Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Geistreich

Geistreich

Predigt zu Pfingsten
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Pfingstsonntag, 5. Juni 2022

Predigt zu Apostelgeschichte 2, 1–19

Apostelgeschichte 2, 1–19

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen:

Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist: 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. 19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Pfingstgemeinde!

Vor einigen Jahren habe ich einen Seniorennachmittag zum Thema „Glück“ gemacht. Ich habe die Besucherinnen und Besucher gefragt: „Was war der glücklichste Moment in Ihrem Leben?“ Fast alle älteren Frauen haben geantwortet: „Als meine Kinder geboren sind.“ Und einige haben gesagt: „Als mein Mann aus dem Krieg zurückkam.“ Auch einige Männer nannten diesen Moment, als sie nach dem Krieg wieder ihr Heimatdorf erreichten oder vor der Tür ihres Elternhauses standen. Andere erinnerten ihre Verlobung oder Hochzeit.

Starke Erinnerungen an besonders glückliche Momente, in die sich oft auch noch andere Gefühle mischten: Stolz, Anstrengung, Erleichterung oder auch Gefühle von Verwirrung Der berühmte russische Theaterlehrer Konstantin Stanislavski hat den Begriff von „emotional memories“ aufgebracht. Auf Deutsch: „emotionale Erinnerungen“ oder das „emotionale Gedächtnis“. Heute wird der Begriff auch in der Neurologie gebraucht. Seinen Schauspielschülerinnen und -schülern empfahl Stanislavski, mit eigenen Gefühlserinnerungen zu arbeiten: “that type of memory which makes you relive the sensation you felt when your father died.“

 

(https://www.wondriumdaily.com/what-is-emotional-memory/, 04.06.2022)

Um gut Theater zu spielen, um sich in den Charakter, die Situation einer anderen Person gut hineinzuversetzen, sie möglichst lebendig darzustellen, sollten die Schauspieler auf ihre eigenen „emotional memories“ zurückgreifen, auf besonders gefühlsstarke Erlebnisse.

Die großen Feste unserer christlichen Tradition – Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten – bergen alle spezifische „emotional memories“, die uns als Gemeinschaft verbinden.

Das beliebteste, glücklichste Fest ist zweifellos Weihnachten, Jesu Geburt. Weit verbreitet, mit unzähligen Bräuchen, Liedern und Speisen behaftet. Es gibt wohl niemand unter uns, der nicht einen Heiligabend aus der Kindheit in sich wachrufen könnte – den berühmten Blick durchs Schlüsselloch oder den Klang des Weihnachtsglöckchens – mit all den dazugehörigen Gefühlen von Spannung, Vorfreude, Kichern und Gerangel mit den Geschwistern. Weihnachten wie ein kollektives Glücksfest, in das sich unsere Freude über alle Neugeborenen, über die glücklichen Geburten von Kindern im Familien- und Freundeskreis und vielleicht auch über unsere eigene Geburt mischen.

Pfingsten, das Fest, das wir heute feiern – 50 Tage nach Jesu Tod und Auferstehung – hat es naturgemäß schwerer, in uns gefühlsmäßig Platz zu finden. Denn es geht um so etwas Flüchtiges und Luftiges wie den Heiligen Geist. Viel abstrakter als die Geburt eines Kindes oder der Tod eines jungen unschuldigen Menschen.

Pfingsten, so wird es uns in der Apostelgeschichte erzählt, geschieht etwas Unbegreifliches: „ein Brausen vom Himmel, wie von einem gewaltigen Sturm“, „Zungen, zerteilt wie von Feuer“, und dann erhebt sich brodelnd, laut und durcheinander ein Stimmengewirr. Der Heilige Geist ist da!

Von den Bildern und Eindrücken her ist das Pfingstgeschehen emotional verworren, gegensätzlich oder zumindest sehr gemischt: Ängstlich und eingeschüchtert werden die Jünger damals in Jerusalem gewesen sein. Erschrocken, als ein Sturm durch das Haus stob, in das sie sich zurückgezogen hatten, als Feuerflammen über ihren Köpfen im Raum erschienen. Möglich, dass sie sich insgeheim fragten, ob nach Jesu Tod jetzt nicht doch das Ende der Welt anbrach?

Dann die Irritation der anderen, als draußen auf den Straßen alle durcheinander redeten, in den verschiedensten Sprachen. Verwirrung, Chaos. Auch das wird in den meisten eher unangenehme Gefühle ausgelöst haben. Vielleicht so ähnlich, wie wenn man im Gedränge in einem überfüllten Bahnhof steckt oder im Gewühl auf einem exotischen Marktplatz, und man versteht weder die Sprachen, noch die Gesten und Bräuche, auch die Gerüche und Farben sind fremd.

Und dann der Moment des Verstehens: „Ich verstehe die anderen wie in meiner eigenen Sprache. Ich höre Stimmen, Klänge, Worte, die mir vertraut sind.“ Unruhe, Fremdheit, vielleicht Angst und Überforderung legen sich. Verstehen und Vertrauen stellen sich ein. Ein Kontakt, der verbindet und beruhigt.

Das sind die ersten Geistesgaben, die ersten Wirkungen, die Menschen dem Heiligen Geist zugeordnet haben: Verständigung und Verbindung.

Wenn wir dieses Geschehen als „emotional memory“ unserer Tradition, als unser „emotionales Gedächtnis“ zu fassen versuchen, welche Gefühle, Bilder und Erinnerungen gehören wohl für uns dazu? Welche Erlebnisse kennen wir, wo sich brodelnde Unruhe, Chaos und Fremdheit in Verständigung und Verbindung verwandelt haben? Wo wir uns zunächst fremd und allein fühlten und dann doch einer Gruppe zugehörig, auf- und angenommen, verstanden.

Nicht zufällig gibt es schon in der biblischen Pfingstgeschichte die Frage, ob nicht alle, die da durcheinanderreden und sich zu verstehen meinen, betrunken sind. Das Rauschhafte, die Entgrenzung gehören sicher zu unseren „emotional memories“ von Pfingsten dazu: zu Bockbier und Maibäumen, Zeltlagern, Grillfesten, Open-Air-Konzerten… Endlich wieder draußen sein, wie gestern, mit vielen feiern, tanzen, essen und trinken. Eine großzügige, fröhliche Feststimmung, bei der die verschiedensten Menschen dazugehören dürfen, um ein Feuer, einen Grillplatz, eine Band…

Die Nordkirche hat ihr großes Gründungsfest vor zehn Jahren auf Pfingsten gelegt: Als aus der Nordelbischen, der Mecklenburgischen und der Pommerschen Landeskirche eine gemeinsame evangelisch-lutherische Kirche in Norddeutschland wurde und Tausende sich zum Feiern auf der Dominsel in Ratzeburg versammelten, Chöre, Bläser, Gemeinde- und Jugendgruppen…

Ich denke auch an das große Tauffest an der Elbe Pfingsten 2019, als 500 Täuflinge in der Elbe getauft wurden, knapp 100 Pastorinnen und Pastoren und mehrere Hundert Patinnen und Paten im Einsatz waren zwischen Biertischen und Picknickkörben und einem ziemlich kühlen norddeutschen Pfingstwind.

Oder an den großen Segnungsgottesdienst vor zwei Wochen in Berlin-Neukölln, als das Segensbüro alle Paare, die wollten, zu einem Pop-Up-Hochzeitsfestival eingeladen hatte: alt und jung, verheiratet und unverheiratet, muslimisch und christlich, hetero- und homosexuell. 72 Paare ließen sich segnen – ohne Beschränkungen, Gesetze und Vorschriften.

Große Feste, ob in der Kirche, auf dem Festivalgelände oder im Park, wo wir den Heiligen Geist spüren und „geistreich“ sind, weil wir seine Geistesgaben in Fülle haben: Verständigung, Verbindung, Fröhlichkeit – zu der oft auch etwas Überbordendes, Entgrenztes gehört.

Und ich glaube, wir wissen auch, dass dies die großen Beispiele oder die lauten Erlebnisse mit der Kraft des Heiligen Geistes sind. Dass Verbindung und Verständigung auch leiser, alltäglicher und unbemerkter geschehen – und wir spüren dennoch deutlich, was der Heilige Geist bewirken, wie er Menschen verbinden kann.

Ich denke an eine Begegnung in der letzten Woche, als wir einer Ukrainerin und ihrem jugendlichen Sohn die kleine Wohnung für Geflüchtete in unserem Gemeindehaus gezeigt haben, die zum 1. Juli wieder frei wird. Und als ich sie fragte: „What do you think about the appartment?“, fing sie an zu weinen und sagte: „You can see.“ Weinend und lächelnd sagte sie: „Du kannst sehen, was ich denke.“

Verbindung und Verständigung, die zwischen Fremden geschehen kann, zwischen Menschen verschiedener Sprache, verschiedener Kulturen oder Milieus.

Der Heilige Geist wie eine Brücke zwischen Menschen, mal laut und mitreißend wie ein Sturmwind, mal leiser und intimer, eher wie ein Lufthauch. Der uns anrührt und miteinander verbindet, dass wir uns durch Gottes Geistkraft verstehen. Geistreich, geistesgegenwärtig oder begeistert von dem Verständnis und der Verbundenheit, die Gott uns schenkt.

Hütet eure „emotional memories“, dass wir erkennen und feiern, wenn der Heilige Geist da ist, mitten unter uns! Amen.