Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Weihnachten ist jetzt

Weihnachten ist jetzt

Predigt zu Heiligabend
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Christvespern, 24. Dezember 2022

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Im Sommer ging es los. Da fing es an, dass ich immer wieder Appelle hörte oder las, dass ich Erinnerungen herstellen soll. Die erste Aufforderung, die ich bewusst wahrnahm, war die Radio-Werbung für einen Freizeitpark: „Familienerinnerungen entstehen am besten gemeinsam!“ Wie eine Handlungsaufforderung hörte sich das für mich an: Ich soll mit meiner Familie in den Park fahren, nicht weil es Spaß macht, sondern weil dann Familienerinnerungen entstehen.

Im Herbst hörte ich vor der Kirche zufällig ein Gespräch zwischen einer Mutter und ihrem Sohn im Grundschulalter. Im Blick auf ein bevorstehendes Konzert, in dem er mitwirkte, sagte er: „Daran erinnern wir uns dann immer, nicht?“

Und im Advent, in diesen Tagen leuchtet an Litfaßsäulen die Reklame eines Juweliers mit dem Text: „Schmückt euch mit Erinnerungen!“

Erinnerungen scheinen in den Rang der wertvollsten Güter aufgestiegen zu sein, wahrscheinlich kurz vor oder nach Gesundheit. Vielleicht ist dies besonders in einem Land und einer Zeit so, in denen es der Mehrheit trotz allem so gut geht, dass sich viele von uns eigentlich nichts mehr wünschen, jedenfalls keine Dinge. Materiell geht es vielen von uns, die wir hier versammelt sind, sehr gut.

Und so könnte die Frage entstehen: Was zählt dann im Leben? Was zeichnet uns aus? Vielleicht geht es auch um die Frage, was einmal von uns bleiben wird, von unserem eigenen gelebten Leben?

Erinnerungen können einen beschäftigen. Die meisten von uns haben Erinnerungen, ob sie wollen oder nicht. Ob sie versucht haben, sie bewusst zu formen und medial zu konservieren, oder ob sie einfach so entstanden sind. Manche Erinnerungen lassen sich auch gar nicht so leicht abschütteln, sie kommen immer wieder hoch, und manche können einen auch quälen.

Das gilt vielleicht gerade für die viel beschworenen Familienerinnerungen. Selten handelt es sich dabei allein um schöne Freizeitbilder, um glückliche Momente, Gefühle von Harmonie und Geborgenheit. Obwohl ja die meisten von uns zum Glück so gestrickt sind, dass wir vor allem das Schöne erinnern und ungute Erinnerungen schneller vergessen…

Rund um Weihnachten sind besonders viele von uns mit Erinnerungen beschäftigt: Bilder früherer Weihnachtsfeste, mit Menschen, die damals noch dabei waren, mit Traditionen oder einer Unbeschwertheit, die wir heute vermissen. Und manchmal vergessen wir über diesen nostalgischen Erinnerungen auch die Langeweile an den stillen Feiertagen, die Übelkeit nach zu viel Essen, süß, salzig, fett, alles durcheinander, oder die dicke Luft im Wohnzimmer, wenn der Vater mit dem doofen Onkel aneinandergeriet oder die schrecklichen Cousinen zu Besuch kamen… Und wir denken: Ach, aber es war doch trotzdem schön! Oder, mit dem treffenden Buchtitel von Joachim Meyerhoff: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“

Vielleicht geht es uns gerade in diesem krisenhaften Jahr so, dass wir meinen, uns in Erinnerungen flüchten zu müssen, um nicht von Sorgen und Zukunftsängsten erdrückt zu werden. Die Einen erinnern sich an früher: an Tannenbäume, Geschenke und Schnee. Die anderen versuchen, jetzt wunderbare Feste zu gestalten und herausgehobene Momente herzustellen, damit es dann zumindest später schöne Erinnerungen an Weihnachten gibt…

Dabei denke ich, dass Weihnachten eigentlich das Fest ist, bei dem es wie bei kaum einem anderen Fest um das Jetzt geht, um den Moment. Die Weihnachtsfreude darüber, dass Jesus Christus geboren wurde – sie lebt davon, dass es jetzt, heute geschieht. Wirkliche, lebendige Freude kann man nicht erinnern oder konservieren, auf welchem Datenträger auch immer. Freude geschieht. Sie füllt uns aus, erfüllt Herz, Mund und Kopf, manchmal auch den Bauch, die Beine und Arme. Freude lässt uns lachen oder weinen, ganz still oder laut und lustig werden, dankbar, vergnügt, weihnachtsfroh…

Dass wir uns jetzt und heute freuen, weil eben Weihnachten ist. Dass wir jetzt, heute und morgen das Wunder zu fassen versuchen, dass Gott zu uns auf die Erde kommt. Klein, wie ein Baby. Arm, wie die meisten Kinder auf dieser Welt. Zart und geheimnisvoll, wie alle Neugeborenen. Wie auch wir es einmal als Neugeborene waren, als das Leben für uns anfing und wir auf dieser Welt willkommen geheißen wurden.

Die Geburt eines Kindes ist ein Moment, der wie außerhalb der normalen Zeit liegt. Ein Moment, in dem man eigentlich an nichts anderes denken kann als an das, was da gerade geschieht. Ob wir als Frauen Kinder zur Welt gebracht haben – oder als Männer versucht haben, unseren Frauen darin beizustehen. Bei einer Geburt sind wir ganz da – ob als Taxifahrer, Freundin, Hebamme oder Arzt.

So, wie es ein geradezu heiliger Moment sein kann, ein Neugeborenes zum ersten Mal in den Armen zu halten – als Großeltern, Tanten, Onkel oder ältere Geschwisterkinder. Nicht selten werden wir dabei ganz still oder fangen als Erwachsene an zu weinen angesichts eines so kostbaren Wesens.

Es ist die Schwelle zu neuem Leben, an der wir Heiligabend stehen. Wenn wir vor der Weihnachtstür stehen, wenn wir die Krippe ansehen, wenn die Kerzen leuchten oder Glocken und Orgel erklingen. Eine leise staunende Freude, ein Ergriffensein und Innehalten – oder auch lauter Jubel und Freude. Beides gehört zum Fest der Geburt, zum heiligen Moment von Gottes Neuanfang mit uns.

Auch in diesem Jahr, in dem uns so vieles ängstigt und erschreckt, ist Weihnachten jetzt. Feiern wir heute, dass Jesus Christus geboren wurde und in unseren Herzen geboren wird. Wir feiern das mit Millionen Menschen, die viel mehr Grund zu Angst und Klage haben als wir. Und die sich dennoch wie wir, wie auch Generationen vor uns, die in Krieg und Hunger Weihnachten gefeiert haben, freuen.

Das ist der ganze Sinn von Weihnachten, von Christi Geburt: unser Staunen über das Wunder, dass Gott Mensch wird. Und unsere Freude über Gottes Gegenwart bei uns auf der Erde.

Ein Geheimnis, das nur wenig mit unseren persönlichen Erinnerungen zu tun hat – allenfalls mit der Erinnerung an die Geburt eines kleinen Jungen vor gut 2000 Jahren in Israel. Ein Geheimnis, das aber viel mit unserem Leben, Hoffen und Handeln jetzt zu tun hat: dass wir glauben mögen, dass Gott zu uns kommen wollte und immer wieder, auch heute, zu uns kommen will. Dass wir diese Sehnsucht Gottes nach Lebendigkeit, nach uns, seinen Menschen fassen mögen und Gott bei uns Raum geben.

Raum in unseren Herzen: In der Freude über das neugeborene Christkind; im Staunen über das Wunder, dass der Schöpfer der Welt so klein und schwach werden kann; in dem Trost, den Gottes Nähe uns schenken kann.

Und dies alles mag dann aus unseren Herzen in unsere Hände, Arme und Köpfe fließen, dass wir es teilen wollen mit denen, die wir lieben, und mit denen, die uns brauchen. Damit die Freude, der Trost und gegenseitige Beistand in dieser Welt groß werden, so wie ein Neugeborenes wächst und in die Welt geht, so wie Jesus Christus unser Retter geworden ist.

Jesus, der den Blick immer wieder auf das Jetzt gerichtet hat: Was ist jetzt für diesen, für diese Menschen notwendig? Vergebung oder Gemeinschaft, Trost oder Heilung… Die Rettung in Jesus Christus besteht immer wieder darin, jetzt mit Gottes Gegenwart und Liebe zu rechnen. Und dadurch frei zu werden für den Moment.

Jetzt ist die Stunde, jetzt beginnen die Tage, in denen uns dies geschenkt wird. Lasst es uns nicht verpassen! Macht die Herzen weit und die Türen eurer Häuser hoch, damit das Wunder der Geburt bei euch einziehen kann. Wie uns gesagt ist: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, wir verkündigen euch große Freude!“ Amen.