Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Die Frau, die salbte

Die Frau, die salbte

Predigt am 20. März
Pastorin

Andrea Busse

Passionsreihe: Menschen an Jesu Weg

Predigt zu Markus 14, 3-9

Predigttext:

Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unver­fälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen unter­einander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. (Mk 14, 3-9)

Predigt:

Liebe Gemeinde,
was gerade in diesem Moment hier und heute passiert, das hat Jesus selbst vor gut 2000 Jahren vorausgesagt. „Wahrlich ich sage euch“ – so sprach er damals – „wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächt­nis, was sie getan hat“. Heute und hier wird das Evangelium ge­predigt und Sie haben gerade gehört, was sie getan hat, nämlich: Sie platzt in eine Gesellschaft aus Männern. Uneingeladen tritt sie an den Tisch. Ich stelle mir vor, wie die Gespräche verstummen, als die Frau hereinkommt. Kennt man sie? Wer ist das? Was will die? Das alles spielt keine Rolle. Sie weiß, was sie tun will, und sie tut es sofort: Sie geht auf Jesus zu und zerbricht den Hals des kleinen Glasgefäßes, das sie bei sich hat. Der Duft breitet sich im Raum aus und sofort wissen alle: Das ist etwas ganz Besonderes: echtes Nardenöl. Aus dem Himalaya muss es importiert werden. Unglaublich teuer, wird deswegen nur in kleinsten Mengen verwendet. Aber die Frau gießt Jesus das ganze Öl auf einmal auf den Kopf, alles, was im Fläschchen ist. Mit zärtlichen Bewegungen salbt sie ihn.

Das also hat sie getan: Sie hat mal eben 300 Silbergroschen verschenkt, das ist ein volles Jahresein­kommen. Rechnen Sie mal nach: Wie hoch ist Ihr Jahreseinkommen? Oder wie viel Rente kriegen Sie im Jahr? Oder einfach, was brauchen Sie im Jahr, um davon zu leben? Haben Sie eine Summe im Kopf? In Deutschland ist das durchschnittliche Jahreseinkommen ungefähr bei 48.000 €.
48.000 €! Verschenkt, in einer einzigen Minute, vielleicht zwei. Aufgelöst in einen schönen Duft, verwendet für eine zärtliche Geste. Nicht verwendet, verschwendet sagen die Männer. Und sie machen ihre Rechnung auf: Was hätte man mit 300 Silbergroschen, was hätte man mit 48.000 € tun können? Den Bedürftigen helfen. Und zwar gründlich.

Mit diesem Betrag könnte man z.B. über Caritas 2400 Familien in der Ukraine ein Lebensmittelpaket, Waschmittel und eine warme Mahlzeit zukommen lassen. Oder mit dieser Summe könnte die Organisation Oxfam mehr als 30 Familien im Jemen (und man rechnet eine Familie dort mit 6 Personen), also mehr als 30 Familien ein Jahr lang mit Nahrungs­mitteln versorgen. Ich muss dazu sagen: Im Jemen stirbt alle 10 Minuten ein Kind an den Folgen des Hungers. Mit diesem Betrag könnte man auch über Plan International neun Paten­kinder irgendwo in der Welt 15 Jahre lang unterstützen: Sie bekommen dann einen Schulabschluss, eine Ausbildung und können sich und ihre Familie danach selbst versorgen. Nachhaltige Hilfe für ein gelingendes Leben. Wie viele winterfeste Zelte für Flüchtlinge man dafür wohl kaufen könnte? Oder Wie vielen Kindern, die hier in Hamburg in sozial schwachen Familien leben, bessere Chancen verschaffen? Was könnte man nicht alles tun mit 300 Silbergroschen!

Und was hat sie getan??
Ich kann verstehen, dass die Männer fassungslos sind, dass sie rechnen. Ist es das wert? „Ja, ist es“, sagt Jesus. „Lasst sie. Urteilt nicht. Das hat sie nämlich getan: Ein gutes Werk an mir, zur rechten Zeit. Meinen Leib hat sie gesalbt für das Begräbnis.“Gewichtige Worte Jesu machen aus ihrer Tat einen symbolischen Akt.

Das hat sie getan: Eine entscheidende Rolle gespielt in der Passions­ge­schichte. Und das tut sie noch heute – so wie Jesus es prophezeit hat. Ob in den Oberammergauer Passionsspielen oder in der Matthäuspassion von Bach – immer kommt sie vor: diese namenlose Frau und ihre Tat.
Das nämlich hat sie getan: Sie hat in dieser furchtbaren Geschichte vom Leiden Jesu, in dieser Erzählung von Neid und Hass, von Enttäuschung und Angst, von Verleugnung und Verrat – darin hat sie einen Moment des Inne­haltens geschaffen. Eine wohlriechende Oase der Zuwendung und Zärtlich­keit. Eine Geste des Friedens, der Schönheit, des Wohltuens. Eine Hoffnung darauf, dass die Liebe stärker ist als alle Machtspiele der Welt. Eine voröster­liche Ahnung.

Was kriegen wir da nicht biblisch zugemutet in diesen Wochen, die jetzt in der Passionszeit noch vor uns liegen: miese Mordpläne und gröhlende Massen. Männer, die ihren besten Freund verraten und verkaufen. Jesus hochgejubelt, wenig später, wie wir wissen, zum Tode verurteilt. Die Anhänger verängstigt und verkrochen. Die Gegner geifernd und grausam. Inmitten dieses öffentlichen Schau­spiels führt uns die Szene in Bethanien an einen Esstisch. Eine intime Situation, wenige Menschen, Zeit für Gespräch. Diesen Moment wählt die Frau, um das zu tun, was sie tun muss. Und was sie getan hat, hat sie unsterblich gemacht.

Diese verschwenderische Geste der Liebe ist es wert über Jahr­tausende tradiert zu werden – glücklicherweise. Glücklicherweise überlebt nicht nur der Bericht von Grausamkeit und vom men­schlichen Scheitern in den Erzählun­gen, sondern auch das Gute, das Mitmenschliche, das Duftende. Was für ein Menschenbild bliebe übrig, würden wir in diesen Wochen nicht auch von ihr erzählen. Ja, das ist es wert. Lasst sie!

Weil sie nämlich ihren Duft versprüht über die Jahrhunderte. Weil wir von ihr lernen, dass Liebe sich hingibt, dass Liebe verschwen­derisch ist und nicht rechnet. Und gerade das durften wir mitten in der Corona-Pandemie auch erleben: Dass Menschen nicht rechnen, sondern sich einsetzen für ihren Nächsten. Was wäre wenn all die Ärztinnen im Krankenhaus, all die Pfleger in den Heimen be-rechnet hätten, wie ihr Risiko auf Ansteckung steigt, weil sie sich sorgen um die Kranken und Gebrechlichen.

Diese Duftnote macht sich breit, wenn unzählige Ehrenamtliche an den Grenzen und Bahnhöfen stehen, wo Hundertausende Flüchtlinge aus der Ukraine ankommen und Hilfe brauchen. Es ist oft alles andere als „vernünftig“, was so viele im Moment tun – und sie tun es trotz­dem, sie tun es für andere, sie geizen nicht mit ihrer Zuwendung, sondern tun, was getan werden muss. Da können wir auch heute noch etwas ahnen von dem Duft des kostbarsten Öls.

Ja, diese Frau lehrt uns, wie wir heute unseren Auftrag erfüllen sollen. Dieses unser „Heute“ definiert die Geschichte nämlich unbeabsichtigt mit. Heute, das ist die Zeit, in der wir nicht mehr Jesus bei uns haben, aber die Armen. Ihnen können wir Gutes tun. Wie – zeigt uns die namenlose Frau. Wir – oder ich zumindest, ich höre schnell diese Männer reden, die Stimme der Vernunft, die sagt: Es gibt so viele Flüchtlinge, so viele potentielle Patenkinder und auch mehr als 30 jementische Familien, die hungern. Wir können nicht allen helfen. Wohin soll ich spenden?
In die Ukraine, weil es gerade so aktuell und so nah dran ist?
Nach Syrien, wo fast auf den Tag genau schon seit 11 Jahren Krieg herrscht?
Oder lieber für sogenannte vergessenen Katastrophen wie die Hungerkrise in Sambia?
Oder noch besser für die Arche, die direkt hier in Hamburg benachteiligten Kindern hilft?
Alles, was ich tue ist immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht ist es aber auch wie ein Tropfen kostbares Öl auf Jesu Haupt, denn „was ihr diesen meinen geringsten Brüdern getan habt….“

Ich stelle mir vor, die Frau wäre am Eingang von Simons Haus stehen ge­blieben und hätte nachgedacht: „Soll ich das Öl verkaufen und damit den Armen helfen oder soll ich Jesus salben? Ich weiß nicht. Vielleicht am besten noch etwas abwarten. Erstmal wieder nach Hause gehen, ehe ich was Falsches tue.“ Sie hätte das Öl wieder in das Kästchen im Schrank gestellt, wohl verwahrt. Und da würde es wohl noch heute stehen – wenn die Frau so gezaudert hätte, wie wir das oft tun, oder wenn sie angefangen hätte, mit den Männern zu diskutieren. Glücklicherweise aber hat die Frau getan, was sie getan hat, und glücklicher­weise wird das immer wieder erzählt und gepredigt. Denn das ist wirklich Evangelium – frohe Botschaft. Frohe Botschaft, die uns lehrt, dass manchmal vernünftiges Abwägen nur lähmt. Wenn ich denke „Ich kann ja eh nichts ändern“, dann ändert sich sicher nichts. Dann tropft es nicht mal auf den heißen Stein.

Sie lehrt uns, dass es nicht hilft, sich die Armen auf Distanz zu halten: zu viel, zu weit weg. Ist das furchtbar! Da müsste man…, da sollte man…, da könnte die Politik, aber nur die.
Sie lehrt uns Geistesgegenwart, das Gespür für den richtigen Moment: Jetzt ist der Moment, jetzt leben wir und zwar mit den Armen.
Sie lehrt uns auch das Opfer. Ein ganzes Jahreseinkommen. Liebe, auch Nächstenliebe dosiert sich nicht im Almosen, sondern verschwendet sich großzügig.
Und für all das zeigt uns die Frau die Kräfte, die in uns schlummern: den Mut, sich nicht ausbremsen zu lassen, das Mitgefühl, sich jemandem zuzuwenden, die Möglichkeit, Leiden zu lindern. Kräfte, die in jedem von uns stecken. Deswegen hat die Frau keinen Namen: Wir müssen nicht Mutter Theresa sein oder Malala oder Greta, um etwas zu ändern. Wir sind anonym, namenlos genau wie die Frau. Das reicht! Das reicht, um das zu tun, was sie getan hat. Sie tut, was sie tun muss, sie gibt, was sie geben kann. Jesus gibt sie einen Moment der Zuwendung und Zärtlichkeit in all dem Leid. Den Männern gibt sie hoffentlich etwas zum Nachdenken. Und uns gibt sie schon mitten in der Passionszeit das Zeichen, dass für den Gesalbten nach dem Tod der Ostermorgen anbricht. Uns gibt sie hoffentlich den Mut, uns nicht so schnell ausbremsen zu lassen, sondern großzügig und verschwenderisch zu lieben. Damit die Liebe sich stärker erweist als der Tod und es immer wieder Ostern werden kann. Amen.