Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gelobet seist du, Jesus Christ

Gelobet seist du, Jesus Christ

Predigt am 1. Weihnachtstag
Pastorin

Andrea Busse

Festgottesdienst am 25. Dezember

Predigt zur Bachkantate und zu Johannes 1, 1–14 und

Predigttext:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, damit er von dem Licht zeuge, auf dass alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.(Johannes 1, 1-14)

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der von Anfang an war, der einst einen Anfang für diese Erde setzte und – einen Neuanfang für uns. Amen.

Sie merken es schon: Um Anfänge geht es heute. „Am Anfang war das Wort“. So beginnt alles. So beginnt es, als Gott – am Anfang – Himmel und Erde schuf. Er tut es durch sein Wort: Gott sprach „Es werde“ und es ward. Zuallererst ward Licht. Und dann Himmel und Erde, Land und Meer, Tag und Nacht, Pflanzen und Tier und der Mensch. Alles geschaffen durch Gottes Wort. Seine Worte schaffen Wirklichkeit.
Und als Gott den Menschen erschaffen hat, redet er zu dem Menschen: Er redet viele Worte. Er sagt ihm, wo’s lang geht. „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten.“ Und damit der Mensch auch genau weiß, was er halten soll, sagt Gott es ihm ganz einfach: in 10 Worten, die wir Gebote nennen.

Aber weil die Menschen die Worte vergessen, nicht wahrhaben wollen, eben nicht in Realität umsetzen, sondern Worte Worte sein lassen, göttliches Geschwätz, deswegen schickt Gott seine Propheten, damit sie zu den Menschen sprechen. Damit sie benennen, was ist – nämlich oft nichts Gutes: Krieg und Krise – und was sein sollte und was Gott für die Menschen wünscht, nämlich Gerechtigkeit und Friede. So beschreibt auch Jesaja, was ist: ein Volk, das im Finstern wandelt. Stiefel, die mit Gedröhn einhergehen, Mantel, durchs Blut geschleift. Und was sein sollte: Frieden ohne Ende auf dem Thron Davids in Israel, gestärkt und gestützt durch Recht und Gerechtigkeit. Aber auch die Worte der Propheten verhallen meist ungehört. Notfalls werden sie sogar mundtot gemacht, die die Gottes Worte den Menschen bringen sollen.

Worte – so wirkungsvoll, dass sie Himmel und Erde und uns geschaffen haben.
Und dann wieder Worte – so wirkungslos – da rein, da raus.

Was nun, Gott? Du sprichst: „Es werde licht“, aber bei uns sieht es ganz schön duster aus. Wenn Worte nichts helfen, dann vielleicht die Tat. Schon Goethe lässt Faust so übersetzen:

„Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort!
Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen.“

Und dann schließlich:

„Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“

Die Tat also. Nicht reden, handeln. Wer nicht hören will, muss fühlen: Eine Sintflut vernichtet die Menschen, die nicht auf Gottes Wort hören. Genutzt hat es nichts. Strafen sind – das weiß die Pädagogik inzwischen – keine guten Lehrmeister. Der beste Lehrmeister ist eine Lehr­meisterin: nämlich die Liebe. Was Menschen bewegt, was Menschen verändert, was Menschen gut sein lässt, ist – wenn sie lieben. Das können wir Menschen schon: einander lieben. Nicht immer, nicht alle, aber immer wieder und die Sehnsucht danach ist groß.
Liebe hat allerdings etwas mit Nähe zu tun. Liebe möchte nicht abstrakt bleiben. Sie möchte körperlich werden, anfassen können, spüren. Einen Gott lieben, der so weit weg ist, nicht greifbar, ein abstrakter Gedanke? Kann man den lieben? Das hat sich offensichtlich auch Gott gefragt und entschieden einen Neu-Anfang zu setzen. Uns nahe zu kommen, Greifbar zu werden, spürbar, Fleisch und Blut. Mensch. Das ist Weihnachten.

Man hat das unterschiedlich beschrieben. Lukas hat von einem Baby erzählt und das gleich richtig gut in Szene gesetzt: In Stall und Krippe, mit Hirten und Königen und Engeln drumherum. Schön anschaulich. Worte, die uns ans Herz gehen. Johannes hat es anders ausgedrückt:

„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herr­lichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voller Gnade und Wahrheit.“

Johannes formuliert das alles ein bisschen abstrakter und intellektueller. (Vielleicht kam er aus Harveste­hude). Aber ich finde, er macht es eigentlich auch ganz anschaulich: Johannes ist ein Fan von Lichtspielen. Licht und Finsternis – das zieht sich durch sein ganzes Werk. Das Wort, das spricht: „Es werde Licht“, das wird selbst Licht und bringt den Menschen das Licht. Das hat sich schon auch durchgesetzt in unserer Art, Weih­nachten zu feiern. Wir erleben diese dunkle Jahreszeit, die kurzen Tage und langen Nächte, das schummrige Licht, das wir Stück für Stück mit den Adventskerzen, mit den Lichtern am Weihnachtsbaum, mit all der leuchtenden und strahlenden Dekoration aufhellen. Da kommt Licht ins Dunkle, das wird erlebbar in dieser Zeit. Und Johannes stellt uns die Frage, ob wir’s ergreifen, dieses Licht, oder vielleicht besser, ob es uns ergreift, ob es uns auch innerlich hell und licht macht.

Für manche sind seine Worte vielleicht zu schwer, zu abge­hoben, nicht mehr gut verständlich in unserer Zeit. Worte berüh­ren unser Herz mehr, wenn man sie singt. Auch die Weih­nachts­­botschaft wurde schon immer gesungen – und hat, so vermute ich, gesungen schon immer mehr Menschen erreicht und ergriffen. In den Klöstern z.B. wurde die Geburt Jesu schon früh besungen. Im 14. Jahrhundert dann haben Zister­zien­se­rinnen im Kloster Medingen das angestimmt, was wir gerade gehört haben:

„Gelobt seist du, Jesus Christ, dass du Mensch geboren bist“.

Auch Luther war, wie wir wissen, ein großer Fan von Musik und hat an diese eine Strophe aus dem Kloster Medingen gleich sechs weitere angehängt, die das besingen, was Johannes, vielleicht ein bisschen verkopft, beschrieben hat:

„Das ewig Licht geht da herein,
gibt der Welt ein neuen Schein,
es leucht wohl mitten in der Nacht
und uns des Lichtes Kinder macht.“

Wir finden das Lutherlied noch heute in unserem Gesangbuch.

Und 200 Jahr später hat Johann Sebastian Bach weiter­ge­macht, hat das Lutherlied als Ausgangpunkt genommen für seine Kantate zum Ersten Weihnachtstag 1724. Erste und letzte Strophe hat er beibehalten und die übrigen frei nachgedichtet:

„Des ewgen Vaters einigs Kind
Das ewge Licht von Licht geboren
Itzt man in der Krippen findt.“

Johannes Worte klingen auch in der Arie wieder: „Erscheinet uns dies ewge Licht“ hören wir – und werden hoffentlich berührt von der Botschaft, das Gott sich berühren lässt in diesem Kind.

„Ach, lass dein Herz durch diese Liebe rühren.
Er kömmt zu dir, um dich vor seinen Thron
durch dieses Jammertal zu führen.“

Die Formulierungen aus dem 18. Jahrhundert müssen wir uns vielleicht neu übersetzen. Keiner sagt mehr „Jammertal“, 2023 sagt man Krisenmodus. Aber die Sehnsucht, aus diesem Krisen­­modus herauszukommen, Licht am Ende des Tunnels zu sehen, die eint über all die Jahrhundert, sogar Jahrtausende hinweg Jesaja, Johannes, die Zisterzienserinnen, Luther, Bach und uns. Bach war jemand, der gut alten Worten neues Leben einhauchen konnte, er kann sie noch heute für uns zum Leuchten, zum Strahlen bringen. Schön, dass wir das heute hier im Gottesdienst erleben durften.

An Weihnachten geht es um Worte, die – gesprochen oder gesungen – etwas verändern können. So wie Gottes Wort schon immer etwas schaffen, etwas neu schaffen, etwas verändern konnte. Und Gottes Wort will das, was es von Anfang an wollte: „Es werde Licht!“ Gott will, dass es licht wird auch bei uns. Das finstere Land, von dem Jesaja sprach, ist noch immer finster – es herrscht dort Krieg, so wie zu Jesajas Zeiten. Das Jammertal gibt es in vielen Gegenden dieser Welt, wo Menschen an Armut leiden und sterben, den Krisenmodus mit Klimawandel, Haushaltslöchern, Fachkräftemangel etc. können wir nicht auf Knopfdruck beenden. Die Weihnachtsbotschaft verleugnet nicht die Schattenseiten des Lebens und auch nicht die dunklen Seiten in uns. Aber ins Dunkle kommt Licht. Klein. Eher eine Kerze als ein Schein­werfer. Ein Kind eben. Ein Kind, das hilft, dass wir auch im Dunkeln nicht mehr schwarzsehen müssen. „Des Lichtes Kinder“ – so Bach – können wir werden, wenn wir etwas spüren von der Freude und Hoffnung, die in dieser Botschaft steckt:

Gelobet seist du, Jesu Christ,
dass du als Mensch geboren bist.
Von einer Jungfrau, das ist wahr,
des freuet sich der Engel Schar.

Lassen Sie uns einstimmen in diese Freude der Engel. Im Lukasevangelium steht übrigens nichts davon, dass die Engel gesungen haben, dort sprechen sie. Aber in meiner Vorstellung hat der Engelchor immer gesungen. Vielleicht weil ich mir so besser vorstellen konnte, dass die Hirten ergriffen wurden. Dass die Worte nicht da rein und da raus gingen, sondern etwas verändert haben. Die Hirten haben ja ihre Hintern hoch­gekriegt, das warme Feuer verlassen und sich auf den Weg in die Dunkelheit gemacht, um das Licht zu finden. Und sie haben es gefunden. Machen wir uns also auch auf den Weg, suchen wir das Licht, ergreifen wir es und lassen uns davon ergreifen. Wenn wir jetzt singen: Hört der Engel helle Lieder. Amen.