei, die Schriftgelehrten, die Ältesten – alles mächtige Männer, von denen man sich erwischen lassen sollte. Und dann fließt auch schon Blut, einer hat den Knecht des Hohepriesters mit dem Schwert verletzt. Schreie, heilloses Chaos. Jesus haben sie sich schon geschnappt, und er macht auch keine Anstalten zu entkommen. Alle anderen fliehen. Da laufen sie also – all die guten Freunde und lassen ihn im Stich.

Ein junger Mann war damals dabei, bei dieser wilden Flucht. Einer, der Jesus nachgefolgt ist, wie lange schon, das wissen wir nicht. Nur zwei Verse gibt es über ihn in der Bibel. Und die erzählen, dass er sogar einer der Mutigeren war. Als die an­deren schon weg sind, bleibt er dabei, folgt Jesus weiter nach, geht hinter denen her, die ihn verhaftet haben und abführen. Aber dann, dann greifen die Soldaten nach ihm und dann ist es aus mit seinem Mut. Als es brenzlig wird in jener Nacht, da packt ihn doch die Angst und er rettet sein nacktes Leben. Nackt im wahrsten Sinn des Wortes. „Er ließ sein Gewand fahren und floh nackt davon“.
Wie peinlich!
Diese Flucht hat ihn völlig bloßgestellt. Alle Hüllen sind gefallen. Er hat sich für mutig gehalten und dann doch kläglich versagt. Er musste sich selbst ganz nackt sehen, der ungeschminkten Wahrheit ins Auge blicken: Er ist kein Held, kein Freund, auf den man sich 100%ig verlassen kann, kein Anhänger, der bereit ist für seine Überzeugungen bis zum Äußerten zu gehen, keiner, der sich von Autoritäten nicht einschüchtern lässt. Wenn es hart auf hart kommt, dann lässt er alle Masken fallen und zeigt sein wahres Gesicht.

Ich kann ihn gut verstehen diesen jungen Mann – ich wäre sicher auch um mein Leben gerannt. Was Jesus blüht, kann sich jeder ausrechen und Jesus selbst, hat es vorher klar benannt. Die Priester wollen ihn loswerden und die Römer fackeln nicht lange, wenn sie einen Unruhestifter in ihrem besetzten Gebiet vermuten. Jesu Anhänger wären sicher mit ihm verurteilt worden und genauso am Kreuz gelandet. Der junge Mann ist in Lebensgefahr, und er tut, was er tun muss, um seine Haut zu retten.

Ich habe mich immer gefragt, wie es für ihn weiterging. Ob diese Flucht zu seinem Fluch wurde. Hat er deswegen die Achtung vor sich verloren? Traut er sich selbst nicht mehr über den Weg. Ein Gescheiterter? Ich hoffe, er hat zurückgefunden zu den anderen Jüngern und Jüngerinnen. Sie sind ja alle geflohen. Eine Gemeinschaft der Angsthasen. Sie alle mussten ja – ob mit oder ohne Leinen­gewand – den nackten Tatsachen ins Auge sehen, dass ihre Angst größer war als ihr Vertrauen. Auch als ihr Selbstver­trauen: Sie glaubten sich ja gewarnt und gewappnet. Petrus hat noch wenige Stunden vorher groß den Mund aufgerissen. „Wenn ich auch mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen!“ so hat er es Jesus geschworen und dann doch im entscheidenden Moment versagt.

Und auf diese Versager baut Jesus später seine Kirche auf. Als Jesus sich – nach Tod und Auferstehung – seinen Jüngern wieder zeigt, da hat er sie nicht als Angsthasen beschimpft, er hat sie nicht auf ihr Scheitern festgenagelt. So wie er ihr Ver­halten vorhergesehen hat, so hat er es ihnen nachgesehen. Er hat ihnen trotzdem zugetraut, seine Botschaft in die Welt zu tragen, den Menschen von ihm zu erzählen, sie zu taufen, Gemeinden aufzubauen. Und sie haben es getan – sonst säßen wir nicht hier. Diese Truppe von davonlaufenden Angst­hasen ist in die Welt gegangen, sie sind verfolgt worden und verhaftet, manche gefoltert und getötet. Jesus hat ihnen das zugetraut, trotz dieser nächtlichen Szene in Gethsemane.

Denn wer hat denn diese Berichte weitererzählt und aufge­schrieben, wenn nicht die, die damals davonliefen und über­lebten. Dass wir davon wissen, wie Jesus verhaftet wurde, liegt an ihren Erzählungen, und in diesen Erzählungen haben sie offensichtlich ihr eigenes Verhalten nicht schöngeredet, sondern ihr Ver­sagen klar benannt. Sie haben es überliefert und weiter­erzählt, dass sie selbst alle davongelaufen sind.

Es gibt eine Legende, die besagt, dass dieser fliehende nackte Jüngling niemand anders war als der Evangelist Markus. Keine Ahnung, ob das stimmt, das lässt sich nicht mehr herausfinden und ist auch nicht so sehr wahrscheinlich. Aber die Tatsache, dass es ihm zugeschrieben wurde, heißt ja: Der – der da die frohe Botschaft aufschreibt – gibt zu, dass er Angst hatte, er zeigt sein Versagen und sein Scheitern. Er macht sich vor den Augen der Leserinnen und Leser total nackt! Obwohl die Jüngerinnen und Jünger so versagt haben, hat Jesus sie berufen und seine Geschichte in ihre Hände gelegt. Vielleicht muss man sagen: Weil sie sich so selbst nackt gesehen haben, konnte er das tun. Nur wer weiß, wie Scheitern geht, nur wer die eigenen Abgründe kennt, kann diese Aufgabe tragen.

Und so können wir von diesem jungen Mann, der beim Nachfolgen davonläuft, trotzdem lernen, wie Nachfolge geht: Nämlich sich nicht zu belügen, sich der nackten Wahrheit über sich selbst zu stellen, auch wenn das Bild, das wir dann von uns sehen so ist, dass wir am liebsten davonlaufen würden. Jeder und jede kennt ja an sich die Seiten, die wir nicht gerne anschauen. Bei solch einem „Seelenstrip“ fühlen wir uns entblößt und beschämt. Aber die Geschichte des nackten Jünglings kann uns auch Mut machen, dass wir uns un­geschönt zeigen dürfen, weil Jesus uns nicht dafür verurteilt, sondern gerade dann in seinen Dienst nimmt.

Deswegen können wir es wagen, die uns den unbequemen Fragen zu stellen, die in dieser Geschichte stecken:
Stehen wir zu unseren Überzeugungen und sind wir bereit dafür einen Preis zu zahlen?
Wovor haben wir Angst? Wovor laufen wir davon?
Was bekämen wir zu sehen, wenn wir die Hüllen fallen lassen?
An die Antworten können wir uns wagen in dem Wissen, dass über uns immer die Zusage der Taufe steht: „Du bist mein geliebtes Kind“. Amen.