Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Die Magd, die nachfragte

Die Magd, die nachfragte

Predigt am 6. März
Passionsreihe: Menschen an Jesu Weg
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Sonntag Invokavit 2022

Predigt zu Markus 14, 66–70

Predigttext: Markus 14, 66–70

Und Petrus war unten im Hof. Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters; und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Warst du nicht auch mit dem Jesus von Nazareth? Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst. Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte. Und die Magd sah ihn und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Dieser ist einer von denen. Und er leugnete abermals.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Seit etwa 20 Jahren verbreitet sich im deutschsprachigen Raum eine Methode der Bibelauslegung, die „Bibliolog“ heißt. Sie stammt ursprünglich aus den USA und nimmt Anregungen vom Bibliodrama, aus der Literaturwissenschaft und der jüdischen Schriftauslegung auf. Biblische Texte werden so ausgelegt, dass die Leerstellen oder Zwischenräume, die im Text nur angedeutet sind, erzählerisch mit eigenen Erfahrungen gefüllt werden. „Weißes Feuer“ wird diese Methode auch genannt, in Aufnahme einer jüdischen Metapher, nach der die Buchstaben der Tora das „schwarze Feuer“ darstellen, das „weiße Feuer“ aber in den Leerstellen leuchtet. So wird bei einem Bibliolog zum Beispiel den Personen oder Dingen nachgegangen, die nur am Rand erwähnt werden, den Gedanken oder Gefühlen, die zwischen den Zeilen stehen, den Themen, die unsichtbar, „weiß“ im Text lodern.

Einer Person, der man in einem Bibliolog im Gespräch mit einer Gruppe typischerweise Raum geben würde, ist zum Beispiel die namenlose Magd, von der wir eben gehört haben. Sie tritt in den Passionserzählungen aller vier Evangelisten auf. Im frühesten Evangelium, bei Markus, spricht sie zweimal; in den späteren Evangelien bekommt sie nur noch einen Redebeitrag.

Zur Eröffnung unserer Gottesdienstreihe in der Passionszeit – „Menschen an Jesu Weg“ – eignet sie sich meines Erachtens besonders gut, denn wir kennen sie am wenigsten. Sie macht uns gut deutlich, wie wenig wir auch die anderen Personen kennen, die Jesus auf seinem Leidensweg begegnet, ihn begleitet und unterstützt oder auch verraten und gequält haben. Und sie stellt eine Frage, spricht Petrus an, wie wir selbst es an ihrer Stelle vielleicht auch getan hätten.

Die namenlose Magd war eine Bedienstete, eine Sklavin des Hohepriesters in seinem Palast in Jerusalem. Ob sie wohl schon länger für ihn arbeitete? Was mag sie mitbekommen haben von Jesu Gefangennahme, seiner Vernehmung vor dem Hohen Rat, den Anschuldigungen, die von Zeugen gegen ihn vorgebracht wurden, er bezeichne sich als Gottes Sohn? Während drinnen, im Palast von Kaiphas, das Verhör stattfindet, hält sie sich im Hof auf. Vielleicht fegt sie, nimmt eine Warenlieferung entgegen oder unterhält sich mit anderen Sklaven. Da sieht sie einen Mann, der ihr bekannt vorkommt. Wo hat sie ihn bloß schon einmal gesehen? Im Tempel, als dieser Jesus dort neulich Tische, Wechselgeldkassen und Taubenkäfige umgestürzt hat? Oder auf der Straße? Da fällt es ihr ein: Ja, er war in der Gruppe, die zum Abendessen zu Simon ging. Wovon die Nachbarin erzählte. Sie hatte sie abends gesehen, nur ein paar Häuser weiter waren sie eingekehrt… Jetzt fragt sie ihn: „Warst du nicht auch mit dem Jesus von Nazareth?“

In welchem Ton, warum mag sie wohl gefragt haben? Aus Neugier, um auch etwas zu erzählen zu haben? Oder aus Sympathie? Es waren ja auch andere Frauen in der Gruppe um Jesus gewesen, wie sie. Deutlich erkennbar auch andere Arme, wie sie. Was hatte sie wahrgenommen, was erschien ihr interessant oder attraktiv an dieser Gruppe? Oder fragte sie etwa, um auch Petrus zu verraten, aus Loyalität zu ihrem Dienstherrn, aus Misstrauen oder Gehässigkeit?

Warum hätten wir selbst damals vielleicht Petrus angesprochen? Was hätten wir gerne von ihm gewusst?

„Gehörst du nicht auch zu Jesus? Warum hast du dich ihm angeschlossen?“

Wann wurden wir das zuletzt gefragt? Wer hat uns so eine Frage schon einmal gestellt? „Bist du auch Christin? Glaubst du auch an diesen Jesus? Du gehst doch manchmal zur Kirche.“

Ich denke an einen Freund, der erzählte, wie er während eines längeren Aufenthalts in Indien bei Busfahrten über Land regelmäßig angesprochen wurde: „Woher kommst du? Wer ist deine Familie? Und welche Religion hast du?“ Wie es ihm zuerst peinlich war, über seinen Glauben zu sprechen, ihm diese Frage fast privater erschien, als die nach seiner Familie. Wie ungewohnt es für ihn war, über seine Religion Auskunft zu geben – dies aber in Indien ganz selbstverständlich war, auch Fremden gegenüber zu sagen, welchen Glauben, welche Religion, welchen Kult man praktiziert und warum.

Im Bus in Indien auf Englisch mit einem zufälligen Sitznachbarn mögen solche Fragen überraschen, aber vielleicht sind sie in der Verfremdung sogar einfacher zu beantworten, als in unserem alltäglichen Kontext. So ähnlich, wie man in einem Gespräch auf einer Bahnfahrt manchmal eher sein Herz ausschüttet, als gegenüber Bekannten. Wie antworten wir aber auf die Frage nach unserem Glauben auf einer Party, am Arbeitsplatz oder bei einer Familienfeier? Gegenüber Menschen, die wir wahrscheinlich wiedersehen, die uns kennen?

Als ich mit den Jugendlichen in der Jugendgruppe darüber sprach, sagten sie, am schlimmsten fänden sie diese Frage im Familienkreis. Da würde dann immer Streit aufkommen, weil eine Person oder ein Teil der Familie eben mit Kirche nichts am Hut hat und diesen ganzen Kram Quatsch findet. Familienstreit, der verletzend sein kann – wie es ihn in anderen Familien bei bestimmten politischen Themen oder um die Corona-Impfung gibt. Schwer auszuhalten, dass es in einer Familie unterschiedliche Haltungen zu Glaube, Corona, Klima, Waffenlieferungen oder Flüchtlingspolitik gibt!

Am liebsten, sagte ein Jugendlicher, Auszubildender bei der Deutschen Bahn, würde er einmal bei der Arbeit nach seiner Religion gefragt werden. Das fände er gut, davon zu erzählen, und auch zu hören, was die anderen so glauben, die Katholiken und Muslime. Er hätte dann schon Argumente, warum es gut sei, evangelisch zu sein.

Wo möchten wir nach unserem Glauben gefragt werden – und wo scheuen wir diese Frage? Und wo stellt sie sich uns, egal ob wir es möchten oder nicht? In welchen Situationen oder Zeiten vernehmen wir diese Frage sozusagen zwischen den Zeilen?

Manchen unter uns ging es so, als 2015/16 viele Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Irak nach Deutschland kamen, dass diese Not an ihr Mitgefühl, an ihre christliche Nächstenliebe und Gastfreundschaft rührte. So, wie Menschen sich jetzt für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine stark machen. Manchen geht es beim Thema Rüstung so, dass dies an ihren Wunsch nach Frieden und Gewaltverzicht in Jesu Sinn rührt. Anderen beim Thema Atomkraft oder Klimawandel, dass sie dies mit dem biblischen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung verbinden.

Niemals ist der Glaube, das Bekenntnis zu Jesus Christus nur privat, immer berührt dies auch unser Handeln, Denken und Zusammenleben in dieser Welt. Und darauf gibt es selten nur eine Antwort, sondern im guten Fall eine gemeinsame Suche. Ein eigenes Bekenntnis in der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, Gruppe oder Kirche und im Gespräch mit anderen.

„Gehörst du nicht auch zu Jesus von Nazareth?“, wurde Petrus von der namenlosen Magd gefragt. Die Bibel erzählt, wie er auf diese Frage hin leugnete. Abstritt, Jesus zu kennen und ihm zu folgen, weil er ängstlich oder bequem oder feige war – obwohl er doch sein treuester Freund sein wollte. Ein Versagen, das uns trösten kann, wo es auch uns nicht gelingt, über unseren Glauben zu sprechen oder zu zeigen.

Und andrerseits erzählt uns die Bibel in der Apostelgeschichte zum Beispiel von Tabita, von Stephanus oder Kornelius – viel unbekannteren Personen als Petrus – die sich trotz der damaligen Christenverfolgung zu Jesus Christus bekannten, in ihren Worten und Taten. So, wie auch heute Christinnen und Christen und auch wir es tun können.

„Gehörst du nicht auch zu Jesus von Nazareth?“

Lasst uns vor dieser Frage nicht die Ohren verschließen, ob einzelne Menschen sie uns laut, oder bestimmte Situationen sie uns leise stellen.

In der Epistel heute heißt es: „Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ Eine Zeit, ein Tag, an dem wir nicht vergeblich Gottes Kraft und Gnade empfangen, um Zeugnis abzulegen oder einen Dienst in Jesu Sinn zu tun. Dass hörbar und sichtbar wird, zu wem wir gehören und was unser Glaube für unser Leben, Reden und Handeln bedeutet: Gott zu lieben, seine Schöpfung und seine Menschen, unsere Nächsten wie uns selbst.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.