Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Freudenboten – eigentlich

Freudenboten – eigentlich

Predigt am 1. Weihnachtstag
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

1. Weihnachtstag 2020

Predigt zu Lukas 2,8–20

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ An dieses Wort des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth musste ich in den letzten Wochen oft denken.

„Eigentlich feiere ich Heiligabend am liebsten mit meinen Eltern und Geschwistern.“
„Eigentlich würde ich im Advent das Weihnachtsoratorium mit dem Chor singen.“
„Eigentlich sind zu Weihnachten doch die spontanen Besuche am schönsten, wenn Freunde einfach klingeln, und man fällt sich in die Arme!“
„Eigentlich braucht man Weihnachten doch gar nichts, außer Kerzen und Musik.“

Eigentlich sind wir ganz anders. Wären gerne – gerade in diesem Jahr – anders oder woanders, vermissen vieles, sind unsicher und in uns uneins damit, wie es und wir nun sind.

Im Deutschen hat das Wort „eigentlich“, das zu den häufigsten, beliebtesten Füllwörtern zählt, zwei Bedeutungsebenen: eine, die auf das Wesentliche und Ursprüngliche zielt, auf das „Eigene“. Und eine, die eher vernebelt oder verdeckt, was man sagt: „Eigentlich war es ganz schön…“; „Eigentlich wollte ich… oder bin ich…“ Sodass man sich fragen mag: „Ja, was denn nun? Was willst oder hoffst oder meinst du denn nun wirklich?“

In diesem Jahr, glaube ich, treten zu Weihnachten beide „eigentlichs“ besonders laut auf den Plan. Kommen sie in Kontakt, spielen oder ringen miteinander in uns.

Unser umgangssprachlicher Gebrauch des Wortes, wo wir in der Schwebe lassen, wie wir das schönste Fest begreifen und wie wir es gestalten möchten, welche Sehnsüchte sich für uns daran knüpfen, was es uns ermöglichen oder eröffnen soll.

Und zugleich, sozusagen als Counterpart, das Eigene, das Proprium von Weihnachten, das manche von uns gerade in diesem Jahr so sehr suchen, wie sonst selten, auf das wir uns vielleicht auch zurückgeworfen oder reduziert fühlen.

Eine Spannung zwischen unseren verdeckten, unbestimmten Erwartungen, Hoffnungen und Wünschen einerseits, an das Fest, an uns selbst und unsere Nächsten – und der konkreten, zunächst einmal schlichten Erzählung der ersten Heiligen Nacht andrerseits.

Der Lyriker Robert Gernhardt hat diese doppelsinnige Frage nach dem Eigentlichen in einem Gedicht so auf den Punkt gebracht:

„Das nennt man nicht eigentlich suchen,
wenn man schon weiß, wo was ist.
Das nennt man nicht eigentlich finden,
wenn man es gar nicht vermisst.“
(aus: Freund, 1997)

Was aber lässt sich Weihnachten für uns finden – wenn wir es denn wirklich vermissen? Was zeigt Gott uns, wie offenbart er uns sein eigenes Wesen – wenn wir nicht sowieso schon wissen, was es ist? Und was heißt das eigentlich für uns?

Lasst uns heute Morgen das Eigene, die Eigenheiten der Weihnachtsgeschichte zusammen ansehen!

Ich denke mir, jede und jeder von Ihnen und euch hat ein Lieblingsdetail in der Weihnachtserzählung. Einen bestimmten Satz, eine Szene, eine Figur oder einen Gegenstand, der uns besonders freut oder am Herzen liegt.

Vielleicht die Krippe. Der hölzerne Futtertrog, in den Gottes Kind nach der Geburt gelegt wird. Eine erste Behausung, ein Kästchen, das vor Wind und Kälte schützt, ein Zufallsbett. Das Holz zugleich wie ein Hinweis auf das Kreuz, das am Ende seines Lebens stehen wird.

Die Krippe als Ort oder Zeichen für den Ursprung, das uns zurückdenken lassen mag an unsere eigenen Anfänge oder die unserer Kinder, als wir oder sie klein waren. Wie manches uns damals geschützt und gestärkt hat – und anderes auch seine Härten hatte. Was damals alles seinen Anfang nahm…

Die Krippe, als ein eigenwilliges, unverkennbares Detail der Geburtsgeschichte, erzählt, wie die Dinge auch bei Gott klein beginnen. Dass Gottes Geist oder Kraft sich unauffällige Orte, alltägliche Menschen oder Situationen sucht, um im Kleinen anzufangen und dann nach und nach zu wachsen. Wie der Glaube klein beginnt – und manchmal auch die Liebe, der Frieden oder unser Zutrauen.

Eine zweite Eigenheit der Weihnachtsgeschichte: das Paar, Maria und Josef, die als Eltern für dieses besondere Kind zusammengeführt wurden. Eine sehr junge Frau, unerfahren und überrascht. Und ein Mann, der sich offenbar nicht sicher war, ob er schon Vater werden wollte, und überlegt, seine Partnerin zu verlassen.

Wir kennen solche Geschichten, wie es gar nicht immer so leicht ist, erst als Paar und dann auch als Familie – und dann wieder als Paar – zusammenzufinden… Wie auch wir und unsere Familien nicht immer gut zusammenpassen, es Eigenarten, Traditionen und Vorstellungen gibt, die sich gerade zu Weihnachten in die Quere kommen können.

Josef und Maria – sie stellen uns bildlich vor, wie zu Gott das Ungleiche und Unfertige gehört. Die Spannungen zwischen Menschen, die doch zusammengehören, ihr Ringen um gemeinsame Entscheidungen, gemeinsame Wege und Verantwortung.

Gott scheint jedenfalls nicht nur die harmonischen Familien zu besuchen, die glücklichen Paare zu segnen, sondern auch die schwierigen, die leidgeprüften oder unsicheren. Streit, Reibungen, Unentschiedenheit oder Feigheit halten Gott nicht ab.

Und ein drittes Detail, das für mich etwas Wesentliches von Weihnachten zum Ausdruck bringt, an dem ich besonders hänge: „die Klarheit des Herrn“. Als der Engel zu den Hirten aufs Feld kommt, da wird es nicht einfach nur hell, da leuchtet „die Klarheit des Herrn“ um die Männer.

Ich verstehe diesen Hinweis so, dass es bei Gott oder zu Weihnachten nicht bloß um Licht und Wärme geht, Kerzen und Kamin, sondern auch um so etwas wie „Klarheit“. Ein Licht, das die Konturen deutlicher hervortreten lässt, das uns hilft, besser zu erkennen und klarer zu sehen, wie es um uns steht.

Die „Herrlichkeit“ oder die „Ehre des Herrn“, wie man das Wort auch übersetzen kann, stellt das Leben auf der Erde in ein neues Licht. Sie mutet uns zu und sie traut uns zu, unsere Welt und unser Leben klar zu erkennen. Wir dürfen sehen, denken und beim Namen nennen, was ist. Weil auf unser Leben die Klarheit Gottes fällt, wie ein leuchtender Blick Gottes, der uns umfängt, sieht und trägt, was zu uns gehört.

Es gibt noch weitere Zeichen und Worte in der Weihnachtsgeschichte, die uns vom Wesentlichen Gottes erzählen, wie vielleicht die Nacht oder der Lobgesang der Engel oder Marias Herz…

Aber mit diesen Drei mag es Weihnachten für uns werden: mit der Krippe und dem kleinen Anfang; mit Maria und Josef, dem ungleichen, unfertigen Paar; und mit der „Klarheit des Herrn“, die uns ermutigt zu denken, zu glauben, zu suchen im Licht Gottes.

Gottes eigenes Wesen, das er uns in Jesus Christus zeigt. In dem er zu uns kommt auf seine ganz eigene Weise und unser Leben in sein Licht und seine Liebe stellt.

Und es ist an uns, was wir davon eigentlich hören und aufnehmen mögen, wo die Weihnachtsgeschichte wohl in diesem Jahr unser eigenes Erleben berührt. Ob und wie wir sie uns zu eigen machen…

Und wer weiß, vielleicht werden wir einmal sagen: „Eigentlich war 2020 ein besonders schönes Weihnachtsfest!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.