Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Engelsherberge

Engelsherberge

Predigt am 26. Juli 2020
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

7. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Hebräer 13, 1-3

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Erinnern Sie sich, erinnert ihr euch, wer nach oder vielleicht noch während des Lockdown zu Beginn der Corona-Krise als erstes zu Ihnen zu Besuch kam? Wer der erste Gast war, den ihr nach der ganz strikten Kontaktsperre wieder zuhause, auf dem Balkon oder im Garten zu Besuch hattet?

Für mich waren das einprägsame Besuche, an die ich mich gut erinnere: an die Freundin, die nach Ostern zu Besuch auf die Terras-se kam, und wir saßen mit viel Abstand, in Decken gehüllt draußen und überlegten, wie wir Brot, Butter, Käse und Wein teilen und da-bei möglichst wenig anfassen konnten… Und etwas später dann der Besuch eines befreundeten Paares, ebenfalls draußen. Wir hat-ten alles auf zwei kleinen Tischen angerichtet, einen für sie und einen für uns, und saßen paarweise zusammen…

Die Überlegungen, wie man es anstellen kann, auch in der Corona-Krise und bei Ansteckungsgefahr Besuch zu empfangen. Die un-gewohnte Aufregung und große Vorfreude auf die Gäste nach wo-chenlangen Abenden allein oder zu zweit…

Was einem sonst völlig selbstverständlich erscheinen kann, Gäste zu empfangen, das bekam in den letzten Monaten eine neue Be-deutung und einen größeren Stellenwert: Wen möchten wir unbe-dingt sehen? Wen sollten wir vielleicht einladen? Wen trauen wir uns, zu uns nach Hause einzuladen? In wessen Nähe fühlen wir uns wohl und sicher?

Manche haben den Rückzug ins Private, ins Familienleben, ins Homeoffice in der letzten Zeit genossen. Mehr Ruhe, mehr Zeit und Intimität zu haben. Viele haben mehr zusammen geredet, gespielt gekocht und gebacken.

Aber ich fürchte, dass wir viel verlieren und womöglich auch verlernen, wenn fortan nur noch jeder sein eigenes Süppchen kocht und das Glück allein nur noch im trauten Heim und mit der Familie gesucht wird.

Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe.
Gastfrei zu sein vergesst nicht.
Denn so haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

(Hebräer 13, 1+2)

Diese Worte, die Predigtverse aus den abschließenden Ermahnungen und Ratschlägen des Hebräerbriefes, sie scheinen schon im Urchristentum angebracht gewesen zu sein. Auch wenn wir viel-leicht denken, dass die ersten Christinnen und Christen selbstre-dend vorbildliche Gastgeber waren… Offen für andere, freigiebig mit allem, was sie hatten, von einer herzlichen und zuvorkommen-den orientalischen Gastfreundschaft – so muss es wohl auch schon bei ihnen Anlässe gegeben haben, sie an geschwisterliche Liebe und Gastfreundschaft zu erinnern.

Vielleicht ihr allzu abgeschottetes Gemeinde- und Hauskreisleben, vielleicht ihre knauserige Sorge um ihr Hab und Gut, vielleicht Angst vor Gerede und Verrat, vielleicht auch schlicht Angst vor Fremden.

Die Erinnerungen, Ermahnungen und auch die Erzählungen von praktizierter Gastfreundschaft ziehen sich wie ein roter Faden durch das Alte und das Neue Testament: Die drei Männer, die das alte kinderlose Paar Abraham und Sarah besuchen und ihnen die Ge-burt eines Sohnes ankündigen – und Sarah lacht darüber, bis sich die Verheißung der unerkannten Engel doch erfüllt. Der Prophet Elia, der sich bei einer Witwe in Sarepta einlädt. Maria, die in ihrer Schwangerschaft ihre ebenfalls schwangere Cousine Elisabeth besucht. Jesus, der bei vielen Menschen einkehrt: beim Zöllner Zachäus, bei Levi, bei Martha und Maria… Und meistens spielt da-bei das gemeinsame Essen – Brot, Fische, Wein – eine wichtige Rolle. Oder auch Paulus, der auf den Reisen mit seinen Mitarbei-tern bei Christen in Philippi, Korinth und Ephesus zu Besuch ist.

Gastfreundschaft scheint wie die geschwisterliche oder die Nächs-tenliebe zu den konstituierenden Merkmalen christlicher Existenz zu gehören. Zu den unabdingbaren Erfahrungen, die wir für unse-ren Glauben brauchen, weil sie ihn uns in der Tiefe und in der Weite aufschließen.

Sowohl die Erfahrung, selbst bei anderen zu Gast zu sein: willkommen geheißen, eingelassen, bekocht und beherbergt zu werden. Und dabei mitunter ein Stück Unsicherheit, Fremdheit oder Abhängigkeit zu spüren. Oder aber auch die Freude anderer über meinen Besuch zu erleben, ihre Achtung, Aufmerksamkeit und Für-sorge. Und andrerseits auch die Erfahrung, andere Menschen als Gäste zu empfangen: uns Zeit für sie zu nehmen, Platz zu schaffen, uns Mühe zu machen, damit sie sich bei uns wohlfühlen.

Selbst Platz zu nehmen – und anderen einen Platz zu geben. Selbst einen fremden Raum zu betreten – und anderen Raum zu geben… Manchmal sind das gar nicht so leichte Übungen!

Beim Nachdenken über unseren kurzen Predigttext hat mich die Formulierung der „Gastfreiheit“ beschäftigt, die ja auch etwas mit Raum, mit Freiraum zu tun hat. Im griechischen Urtext steht φιλοξενίας – also Freundschaft zu den Fremden oder Gästen. Lu-ther hat das mit „Gastfreiheit“ übersetzt, hat aus „Freundschaft“ und „Liebe“ „Freiheit“ gemacht.

Auch wenn im Wesentlichen dasselbe gemeint ist – die Bereitschaft Gäste zu empfangen – so schwingt in der „Gastfreiheit“, die Luther formuliert, für mich noch etwas anderes mit.

„Gastfreiheit“ könnte heißen, dass es wichtig ist Freiraum für Gäste zu bewahren. Ganz konkret: ein zusätzliches Bett oder eine Matratze, damit überhaupt jemand bei uns übernachten kann. Oder ein Tisch, an dem mehr Personen als mein Haushalt sitzen können, zusätzliche Stühle oder Sessel. Ein kleiner Vorrat im Küchen-schrank für unvorhergesehenen Besuch.

„Gastfreiheit“ könnte auch auf freie Zeit für Gäste hinweisen. Dass wir bewusst Zeiten in der Woche oder am Wochenende frei halten, die wir anderen außerhalb unserer Partnerschaft oder Familie wid-men möchten: Fremden, Durchreisenden oder Gästen.

Der Begriff „Gastfreiheit“ erinnert mich auch daran, dass wir innere Freiheiten und Freiräume für Gäste und Fremde offenhalten, Un-voreingenommenheit, Freigiebigkeit und Interesse. Die Bereit-schaft, von vertrauten Denkmustern abzulassen, eigene Gewohn-heiten, Schemata und Überzeugungen zurückzustellen.

Existentiell sind diese konkreten Erfahrungen von Gastfreiheit und Gastfreundschaft für uns. Denn wir können dabei existentielle Er-fahrungen im Glauben machen.

Die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk zitiert in ihrem letzten großen Werk, den „Jakobsbüchern“, eine rabbinische Weis-heit. Sie schreibt:

Wer allzu voll ist von sich selbst,
hat keinen Raum mehr für Gott

(Olga Tokarczuk, Die Jakobsbücher, Zürich 2019, S. 903)

Welche Erfahrungen wir wohl machen, was wir erleben könnten, wenn wir ab und an Raum für Gott ließen – und nicht alles mit uns selbst ausfüllten, mit unseren eigenen Bedürfnissen, Ängsten und Plänen? Wenn wir versuchten, auch Raum in uns freizuhalten für Gott? Den wir nicht kennen, der uns fremd ist, wahrscheinlich an-ders als wir meinen… Der wohl gewöhnlich – so erzählt es die Bi-bel – überraschend zu Besuch kommt, uns in Worten, in Zeichen und auch in anderen Menschen begegnen kann…

Welche Erfahrungen wir wohl machen, wenn wir einen Sitzplatz auf der Bank, einen Platz am Tisch, eine Ecke im Zimmer, eine Wand frei ließen? Nicht nur wegen des gebotenen Abstands, nicht nur aus Angst vor Ansteckung, sondern weil dort Gott Platz finden könn-te, Raum und Freiheit, eine Lücke, um bei uns zu Gast zu kommen.

Gastfrei zu sein vergesst nicht.
Denn so haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.