Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gottes brennende Nähe

Gottes brennende Nähe

Predigt am 30. Januar
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am letzten Sonntag nach Epiphanias

Predigt zu 2. Mose 34, 29-35

Predigttext

Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. 30 Als aber Aaron und alle Israeliten sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, ihm zu nahen. 31 Da rief sie Mose, und sie wandten sich wieder zu ihm, Aaron und alle Obersten der Gemeinde, und er redete mit ihnen. 32 Danach nahten sich ihm auch alle Israeliten. Und er gebot ihnen alles, was der HERR mit ihm geredet hatte auf dem Berge Sinai. 33 Und als er dies alles mit ihnen geredet hatte, legte er eine Decke auf sein Angesicht. 34 Und wenn er hineinging vor den HERRN, mit ihm zu reden, tat er die Decke ab, bis er wieder herausging. Und wenn er herauskam und zu den Israeliten redete, was ihm geboten war, 35 sahen die Israeliten, wie die Haut seines Angesichts glänzte. Dann tat er die Decke auf sein Angesicht, bis er wieder hineinging, mit ihm zu reden. (2. Mose 34, 29 – 34)

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Er segne unser Reden und Hören. Amen.

Das, was ich gerade erbeten habe – Gott gebe uns ein Wort – genau das geschieht in der Er­zählung von Mose und den Israeliten, die wir in der Lesung gehört haben, und ist verbildlicht auf dem Gemälde von Siger Köder, das Sie auf Ihrem Gottesdienstablauf sehen können: Gott gibt den Menschen ein Wort, sein Wort, sein Gebot. Und hofft, dass sie ein Herz dafür haben.

Es ist ja der zweite Anlauf. Mose war schon einmal auf dem Berg Sinai gestiegen, hatte von Gott dort die 10 Gebote empfangen, kam mit den Steintafeln zurück zu seinem Volk und fand sie um das Goldene Kalb tanzend. Vor Wut hatte er die Tafeln mit den Geboten zer­schmettert. Man kann sich bei diesem Bild ja fragen, ob Mose gerade wieder ausholt, um die Gebote zu Boden zu werfen. Bedrohlich hängen sie über den Köpfen der Menschen, die zum Teil erschrocken aufschauen, zum Teil ängstlich den Kopf einziehen. Manche recken die Hände nach oben, als ob sie das, was kommt, abwehren und sich schützen wollten. Im Hintergrund: der Berg, von dem Mose gerade kommt, wie ein Vulkan, brodelndes Rot. Es hat fast etwas gewalt­tätiges das Bild. Auch der Text mag uns beim ersten Hören fremd erscheinen. Da kommt einer zurück von der Begegnung mit Gott und strahlt so, dass die anderen sich fürchten. Dass er sich eine Decke über das Gesicht ziehen muss, um die anderen vor dem göttlichen Glanz zu schützen, der auf ihn abgefärbt hat.

Was ist das für ein Bild von Gott?
Hat das etwas zu tun mit dem, wie ich mir Gott vorstelle?
Den Gott, zu dem ich täglich vertrauensvoll spreche und mit dem ich oft meine alltäglich banalen Erlebnisse teile. Mit dem Gott, von dem ich hier predige, dass er immer an unserer Seite ist, uns nahe kommt, uns segnend begleitet?
Dieser Gott scheint so anders:
Einer, dessen majestätische Macht und Herrlichkeit offenbar so stark ist, dass seine Gegenwart das Gegenüber erleuchtet, im wahrsten Sinn des Wortes.
Einer, mit dem man direkt von Angesicht zu Angesicht reden kann – zumindest Mose kann das, aber eben nicht jeder.
Einer auch der Furcht auslöst.
Der Ehr-Furcht einfordert.
Einer, der den Menschen kraftvolle Worte schenkt.
Gott als heilvoll und gleichzeitig furchteinflößend, als nahbar und doch verborgen, präsent und doch entzogen, zugänglich, aber nicht für alle. Das ist mir dann doch nicht mehr ganz so fremd. Das erlebe ich ja auch, dass mir Gott manchmal fern scheint, unverständlich, ab­wesend. Dass ich beobachte, dass andere einen viel besseren Zugang zu ihm zu haben scheinen, als ich gerade. Dass er mir manchmal aber auch unerwartet nahe kommt, dass er mich berührt und ergreift und – ja innerlich auch strahlen lässt.
Die Bilder, die wir alle uns von Gott machen, sie unterscheiden sich jeweils voneinander, und sie sind in sich ambivalent. Der Maler Siger Köder hat das in seinem Bild mit der roten Farbe ausgedrückt: Rot – das steht für Gewalt und Aggres­sion, aber genauso für Leidenschaft und Liebe.

Und vor diesem Rot, in diesem Rot leuchtet das Wort. Das Wort, das Gott Mose gibt und durch ihn den Israeliten und durch sie uns heute. Noch wir kennen und achten ja die 10 Gebote. Nächstes Wochen­ende werde ich sie mit den Konfirmanden und Konfirmandinnen durchbuch­stabieren. Auch zu Regeln, Geboten und Verboten kann man ja eine ambivalente Haltung haben. Das sieht man gerade ganz aktuell an den Hygienevorschriften und der Debatte um die Impf­pflicht. Regeln sind dazu da, Schwächere zu schützen, uns allen ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Regeln schränken uns aber auch ein, ver­pflichten uns zu etwas, nerven manchmal oder überfordern uns. Im Bild von Siger Köder kann ich diese Ambivalenz ebenfalls erkennen: Hängen diese Steintafeln gefährlich über den Köpfen des Volkes, drohen sie die Männer und Frauen zu erschlagen oder zu erdrücken mit ihrem Gewicht, wenn sie auf sie nieder gehen. Oder hält sich Mose daran fest, wie ein Ertrinkender an einer Schiffs­planke. Sind seine Hände mit dem Wort Gottes wie im Segen über die Menschen erhoben?
Die Gebote, die Mose aus der Begegnung mit Gott zu den Menschen bringt, sie beginnen nicht mit „Du sollst“ oder „Du sollst nicht“, sondern mit „Ich bin der Herr dein Gott, der dich befreit hat.“ Ich glaube, die Gebote, die Gott uns an die Hand gibt, um uns ein friedliches Miteinander zu ermöglichen, sie müssen verstanden werden auf dem leuchtend roten Hintergrund der Liebe. Und das heißt dann: Nicht wir halten die Gesetze, sondern die Gesetze halten uns. Sie geben uns Halt und Orientierung, wie wir miteinander in unserem Alltag gut bestehen können – wenn wir sie beherzigen. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort.

Von den Steintafeln mit dem Wort Gottes fallen zwei helle Strahlen auf Mose. Sein Gesicht, bzw. die Decke, hinter der wir sein Gesicht erahnen, leuchtet, glänzt, strahlt. So wie es der Text beschreibt. Die Begegnung mit Gott, die Nähe zu Gott verändert Mose so sehr, dass es sogar sichtbar wird für andere. Er strahlt über das ganze Gesicht.
Was ist da passiert auf dem Berg, das Mose so strahlen lässt?
Diese Begegnung ist nicht ohne die Vorgeschichte denkbar. Mose tritt vor Gottes Angesicht und weiß, dass sein Volk sich von Gott abge­wandt hat und dass er selbst in seiner Wut darüber das in Stein gemeißelte Wort Gottes zerstört hat. Was erwartet ihn jetzt wohl? Was er erlebt ist: Gott erhebt sein Angesicht auf ihn und ist ihm gnädig, Gott lässt sein Angesicht leuchten über ihn und schenkt ihm Frieden. Gott wendet ihm sein Angesicht zu. Was er erwartet hat, weiß ich nicht. Was er erlebt, ist Zuwendung. Und das lässt ihn strahlen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Wen lässt das nicht strahlen, wenn er Zuwendung erfährt, vor allem dann, wenn er sie nicht erwartet hat. Mose strahlt, weil Gott kein Urteil fällt, sondern Gnade vor recht ergehen lässt, eine zweite Chance schenkt. Neuanfang für das abtrünnige Volk und seinen cholerischen Anführer. Da strahlt einer, weil er Gott begegnet ist, weil Gott sich ihm zuge­wandt hat. Der Glanz Gottes spiegelt sich in ihm und auf ihm.
Dieses weiße Leuchten in der Mitte des Bildes erinnert mich an manche Darstellungen der Weihnachtsgeschichte: Da leuchtet das Kind in der Krippe und sein Schein fällt auf die Umstehenden. Es geht um dasselbe: Gott wendet sich den Menschen zu, lässt seine Gnade strahlen.

Aber ein irritierendes Element gibt es im Text und im Bild: diese seltsame Decke. Was soll das? Verselang hantiert Mose mit dieser Decke. Hoch und runter. Wenn mit seinen Leuten spricht, dann mit Deckchen, wenn er zu Gott geht, ohne. Und logisch ist das ganze Prozedere nicht, denn am Anfang wird zwar beschrieben, dass das Strahlen den Leuten Angst macht, aber die Angst verschwindet, als Mose zu ihnen spricht, als sie sich einander zuwenden und mitein­ander reden. Erst danach kommt die Decke zum Einsatz.
Ich kann mir das nur so erklären: Die Decke soll den Ver­mittler ver­decken. Wir stehen ja nicht Gott von Angesicht zu Ange­sicht gegen­über, sondern wir kennen sein Wort nur durch Vermit­tlung. Wir lesen in Worten, die vor Jahrtausenden aufge­schrieben worden sind und die uns von Gott erzählen. Hier im Gottesdienst sprechen wir als Pastorinnen zu Ihnen und versuchen Ihnen und uns selbst das Wort Gottes nahe zu bringen. Wenn ich mir überlege, wann und wie mich das Wort Gottes wirklich angesprochen und erreicht hat, dann war das immer durch andere Menschen. Mal durch einen Satz, den Paulus seinen Gemeinde­gliedern vor vielen Jahren geschrieben hat, mal durch etwas, was eine Freundin zu mir gesagt hat. Gottes Wort leuchtet durch Menschen, die ihm ein Gesicht geben. Aber es geht nicht um dieses Gesicht, es geht nicht um diese Men­schen – sondern um das Wort. Es geht nicht um Mose und sein strahlendes Gesicht, sondern es geht um die Worte, die er den Menschen bringt. Und sein Gesicht strahlt, weil Gott mit ihm gesprochen hat.

Ich habe neulich gelesen, dass es in der jüdischen Tradition eine Praxis gibt, die sich „Chavruta“ nennt, das bedeutet, das man den Talmud, also religiöse Texte, zu zweit studiert, weil man den Glanz und den Trost der Worte besonders gut im Angesicht des Gegenübers sehen und verstehen kann. Das erleben wir auch hier in der Ge­meinde, wenn sich am Dienstagvormittag der theologische Ge­sprächs­kreis trifft und miteinander über Worte z.B. aus den Psalmen nachdenkt. Oder wenn wir am Donnerstagabend bei „Bildschirm, Bier und Bibel“ uns gegenseitig erzählen, was biblische Worte in uns auslösen, wie wir sie heute hören. Oder wenn wir uns bei jeder Sitzung im Kirchengemeinderat in der ersten Viertelstunde Zeit nehmen, über eine biblische Geschichte zu sprechen – beim letzten Treffen z.B. über diesen „bedeckten“ Mose. Da geben wir einander dem Wort Gottes Gesicht und Stimme, da kommt uns mancher Gedanke nahe, da werden wir anders angesprochen als allein durch Buch­staben, die schwarz auf weiß in unserer Bibel stehen. So wie der Glanz auf Moses Gesicht die Israeliten anderes erschaudern lässt als die in Stein gemeißelten Buchstaben. Ich bin mir sicher, dass Sie alle hier sitzen, nicht weil sie ganz viel in der Bibel lesen, sondern weil sie durch Menschen erlebt und gelernt haben, was Gaube heißt, sei es durch ihre Eltern, durch einen Pfarrer, eine Pfarrerin oder jemand ganz anderen. Solche Menschen können „leuchtende“ Beispiele sein. Aber was durch sie hindurch leuchtet, ist das Wort Gottes, das er an uns richtet.

Und ja, manchmal trifft uns das Leuchten und manchmal auch nicht. Die Menschen, die da vor Mose stehen, sie sind nicht alle erleuchtet. In manchen Augen und manchen Gesichtern sieht man, dass sich das Weiß des strahlenden Mose wiederspiegelt. Oder auch das Rot des liebenden Gottes. Aber vieles liegt auch im Dunkeln. Ich finde, das entspricht sehr unserem Glaubensleben. Das Strahlen, das uns man­ch­mal ergreift, lässt sich nicht konservieren. Es sind besondere Moment, wenn uns ein Wort anspricht, uns tröstet und ermutigt, uns fröhlich macht oder uns zu etwas herausfordert und bewegt. Diesen Glanz kann man sich nicht einpacken und mit nach Hause nehmen. Aber man kann ihn immer wieder entdecken. Man kann ihn auch immer wieder suchen. Von Mose wird berichtet, dass er immer wieder „hineinging vor den Herrn“. Gemeint ist nicht, dass er ständig wieder auf den Berg steigen musste. Solche Höhenflüge erwartet Gott glücklicherweise nicht von uns. Sondern längst steht ja das sogenannte „Zelt der Begegnung“, in älterer Lutherübersetzung auch „Stiftshütte“ genannt, mitten unter dem Volk. Ein Ort, wo die Menschen die Begegnung mit Gott suchen können. Dann wenn ihr Herz nach einem Wort hungert. Mose geht immer wieder hinein. Er sucht immer wieder die Begegnung. Das hilft, um immer wieder aufzutanken, das „Strahlen“ immer wieder zu erneuern. Auch wir können uns immer wieder Gott zuwenden. Und können immer wieder beten: Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.