Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Es kommt die Zeit…

Es kommt die Zeit…

Predigt zum 1. Advent
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

1. Advent 2021

Predigt zu Jeremia 23, 5+6

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Tochter Zion, freue dich!“ und „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!“ So rufen es uns die bekannten Adventslieder zu, damit es Advent werden kann und wir uns einstimmen auf die Ankunft des verheißenen Königs.

In diesem Jahr scheint alles dagegen zu stehen, gegen offene Türen und weite Herzen, gegen Vorfreude und fröhliche Erwartung. Stattdessen sind die meisten von uns mit Zulassungsregeln zum Arbeitsplatz, zu Bussen und Bahnen, zu Feiern, Konzerten oder Weihnachtsgottesdiensten beschäftigt, mit 3G-, 2G- und 2G+-Regeln, Kontrollen, Absagen und Verordnungen. Als hätten die Angst vor dem Corona-Virus und unsere Versuche, uns vor Ansteckung zu schützen, alle unsere Sinne, unser Denken und Fühlen fest im Griff.

Da wirken die adventlichen Worte aus Psalm 24 wie aus einer anderen Zeit, aus einer ganz anderen Stimmung.

Und doch wurden sie von jeher Menschen in Bedrängnis und Not zugesprochen. Dem kleinen Volk Israel, immer wieder bedroht von den Großmächten im Mittelmeerraum und in Vorderasien, immer wieder in Angst und Schrecken – auch vor Seuchen und Hungersnöten.

 

Diesem kleinen verzagten Volk spricht der Prophet Jeremia ursprünglich die Worte zu, die für uns heute am 1. Advent der Predigttext sind.

„Siehe, es kommt die Zeit,“ überbringt er uns Gottes Botschaft. Heißt uns, die Köpfe zu heben und die Herzenstüren zu öffnen, damit wir aus Angst und Verwirrung hinaussehen. Aus dieser Zeit in eine andere, neue Zeit. Auf etwas oder jemand, der kommt und Veränderung bringt. Denn diese Zeit, die jetzigen Krisen, die uns einschüchtern, in Panik versetzen oder resignieren lassen – sie ist nicht alles. Sie ist nicht das Ende unserer Tage.

Worte, die Hoffnung wecken wollen: „Es kommt die Zeit…“

Aber auf welche Zeit wagen wir zu hoffen? Worauf trauen wir uns überhaupt, unsere Hoffnung zu setzen?

So viele Erfahrungen und Erkenntnisse, die gegen eine begründete Hoffnung sprechen. Leicht könnten wir die Katastrophen aufzählen, das Leid, die Trümmer, das Versagen – im Blick auf die Pandemie, den Klimawandel oder den Hunger –, die uns jedenfalls verbieten, aus den Entwicklungen dieser Welt große Hoffnungen abzuleiten. Die uns hoffnungslos machen können.

Mir scheint mitunter, als stimme das Sprichwort nicht, nach dem die Hoffnung zuletzt stirbt. Die Hoffnung scheint mir eher zu sterben als die Angst. Und die Sehnsucht bleibt vielleicht länger in uns wach als die Hoffnung.

Hilde Domin hat das in einem Gedicht so formuliert:

Die Sehnsucht
Nach Gerechtigkeit
Nimmt nicht ab
Aber die Hoffnung

Die Sehnsucht
Nach Frieden
Nicht
Aber die Hoffnung

[…]

 

Hilde Domin: Älter werden, in: Gesammelte Gedichte, Frankfurt a.M. 12. Aufl. 2008, S. 360f.

Das werden wohl viele unter uns kennen: dass wir, wenn nicht Hoffnung, so doch immerhin Sehnsucht in uns tragen. Sehnsucht nach Leben, nach Heilung, nach Liebe oder Glück. Sehnsucht, die uns mal trotzig, mal verzweifelt sagen lässt: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf!“ Im Wissen darum, dass wir die Hoffnung zum Leben brauchen. Die Hoffnung, dass auch morgen die Sonne aufgeht, dass ich auch morgen freundlich angesehen werde.

Die Sehnsucht ist offenbar tiefer in uns verwurzelt, sie nährt unsere Hoffnung, kann ihr Kraft und Bilder geben. Die Sehnsucht nach Heilung, damit Krankheiten nicht Menschenleben zerstören. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, dass alle Menschen Zugang zu Nahrung, Wasser, Bildung und Impfstoffen haben. Die Sehnsucht nach einem schönen, bewohnbaren Planeten, auf dem wir in Frieden zusammenleben.

Sehnsucht, wie ein inneres Ziehen, wie ein Suchen und Verlangen, das meiner Hoffnung Kraft gibt. Und uns sagen lässt: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf!“

Obwohl wir – durchaus berechtigt – oft meinen, keine Hoffnung mehr zu haben, brauchen wir zum Leben trotzdem Hoffnung auf Veränderung, auf eine andere Zeit. Das ist ein Paradox, das unser Leben ausmacht. Und das auch zu unserem Glauben gehört: gegen den Augenschein mit offenen Augen des Herzens zu hoffen.

Der Prophet Jeremia macht es uns vor. An einem Tiefpunkt der Geschichte Israels – als Israel ein geteiltes Land ist, die Hauptstadt und der Tempel zerstört, die Bewohner verschleppt – da steht er auf und sagt:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR ist unsere Gerechtigkeit«.

Jeremia 23, 5+6

In der damaligen Situation geradezu absurde Worte. Es gab nicht den geringsten Anhalt dafür, dass ein neuer gerechter König kommen, dass Frieden und Sicherheit einziehen würden.

Aber die Verheißung wird ausgesprochen. Eine große Sehnsucht – nach einer anderen Zeit, einer anderen Herrschaft, einem anderen Zusammenleben – die seitdem den Hoffnungslosen Mut macht. Die uns kritisch auf unsere Zeit sehen lässt, die uns in Abstand zu unserer Welt bringen kann – und unsere Sinne schärft für Gottes kommende Zeit, die von seiner Gerechtigkeit geprägt sein wird.

„Der HERR ist unsere Gerechtigkeit“ – das wird der Name des kommenden Königs sein, sagt Jeremia. Und darin steckt ein feiner Seitenhieb auf den damals in Israel regierenden Marionettenkönig Zedekia, dessen hebräischer Name „Gerechtigkeit“ bedeutet.

Mit dem König, auf den wir hoffen, den wir in Jesus Christus erkennen, setzen wir auf eine andere Gerechtigkeit. Auf eine Zeit, in der alle Menschen sicher leben dürfen – ohne Angst vor Schmerzen, Hunger oder Gewalt. In der auch die kleinen Leute, die ärmeren Länder ihr Recht und ihre Löhne bekommen. In der auch unsere Mitschöpfung aufatmen darf.

Gegen die Wirklichkeit seiner wie unserer Zeit malt Jeremia Hoffnungsbilder. Bilder, die sagen: Gerechtigkeit ist keine Phantasie – ihre Zeit kommt. Frieden ist kein Traum – seine Zeit kommt. Sicherheit ist keine Utopie – ihre Zeit kommt. Alles wird neu werden, nie dagewesen, und wir werden etwas erfahren, nach dem wir uns immer schon sehnen.

Sehnsucht als Quelle und Triebfeder unserer Hoffnung.

„Siehe, es kommt die Zeit…“ Sie ist noch nicht da, aber sie soll kommen. Diese, unsere Zeit soll nicht die Letzte sein. Wir hoffen, wir warten, wir freuen uns auf die Zeit, die kommt!

Zu den großen Bildern des Propheten Jeremia mögen unsere eigenen Bilder treten, von Sehnsuchtsorten und Sehnsuchtsmenschen, von Versöhnung oder Gemeinschaft, gelungenen Neuanfängen, Unbeschwertheit, Fröhlichkeit oder Heilsein. Erlösung, die wir brauchen und einander wünschen.

Jeremias Prophezeiung ist bis heute nicht erfüllt. Aber Gott steht weiter zu seiner Verheißung. Er steht zu seinem Sohn, der Licht in unsere Dunkelheit und Gerechtigkeit in unsere egoistische Welt gebracht hat. Er steht zu der Zukunft, zu einer neuen Zeit, die durch Jesus Christus für uns anbrechen soll.

Darauf warten wir im Advent. Und üben uns ein in die große Lebensbewegung des Hoffens. Der Hoffnung, die unsere Sehnsucht braucht.

„Alles beginnt mit der Sehnsucht“, sagt die jüdische Dichterin Nelly Sachs.

Alles beginnt mit der Sehnsucht
Immer ist im Herzen Raum für mehr
Für Schöneres, für Größeres…

So lasst uns die Türen hoch und die Herzen weit machen, dass in unseren Herzen Raum ist für mehr, für Schöneres und Größeres und für das Heil, auf das wir hoffen!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.