Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Freue dich sehr!

Freue dich sehr!

Predigt zum 1. Advent
Pastorin

Andrea Busse

1. Advent, 29. November 2020

Predigt zu Sacharja 9, 9-10

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und hören. Amen.

Menschen stehen auf den Straßen und jubeln. Sie singen von Freiheit und Frieden, von Gerechtigkeit und Wohlstand. Sie haben die Hoffnung, dass sich endlich etwas ändern wird in ihrem Land. Dass der grausame Herrscher, der über sie regiert, endlich gehen muss und ein besserer kommt. Einer, der ihnen hilft in ihrer Armut, ihrer Ohnmacht, ihrer Pers­pek­tivlosigkeit. Sie singen von ihrer Sehnsucht und geben ihrer Hoffnung Worte.

Welche Situation beschreibt das eigentlich?
Reden wir hier von Sacharjas Zeitgenossen, die einen neuen König verheißen bekommen?
Oder von den Hoffnungen, die sich Jahrhunderte später unter der römischen Fremdherrschaft auf Jesus richteten?
Oder haben Sie vielleicht ganz aktuelle Bilder vor Augen:
aus Belarus z.B., wo die Menschen seit Monaten auf die Straßen gehen und so ihre Hoffnung auf eine andere politische Macht zeigen.
Oder aus dem Wahlkampf in den USA, wo jubelnde Menschen, seien es nun Trump- oder Biden-Anhänger, sich vom einen oder anderen erhoffen, dass er die Probleme lösen wird.
Ich persönlich habe nochmal andere Erinnerungen an solch hoffnungs­voll jubelnde Menschen – und zwar aus Ägypten, 2011 beim arabischen Frühling.

Die Menschen scheinen immer wieder auf den Straßen dieser Welt zu stehen und auf einen Erlöser zu warten. Einen, der ein Ohr für ihre Probleme hat, und vor allem einen Plan, wie man sie lösen könnte. Die Sehnsucht nach Frieden, die Hoffnung auf eine gerechte Herrschaft, sie ist uralt – und immer wieder aktuell.

Nehmen wir den Propheten Sacharja, von dem wir vorhin gehört haben: Er spricht in einer Zeit, als das jüdische Volk schon längst aus dem babylonischen Exil in die Heimat nach Jerusalem zurückkehren konnte. Aber leider ist das nicht das erhoffte Happy End. Das Land wieder aufzubauen ist mühsam und langwierig, und friedliche Zeiten sind es auch nicht: Israel ist weiter durch feindliche Mächte bedroht, politisch in schwacher Position. Und dann kommt Sacharja und sagt:

Freut euch! Freue dich Jerusalem – dein König kommt!

Historisch gesehen kann davon gar nicht die Rede sein. Die politische Situation gibt das nicht her: Im persischen Weltreich war an einen judäischen König nicht zu denken und unter Alexander dem Großen auch nicht. Aber wie ausgetrocknete Schwämme saugen die Menschen damals die Worte des Propheten Sacharja in sich auf. Denn die Realität, die sie nach ihrer Rückkehr aus Babylon in Jerusalem angetroffen haben, ist so unglaublich erbärmlich und ernüch­ternd, dass nichts schneller verfängt als die vermeintliche Botschaft des Propheten: „Make Jerusalem great again!“ Da träumen sie also von den großen alten Zeiten, auch wenn die schon 1000 Jahre zurück liegen. Aber damals – als die Könige David und Salomo herrschten – da war Israel was. Ein Reich, das sich von der Grenze Ägyptens bis hinauf nach Syrien erstreckte, ein Königreich, vor dem sich auch die kleineren Nachbarvölker demütig zu ducken hatten, eine Zeit der Blüte und des Wohlstandes. Der Glanz dieser Epoche leuchtet weit in die Geschichte des Volkes und weckt Ideen davon, dass es wieder so sein könnte, wie es einmal war.

Ob die Menschen Sacharja überhaupt bis zum Ende zugehört haben? Denn die Bilder, die der Prophet von dem neuen König malt, sind ganz anderes als die Hoffnungsbilder in den Köpfen der Menschen. Er malt einen demütigen König, sanftmütig, friedlich – ja ein bisschen erbärmlich auf einem Esel. Ob Sacharjas Zeitgenossen das überhaupt noch gehört haben oder nur das „Siehe dein König kommt!“? Vielleicht sind die nächsten Worte des Propheten schon im Jubelgeschrei unter­gegangen…

Dieses Bild vom „Früher war alles besser“ ist stark. Die Idee von der einstigen Größe entwickelt auch Jahrhunderte nach Sacharja noch seine Kraft, nämlich als die Römer in Palästina herrschen und das Volk unter­drücken. Da wird wieder geträumt. Und für manche verbindet sich die Hoffnung auf Befreiung ganz konkret mit Jesus, dem Sohn Davids – ein neuer David! Einer, der mit der Fremd­herrschaft der Römer Schluss macht und dem Volk Israel zu seiner alten Größe verhilft. Und da stehen sie auf der Straße und jubeln und singen ihr Hosianna-Hoff­nungs­lied davon, dass endlich alles gut wird.

Und wurde irgendwas gut?
Die Zeitgenossen Sacharjas haben keine glanzvolle Phase Israels mehr erlebt, Jesus hat nicht Pontius Pilatus aus Palästina geworfen, in Ägypten herrscht Al Sisi grausamer als Mubarak, Lukaschenko hält sich weiter an der Macht und in den USA ist ungefähr die Hälfte der Bevölkerung enttäuscht.

Trotzdem ist es verständlich, dass Menschen sich immer wieder falsche Hoffnungen machen: Dass sie denken, einer wird kommen, der uns einen Königsweg aus dem Elend eröffnen kann. Meist mit Versprechungen, die Schuldigen für die Misere zu finden und zu beseitigen. Je komplizierter unsere Welt und ihre Zusammenhänge sind, desto mehr scheinen sich die Hoffnungen auf solche Vereinfacher zu richten. Aber – das wissen wir natürlich auch – das funktioniert nicht. Die Freude über solche Figuren hat in der Geschichte selten lange gewährt.

Ich glaube, wer sich wirklich freuen will, der muss gut zuhören und Sacharja ausreden lassen. Freude ist ohne Friede nicht denkbar. Der Prophet kündigt keinen Herrscher an, wie er schon mal da war. Der Sohn Davids ist kein zweiter David, der mit kluger Kriegsführung die Grenzen des Reiches ausdehnt und mal eben 10.000 Philister abschlachtet, wenn es sein muss. Das hat die Menschheit ja alles schon mehrfach ausprobiert und das hat nie dazu geführt, dass es ein Friedensreich gab von einem Meer bis zum anderen. Glücklicherweise entwirft Sacharja hier ein komplett anderes Bild:

Ein Gerechter und ein Helfer, so hat Luther übersetzt. Im Hebräischen ist es passiv formuliert – einer, dem Gerechtigkeit widerfährt, dem geholfen wird. Ein König also, der nicht nur ganz bescheiden und ärmlich daherkommt, sondern der auch noch auf Hilfe angewiesen ist! Das ist ja noch irritierender. Aber vielleicht auch ganz logisch. Denn wer Frieden will, muss abrüsten. Keine Kriegswagen und Rosse mehr. Keine Waffen, keine Drohge­bärden, auch keine gewalttätige Rhetorik. Wer Frieden will, muss abrüsten und zwar vermutlich erstmal einseitig. Damit ist er schutzlos. Angewiesen darauf, dass ihm Gerechtigkeit widerfährt und Hilfe.

Für uns Christinnen und Christen entstehen dann andere Bilder vor Augen: das hilflose Kind in der Krippe, der ohnmächtige Mann am Kreuz. Matthäus hat die Verheißung des jüdischen Propheten aufgegriffen und neu interpretiert, auf Jesus gedeutet. Auch Jesus hat die Erwartungen seiner Zeitgenossen enttäuscht, er war nicht der glorreiche Retter, der mit einem Machtwort Gottes Reich anbrechen ließ. Er ist als Kleinkind ein Flüchtling, als Erwachsener ein Obdachloser und schließlich ein Eselsreiter. Er ist dem grausamen Urteil der Menschen ausge­liefert. Angewiesen darauf, dass Gott ihm hilft, dass Menschen ihm helfen, dass wir ihm helfen: Dass wir ihn beherbergen und dass wir ihm unsere Füße und Hände, unseren Mund leihen, um sein Friedensreich zu schaffen. Friedlicher wird es auf unserer Erde nur, wenn wir abrüsten – unsere Rhetorik, unsere Drohgebärden, unsere Machtspielchen.

Ja, dann ich glaube mit Sacharja, dass wir allen Grund zur Freude haben. Freude, die sich nicht in einem Jubel erschöpft, auf den der Katzenjammer folgt. Da kommt einer – ganz anders als erwartet. Und obwohl wir das alle Jahre wieder predigen, ist und bleibt dieser Gott, der auf unsere Hilfe angewiesen ist, eine Heraus­forderung für unseren Glauben. Aber nur wenn der, der da kommt, ganz anders ist als alle, die da waren, nur dann kann diese Welt auch ganz anders werden.

Sacharjas Verheißung ist nicht eindeutig: Da vermischen sich irdische Hoffnungen und himmlische Träume. Siehe, dein König kommt zu dir. Einer, der Frieden schafft. Man hat das oft verinnerlicht – „Meins Herzens Tür dir offen ist, ach zieh mit deiner Gnade ein“ so haben wir es gehört. Dieser König kommt zu uns. Er ist angewiesen darauf, dass wir ihn beherbergen. Wenn er in uns wohnt, können wir Frieden mit uns selbst machen. Und nur, wenn wir Frieden mit uns gefun­den haben, können wir Frieden mit unseren Mitmenschen machen. Erst dann kann das Friedensreich, das dieser König bringen will, Raum greifen in unseren Familien, unserer Gesell­schaft, unserer Welt. Innen und außen ist nicht zu trennen. Und sein Friedensreich ist nicht von uns zu trennen – wir sind seine Friedenarbeiter und -arbeiterinnen.
Er kommt, das ist sicher, aber ob er bei uns auch ankommt, das liegt an uns. Freuen wir uns auf ihn?

Ich glaube, nie war Sacharja mit seinem ganz speziellen „Freut euch!“ so aktuell wie in diesem Jahr.
Da sagt einer: Freut euch! Freut euch auf den König.
Und die Menschen haben all die Erwartungen von ihrem König im Kopf – und es kommt ganz anders.
Freut euch! Freut euch auf Weihnachten!
Und sofort haben wir Bilder von Weihnachten in Kopf – und es wird ganz dieses Jahr ganz anders kommen.
Unsere Bilder von Weihnachten, das sind ja: Großfamilien, die miteinander feiern, die durch ganz Deutschland reisen, um sich zu sehen, das sind volle Kirchen, in denen wir aus vollem Hals „o du fröhliche“ singen, das sind Umarmungen und einfach Nähe. Nichts wird so sein.
Alles leiser, kleiner, armseliger, demütiger.
Vielleicht damit diesem König, den Sacharja beschreibt, näher?

Freut euch! Sagt uns Sacharja in diesem Winter 2020 – Freut euch, denn Gott kommt. Die Weihnachts­botschaft lässt sich nicht aufhalten. Gott hat kein Besuchsverbot. Und vielleicht haben wir ihn selten so gebraucht wie in diesem Jahr. Man kann Freude eigentlich nicht befehlen – oder man kann diesen Befehl zumindest nicht so einfach erfüllt. Aber ich wünsche uns allen, dass die Freude über Gottes Ankunft nicht daran hängt, wie wir seinen Empfang gestalten können oder auch nicht, sondern dass wir seine Nähe feiern. Möge diese Freude eine hohe Reproduktionzahl entwickeln, möge sie schlicht und ergreifend uns all anstecken. Amen.