Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Der Mensch denkt, Gott lenkt

Der Mensch denkt, Gott lenkt

Predigt zu Neujahr
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Neujahrstag 2023

Predigt zu Sprüche 16, 1-9

Predigttext: Sprüche 16, 1-9

Der Mensch setzt sich’s wohl vor im Herzen; aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden wird. 2 Einen jeglichen dünken seine Wege rein; aber der HERR prüft die Geister. 3 Befiehl dem HERRN deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen. 4 Der HERR macht alles zu seinem Zweck, auch den Frevler für den bösen Tag. 5 Ein stolzes Herz ist dem HERRN ein Gräuel und wird gewiss nicht ungestraft bleiben. 6 Durch Güte und Treue wird Missetat gesühnt, und durch die Furcht des HERRN meidet man das Böse. 7 Wenn eines Menschen Wege dem HERRN wohlgefallen, so lässt er auch seine Feinde mit ihm Frieden machen. 8 Besser wenig mit Gerechtigkeit als viel Einkommen mit Unrecht. 9 Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Manche von Ihnen werden das sog. Holstee Manifesto kennen. Man findet es auf Plakaten in Cafés oder Hostels; ich habe es bei Freunden in der Küche entdeckt. Ursprünglich wurde das Holstee Manifesto auf Englisch verfasst:

„This is your life.
Do what you love and do it often.
If you don’t like something, change it.“

Auf Deutsch eine etwas längere Passage:

„Dies ist dein Leben.
Tue, was du liebst, und tue es oft.
Wenn du etwas nicht magst, ändere es.
Wenn du deinen Job nicht magst, kündige.
Wenn du zu wenig Zeit hast, höre auf fernzusehen.
Wenn du nach der Liebe deines Lebens suchst, höre auf;
sie wird zu dir kommen, wenn du anfängst das zu tun, was du liebst.
Höre auf, alles zu analysieren, das Leben ist einfach.
Alle Gefühle sind schön.“

Drei Freunde verfassten den Text in der Wirtschaftskrise 2009 in New York, als sie ihre schlechtbezahlten Jobs kündigten, um ihren Traum eines nachhaltigen T-Shirt-Shops zu verwirklichen. Erklärtes Ziel ihres Manifestes ist, ihre Definition von Glück festzuhalten, um auch in schwierigen Zeiten Kraft und Inspiration zu finden.

Auch wenn der Text im Zusammenhang einer beruflichen Neuorientierung entstand, reicht seine Bedeutung, seine Message weit in philosophische oder spirituelle Lebensfragen hinein. Nicht zufällig bieten die Schöpfer des Manifestos heute unter anderem Hilfe bei der Kreierung persönlicher Rituale an. Sei es ein rituelles Herbstwochenende, um den Übergang vom Sommer zum Winter zu begehen, oder ein Namensgebungsfest. Sie arbeiten in einem Bereich, von dem sie sagen, dass er „früher religiös besetzt gewesen sei“.

Wir, die wir hier heute zur 5. Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium und zum Gottesdienst zu Neujahr versammelt sind, gehören wohl zu denen, die sich auf diese „früheren religiösen Traditionen“ beziehen und zugleich auch auf die eine oder andere Weise aufgeschlossen sind für außer-christliche Lehren, Gedanken oder Impulse.

Wie auch immer wir uns lebensweisheitlich orientieren, woran wir uns bei unserer eigenen Lebensführung intellektuell oder spirituell orientieren, die meisten unter uns erwarten wohl, dass die christliche Tradition und die biblischen Texte uns auch heute und für das neue Jahr etwas zu sagen haben. Dass sie die Muttersprache unserer Kultur darstellen, dass sie ethische Orientierung bieten, dass wir uns dieser Tradition verbunden fühlen, gute Erfahrungen mit ihr gemacht haben oder neugierig auf sie sind.

Der Bibeltext für den Neujahrstag ist ein Abschnitt aus dem alttestamentlichen Buch der Sprüche. Eine Sammlung von Sprichworten aus dem 4. und 3. Jahrhundert vor Christus, zusammengestellt im höfischen, gelehrten Kontext, um die damaligen Lebenseinsichten festzuhalten – selbstverständlich im Gegenüber zu Gott.

Ich lese den Anfang:

„Der Mensch nimmt sich‘s wohl vor im Herzen;
aber vom HERRN kommt, was die Zunge reden wird.
Einen jeglichen dünken seine Wege rein;
aber der HERR prüft die Geister.
Befiehl dem HERRN deine Werke,
so wird dein Vorhaben gelingen.“ (V. 1-3)

So beginnt die Passage aus dem Buch der Sprüche. Und dieses Hin-und-Her, das Wechselspiel zwischen Mensch und Gott ist sicher der markanteste Unterschied zwischen allen früheren religiösen Texten und heutiger quasi-religiöser Weisheitsliteratur, die eben ohne den Bezug zu Gott, ohne das Gegenüber von Gott und Mensch auskommt.

Während die Botschaften des Holstee Manifesto klare Handlungsaufforderungen darstellen, geprägt von einem großen Vertrauen in die Möglichkeiten des Individuums und zugleich mit einem relativ engen Blick auf ein freiheitlich westliches Individuum, denken die biblischen Weisheiten den Menschen immer in Beziehung zu Gott.

Dadurch entsteht ein Raum, ein Zwischenraum, der implizit mitgedacht, mitgeglaubt wird. Ein Raum, in dem gedacht, gefragt, geklagt und gedankt werden kann. Ein Raum, in dem ich vor und mit Gott über mein, unser Leben nachdenken kann. Gedanken oder Gefühle vor Gott hin und her wenden, auch verwerfen und vergessen kann. Wo auch Unfertiges, Unklares und Widersprüchliches Platz hat, wo es viel mehr gibt als Schwarz oder Weiß, Ja oder Nein, Top oder Flop.

Der Predigttext heute, die biblische Spruchweisheit zu Neujahr, setzt sich eigentlich aus neun einzelnen Sprichworten zusammen. Am bekanntesten ist der Schluss, der auch für uns sprichwörtlich geworden ist:

„Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg;
aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ (V. 9)

Kurz: „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“

Die Erfahrung, dass wir uns wohl manches vornehmen und ausdenken, Pläne machen fürs nächste und übernächste Jahr, Entscheidungen treffen – dies aber alles gar nicht immer so aufgeht. Gerade in der Corona-Krise haben wir das erlebt. Obwohl wir gute Absichten und viele Wünsche haben, Vieles im Vorwege abwägen, nehmen die Dinge oft nicht die Gestalt an, die wir dachten.

„Erzähl Gott deine Pläne, Gott lacht“, ist ein Wort, das mir oft in den Sinn kommt, wenn ich im Kreis gelaufen bin, meiner eigenen Kurzsichtigkeit oder Wirkungslosigkeit überführt wurde. Das Gute dabei ist, dass der, der da lacht, an meiner Seite ist, immerhin so nah, dass ich meine, ihn liebevoll über mich lachen zu hören. So, dass ich mich ärgern und streiten – oder mitlachen kann. Ich bin jedenfalls in den Unwägbarkeiten des Lebens nicht allein und habe nicht alles mir selbst und meinem Vermögen bzw. Versagen zuzuschreiben.

Im Gegenüber und in der Differenz zu Gott gibt es einen Raum, in dem Ärger, Enttäuschungen oder Ratlosigkeit verhandelt werden können. Auch unser Stolz, unser Glück und unsere Hoffnungen finden dort Platz. Es liegt nicht alles bei uns allein. Es muss auch nicht alles in uns bleiben oder aus uns selbst kommen.

Als ich die biblischen Sprichworte im Blick auf das neue Jahr gelesen habe, bin ich an zwei Sätzen hängengeblieben, die mir für uns und unsere Zeit wichtig erscheinen. Der eine Vers heißt:

„Besser wenig mit Gerechtigkeit,
als viel Einkommen mit Unrecht.“ (V. 8)

Möge uns immer mehr bewusst werden, wie ungleich verteilt die Güter auf der Erde sind. Nicht nur die Energie, sondern auch Geld, Nahrungsmittel oder sauberes Wasser. „Besser weniger mit Gerechtigkeit, als mehr mit Unrecht.“ Das ist ein Satz für unseren kleinen Alltag, wie für die große Politik. Ein Satz, den wir uns wachrufen können, wenn wir uns fragen: Wie kann es weitergehen? Was kann ich tun? Wie sollte die Zukunft gestaltet werden?

Das zweite Sprichwort, das mich anspricht und mir Mut macht für das neue Jahr, heißt:

„Durch Güte und Treue wird Missetat gesühnt.“ (V. 6a)

In diesen Zeiten, in denen uns vieles unklar ist und wir die Krisen und Kriege, die Missetaten und Versäumnisse viel leichter erkennen als die erfolgversprechenden Wege zu Versöhnung, Heilung und in die Zukunft, kann man sich an „Güte und Treue“ leicht orientieren.

An „Güte“, die dem, der anderen Gutes will, weitherzig und freigiebig ist. Die unsere guten Seiten hervorlockt und leuchten lässt. Und an „Treue“, die uns davor bewahrt, andere Menschen, unsere Politik oder gar die ganze Zukunft aufzugeben, sondern „treu“ zu bleiben, standhaft und mitverantwortlich für unsere Welt. Dass „Güte und Treue“ nach biblischer Erfahrung auch Missetaten, unsere Fehler und Vergehen sühnen und Neuanfänge möglich machen, kann uns Hoffnung schenken.

Am wichtigsten wohl, dass wir auf unseren Wegen im neuen Jahr den Zwischenraum nutzen. Den Raum zum Gespräch, zum Denken und Träumen zwischen Gott und uns, unseren und Gottes Gedanken. Dieser Freiraum möge uns helfen, lebensklug zu werden, gelassen und gütig, treu und tatkräftig.

Lasst uns also ins neue Jahr gehen in der Hoffnung auf Gerechtigkeit, Güte und Treue. Oder so, wie wir es heute als Choral gehört haben:

„Dein Glanz all Finsternis verzehrt,
Die trübe Nacht in Licht verkehrt.
Leit uns auf deinen Wegen,
Dass dein Gesicht
Und herrlichs Licht
Wir ewig schauen mögen!“

Amen.