Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Durch Mark und Bein

Durch Mark und Bein

Predigt am 20. Februar 2022
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 2. Sonntag vor der Passion

Prediogt zu Hebräer 4, 12 + 13

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz, er segne unser Reden und Hören. Amen.

Als ich noch zur Schule ging, hatte ich eine Schulkameradin, die adoptiert war. Damals ging man noch nicht immer so offen damit um wie heute. Eltern empfanden es manchmal als Makel und ver­heimlichten es vor ihren Kindern. Katja hat es erst erfahren, als sie 16 war. Ihre Mutter hat ihr damals gesagt: „Du bist mein Kind, aber nicht mein leibliches.“ Vermutlich hat die Mutter in dem Gespräch noch viel mehr gesagt, aber diese Worte haben sich bei Katja eingebrannt. Es war DER Schock für sie: Nicht das leibliche Kind, nicht das, was sie geglaubt hatte zu sein. Es war für sie, als ob ihre Wurzeln gekappt worden wären. Woher kam sie denn dann, wohin gehörte sie, wer war sie? Mutter­seelenallein fühlte sie sich durch diese Worte, die sie getroffen haben wie ein Schwert. Dieser Satz hat für sie ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher zerschnitten. Zuvor hatte sie festen Boden unter den Füßen, glaubte zur Familie zu gehören, danach stand alles in Frage, sie kam ins Wanken.

Worte sind lebendig und mächtig. Im Guten wie im Bösen. Sie können Menschen zerstören und retten, vernichten und aufbauen. Rund 16.000 Worte reden wir am Tag, habe ich nachgelesen. Wie viele wir hören, habe ich gar nicht heraus­finden können – vermutlich, weil es unzählige sind. Worte, die an uns vorbei­rauschen – aus dem Radio, das Gespräch am Nachbartisch, die Durchsage in der U-Bahn. Die meisten Worte, die wir hören, sind schnell vergessen, fallen nicht ins Gewicht. Und dann gibt es die Worte, die sitzen. Sie brennen sich ein, sie treiben einen stundenlang um, rauben einem den Schlaf. Manche vergisst man nie mehr.

Es gibt Worte des Lobes, die uns ein Leben lang tragen: Eine Lehrerin in der Grundschule, die uns etwas zutraut: „Sing doch lauter, deine Stimme ist so schön!“ Oder Worte des Trostes, die Großmutter, die verspricht: „Ich lass dich nicht allein.“ Worte, die aufrichten und ermutigen, die unser Selbstbe­wusstsein formen, unwiderruflich.
Genauso gibt es Worte, die niederschmettern. „War ja klar, dass du das nicht hinkriegst, du bist so ein Versager! Kannst du nicht einmal so sein wie deine Schwester?“ Oder die Ehefrau, die sagt: „Ich habe jemanden kennengelernt“. Ein kurzer Satz, der alles, was war, in Frage stellt, den Glauben an die Liebe, das Vertrauen in die Zukunft.

Worte sind lebendig und mächtig – und zweischneidig. Auch das Wort Gottes:

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es schneidet Seele und Geist, auch Mark und Bein und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt von den Augen dessen, dem wir Rechen­schaft geben müssen. (Hebräer 4, 12 +13)

Gottes Wort: mächtig – wirkungsvoll – messerscharf. Und das schon seit Ewigkeiten. Mit dem Wort Gottes hat alles begonnen. Gott sprach: „Es werde“ und es wurde. Schöpferwort, das alles ins Leben ruft. Gottes Wort, das trennt: Tag und Nacht, Himmel und Erde, Meer und Land – und damit Leben ermöglicht. Tulpen und Mamutbäume, Ameisen und Clownfische, Schwarzhaarige und Weißhäutige, dich und mich.

Und das Wort Gottes verstummt nicht nach dem Schöpfungs­akt. Es spricht weiter zu den Vätern und Müttern, es verspricht ihnen Zukunft und setzt sie in Bewegung: „Geh in das Land, das ich dir zeigen werde!“ und Abraham und Sarah gehen. „Führ mein Volk in die Freiheit!“ und Mose zieht mit dem Volk Israel aus Ägypten in das Land, in dem Milch und Honig fließen. Die Verheißungen Gottes geben Anstoß, geben Hoffnung und schenken das nötige Durchhaltevermögen.

Das Wort Gottes lockt aber nicht nur. Es verspricht nicht nur Milch und Honig, sondern es urteilt und richtet auch. Durch den Mund der Propheten übt es messerscharfe Kritik an den Zu­ständen der Zeit. Wo Gottes Volk die Gerechtigkeit vergisst, da kriegt es was zu hören. Das Wort Gottes spricht die Wahr­heit unge­schönt aus, wenn Arme ignoriert, wenn Fremd­linge nicht gastfreundlich aufgenommen werden.

Und dann – dann wird das Wort Mensch und wohnt unter uns, wird sichtbar und greifbar, historisch konkret. Es wird Fleisch und Blut, ein Kind, schutzbedürftig und verwundbar. Später tritt dieser Mensch Jesus wortgewaltig auf. Er stillt mit seiner Stimme den Sturm und heilt mit seinem Wort Menschen. Er lebt die Gerechtig­keit, die er fordert: Er teilt, er teilt sich mit, er übt Zuwendung zu den Außenseitern, er gibt sich hin. Und an dem, was er sagt, scheiden sich die Geister. Sein Wort ist zwei­schneidig – auch für unsere Ohren. Das kann doch nicht so konkret gemeint sein, was er fordert. „Geh hin, verkaufe, was du hast und gib es den Armen.“ Die Kamele müssen doch irgendwie durchs Nadelöhr passen. Da kann man an seinen Worten doch sicher ein bisschen rumdeuteln. Aber es ist und bleibt unbe­quem, was er sagt. Genau deswegen wird er damals auch mundtot gemacht. Ans Kreuz gebracht.

Und doch lässt sich das Wort nicht zum Schweigen bringen. Es überlebt den Tod. Es lebt weiter in den Worten seiner Anhänger und Anhängerinnen. Es lebt weiter, wo Menschen in ihren Brüdern und Schwestern den Nächsten entdecken.

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert. Das kann uns auch heute passieren, dass Gottes Wort uns auf die Nerven und an die Nieren geht. Dass uns etwas anspricht, im Innersten berührt, nicht mehr loslässt. Das sind dann meistens nicht die Worte, die wir erwartet und erhofft haben. Damit es uns in Bewegung setzt, verändert, anstößt, muss es anstößig sein. Uns in Frage stellen. Wie ein Messer, das uns ins Herz fährt und in den Verstand schneidet: Das uns sagt: „Du – es geht um dich! Und es geht ums Ganze. Was ist die Wahrheit über dich? Die ungeschönte. Du selbst hast dich doch längst durchschaut, kennst deine dunklen Ecken, die dir Angst machen, die du vor anderen und oft genug vor dir selbst geheim halten willst. Da darfst du nicht weg- da musst du hingucken. Und du kennst doch auch deine Kraftquellen – warum traust du ihnen zu wenig zu, sie werden dich tragen. Wo ist die Verheißung in deinem Leben, das Versprechen? Und gehst du dem nach, oder bist du zu beschäftigt mit den 16.000 Worten, die du am Tag zu sagen hast, und den unzähligen, auf die du hören sollst? Wo bist du und wo willst du sein? Zu wem gehörst du?“

Gott ruft uns, er spricht uns an. Aber Gottes Wort ist kein ein­faches. In ihm liegt nie nur barmherzige Bestätigung, dessen, was wir sind. Es ist beides in ihm: Zorn und Zuwendung, Gericht und Gnade. Der liebende Gott ist nicht einfach der liebe Gott. Wenn wir in unseren Bibelkreisen hier in der Gemeinde über Gottes Wort diskutieren, merken wir das immer wieder. Da stoßen wir auf Sätze, die uns unverständlich bleiben, die uns aufstoßen, die wir so nicht stehen lassen wollen, an denen wir uns abarbeiten. Den barmherzigen Gott wollen wir finden, möglichst ohne dem richtenden zu begegnen. Aber nur der Richter kann Gnade vor Recht ergehen lassen. Und wir ahnen, dass uns die schmeichelnde Bestätigung „Du bist gut, so wie du bist!“, der wir gerne göttliche Autorität ver­leihen, dass uns die allein nicht weiterbringt, uns auch nicht heilen wird.

Das zweischneidige Schwert aus dem Hebräerbrief ist im Urtext eine „Machaira“, ein aus Bronze gefertigtes Messer, das damals Chirurgen benutzten. Vielleicht sollte man es lieber mit „Skal­pell“ übersetzen. Dann wird klarer, warum es geht. Eine Operation steht an. Eine Operation ist immer schmerzhaft, auch gefähr­lich, aber sie ist immer dazu gemeint, den Menschen zu heilen. Und wer sich da unters Messer legt, der muss absolutes Vertrauen haben in den, der da schneidet. Gott ist kein Scharfrichter, der sein Urteil vollstreckt, sondern ein Untersuchungsrichter, der sorgfältig prüft und trennt. Gottes Wort will uns nicht hinrichten, sondern herrichten. Es will uns an das Wesentliche erinnern und alles Nicht-Notwendige ent­fernen. Therapeutische Prozesse sind oft schmerzhaft. Weil sie uns mit Wahrheiten über uns selbst konfrontieren, die wir nicht gerne hören wollen. Und doch geht der Weg zur Heilung nur über das Erkennen und Anerkennen, erst dann können wir uns ändern, unseren Frieden finden, heil werden.

Katja hat eine ganze Weile gekämpft, um mit der Wahr­heit zurecht zu kommen. Lange Zeit hieß die Wahrheit für sie nur: „Du bist nicht mein leibliches Kind.“ Die erste Hälfte des Satzes – „Du bist mein Kind“ – war unter der zweiten Hälfte – „nicht leiblich“ – komplett vergraben worden. Aber auch dieses erste Wort ließ sich nicht zum Schweigen bringen. „Du bist mein Kind“ hatte ihre Mutter zuallererst gesagt. Katja war nicht automatisch das Kind ihrer Eltern, nicht durch DNA, nicht durch den biologischen Vorgang von Schwangerschaft und Geburt. Sie war als Kind ausgewählt worden, auserwählt, gewollt und gewünscht. „Du bist mein Kind“. Nach und nach hat sie die Wahrheit dieses Satzes begriffen. Es war ein schmerzhafter, aber im Endeffekt heilsamer Prozess.

„Wessen Kind bist du?“ fragt uns Gottes Wort. „Auf wen hörst du?“ Hören wir seinem Wort zu? Lassen wir uns dadurch ansprechen, herausfordern, verändern und heilen?

„Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verstockt eure Herzen nicht.“

Amen