Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gartenarbeit zu zweit

Gartenarbeit zu zweit

Predigt am 20. September 2020
Pastorin

Andrea Busse

15. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu 2. Mose 4-9+15-25

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

in dieser Kirche ist schon unendlich oft der Anfang des Lebens gefeiert worden. Hier an diesem Taufbecken. Letzten Sonntag, nächsten Sonntag auch wieder. Da kommen dann die stolzen Eltern mit ihrem relativ Neuge­bore­nen und man hat deutlich vor Augen, was das heißt, wenn ein Leben beginnt. So winzig und unschuldig, so schutzbedürftig und so abhängig. Ein Baby, das ist Grund für unglaubliche Glücksgefühle – für totale Über­mü­dungs­zustände – für große Dankbarkeit. So viele Chancen, so viele Möglichkeiten, die vor diesem Wesen liegen, so vieles noch offen.

Heute feiern wir den Anfang des Lebens. Nicht von einem Baby, einem Täufling, sondern von uns, von unseren Vorfahren und Vorvorfahren, den Anfang des Lebens der Menschheit schlechthin. Wir haben die Erzählung vorhin in der Lesung gehört. Der erste Mensch wird geschaffen. So unschuldig. So abhängig von seinem Schöpfer. So versorgungsbedürftig. So viele Möglichkeiten liegen vor ihm, so vieles noch offen in dieser Erzählung.

Wir wissen natürlich, was daraus wird, was die bib­lischen Geschichten weiter erzählen. Der Baum der Erkenntnis ist ja schon gepflanzt, und weil später der Mensch davon isst, können wir Dinge erkennen.

Wir können z.B. auch erkennen, dass diese Erzählung kein Tatsachen­bericht über die Entstehung des men­schlichen Lebens ist. Das hat die Naturwissenschaft natürlich längst ganz anders erforscht. Das wussten auch schon die Menschen, für die diese Erzählung geschrieben wurde, auch wenn ihr Weltbild ein ganz anderes war. Es ging bei dieser Erzählung nie um die möglichst präzise Beschreibung des Anfangs, sondern es ist eine Geschichte, die aufhellen will, warum das Leben der Menschen jetzt so ist, wie es ist: nämlich nicht para­diesisch. Sondern schön und schwierig, wunderbar und mühsam, voll erstaunlicher Liebe und abschreckender Grausamkeit. So wie es auch mit einem neugeborenen Kind ist: unglaublich beglückend und manch­mal bis an die Belastungsgrenzen anstrengend.

Eine Schöpfungsgeschichte also, die dafür geschrieben wurde, etwas zu erklären – eine von zwei verschiedenen Erklärungen in der Bibel. Unzählige solcher Schöpfungs­geschichten sind schon erzählt worden und werden es noch, nicht nur die beiden biblischen. Ich kenne noch eine andere:

Mein Großgroßonkel hatte von Geburt an ein lahmes Bein. Und weil er nicht gut laufen konnte, saß er stundenlang in der Natur und beobachtete Tiere, am liebsten Schmetterlinge. Als ihn einmal eine Enkelin – genervt, davon, dass sie bei den Schmetterlingen stillsitzen sollte – fragte, warum er sein Bein nachzieht, erklärte er es ihr so: „Als bei der Schöpfung die Beine verteilt wurden, habe ich das erste Bein bekommen, das ist mein gutes, linkes. Dann musste ich ein bisschen auf das zweite Bein warten, und während ich da auf einem Bein stand, flog ein wunderschöner Schmetterling vorbei und ich drehte mich um und – verpasste das zweite Bein, das bekam dann jemand anderes. Aber Gott hatte schließ­lich Mitleid mit mir und wollte mich nicht so einbeinig dastehen lassen, deswegen gab er mir das letzte Bein, das er noch hatte. Das war nicht ganz in Ord­nung, ein bisschen schwächer, so dass ich es immer nach­ziehen muss. Aber weißt du was? Ich mag es ganz besonders, denn wegen dieses Beines konnte ich nicht in den Krieg. Das hat mir wohl das Leben gerettet!“

So kursiert diese etwas andere Schöpfungserzählung in meiner Familie. Natürlich frei erfunden. Vielleicht hatte mein Großgroßonkel bei der Geburt einen Sauerstoff­mangel, keine Ahnung, sicher gibt es eine naturwissen­schaftliche Erklärung, aber die ist gar nicht wichtig. Obwohl seine Schöpfungsgeschichte frei erfunden ist, ist sie doch wahr. Denn sie berichtet das Entscheidende: Sie erzählt, dass Gott für ihn gesorgt hat!

Was also ist entscheidend an der biblischen Erzählung vom Anfang, wie wir sie gehört haben?
Mir sind daran 5 Punkte wichtig, die ich heute mit Ihnen teilen will:

Zum einen: Gott ist der Anfänger schlechthin. Er ist der, der alles ins Leben ruft. Alles was ist, geht auf ihn zurück. Alles Leben ist und bleibt göttliches Geschenk. Auch wenn ein Kind von seinen Eltern geplant, gezeugt, ausgetragen, geboren wird – so empfinden es doch gerade junge Eltern als Geschenk und nicht verfügbar ihrem Planen und Handeln. Der Mensch bringt sich eben nicht selbst zur Welt, sondern es ist eine Zuwendung von anderwärts.

Uns wird zweitens das Leben eingehaucht. Gottes Hauch ist unser Atem. Wie wäre das, wenn wir das immer mal wieder in Erinnerung rufen, dass Gott in unserem Atem gegenwärtig ist, in jedem einzelnen Atemzug. Gott gegenwärtig bei dem, was uns so selbstverständlich erscheint, weil es in allem, was wir tun, so unscheinbar dabei ist. Gottes Gegenwart erschließt sich eben nicht unbedingt nur, wenn wir daran denken oder danach suchen, sondern sie ist einfach schon da in unserem Leben, ganz leibhaftig, alltäglich, selbstverständlich und lebensnotwendig. Einatmen – Ausatmen – jeder Zug eine Erinnerung an unseren Anfang durch Gott. An seinen Hauch.

Und dann – das ist mein dritter Punkt, der mir wesent­lich erscheint – wurde der Mensch nicht nur geschaffen, sondern gleich versorgt. In einen Garten gesetzt. Sonne und Regen, Wasser und Früchte in Hülle und Fülle. Es ist grün, es blüht, bunte Blumen und Beeren. Vögel unter dem Himmel und Tiere auf dem Feld. Es zwitschert in den Zweigen und raschelt im Gebüsch. Paradiesisch eben. Und mittendrin der Mensch. Alles ist da, damit der er gut leben kann.
Oder doch nicht? „Es ist nicht gut“, heißt es. „Es nicht gut, dass der Mensch allein sei“. Was nützt ein Paradies, wenn man einsam ist. Wenn es nur zwitschert und gurrt und knurrt, aber keiner redet, zuhört, teilt, streichelt. Gott sieht das Problem und sorgt für Abhilfe. Er schafft dem Menschen ein Gegenüber. Jemand, der ihm eine Hilfe ist, ihn ergänzt, so ist wie er. Jemand, der zu ihm gehört.

Diese Verse, die beschreiben, wie Gott den ersten Men­schen in Schlaf fallen lässt und aus der Rippe die Frau schafft – sie haben eine ungeheure – und zwar oft schwierige – Wirkungsgeschichte entfaltet. Sie wurden lange Zeit so interpretiert, dass die Frau dem Mann unter­geordnet ist, als zweite geschaffen, als seine Hilfe, die „Männin“, wie Luther übersetzte. Und wohl noch länger wurden diese Verse gelesen als Begründung dafür, dass es Mann und Frau gibt, zwei Geschlechter und zwar nur zwei, eindeutig identifizierbar. Glücklicher­weise ist es inzwischen üblich, dass z.B. bei Stellen­aus­schreibungen neben m für männlich und w für weiblich noch ein drittes, z.B. d für divers in der Klammer steht. So schlicht in zwei Hälften ist die Menschheit eben doch nicht zu teilen.
Ich glaube, dass die Unterordnung der Frau unter den Mann oder die Festlegung auf zwei Geschlechter auch nie die Aussage des Textes war. So wenig, wie mein Großgroß­onkel Schmetterlinge dafür diskriminieren wollte, dass sie ihn von der Verteilung der Beine ab­lenkten. Die Aussage, die meines Erachtens im Vorder­grund dieser „Rippensache“ steht ist schlicht: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht zum Leben Kontakt, Beziehung, Gemein­schaft. Sein soziales Bedürfnis ist von Anfang an da. Das ist die vierte ganz entscheidende Aussage dieser Erzählung. Und wie schwierig das ist, wenn dieses Bedürfnis über längere Zeit nicht erfüllt werden darf, das lehren uns diese Wochen und Monate mit Corona.

Und das fünfte, was mir an diesem Schöpfungsbericht wichtig ist, bezieht sich noch einmal auf die Beziehung von Gott und Mensch. Gott sorgt für den Menschen, aber er behandelt ihn nicht als Baby. Er versorgt ihn nicht komplett, er versorgt ihn so, dass er sich selbst versorgen kann. „Und Gott der Herr nahm den Men­schen und setzt ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ Gott gibt uns Menschen einen Auftrag, eine Verantwortung, nämlich: Gartenarbeit zu zweit. Also: Gemeinschaftlich seinen Garten, diese Erde, zu bebauen und bewahren. Und bei dieser Aufgabe – so scheint mir manchmal – sind wir Menschen immer noch blutige Anfänger… oder vielleicht müsste man deutlicher sagen, da haben wir richtig versagt.

Gartenarbeit ist nicht jedermanns Sache. Gartenarbeit ist echt ein Knochenjob und einer, der einem im buch­stäblichen Sinne über den Kopf wachsen kann. Ich erinnere mich an das erste Pastorat, in dem wir gelebt haben – in Kiel. Ein wunderschöner großer Garten – leider voller Brennnesseln und Girsch. Das Zeug, das wuchert ohne Ende. Wir waren völlig überfordert. Mit der globalen Gartenarbeit scheint die Menschheit auch kom­plett überfordert – zumindest solange Bebauen und Be­wahren immer noch als Ausbeuten verstanden wird. Ja, da haben wir eine Aufgabe und das kann uns und muss uns Sorge bereiten.

Heute startet die ökumenische Initiative „Churches für Future“, die sich mit der Bewegung „Fridays for Future“ solidarisiert, eine Aktionswoche zum globalen Klima­streik. Ein Jahr nach dem bislang größten welt­weiten Klimaprotest soll es eben am kommenden Freitag viele, viele Aktionen geben, um uns daran zu erinnern, dass es unser Auftrag ist, Gottes gute Schöpfung zu bewahren.

Wir können leider den Zustand unserer Welt nicht zurückdrehen auf Anfang, auch wenn wir das gerne würden. Aus dem Paradies sind wir vertrieben und „nach uns die Sintflut“ ist kein Lebensmotto, wenn auch die Kinder, die hier nächsten Sonntag und an den Sonn­tagen danach getauft werden, noch gut auf dieser Erde leben sollen. Die Gartenarbeit auf unserer Erde müssen wir übernehmen, und das geht nur zu zweit, bzw. gemeinschaftlich. Wenn wir uns die Bolsonaros dieser Erde angucken, dann scheint das manchmal aussichts­los. Aber wir dürfen und müssen uns nicht entmutigen lassen.

Und dabei hilft mir dieser Schöpfungsbericht. Das „Bebauen und Bewahren“ ist nämlich Punkt 5 meiner sicher sehr subjektiven Liste: Davor steht, dass Gott der Ursprung aller Dinge ist, dass er gegenwärtig ist und uns nicht allein lässt, dass er uns versorgt mit dem, was wir brauchen, und uns andere Menschen zur Unterstützung an die Seite stellt. So ausgerüstet, können wir auch Verantwortung für unsere Erde übernehmen. Machen wir uns also an die Garten­arbeit zu zweit, zu dritt zu viert, zu vielen. Tun wir es mit der nötigen Sorge und Sorgfalt – vielleicht besonders in dieser Woche, aber natürlich auch darüber hinaus. Gartenarbeit braucht einen langen Atem, den hat Gott uns eingehaucht. Amen.