Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Die Entwertung des Mammon

Die Entwertung des Mammon

In der Gottesdienstreihe: Denken & Beten
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 25. September

Impuls von Dr. Stefan Atze:

„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ – haben wir in der Lesung gehört. Spätestens seit Martin Luther lesen wir das als Aufforderung, Gott mehr zu lieben als das Geld, als Aufforderung, unser Herz an die richtige Sache zu hängen: an Gott statt den Abgott „Geld“. Für die meisten von uns ist das für gewöhnlich nicht schwer. Ablenkung von Gott durch den Blick aufs Geld ist bei sicherem Einkommen, stabilen Renten und gut angelegtem Ersparten kaum ein Thema. Bei einer aktuellen Teuerungsrate von 8%, bei Nahrungsmitteln die fast 1/5 verteuert sind, bei Energiepreisen, die schon jetzt mehr als 1/3 erhöht sind verschiebt sich unser Blick.

Die Entwertung des Mammons hat begonnen, aber anders als von Jesus gefordert und von Luther weiterdgedacht. Nicht wir schreiben dem Geld weniger Wert zu, es wird selbst schlicht einfach weniger wert.

Was macht den Wert von Geld aus? Was ist Geld überhaupt? Wenn man genau hinschaut, wird die Verwechslungsgefahr zwischen Geld und Gott erschreckend hoch. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die Sache erst einmal einfach: Geld ist, was es tut: es ist Tausch- und Zahlungsmittel, Recheneinheit und Wertspeicher. Doch aus christlicher Sicht und unter der Frage „Geld oder Gott?“, lässt sich Geld auch theologisch beschreiben.

Geld ist allgegenwärtig, es durchdringt alle Lebensbereiche, was hat da nicht alles einen Geldwert: von der Kilowattstunde Heiz-Energie über das ausgestoßene CO2 bis zu einem Menschenleben in der Lebensversicherung. Nicht von ungefähr warnt Jesus vor dem Mammon, denn die Gefahr der Verwechslung von Geld und Gott liegt auf der Hand. Geld spielt überall eine Rolle und ist allgegenwärtig. Aber Allgegenwart ist doch eigentlich Kennzeichen und Wesensmerkmal Gottes.

„Geld ist geprägte Freiheit“, erkannte schon Dostojewski. Geld bedeutet die Freiheit, sich fast alles zu kaufen, sich frei zu bewegen und sich frei zwischen verschiedenen Möglichkeiten entscheiden zu können. Geld als Grund der Freiheit? Aber Christinnen und Christen glauben, dass nur Gott wahre Freiheit schenkt.

Geld wird heute – von den Zentralbanken – als Papier- und Münzgeld wie aus dem Nichts geschaffen und hat sogleich einen Wert. Geschaffen aus dem Nichts, klingt wie aus dem biblischen Schöpfungsbericht. Geld und Gott – zum Verwechseln ähnlich.

Und genau da geht es weiter: Fiat lux! – es werde Licht –, so beginnt der erste Tag in der Schöpfungsgeschichte. Genauso gibt es Fiat-Geld. Während früher das Geld unmittelbar durch einen realen Wert wie durch Gold gedeckt war, ist der Euro letztlich eine Glaubenssache. Heutigen Währungen sind künstlich erschaffen und durch keinen konkreten Wert gedeckt, was sich in der Finanzwelt eben Fiat-Geld nennt.

Fiat lux – fiat pecunia – es werde Geld. Natürlich haben wir ein berechtigtes Vertrauen in den Staat und die Zentralbanken, aber dennoch bleibt das Vertrauen in unser Geld Glaubenssache, wenn es selbst keinen Wert besitzt.

Und dieser Wert, den das Geld in unserem Alltag hat, schwindet gerade. Die Folgen spüren wir alle. Teuerung überall. Die Ursachen sind vielschichtig. Eine fragliche Energiepolitik, die in die einseitige Abhängigkeit geführt hat, Lieferprobleme bei vielen Waren, weil nach der Pandemie die globalen Lieferketten nicht wieder funktionieren.

Die Folgen sind für uns alle spürbar. Preise steigen, Mangel überall. Drohender wirtschaftlicher Abschwung, weil Unternehmen nicht wie gewohnt produzieren und arbeiten können. Sorge vor Wohlstandsverlust. Wenn der Blick ins Portemonnaie und auf die Heizkostenabrechnung uns Sorgenfalten auf der Stirn macht, ist es schwer, den Mammon Geld aus dem Sinn zu bekommen. Zu sagen, Geld zählt nicht, nur der ungetrübte Blick auf Gott und das Evangelium, fällt schwer, wenn wir uns um den nächsten Tag sorgen.

Geldentwertung – ist doch eigentlich gut, wenn der Mammon entmachtet wird, wenn Geld nicht all unser Denken und Handeln bestimmt. Aber Geldentwertung als Inflation trifft uns dann doch, ganz anders, ganz persönlich. In der Predigt wollen wir schauen, wie wir auch Gott und Geld trennen können, und was auch heute Hoffnung gibt. Im Anschluss hören wir jemanden, der Hoffnung schenkt, Frank von der Tafel.

 

Kurzpredigt von Pastorin Andrea Busse:

Über die Entwertung des Geldes, also über Inflation, wird gerade viel gesprochen. Hier und heute sprechen wir von der Entwertung des „Mammon“. Das meint im Endeffekt dasselbe, aber es wird anders gewertet. Denn bei dem Wort Mammon schwingt immer mit, dass Geld ja sowieso irgendwie ein bisschen anrüchig sei. Dieser alte Ausdruck „Mammon“ stammt aus dem Aramä­ischen. Uns wurde er überliefert durch einen Ausspruch Jesu, dessen Muttersprache ja Aramäisch war, nämlich: „Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Und in diesem Kontext beinhaltet Mammon als Bezeichnung für Geld eben eine nega­tive Konnotation. Gott und Geld treten in Konkurrenz: Wer sich also Sorgen macht, dass das Geld an Wert verliert, der hängt sein Herz nicht an den richtigen Wert, den, der stabil ist und bleibt – nämlich Gott. So einfach könnte man die Rechnung aufmachen. Dieser Kurz­schluss mag nahe liegen, aber es ist eben ein Kurzschluss. Angesichts der Geldsorgen von Menschen ist er fast zynisch. Und auch die Bibel behandelt das Thema Geld ja durchaus viel­schichtiger als es dieser so prägnante und deswegen auch bekannte Ausspruch suggeriert.

Wenn wir über die Ent-wertung des Mammon nachdenken, dann geht es natürlich nicht nur um Geld, sondern auch um Wert oder besser um Werte. Darüber lässt sich besonders gut philo­sophieren, wenn man satt ist und warm sitzt. Aber weil ich mal davon ausgehe, dass wir hier heute morgen hier alle satt sind und einigermaßen warm sitzen, können wir uns das viel­leicht mal leisten. Ich vermute (und hoffe), dass für uns alle „eat or heat“ nicht zutrifft. Wohl aber, dass wir mehr zahlen, wenn wir bei EDEKA an der Kasse stehen und vielleicht die Heiz­kosten­pauschale vorsichtshalber hoch­setzen. Die meisten von uns hier haben – ich sage wieder: vermutlich und hoffent­lich – keine richtigen Verarmungs­ängste. Möglicherweise aber durch­aus Geldsorgen. Denn ab wann man sich – auch als im globalen Vergleich reich geltender Mensch – Sorgen macht, das ist subjektiv. Sorgen werden nicht weniger, wenn man darauf verweist, dass andere größere Sorgen haben oder eine größere Berechtigung haben, sich Sorgen machen zu dürfen.

Was also sind – bei allen Sorgen um das weniger wert werdenden Geld – unsere Werte? Wenn ein Pfeiler unseres Lebens und unseres Alltags weniger wert wird, wie im Moment das Geld, was erfährt dann im Gegenzug eine Auf­wertung? Was wird in die Waagschale geworfen, wenn sich die Ge­wichtungen verändern, ohne, dass wir es beeinflussen können? Da sind wir bei der grundlegenden und immer auch religiösen Frage: Was ist wichtig und wesentlich?

Wenn ich versuche in den Stadtteil zu lauschen, dann nehme ich zum einen schon auch eine große Dank­barkeit wahr bei Menschen, denen bewusst ist, wie gut es ihnen noch immer geht und weiterhin gehen wird. Und zum anderen die ehrliche Sorge um Menschen, bei denen das nicht so ist. Keine Ahnung, wie repräsentativ meine Wahrnehmung ist, ob das nur die Seite ist, die man der Pastorin zeigt, oder ob mein Wunschdenken da auch mitschwingt. Aber wenn nicht allein die Sorge, sondern auch die Für-Sorge zunehmen würde, wäre das ein gutes Zeichen.

Unsere Überschrift „Die Entwertung des Mammon“ kann man ja zweifach verstehen. Zum einen, dass das Geld an Wert verliert, darauf haben wir, die wir hier sitzen wenig Einfluss. Zum anderen könnte man dieses Motto aber auch so deuten, dass man die Wertigkeit des Geldes ganz bewusst durch anderes, dem man einen höheren Stellenwert zuschreibt, entwertet – das können Menschen aktiv und bewusst tun. Und wieder: Das können vor allem natürlich die tun, die genug Geld haben.

Die alleinerziehende Mutter, die zur Tafel kommt, und dort weniger mitnehmen kann als früher, weil mehr Menschen dort versorgt werden müssen und weniger gespendet wird, die ist vollauf damit beschäftigt, den Pegel auf ihrem Konto zu beobachten. Was für sie zählt, ist, wie viel sie für das Geld, das sie besitzt, für sich und ihre Kinder kaufen kann. Ihr zu sagen, sie solle dem Geld nicht so einen großen Stellenwert in ihrem Alltag zumessen, ist nicht besonders realitätsnah und auch nicht einfühlsam. Je mehr das Geld fehlt, das ist die Erfahrung, desto größeren Raum nimmt es – verständlicherweise – ein in den Überle­gungen des Alltags. Deswegen noch einmal: die Umwertung der Werte muss man sich leisten können. Aber wer es sich leisten kann – und ich zähle mich dazu – für den und die ist es wichtig, sich bewusst mit dem Wert zu beschäftigen, den man Geld in seinem Leben zumisst. Denn die Logik, die ich gerade aufge­macht habe, funktioniert leider nicht automatisch umge­kehrt. Wer viel Geld hat, für den spielt es nicht automatisch eine geringere Rolle.

Wenn das Geld weniger wird, wenn die, die sowieso nicht genug haben, noch weniger haben, sind sie um so mehr darauf angewiesen, dass die, die noch genug haben, bereiter werden von dem, was auch für sie weniger wird, abzugeben. Werte wie Fürsorge, die sich auch in Geldspenden ausdrückt, wie Solida­rität, die sich in Umverteilung verwirklicht, werden kostbar. Und der Appell, der mitschwingt wird drängender. Der Appell, frei­giebiger zu werden, Werte wie soziale Gerechtigkeit spürbarer umzusetzen. Etwas mehr Verzicht zu üben, um anderen zu helfen. Die Aufforderung, über sich und die eigene Familie hinauszublicken und die in den Blick zu nehmen, die nicht in die eigene Blase gehören.

Es gehört sicher in die politische Debatte, inwieweit solche Forderungen angemessen sind und wie sie – möglichst gerecht und wirksam – umgesetzt werden könnten. Ich finde, es gehört auch in die kirchliche Debatte. Und ich bin überzeugt, dass wir als Kirche noch einen anderen Aspekt in beisteuern können. Eben weil es um Werte geht. Je mehr andere Werte in unserem Leben zählen, desto besser können wir mit der Ent-wertung des Geldes umgehen. Je weniger Geld das ist, was uns im Leben letzendlich Sicherheit gibt, was uns versorgt, trägt und hält, desto freier sind wir im Umgang mit Geld – sei es, dass wir bei knapper Kasse trotz­dem zuversichtlich bleiben können, sei es, dass wir uns bei vollem Portemonnaie freigiebig zeigen. Die Alternative „Gott oder dem Mammon dienen“ kann man auch weniger fordernd und eher entlastend formulieren im Sinne von: Sich auf Gott oder Geld verlassen. Gott oder Geld vertrauen.

Der wesentliche Unterschied zwischen Gott und Mammon, hat Luther einmal gesagt ist, dass der Besitz von Geld fröhlich mache und die Abwesenheit zu Verzweiflung führt, während Gott auch in der Not das Hoffnungsziel des Glaubens ist. Vertrauen kann man nicht fordern. Genau so wenig, wie man Sorgen verbieten kann. Der wunderbare Anti-Sorgen-Text aus dem Matthäusevanglium, den wir vorhin gehört haben, lässt sich deswegen nie als Forderung predigen, im Sinne von: Hab doch Gottvertrauen, egal wie es auf deinem Konto aussieht. Das hilft niemandem. Aber der Text kann trotzdem zu uns sprechen, kann uns immer wieder trösten und zuversichtlich stimmen. Und ich sehe es als Geschenk, wenn ich dieses Gottvertrauen – das ich nicht von anderen einfordern darf – selbst empfinden kann.

Das Schöne an dem Wort „Sorgen“ im Deutschen ist ja, dass es diese zweifache Bedeutung hat. Wenn ich es mal auf Englisch ausdrücke, steckt ja nicht nur „to worry“ darin – also das ängstliche Grübeln – sondern auch „to care“ – sich um andere sorgen, sie versorgen, sich um sie kümmern. Die Für-sorge also. Je freier ich von meinen Sorgen bin, weil ich mich versorgt weiß, desto besser kann ich für andere sorgen. Und das Sich-versorgt-Wissen, das mag unterschiedliche Quellen haben. Ich kann mich versorgt wissen, weil ich finanziell abgesichert bin, und / oder weil ich mich Gottes Fürsorge anvertrauen kann.

Wenn wir als Christen und Christinnen uns gut versorgt wissen und deswegen zu „fröhlichen Gebern“ werden, zu Menschen, die für andere da sein und für andere Geld spenden können aus der inneren Einstellung heraus: „Ich bin so frei!“, dann leisten wir einen wichtigen gesellschaftspolitischen Beitrag. Was ich Ihnen und uns also wünsche, ist, dass wir bei aller Sorge um das Geld – der ich nicht die Berechtigung absprechen möchte und die ich auch kenne – immer wieder darauf vertrauen können, dass wir versorgt sind. Amen.