Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gottes Geheimnisse

Gottes Geheimnisse

Predigt zum 3. Advent
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

3. Advent 2021

Predigt zu 1. Korinther 4, 1–5

Predigttext: 1. Korinther 4, 1–5

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. 2 Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. 3 Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. 4 Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet. 5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird. Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.

 

Predigt

Nach und nach werden in dieser Zeit die Weihnachtskrippen hervorgeholt. In manchen Wohnungen, bei manchen Familien werden sie schon am 1. Advent aufgestellt, bei anderen stehen sie erst am Heiligabend unter dem Tannenbaum oder auf der Kommode. Für viele ist die Krippe ein wichtiger Bestandteil des Weihnachtsfestes, vielleicht sogar ihres Glaubens. Äußerer Ausdruck der inneren Vorstellungen von Gottes Geburt in Jesus Christus, dem Retter der Welt.

Als ich diese Woche die Konfirmandinnen und Konfirmanden fragte, wer von ihnen eine Krippe zuhause hätte, da meldeten sich etwa zwei Drittel der Jugendlichen. Und sie konnten auch ganz genau beschreiben, wie ihre Krippe aussieht, welche Figuren dazu gehören und was sie an ihrer Krippe besonders mögen.

Wie die Krippen die Weihnachtsgeschichte veranschaulichen, sie beherbergen, ihr einen Ort und eine Behausung geben, so ist es wohl auch mit uns. Auch in uns braucht die frohe Botschaft einen Ort, ein Zuhause – und immer wieder Veranschaulichungen.

Den heutigen Predigttext aus dem 1. Korintherbrief kann man so lesen, als würde er das Glaubensgebäude, den Glaubenshaushalt in uns beschreiben.

Paulus beginnt seinen Text: „Dafür halte uns jedermann…“ (V. 1) Uns, sagt er, und meint damit nicht nur sich selbst und die ersten Jünger, nicht nur die Leser seiner Briefe damals in Korinth, sondern auch uns heute. Um uns geht – und um das, was wir sein können.

„Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.“ (V. 1) Ein Haushalter, eine Haushälterin zu sein – davon haben wir wahrscheinlich Bilder. Vielleicht von einem Herbergsvater in der Jugendherberge, der für die Einhaltung der Hausordnung sorgt und abends das Haus abschließt. Oder von einer Hauswirtschafterin in einem Heim, die Essenspläne macht, Vorräte einkauft und den Mitarbeitenden in der Küche sagt, was zu tun ist.

Haushälterinnen und Haushalter sind Menschen, die wissen, was in dem ihnen anvertrauten Haus vor sich geht. Die sich verantwortlich fühlen für das Gebäude, die Abläufe und vor allem für die Bewohner. Sie müssen rechnen und planen können, zur rechten Zeit einkaufen, zur rechten Zeit ausgeben, zur rechten Zeit sparen. Sie müssen die Bedürfnisse kennen: Was brauchen es im Alltag und zu Festen? Welche Nahrungsmittel halten sich lange, was muss schnell verbraucht werden?

Die Haushalter, von denen Paulus spricht, haben ein besonderes Gut zu verwalten. Paulus schreibt: „Man soll uns für Haushalter der Geheimnisse Gottes halten.“ (V. 1) Offenbar gilt auch für die immateriellen Güter, dass wir fähig sein sollen, gut mit ihnen umzugehen und zu wirtschaften.

Was sind aber wohl Gottes Geheimnisse? Nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen des Neuen Testamentes, wird unser Glauben mit dem Wort „Geheimnis“ beschrieben. Paulus meint damit wohl vor allem das Geheimnis des gekreuzigten Gottessohnes. Gottes Weisheit, die sich weltlicher Macht und Herrschaft entzieht und uns darum ein Geheimnis bleibt, dem wir uns nur im Glauben nähern können.

Ein Geheimnis bleibt für uns die Weihnachtsgeschichte. Man kann sie Heiligabend vorlesen, man kann sie als Krippenspiel aufführen oder verfilmen. Man kann Bethlehem beschreiben, den Stern, die Hirten, Joseph und Maria vor der Herberge und im Stall schildern. Man kann die Geschichte historisch erläutern, witzig oder poetisch gestalten oder in die heutige Zeit übertragen. Aber den Mittelpunkt, das innere Zentrum von Weihnachten, die Menschwerdung Gottes kann man nicht darstellen, schildern, erläutern. Es entzieht sich uns.

Haushalter dieses Geheimnisses zu sein, bedeutet wohl, das eigene Unvermögen zu kennen, all diese Geschehnisse wirklich in der Tiefe zu erfassen.

Wenn ein Mensch an die Krippe tritt, der weiß, dass es sich dabei um ein Geheimnis Gottes handelt, wird er behutsam herantreten. Er oder sie wird wissen: „Hier kann ich stehen und anbeten, aber ich kann mir das Wunder, dass Gottes Sohn in einem Kind in der Krippe liegt, nicht aneignen wie einen Gegenstand. Ich kann es nicht haben oder wissen.“ Und diese Behutsamkeit gegenüber Gott mag unsere gesamte Lebenseinstellung und vor allem eine zarte, aufmerksame Haltung gegenüber anderen Menschen prägen.

Von dem schwedischen Bischof Martin Lönnebo gibt es dazu eine kleine Geschichte: Als er in den Ruhestand ging, dachte er immer weiter darüber nach, wie man den Menschen heute den Glauben so nah bringen könnte, dass es einfach und echt oder wahr sei. Er kam auf die Idee von den „Perlen des Glaubens“. Verschiedenfarbige Perlen, die auf ein Band gezogen werden, das man am Arm tragen kann. Er machte Vorschläge, wofür die einzelnen Perlen stehen sollten: für die Stille, die Liebe, die Wüste, für Gott… Auch „Geheimnisperlen“ gibt es unter den „Perlen des Glaubens“. Als der Bischof gefragt wurde, wie viele Geheimnisperlen er an seinem Armband hätte, antwortete er: „Ich habe drei Perlen. Sie stehen für meine Kinder. Das sind meine drei Geheimnisse.“

Neben dem Geheimnis steht bei Paulus die Treue. Er schreibt: „Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.“ (V. 2) Das ist die wichtigste Eigenschaft einer Haushälterin: dass sie treu und ehrlich ist. Nur so kann man ihr vertrauen. Sie muss keine Finanzexpertin, keine Starköchin sein – auf ihre Treue und Ehrlichkeit kommt es an.

Menschen wählen unterschiedliche Wege, im Glauben treu zu sein. Manche halten Gottes Sohn darin die Treue, wie sie mit anderen Menschen umgehen – im Krankenhaus, in der Bahnhofsmission, in der Schule. Sie verschreiben sich, ihre Kraft und Zeit schwächeren oder jüngeren Menschen, die sie brauchen.

Andere erweisen sich als treue Haushalter der Geheimnisse Gottes, indem sie treu sind im Gebet. Im Dank und in der Fürbitte, auch in der Klage, im beständigen Gespräch mit Gott.

Und manche halten Gottes Geheimnissen vielleicht die Treue in ihrem Verzicht auf Besitz. Sie spenden, stiften oder schenken und behalten für sich selbst nur das Nötige. Oder in ihrem Verzicht auf Gewalt. Sie schlagen nicht zurück, sondern setzen auf Verständigung, auf Friedensgespräche und Verhandlungen.

Das Dritte, was es nach Paulus für das innere Haus des Glaubens braucht, ist eigentlich erstaunlich. Denn Paulus schreibt: „Mir ist es gleich, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Der Herr ist‘s aber, der mich richtet.“ (V. 3f) Paulus macht sich und uns frei vom menschlichen Richtgeist. Er lässt die Maßstäbe los, das Abrechnen und Verrechnen, mit dem wir oft auf unsere Arbeit, auf unser Lebenswerk sehen – und ja vor allem auch auf das der anderen. „Es ist mir ein Geringes, wie ihr mich richtet und beurteilt…“

Wenn wir uns fragen, ob wir genug getan haben – für unsere Kinder oder unsere Eltern, für die Kirche, in unserem Beruf, für die Umwelt… Wenn wir uns fragen, ob wir das Gut, das uns anvertraut ist – die Geheimnisse Gottes – gut verwaltet, sie genügend weitergegeben haben, ob wir glaubwürdig und erfolgreich waren in den wichtigen Dingen des Lebens… Dann rät Paulus: „Richtet nicht! Weder über euch selbst noch über andere.“

Dagegen setzt er seine Hoffnung auf den Herrn, der kommen wird. Er will warten, „bis der Herr kommt, der auch das ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist. Dann,“ sagt er, „wird einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.“ (V. 5) Mit Lob rechnet Paulus. Mit Gottes Güte, nach der Gott uns und unsere Herzen ansehen wird. Mit Gottes Licht, das alles, was an uns und unserem Leben gut war, zum Leuchten bringen wird.

Freiheit vom Richten und Urteilen – und Licht, das unsere Herzen zum Leuchten bringen wird, damit rechnet Paulus.

Und so mag es in unserer inneren Krippe sein: Dass wir gute Haushälterinnen und Haushalter der Geheimnisse Gottes bleiben, treu und ehrlich. Frei vom Richtgeist und fröhlich in der Erwartung des kommenden Herrn.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.