Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Ein gutes Land

Ein gutes Land

Predigt zum Erntedankfest
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Erntedankfest am 2. Oktober

Predigt zu 5. Mose 8, 7–18

Predigttext: 5. Mose 8, 7–18

Mose sprach zum Volk: 7 Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, 8 ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, 9 ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. 10 Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.

11 So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. 12 Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst 13 und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, 14 dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, 15 und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen 16 und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte.

17 Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. 18 Sondern gedenke an den HERRN, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land…“ (V. 7)

So spricht, nach der biblischen Überlieferung, Mose im Auftrag von Gott zum Volk Israel. Am Ende der langen Wüstenzeit, bevor sie den Jordan überqueren und das verheißene Land in Besitz nehmen.

„Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land…“ (V. 7)

Für mich haben diese Worte nach den drei Monaten, in denen ich ein Sabbatical, eine Auszeit, machen durfte, einen besonderen Klang. Sie wecken in mir viele Bilder von dem, was ich gesehen und erlebt habe.

Ich denke an die allerersten Tage Anfang Juli, als ich alleine auf der Via Baltica von Wismar nach Lübeck gelaufen bin. Mecklenburg – ein gutes Land. Wo ich an den Wegrändern Himbeeren und Sauerkirschen gepflückt habe, in Seen baden konnte, in Gemeindehäusern als Pilgerin unkompliziert willkommen geheißen wurde.

Danach war ich mit meiner Partnerin in Irland. Wir sind im Südwesten der Insel im County Kerry den sog. Ring of Kerry gewandert. Eine atemberaubende Landschaft! So viel Grün und so viel Wasser! Weiden, Wiesen, Berghänge mit Schafen und Kühen. Die Gegend, wo Butter und Cheddar-Käse hergestellt werden. Wo es in den Flüssen und im Atlantik Lachs, Forellen, Makrelen und Hecht gibt.

Nahrungsmittel im Überfluss, viel mehr, als die Bevölkerung dort selbst essen kann. In deren kollektiven Gedächtnis aber zugleich die Große Hungersnot Mitte des 19. Jh. steckt, als 1 Million Menschen und weitere 2 Millionen Menschen das Land verlassen mussten, um zu überleben, und Irland für lange Zeit zum Armenhaus Europas wurde.

Und schließlich war ich im September in Südfrankreich. Da war es im Mittelmeerraum wirklich ganz ähnlich, wie es in der Bibel für Israel beschrieben wird: Bäche und Quellen, die in den Cevennen sprudeln, Weinberge, Feigen- und Granatapfelbäume, Olivenhaine und Bienenstöcke…

So viel Gutes, so viel Schönheit, Farben und Geschmack, dass es mich manchmal überwältigt hat, dass ich gar nicht anders konnte, als zu staunen und Gott zu danken.

Sie und ihr werdet in den letzten Monaten vielleicht auch verreist sein oder Ausflüge gemacht haben. Ihr werdet eure Bilder vom „guten Land“ in euch tragen, das euch genährt und erfreut hat. Erinnerungen, Düfte, Farben, die ihr genossen habt. So viel Gutes, für das wir Gott heute danken können.

Und gleichzeitig, wenn wir an diesen Sommer denken und den Bildern des guten Landes, der Fülle und Ernte nachgehen, schieben sich unweigerlich auch die anderen Bilder dazwischen: von brennenden Wäldern auf dem Brocken, in Brandenburg, in Galizien, Portugal oder bei Bordeaux… Ausgetrocknete Böden. Bäume und Tiere, die Durst haben. Tote Fische in der Oder. Abschmelzende Gletscher, die kahle graue Felswände zurücklassen.

Bilder von Zerstörung, Not und Mangel. Folgen des Klimawandels, der Misswirtschaft, Habgier und Gedankenlosigkeit. Sie können uns fassungslos machen, zornig oder traurig. Manche werden zynisch, andere wehren sie ab. Viele von uns schämen sich wohl auch. Denn wir wissen, wir sind durch unsere Lebensweise Mit-Verursacherinnen, Mit-Ausbeuter, Mit-Zerstörer.

In mir weckt der Blick auf die Umweltzerstörung, das Artensterben, die Klimakatastrophe die Erinnerung an das Stuttgarter Schuldbekenntnis. Die Schulderklärung, mit der im Oktober 1945 prominente Vertreter der neugebildeten Evangelischen Kirche in Deutschland eine Mitschuld deutscher evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannten. Auf einer der ersten internationalen Versammlungen des Ökumenischen Rates der Kirchen nach dem Krieg in Stuttgart sagten sie:

„Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ (vgl. https://www.ekd.de/Stuttgarter-Schulderklaerung-11298.htm)

So ähnlich, denke ich, könnten wir es heute – stellvertretend auch für die Generationen vor uns – sagen: Dass wir mitschuldig sind an der ökologischen Katastrophe. Schuldig, uns zu Gottes Schöpfung nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und sie nicht brennender geliebt haben.

Diese Schuld kann uns mit Scham, Wut und Trauer… mit verschiedenen unangenehmen Gefühlen behaften. Sie ist schwer zu ertragen. Sie ist für mich nur zu ertragen in der Hoffnung auf Vergebung, auf Umkehr, Verantwortung und Veränderung. Im Glauben an das zarte Geflecht oder Gespinst der Gnade Gottes, aus dem heraus für uns und für Gott Aufbrüche und Umbrüche möglich sind.

Zu diesem Gespinst der Gnade, zu der fragilen Beziehung, die wir zu Gott pflegen können, gehört für mich die Erinnerung an Gottes Verheißungen: Ein gutes Land, in dem alle Geschöpfe leben können. An die Schönheit und Vielfalt, in denen Gott sich uns als Schöpfer offenbart. An Gottes Treue, seine Barmherzigkeit und Vergebung für alle, die umkehren, die Schuld eingestehen und ihr Verhalten ändern, damit es mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden, mehr Schalom gibt. Die Dankbarkeit gehört dazu, offene Sinne für alles Gute, was wir zum Leben haben. Die uns das Herz weit macht für andere. Die Hoffnung auf Gottes Zukunft mit uns, auf den Bund, den er unseren Vätern und Müttern im Glauben versprochen hat.

Das ist der „gute Boden“, auf dem wir stehen. Das sind die Bäche und Quellen, Öl, Most und Weizen, die uns im Glauben ernähren und stärken, um im zarten Gespinst der Gnade Gottes zu bleiben.

Auf der letzten Etappe meines Sabbaticals bekam ich in einer Pilgerherberge in Südfrankreich ein Gespräch mit, das diese Fragen aufnahm. Zwei ältere Männer sprachen abends über ihre Touren: „Wann bist du heute gestartet? Wo bist du aufgestiegen? Bist du schon mal den Weg gelaufen? Warst du schon mal auf dem Gipfel?“

Dann kam das Gespräch auf die abschmelzenden Gletscher, „les glaciers“. Die beiden zeigten sich Fotos auf ihren Handys. Erschüttert, bewegt, schließlich fassungslos schweigend. Bis der Eine sagte: „Wir können nur noch beten, dass sich die Erderwärmung, das Abschmelzen der Gletscher noch aufhalten lässt.“

Und der Andere ergänzte: „Und all das andere genießen, was wir heute beim Wandern auch gesehen und erlebt haben. Uns trotzdem daran freuen. Es ist ja auch da!“

Ja, denke ich: Wir dürfen, wir sollen uns freuen und Gott danken für die reiche Ernte in all ihren Facetten, allzumal an einem Festtag wie heute. Und ebenso ist es an uns zu beten und zu handeln, damit auch unsere Kinder und Enkel, alle nachfolgenden Generationen, das „gute Land“ erleben dürfen, das Gott uns gegeben hat. Amen.