Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Er hat alles wohlgemacht

Er hat alles wohlgemacht

Predigt am 22. August
Pastor i.R.

Josef Kirsch

11. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Markus 7, 31-37

Liebe Gemeinde,

die Hauptfrage, die wir heute an den Predigttext, an den Evangeliumstext stellen sollten, lautet: Wer ist dieser Jesus, dem wir im heutigen Text begegnen? Auffällig ist auch der Ort, an dem wir ihn erleben. Nördlich von Israel wandert Jesus von Tyrus nach Sidon und dann ins Ostjordanland. Er befindet sich nicht im Zentralland Israel, sondern in heidnischem Gebiet. Es scheint so zu sein, dass Jesu Zuwendung in unserem Text überhaupt keinem Juden gilt, sondern einem Heiden. Die Geschichte atmet Universalität, religionsübergreifende, heute würden wir sagen interkulturelle Zuwendung.
Wer ist dieser Jesus, dem wir im heutigen Text begegnen? Ein freier, ein offener Mensch, der nicht in religiösen oder gar konfessionellen Schubladen denkt. In der Folgezeit sind die Religionen viel enger, viel fremdenfeindlicher geworden bis zum heutigen Tag. Hier begegnet uns der weite Atem nicht nur des Neuen Testamentes, sondern der gesamten Bibel.
Wer ist dieser Jesus, dem wir im heutigen Text begegnen? Jesus tritt auf in der Gestalt eines antiken Wunderarztes, der mit geheimnisvollen Riten und merkwürdigen Praktiken einen Menschen heilt. Er steckt dem Taubstummen die Finger in die Ohren, er bestreicht seine Zunge mit dem eigenen Speichel. Man kann das mit Fug und Recht für Hokuspokus halten und die Frage, warum Markus überhaupt so etwas berichtet, ist schwer zu beantworten. So ähnlich werden Matthäus und Lukas auch gedacht haben, denen das Markusevangelium ja als Quelle vorgelegen hatte. Markus hat zwei solcher merkwürdigen Heilungsberichte. Beide werden von Matthäus und Lukas wohl etwas schamhaft einfach ausgelassen.
Ist Jesus der antike Wunderheiler mit seinen zweifelhaften Praktiken? Keinen Moment würde ich das denken. Matthäus und Lukas hatten gute Gründe, die beiden Texte einfach zu ignorieren. Und dennoch fasziniert mich dieser fremde Text, der einer schon damals versunkenen Welt entsprungen zu sein scheint. Wenn ich mir anschaue, wie Jesus dort geschildert wird, entdecke ich eine extreme Zuwendung Jesu zu dem Taubstummen. Die Leute bitten Jesus ja nur um eine Handauflegung und Markus berichtet eine intensive körperliche Begegnung, die dem Taubstummen Gehör und Sprache schenkt. Heilung durch intensive körperliche Zuwendung? Vielleicht ein bisschen peinlich. Wie gesagt, dann hätten wir Matthäus und Lukas auf unserer Seite. Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte. Jesus sah zum Himmel und sagte auf aramäisch: Tu dich auf. Hephata. In der Begegnung mit Jesus tun sich nicht nur die Ohren auf, sondern auch der Himmel öffnet sich über diesem taubstummen Menschen und er wird frei.
Im weiteren Verlauf wird deutlich, wie sehr diese Geschichte ein Konstrukt des Evangelisten Markus ist, der uns aber etwas Wichtiges mitteilen will. Die Menschen, die den Taubstummen zu Jesus gebracht hatten, sie rufen wie in einem Chor:

Er hat alles wohlgemacht.

Die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden. Was sie dort sagen, ist ein Zitat aus dem 35. Kapitel des Buches Jesaja. Unwahrscheinlich, dass Juden diesen Text auswendig kannten, bei Heiden ist es ausgeschlossen. Dennoch, dieser Text aus dem Alten Testament, den Markus aufgenommen hat, ist nicht zufällig. Es ist einer der wunderbaren Texte Jesajas, in denen er die paradiesische Zukunft Israels beschreibt. Nicht nur Friede unter den Menschen wird herrschen, sondern der Friede der ganzen Schöpfung wird verwirklicht sein. Es entspricht dem gewaltigen dreiteiligen Gobelin Marc Chagalls im Festsaal des israelischen Parlamentes. Auf diesem Gobelin werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Israels dargestellt. Und für die Zukunft in satten Grüntönen wählt Chagall die paradiesischen Weissagungen des Propheten Jesaja. Wir alle wissen, die paradiesischen Weissagungen sind eine Utopie. Niemals werden sie Realität der Geschichte sein. Die Geschichte Israels selber ist dafür ein beredtes Zeugnis. Aber Utopien sind damit nicht sinnlos. Sie üben einen Druck aus auf die gegenwärtigen Verhältnisse, auf die Politik der Gegenwart. Vielleicht ist unsere Generation die erste, die diesen Druck der Utopie auf die Befriedung der Schöpfung wirklich spürt. Es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Land. Das klingt nach einem modernen ökologischen Programm, steht aber bei Jesaja im 35. Kapitel.

Wer ist dieser Jesus, dem wir im heutigen Text begegnen? Sicherlich nicht der antike Wunderarzt. Das hatte sich schon für Matthäus und Lukas erledigt. Aber für Markus ist er derjenige, an dem sich für einen Moment die Hoffnungsbilder des Propheten Jesaja auf Frieden zwischen den Menschen und auf Frieden mit der Schöpfung verwirklichen. Und auf einmal wird jede Linie in diesem Text wichtig: die Grenzen aufhebende Begegnung Jesu mit einem kranken Menschen im heidnischen Gebiet, die enorme körperliche Zuwendung Jesu zu diesem Menschen, die Berührung von Himmel und Erde und das Bekenntnis der Volksmenge:

Er hat alles wohlgemacht.

Gottes Frieden ist unter uns Wirklichkeit geworden. Im Alten Testament, im Judentum geht es bei der Heilung eines kranken Menschen immer um den absoluten Vorrang des Lebens vor allen Dingen. Wenn es um das Leben eines Menschen geht, spielen alle hochrangigen Sabbatgebote keine Rolle mehr. Dieser Gesellschaftsbezug, dieser Sozialbezug muss auch in der heutigen Pandemiediskussion eine Rolle spielen. Durch die Ansteckungsgefahr geht es nicht nur um mein Leben, sondern auch um das Leben aller anderen. Wie ich mich in der Pandemie verhalte, ist nicht meine Privatangelegenheit , wie viele behaupten und leben.

Nun weiß jeder von uns seit Kindergottesdiensttagen, dass die Geschichte Jesu anders weiterging, dass sie irdisch-historisch endete mit dem Ruf: Kreuzige ihn. Seit fast 2000 Jahren wird aber auch über diesen Text gepredigt und noch einmal 700 Jahre länger wird Jesaja zitiert und dargestellt.
Wer ist dieser Jesus, dem wir im heutigen Text begegnen? Ich will es einmal in einem Bild sagen. Es geht um den Traum Gottes, dem wir bei Jesaja begegnen: der Traum vom Frieden zwischen den Menschen, vom Frieden zwischen den Kulturen, vom Frieden in der Schöpfung. Für einen kurzen Moment tut sich der Himmel auf und den Zuschauern damals und uns heute begegnet in der Person Jesu die Verwirklichung dieses Traumes: in der Zuwendung Jesu zum anderen Menschen, die Markus nur mit dem Bild des antiken Wunderarztes beschreiben kann, im Handeln Jesu unter den Nicht-Juden des Ostjordanlandes und in dem Chor der Zuschauer, die die alte Utopie Jesajas zur Sprache bringt:

Er hat alles wohlgemacht.

Die Geschichte ist weiter gegangen bis zu den todbringenden Überflutungen in unserem Land, bis zu dem Albtraum der Menschen in Afghanistan. Aber die Geschichte ist nicht über unseren Text hinweggegangen. Die Geschichte realisiert die Schmerzen der Menschen und die Schmerzen der ausgebeuteten Schöpfung, aber der Traum Gottes, dass dieses absolut anders sein sollte, wird bi in diese Stunde in fast allen ev. Kirchen unseres Landes zur Sprache gebracht.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen