Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Der Morgenstern

Der Morgenstern

Predigt am 31. Januar 2021
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Letzter Sonntag nach Epiphanias

Predigt zu 2. Petrus 1,16–19

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Vielleicht kennt ihr, vielleicht kennen Sie das? Einer hält sich eine Maske vor, aus Pappe oder Kunststoff, und spricht mit verstellter Stimme, und für einen Moment ist sie oder er die Fee, der Clown oder Seeräuber, der sie oder er vorgibt zu sein.

Etwas Ähnliches tut der Autor des 2. Petrusbriefes, aus dem unser Predigttext heute stammt. Er stellt sich im ersten Satz seines Briefes vor mit den Worten:

Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, an alle, die mit uns denselben kostbaren Glauben empfangen haben.

(2. Petrus 1,1)

Es ist ziemlich sicher, dass der 2. Petrusbrief wie auch der 1. Petrusbrief nicht vom Apostel Petrus verfasst wurden, dem Jünger Simon Petrus. Aber der Briefschreiber setzt sich sozusagen dessen Maske auf. Wahrscheinlich stehen hinter dem 1. und dem 2. Petrusbrief sogar zwei verschiedene Verfasser, und der Schreiber des zweiten Briefes hat auch die Identität des ersten Briefautors annektiert.

Ein Spiel mit Identitäten, aber auch ein Spiel mit Traditionen, Bildern und Botschaften, die auf eine bestimmte Weise weitergegeben werden sollen. Literaturwissenschaftlich gesprochen geht es um „Pseudepigraphie“ – jemand schreibt unter dem Namen eines anderen.

Und das ist dann wiederum nicht zufällig oder hat bloß etwas mit Spielerei oder Fantasie zu tun; dahinter stehen bestimmte Überzeugungen, Vorstellungen und Absichten.

Warum bedient sich eine oder einer des Namens eines anderen und dem Medium des Briefes? Wann und wem und was will er oder sie so mitteilen?

Dem Verfasser unseres Briefes und Predigttextes ist wichtig zu sagen:

Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt,

wir haben uns nicht auf Ammenmärchen verlassen, als wir zu euch von Jesus Christus gesprochen haben. Der Kern unseres, meines christlichen Glaubens besteht nicht in Epen oder Mythen, nicht in ausgefeilten Theorien.

Sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen.

(2. Petrus 1, 16)

Und dann erzählt er von der Verklärung Jesu, bei der nach der Schilderung des Matthäus-Evangeliums, das er offensichtlich kannte, die Jünger Petrus, Johannes und Jakobus dabei waren. Er beruft sich auf eine Begebenheit, die vermutlich zwei bis drei Generationen vor ihm passiert ist – und die für ihn doch keine Fabel, kein Märchen ist, sondern lebendiger Kern seines Glaubens und seiner Identität als Apostel und Christ.

Beim Nachbuchstabieren des Predigttextes und seiner Entstehung musste ich an manche Geschichten denken, die ich im Laufe meines Lebens gehört habe. Ich denke zum Beispiel an die Geschichten und Bilder aus den 60er Jahren, von den Protesten gegen die Rassentrennung in den USA, von John F. Kennedy und Martin Luther King, vom Woodstock Festival… Geschichten, Bilder und Reden, die sich mit meinem Leben verwoben haben, obwohl ich sie nicht selbst erlebt habe. Aber ich weiß oder ahne doch, dass dieser Geist des Aufbruchs, der Proteste gegen Ungleichheit, gegen den Vietnam-Krieg, gegen Polizeigewalt mich geprägt und meine Glaubenssätze mitbestimmt haben.

So, wie manche unter uns geprägt sind von den Geschichten aus der bäuerlichen Vergangenheit ihrer Familie, dem Leben mit mehreren Generationen auf einem Hof, der Verbundenheit mit dem Land, dem Wetter, den Tieren. Oder wie andere geprägt sind von den Kriegs- und Fluchterfahrungen ihrer Eltern und Großeltern, von der Sehnsucht nach der alten Heimat und den vielfältigen Ängsten und Verletzungen der Kriegskinder. Und wieder andere leben mit den Idealbildern der goldenen Zeiten ihrer Familie – oder auch der Firma oder der Stadt –, die ihnen weitergegeben wurden.

Offenbar müssen wir nicht alles selbst erleben, was wir glauben oder was uns ausmacht. Es gibt Erlebnisse, die uns von anderen so eindrücklich nahegebracht werden, dass sie zum Teil unserer eigenen Geschichte und Persönlichkeit werden. Durch mündliche Erzählungen, Fotos, Filme, Tonaufnahmen, Bücher oder Briefe…

Aber wie ist es beim Glauben? Gibt es für euch, gibt es für Sie Glaubensgeschichten im engeren Sinne – denn die anderen Geschichten machen unseren Glauben, unsere Überzeugungen und Einstellungen ja auch aus! – die für Sie und euch prägend und bestimmend sind?

Für unseren Briefschreiber scheint die Verklärungsgeschichte so eine grundlegende Glaubensgeschichte gewesen zu sein. Die ihm mitgeteilte Begebenheit, dass Jesus mit seinen engsten Freunden auf einen hohen Berg ging und sich dort an ihm eine Verwandlung ereignete, eine Erleuchtung oder Verklärung, sodass sein Gesicht und seine Kleider so hell leuchteten wie Sonne und Sterne.

Ein Moment, in dem sich Menschliches und Göttliches, Himmel und Erde, Vergangenheit und Gegenwart berührten, denn Mose und der Prophet Elia waren plötzlich auch da, und dann war Gottes Stimme zu hören mit Jesu Taufzuspruch:

Das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!

(Matthäus 17,5)

So wunderbar war diese Erfahrung, dass Petrus am liebsten für immer auf diesem Berg geblieben und dort Hütten gebaut hätte!

Für den Autor, der sich als Petrus ausgibt, scheint das eine Grundgeschichte seines Glaubens zu sein, so etwas wie ein Ankersatz. Dieses Bild des strahlenden Jesus, der trotz seines Leidens und qualvollen Sterbens doch ganz offensichtlich Gottes Sohn war, erfüllt von Gottes Licht und Herrlichkeit. Die Verklärung Jesu, seine sichtbare Verbindung zu Gott, mag ihn und die verfolgten christlichen Gemeinden seiner Zeit getröstet und gestärkt haben.

Gibt es solche Grundgeschichten des Glaubens für uns? Gibt es Geschichten von Jesus oder den Aposteln und ersten Christen oder auch von Heiligen und Vorbildern, die für uns solche Bedeutung und Strahlkraft haben?

Die wir so gut kennen oder verinnerlicht haben, dass wir sie wie eine eigene Erinnerung in uns aufrufen und anderen so lebhaft davon erzählen können, als ob wir – oder auch weil wir – am liebsten wirklich dabei gewesen wären?

Für manche, die mit Kinderbibeln oder biblischen Geschichten aufgewachsen sind, mag das vielleicht die Erzählung von Zachäus hoch oben im Baum sein, der mit den Beinen baumelt und Jesus von Weitem kommen sieht. Oder die Speisung der 5.000, das Gefühl, Teil einer großen, fröhlichen Gemeinschaft und eines einzigartigen Happenings zu sein. Oder auch der wunderbare Fischzug, zusammen mit Jesus und den anderen Jüngern in Fischerbooten auf dem See Genezareth, und die Netze reißen fast.

Für andere, die mit auf den Pilgerreisen in Italien waren, ist es vielleicht die Gottesnähe in der Stille und Einsamkeit, die Franz von Assisi in den Berghöhlen suchte, oder die freiwillige Besitzlosigkeit und Armut von Klara und Franz von Assisi. Oder auch die Nächstenliebe und Hingabe eines Albert Schweitzer oder Nelson Mandela.

Ihr tut gut daran, schreibt Pseudo-Petrus, dass ihr darauf – auf solche Geschichten – achtet wie auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht.

(2. Petrus 1,19)

Glaubensgeschichten, die Grundgeschichten unseres Glaubens, wie Lichter in uns. Noch verborgen, kleine Flammen in uns, die sich gerade an dunklen Orten oder in düsteren Zeiten bewähren müssen, deren Licht wir vielleicht in Finsternis und Bedrängnis auch umso deutlicher wahrnehmen. Und die wir gerufen sind weiterzugeben. Wenn wir uns in die jüdisch-christliche Tradition des Erzählens stellen, in der das Wort, die Geschichten, Figuren und Bilder so wichtig sind, dass wir sie nicht unbedingt selbst erlebt haben müssen, um von ihnen und mit ihnen leben zu können und sie anderen weiterzuerzählen.

Geschichten, wie Lichter, die einmal münden werden in das Licht des Morgensterns Jesus Christus. Wenn Christus in uns leben wird und wir in ihm, eins im Licht Gottes.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.