Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Einfach herrlich?

Einfach herrlich?

Predigt zu Palmsonntag
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Palmsonntag, 10. April 2022

Predigt zu Johannes 17, 1–8

Predigt zu Johannes 17, 1–8

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Und wenn ich euch so von der Kanzel begrüße, mit einem Gruß von Christus, „der da ist, der da war und der da kommt“, dann steckt darin für mich heute in ganz komprimierter Form ein Bild von Christus, das uns auch der heutige Palmsonntag zeigen kann oder die Bibeltexte, die zu ihm gehören: Jesus Christus als einer, der war, ist und kommt.

In dem Zusammenhang, in dem diese Wendung im Buch der Offenbarung (Offb 1, 4) steht, ist damit gemeint, dass Christus vor aller Zeit war, dass er in dieser Zeit ist und auch in der kommenden Zeit sein wird – als präexistent, gegenwärtig und zukünftig. Ich möchte diese Wendung heute etwas weniger abstrakt fassen. Als einen Spiegel, in dem wir Jesus sehen können: mal wie von vorne als jemand, der kommt, mal wie von hinten als einen, der war und geht, und mal wie jetzt an unserer Seite anwesend.

An Palmsonntag geht es vor allem um den, der kommt. Nachdem Jesus zunächst im Norden von Israel gepredigt und geheilt hat, ist er mit seinen Jüngern nach Süden gewandert. Jetzt kommt er in Jerusalem an. Seine Anhänger und das einfache Volk in der Stadt begrüßen ihn jubelnd. Sie bereiten ihm den Weg mit Kleidern und Palmzweigen, singen und applaudieren ihm wie einem König.

Das Adventslied „Tochter Zion“, das wir eben gesungen haben, nimmt diese Stimmung auf: den Jubel, die Freude und gespannte Erwartung, die sich mit Jesu Ankunft und Einzug in Jerusalem verbinden, wo er als Messias gefeiert wird.

Dieser Blick auf den kommenden Friedenskönig verknüpft sich für uns vielleicht mit der Vorfreude im Advent oder der Spannung an Heiligabend: Gottes Kind kommt in die Welt, und damit wird ein neuer Anfang gesetzt, der uns selig macht. So, wie der Besuch einer guten Freundin oder eines treuen Freundes, den wir lange nicht gesehen haben, einen glücklich machen kann. Oder die Geburt eines Kindes im Familien- oder Freundeskreis. So kommt Christus zu uns – auch in den Kindern, den Freunden, den Gästen und auch in den Fremden und Geflüchteten, die zu uns kommen.

Gleichzeitig haben wir an Palmsonntag schon Jesu Ende im Blick. Es brechen Jesu letzte Tage an. Und wir, im Rückblick, können ja schon wissen, dass diejenigen, die bei Jesu Einzug „Hosianna“ gerufen haben, dieselben waren, die wenige Tage später „Kreuzige!“ schrien. Wer im Chor singt oder die Passionen kennt, wird diese Rufe im Ohr haben: „Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!“.

Jesu Abschied aus dieser Welt, der nicht freiwillig war, nicht sanft und friedlich, sondern grausam. Und wir sehen darin Jesus als den, der „war“, der umgebracht und aus der Welt geschafft wurde. So, wie es heute Menschen widerfährt in der Ukraine, in Afghanistan oder dem Irak. Dass Menschen sich am Lebensrecht von anderen vergreifen – und im Fall von Jesus am Lebensrecht Gottes.

Als Christinnen und Christen leben wir mit diesem Jesus, „der da war“. Der gelebt und gelitten hat, gestorben ist, wie wir es im Glaubensbekenntnis sagen. Dessen Tod am Kreuz für uns ein Mahnmal ist, ein Gedenkzeichen menschlicher Gewalt gegen andere und gegen Gott. Das Kreuz, von dem wir glauben, es müsste der Gewalt auf Erden ein Ende setzen.

Und schließlich – neben dem, dessen Ankunft wir freudig erwarten, und dem, dessen Tod wir schmerzlich erinnern – ist Christus für uns immer auch der, „der da ist“. Der jetzt da ist, wo auch immer Menschen sich heute, jetzt gerade in seinem Namen versammeln, in Armut oder Reichtum, in Sicherheit, in Krieg oder Verfolgung, in Freude oder Leid.

Jesus als unser „Bruder“, wie wir manchmal sagen, der uns und unseren Herzen nah ist, uns kennt und versteht: unsere Wünsche und Sehnsüchte nach Liebe, Frieden und Freundschaft ebenso wie unsere Ängste und Abgründe. Er ist da – und wir werden unsere eigenen Bilder davon haben, wo und wie wir Jesus schon einmal wie anwesend erfahren haben, im Gebet, in Not, in Gemeinschaft, in Kunst oder Musik.

Der Predigttext heute aus dem Johannes-Evangelium im 17. Kapitel, das sog. hohepriesterliche Gebet Jesu, kann man wie eine Klammer dieses gegenwärtigen, des vormaligen und zukünftigen Christus lesen. Der Evangelist Johannes platziert den Text unmittelbar vor Jesu Gefangennahme. Es sind Jesu letzte öffentliche Worte in Würde und Freiheit. Er spricht sie halb zu Gott, halb zu seinen Jüngern und Freundinnen:

Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn, auf dass der Sohn dich verherrliche; 2 so wie du ihm Macht gegeben hast über alle Menschen, auf dass er ihnen alles gebe, was du ihm gegeben hast: das ewige Leben. 3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. 4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. 5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein, und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt. 7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. 8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.
(Joh 17, 1–8)

Wie ein Vermächtnis klingen diese Worte für mich. Als hätte Jesus innerlich schon längst Abschied genommen. Wie aus einer Außenperspektive spricht er von sich selbst in der 3. Person.

Ein schwieriger Text, nicht leicht zu verstehen. So viel Herrlichkeit, so viel inniges Ich und Du, als sei alles gut. Eine Rede voll von bedeutungsschweren Worten und Begriffspaaren: Vater und Sohn, Himmel und Erde, Welt und Herrlichkeit, annehmen und erkennen, mein und dein und immer wieder ich und du – und kein Blatt passt dazwischen.

Ich verstehe diesen Text, dieses Gebet so, dass Jesus hier als einer spricht, der weiß, dass er gehen muss. Der noch im Leben steht, noch hier in dieser Welt ist, aber zugleich weiß, dass er Abschied nehmen und sterben muss. Als würde er versuchen, die Spannung zu halten zwischen Jetzt-Noch und Bald-Nicht-Mehr, Leben und Tod, zwischen den Menschen auf der Erde, die ihm anvertraut waren und die er geliebt hat, und Gott im Himmel, zu dem er auch gehört.

Ich frage mich: Was würden wir wohl sagen, was würden wir tun, wenn es uns so zu zerreißen droht? Wenn wir wüssten, es gilt Abschied zu nehmen. Von einem Menschen, der schwer krank ist oder im Sterben liegt. Von einem Ort oder Beruf, der uns alltäglich Heimat war. Von Gewohnheiten oder Überzeugungen, die uns lange getragen haben, und wir müssen uns nun von ihnen trennen. Was hilft uns zu gehen, ins Ungewisse aufzubrechen, als das manche von uns auch diese Zeit empfinden?

In einigen Berichten oder Interviews mit Menschen, die in den letzten sechs Wochen aus der Ukraine geflohen sind, erzählen diese von den letzten Stunden in ihrer Heimat. Woran sie gedacht, was sie eingepackt, mit wem sie noch einmal gesprochen haben. Manchmal sind es Zufallsstücke, wie ein Becher oder ein Spielzeug, die mit auf die Flucht gehen, oder nützliche Dinge, wie warme Kleidung oder eine Decke, Papiere und Handy. Oft sind es Gedanken an die Nächsten, die Menschen im Abschied beschäftigen: an den Ehemann, die Mutter, die Tochter… Oder an den Beruf, das Wohnhaus, den Geburtsort – das ganze innere und äußere Zuhause, das plötzlich verlassen werden muss.

Im Predigttext hat der Evangelist die Abschiedsgedanken und -worte von Jesus ausformuliert, fiktiv und nachträglich, vielleicht viel ausführlicher, als Jesus selbst sie in sich bewegte, vielleicht auch glatter und eindeutiger, als Jesus es empfunden haben mag.

Aber was in diesem Gebet, in diesen Abschiedsworten zum Ausdruck kommt, was Gestalt gewinnt, ist so etwas wie ein sicherer Ort oder ein innerer Raum, in den Jesus sich zurückzieht, als die äußeren Beheimatungen zusammenbrechen. Als er weiß, dass er loslassen und gehen muss. Da versucht er, im Gebet in sich zusammenzuhalten, was in seinem Leiden und Sterben grausam auseinanderbricht.

„Du, Gott, und ich, wir gehören zusammen. Ich habe deine Worte bewahrt und dich verherrlicht, nun halte du dein Wort und verherrliche mich. Nimm mich zu dir. Du hast mir alles gegeben, nun gebe ich mich dir.“

Und so, denke ich, ist auch für uns das Gebet ein Schutzraum in dieser Zeit, in allem, was um uns herum zusammen- oder auseinanderzubrechen droht. Ein sicherer Ort für uns und unsere Ängste, unser Hin- und Hergerissensein zwischen Alltag und Krieg, Wohlstand und Leid. Ein Ort auch für die, die in realer äußerer Bedrohung durch Gewalt, Hunger oder Krieg leben und unsere Fürbitte brauchen. Die wir Gott ans Herz legen, so wie Jesus Gott für uns gebeten hat und bittet, und er wird nicht aufhören, für uns zu bitten, zu hoffen und da zu sein.

Als der, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.