Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Geist gegen Gesetz

Geist gegen Gesetz

Predigt am 25. Oktober 2020
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

25. Oktober 2020 (20. So. n. Trin.)

Predigt zu Markus 2, 23–28

Gnade sei mit euch und Friede von Gott!

Es sieht aus wie ein Sonntagsspaziergang: Jesus und die Jünger gehen durch Kornfelder, wahrscheinlich von einem Dorf zum anderen. Sie streichen mit den Händen durch die Ähren. Und dann fangen sie an, Ähren abzureißen und die Körner herauszupulen. Die Pharisäer müssen gesehen haben, wie die Jünger ankamen, Hände und Mund voll. Und dabei war es doch Sabbat, der 7. Schöpfungstag, der Ruhetag – an dem man sich ausruhen soll, wie Gott sich ausruhte, nachdem er alle seine Werke getan hatte.

Heute, in unsere Gesellschaft hinein ist diese Erzählung gar nicht so leicht zu übersetzen: welche Strenge ein religiöses Gebot haben kann. Meine Großmutter beachtete noch streng, am Sonntag keine Wäsche zu machen oder bloß nichts draußen aufzuhängen, am Freitag Fisch zu kochen, in der Adventszeit – der Fastenzeit vor Weihnachten – von den Plätzchen allenfalls sonntags zu naschen, um sie aufzuheben für das große Fest.

Von solchen religiös motivierten Regeln oder Bräuchen ist heute bei uns gesamtgesellschaftlich kaum noch etwas zu spüren. Deshalb habe ich im Vorwege zu dieser Predigt mit verschiedenen Menschen über diesen Text gesprochen, über diesen Spitzensatz, um zu hören, wie sie ihn verstehen:

Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.

(Markus 2, 27)

Einem Arzt, Neurologe, fiel dazu eine Szene aus dem Krankenhaus ein: Eine junge Patientin ist an Multipler Sklerose erkrankt; sie hatte bereits mehrere Schübe. Es wäre sinnvoll, sie einer Immun-Therapie zu unterziehen, die mittelfristig ihr Abwehrsystem stärkt. Aber die Patientin lehnt dies ab. Bei früheren Behandlungen ging es ihr zunächst deutlich schlechter als sonst. Sie möchte nicht, dass ihre Lebensqualität noch mehr beeinträchtigt wird.

Der Arzt bezog die Frage nach dem Sabbatgebot auf das ärztliche Gebot und seine Pflicht, Menschen zu heilen. Medizinische Kenntnisse und Möglichkeiten „um der Menschen willen“ einzusetzen. Dagegen setzt die Patientin ihren eigenen Willen, ihr subjektives Empfinden, ihren persönlichen Zustand.

Manche von Ihnen werden diesen Zwiespalt kennen aus der Begleitung von Menschen, die an Krebs erkrankt sind, von hochaltrigen oder schwerstkranken Patienten. Wie unklar und auch höchst strittig es sein kann, ob und welche medizinischen Maßnahmen sinnvoll sind. Wie sich eine bestimmte Therapie oder ein Eingriff zur Lebensqualität, zu den Wünschen und Prägungen eines Menschen verhält.

Ich befragte auch eine freiberufliche Psychologin zur biblischen Geschichte vom Sabbat. Sie antwortete darauf mit ihrem eigenen Arbeitsalltag: wie sie oft mehr als 50 Stunden in der Woche arbeitet. Therapiestunden morgens von 8:15 Uhr bis 21:00 Uhr, manchmal auch samstags. Telefonate, Abrechnungen, Gutachten, Intervision und Fortbildungen. Seit einiger Zeit überlegt sie, weniger zu arbeiten, 30-40 Stunden in der Woche.

Sie fragt sich: Wäre das möglich? Was würden andere von ihr denken? Ist sie nicht belastbar genug? Darf sie sich das herausnehmen, wo doch so viele Menschen auf Therapieplätze warten? – „Aber“, sagte sie, „die Arbeit ist doch auch für den Menschen da, und der Mensch nicht nur für die Arbeit.“ Das sei doch der Sinn des Sabbats, oder?

Mit einer dritten Person sprach ich, die lange in der Hotellerie gearbeitet hat. Zum Thema Sabbat fiel ihr gleich das Ladenschlussgesetz ein. Das strikte Verbot der Ladenöffnung am Sonntag war für sie, die lange Arbeitstage und nur sonntags frei hatte, ein echtes Problem. Verkaufsoffene Sonntage, wie der heutige, dagegen eine Chance, einmal in Ruhe einkaufen zu können, und nicht nur hektisch kurz vor oder nach Arbeitsschluss.

Offenbar passen allzu feste Regeln für Arbeits- und Schließzeiten einfach nicht für alle. Es gibt viele Berufsgruppen, die nachts, am Wochenende oder im Schichtdienst arbeiten. Wann haben sie Pause und mit wem zusammen?

Und selbst wenn wir annehmen, dass ein gesetzlich geschützter Sonn- oder Ruhetag sinnvoll ist, bleibt immer noch umstritten, wie er zu füllen ist. Was erlaubt und zugänglich sein soll – auch zu Lasten der Arbeitskraft anderer: Restaurant- und Café-Besuche, Fitnessstudios, öffentlicher Nahverkehr, Ausstellungen, Theater, Sportveranstaltungen…

Was Menschen brauchen, um den Sonntag als Ruhetag oder einen freien Arbeitstag wie einen Sonntag genießen, sich entspannen und wirklich Pause machen zu können, ist unterschiedlich.

Für viele von uns, die wir heute hier sind, gehört der Gottesdienst dazu. Der uns vielleicht einstimmt in ein anderes Hören und Sehen, in ein anderes Tempo, andere Blickwinkel und Klänge, als wir sie im Alltag haben. Der uns hilft, uns immer wieder neu in Beziehung zu Gott und zueinander zu setzen.

Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.

 

(Markus 2, 27)

Für mich haben sich zu diesem Satz zwei Fragen herauskristallisiert: zum Einen die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis zwischen Gebot und Mensch. Wie rigide sind bestimmte Gesetze auszulegen, in welcher Konsequenz sind sie auf einzelne Fälle und Menschen zu beziehen.

Im Predigttext, wie in vielen anderen biblischen Szenen, können wir Jesus als jemand erleben, der für Ausnahmen oder Abwägungen eintritt – ohne dass er dabei Gesetze außer Kraft setzt. Er schafft den Sabbat nicht ab. Er argumentiert aber, dass, wer Hunger hat, so etwas tun darf wie Ährenabreißen und Ernten, selbst wenn er dadurch ein Gesetz über ein anderes stellt. Er argumentiert mit einem ganz grundlegenden menschlichen Bedürfnis.

Ich sehe dies als ein Beispiel für eine christliche Haltung, bei der es darum geht, dass wir immer wieder nach dem richtigen Verhältnis zwischen sinnvollen, allgemeingültigen Gesetzen und menschlicher Freiheit, menschlicher Würde und menschlichen Lebensbedingungen fragen.

Eine christliche Haltung, die sich zum Beispiel in den Ethik-Komitees spiegelt, die es seit einigen Jahren in Krankenhäusern gibt. Dort werden Fälle diskutiert, bei denen Therapiemöglichkeiten, Prognosen, juristische Vorgaben und Wünsche der Patienten im Konflikt miteinander stehen. Sodass behandelnde Ärztinnen, Pflegekräfte, Seelsorgende und Familienangehörige gemeinsam überlegen: Was dient diesem Menschen in dieser Situation?

Ähnliches gilt für manche Regeln in Schulen, Seniorenheimen oder Gefängnissen, im Blick auf Arbeitszeiten und -bedingungen, auf das Asylrecht oder das Betreuungsgesetz: dass es an uns Christinnen und Christen ist, immer wieder laut danach zu fragen, was den Menschen dient – ohne dass wir immer schon genau die Antwort wüssten. Aber dass wir die Frage wachhalten, gegen alle vermeintlichen finanziellen Zwänge, Standards oder Leistungsvereinbarungen: die Frage nach der Freiheit und Würde von Menschen und nach ihrer sozialen und religiösen Bezogenheit.

Das andere Thema, das mich bewegt, ist das des Ruhetages, der Pause und Unterbrechung. Aus der jüdisch-christlichen Tradition heraus verstehen wir den Sonntag so, dass Gott, der sich selbst am 7. Schöpfungstag von seinem Wirken und Schaffen ausgeruht hat, auch den Menschen als seinen Ebenbildern einen Ruhetag verordnet.

Ein schönes Bild, finde ich, dass wir, so wie Gott damals im Paradies umherspaziert ist, am Sonntag im Garten, in der Natur herumgehen und uns erholen und ausruhen… Dass wir für uns wieder einen Bezug zur Schöpfung herstellen.

Dieses Bedürfnis nach Pause, nach Ruhe und Auszeiten ist heute nicht verschwunden. Es wird bloß in unserer Gesellschaft nicht mehr religiös begründet, sondern eher gesundheitlich, sozusagen präventiv-medizinisch, oder sozial und kulturell: dass Regeneration, Erholung, soziale Kontakte oder der Besuch kultureller und sportlicher Veranstaltungen wichtig sind und uns guttun.

Der besondere Blick, den wir als Christen auf den Sonntag, auf Unterbrechung, Stille, Rückzug und Nichtstun werfen können, bezieht in diese Gedanken auch die religiöse Dimension mit ein.

Dass Auszeiten und Andersorte nötig sind, dass wir besondere Räume, Klänge und Worte brauchen, um uns immer wieder neu in Beziehung zu Gott und zur Schöpfung zu setzen. Um uns selbst und unsere Nächsten in den Blick zu nehmen. Um einen inneren Raum aufzuspannen und ins Gegenüber, ins innere Gespräch zu treten über die Themen, die uns auch beschäftigen, aber im Alltag oft keinen Platz finden. Die zwischen uns und unseren Mitmenschen stehen, zwischen Erde und Himmel gehören. Unsere Liebe, unsere Angst, unsere Versäumnisse oder unsere Hoffnungen… Unsere Frage danach, wozu wir von Gott gerufen sind.

Raum, Zeit und Ruhe, dass Gottes Geist in uns einziehen kann, der uns hilft, zu Zeugen der Freiheit und der Liebe Gottes werden. Für Gottes liebevollen Blick, der immer danach sucht, was um der Menschen willen zu tun und zu lassen sei.

So ist es uns im 2. Korintherbrief verheißen:

Ihr seid ein Brief Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln der Herzen.

(2. Korinther 3, 3)

Briefe der Liebe, Botschafter der Freiheit und Anwältinnen der Menschlichkeit Gottes.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.