Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Der leere Sonntag

Der leere Sonntag

Predigt am 29. Mai
Pastor i.R.

Josef Kirsch

Gottesdienst zum Sonntag Exaudi

Predigt zu Römer 8, 26-30

Liebe Gemeinde,

der leere Sonntag. Wir sind zwischen den Zeiten: das Himmelfahrtsfest ist der symbolische Ausdruck für die leibliche Abwesenheit Jesu Christi und die Ausgießung des Hl. Geistes geschieht für uns zu Pfingsten. Der heutige Sonntag, Exaudi, liegt dazwischen. Es geht also um eine Lücke; um eine Lücke zwischen Gott und uns. Der heutige Sonntag steht noch in der Abschiednahme Jesu und schon in der Erwartung der Ankunft des Hl. Geistes. Und jetzt lese ich den Predigttext aus dem 8. Kapitel des Römerbriefes:

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich`s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will, Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen: Die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Die Lücke, die Paulus hier anspricht, ist das Gebet. Also unser Antwortenkönnen auf Gottes Wort, unser Antwortenkönnen in Lobpreis, in Dank , aber auch in Klage oder Anklage. Mit anderen Worten es geht um unsere Lücke im Gottesdienst. Denn Gottesdienst ist ja nichts anderes, als dass Gott in seinem Wort zu uns spricht und wir ihm antworten in der Musik, im Lobpreis, im Dank, und natürlich auch Klage und Anklage. Wir wissen nicht, was wir beten sollen, schreibt Paulus. Erst einmal ist das überraschend. In jedem Gottesdienst wird natürlich gebetet. In vielen Familien wird zum Essen, zum Schlafengehen gebetet; aber in der Regel wird es dort schon zu einer Sache der Kinder. Wenn wir wie Paulus,ehrlich sind, sind wir fast immer zu schwach zum Beten. Da hilft weder positives Denken, noch mönchische Gebetspraxis. Und doch haben wir ein Bedürfnis, vor Gott zur Sprache zu bringen, was uns im letzten bewegt. Zugleich merken wir, dass der Schmerz, die Trauer, die Angst unsere Sprache blockiert. Die glatten, routinierten Gebete sind unecht und unangenehm. Paulus verweist auf einen Ausweg in dieser Lücke. Wenn uns die Worte schwerfallen, wenn sie uns fehlen angesichts der Schmerzen unseres Lebens und dieser Erde, dann sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, dass es einen Stellvertreter gibt, der wahrhaftig ist und der dennoch oft auch nur seufzen kann: der Heilige Geist. Dieser Römerbrieftext beleuchtet die dunkelsten Seiten unseres Innern, – wenn wir eine Metapher gebrauchen wollen-, die dunkelsten Seiten unseres Herzens oder unserer Seele: Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Das spiegelt nicht nur ein sprachliches Unvermögen, sondern auch ein Unvermögen unserer Innenschau. Die geheimsten Wünsche, Sehnsüchte, Träume unseres Innern sind uns meistens nicht zugänglich. Unsere Fähigkeit, in uns selbst hineinzuschauen, hineinzuhorchen, ist beschränkt. Wir brauchen einen Versprachlicher. Unser Text sagt: Gott selbst erforscht unsere Herzen, und der Hleilige Geist bringt unser Geheimstes vor Gott zur Sprache, oft nur als Seufzer. Ich merke, dass Paulus uns an eine Grenze bringt, die zu überschreiten mir sehr schwerfällt, eine Grenze des Vertrauens. Er schreibt: Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Ist dieses die Wahrheit, in der wir leben? Ist dieses die Realität, die uns umgibt, die uns trägt? Wenn es mir gut geht, wenn die Dinge so laufen, wie ich es mir vorstelle, dann ist das ja kein Problem. Aber wenn es mir schlecht geht, wenn meine Nachbarn umgebracht werden oder auf der Flucht sind vor dem Tod, wie es in der Ukraine geschieht, dann ist es doch Zynismus zu sagen, alle Dinge dienen denen zum Besten, die Gott lieben. Dann gilt doch etwas Anderes; dann gilt es doch, dem Verbrechen mit allen erlaubten Mitteln ein Ende zu bereiten. Oder gelten vielleicht zwei Dinge zugleich? Natürlich gilt es, dem Verbrechen ein Ende zu setzen. Aber daneben gilt noch ein Zweites. Es gilt, die Umgebrachten, die Verzweifelten, die Trauernden nicht aufzugeben. Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Oftmals wissen wir noch nicht einmal, was wir glauben sollen. Aber entspricht es nicht unserer tiefsten Sehnsucht, dass die Umgekommenen, die Ermordeten von Gott nicht aufgegeben sind, dass auch für sie der Heilige Geist eintritt mit unaussprechlichem Seufzen und Gott zur Vollendung führen wird, was vor unseren Augen zerbrach. Wir kommen an eine Grenze unserer Sprache. Aber genau dahin führt uns Paulus. Der Heilige Geist ist nicht der Zeitgeist. Der Zeitgeist ist positiv, beredt, er glaubt an den Fortschritt, an das Machbare aller Dinge. Er ist nicht falsch, aber bestenfalls ist er nur die halbe Seite der Wirklichkeit, die halbe Wahrheit. Der Heilige Geist ist so etwas wie die dunkle Seite des Zeitgeistes. Er gibt dem Zwiespalt Raum. Er akzeptiert die Gegensätze. Er bringt vor Gott zur Sprache, wo wir sprachlos werden. Er verheißt Leben, wo vor unseren Augen das Leben zerbricht. Er kehrt unseren Blick um. Wir sind es gewohnt, vom Leben zum Tod zu denken. Der Heilige Geist denkt vom Tod zum Leben. Das ist keine Erklärung, es ist auch kein Zynismus, es ist eine neue Dimension, die Paulus eröffnet. Der Glaube an Gott, das Gespräch mit Gott bringt uns nicht in eine andere Wirklichkeit, die geborgener, behüteter, geschützter wäre. Wie sollte das auch möglich sein, wenn Gott am Kreuz das tiefste Dunkel unserer Wirklichkeit geteilt hat? Der Glaube an Gott, das Gespräch mit ihm verändert unseren Blick auf diese Wirklichkeit und auf uns selbst. Er wird tiefgründiger, komplexer, zwiespältiger als es dem Zeitgeist recht ist. Und das finde ich einen Zugewinn, den ich unter keinen Umständen missen möchte. Es macht mir Mühe, aber im letzten glaube ich, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Spätestens hier stellt sich natürlich die Frage: Wird unser Gebet erhört? Wir sind es ja gewohnt, für Wohlergehen, Gesundheit, materielles Auskommen, Schutz, gute Noten bei Prüfungen usw. zu beten und merken in der Regel: Gott schweigt. Diese Gebet finden in der Regel keine Erfüllung. Eines aber geschieht auf jeden Fall, wenn wir beten: Wir verändern uns selbst. Wie gesagt, unser Blick auf uns, auf unseren Mitmenschen, auf unsere Welt, auf Gott verändert sich. Wenn wir unsere Brüchigkeit und Unzulänglichkeit vor Gott zur Sprache bringen, dann entdecken wir das Leiden unsere Mitmenschen, dann entdecken wir das Leiden Gottes an dieser Welt. Das Leiden gehört zu uns, weil es auch zu Gott gehört. Damit wird das Gebet nicht überflüssig, denn ohne das Gebet hätten wir diese Entdeckung, diese Erfahrung der Nähe Gottes nicht gemacht.

Der leere Sonntag. Sicherlich macht er uns auf eine Lücke bei uns aufmerksam. Aber nicht nur bei uns, sondern auch bei Gott. Denn untrennbar gehört es zu unserem Glauben hinzu, dass Gott Mensch wurde. Und deswegen können wir nicht mehr von Gott sprechen, ohne immer zugleich auch vom Menschen zu sprechen und nicht mehr vom Menschen reden, ohne immer auch zugleich von Gott zu reden, Die thematisch bestimmten Sonntage des Jahres bringen ja nicht nur ein zentrales Thema für diesen Sonntag zur Sprache, sondern exemplarisch für jeden Tag des Jahres.

Die schmerzhafte Leere dieses Sonntags trennt uns nicht von Gott, sondern verbindet uns mit ihm. Und deswegen gilt trotz allem Furchtbaren unserer Wirklichkeit der großartige hymnische Abschluss des 8. Kapitel des Römerbriefes:

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann, von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen