Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gottes Schwäche

Gottes Schwäche

Predigt am 4. Juli
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

5. Sonntag nach Trinitatis, 4. Juli 2021

Predigt zu 1. Korinther 1,18–25

Predigttext: 1. Korinther 1,18–25

Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): „Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.“ Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.

Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Immer dieses Kreuz!“, sagen die einen. Nervig, ärgerlich, immer auf das Leiden und den Tod gestoßen zu werden. Immer daran erinnert zu werden, was weh tut, was nicht ist, was schwer und traurig ist. Könnte es nicht ein positiveres, lebensbejahendes Symbol für das Christentum geben?

„Ein bisschen primitiv“, sagen die anderen, „etwas simpel“. Es sei doch wie die Bibel längst überholt. Das war einmal – aber heute spricht es niemand mehr an. Dumm, an diesen alten Geschichten festzuhalten!

Was der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief für die Gruppen feststellt, mit denen sich das frühe Christentum auseinandersetzt, Juden und Griechen, lässt sich relativ leicht in die heutige Zeit und auf uns übertragen: Die einen stoßen sich an der Härte des Kreuzes, die anderen setzen auf Weisheits- und Erlösungslehren. Den einen ist das Kreuz ein Ärgernis, den anderen eine Torheit oder Dummheit.

So wie damals Juden und Griechen sowohl die Konfliktpartner und Gegner des neuen Weges waren, als auch die Familien- und Freundeskreise der Anhänger Jesu stellten, so ähnlich ist es auch heute: Diejenigen, die am Kreuz Anstoß nehmen und andere, positiver besetzte christliche Symbole stark machen – wie den Fisch, den Regenbogen oder die Taube –, sind meistens zugleich Menschen, die in der christlichen Tradition verwurzelt sind.

Und auch diejenigen, die sich eine modernere Sprache oder Ästhetik, eine attraktivere Spiritualität wünschen, denen die Kirche mitunter plump und altmodisch vorkommt, sind ja durchaus Menschen, mit denen wir im Gespräch stehen oder es suchen sollten.

Und mitunter schlagen im Blick auf das Kreuz wohl oft auch zwei Herzen in unserer eigenen Brust…

Den einen ein Ärgernis und den anderen eine Torheit. Aber denen, die berufen sind, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.

(V. 23f)

Wie aber lässt sich vom Kreuz so sprechen, wie lässt es sich so verstehen, dass es nicht Ärger oder Abwendung erregt, sondern dass dabei Christus aufleuchtet und in ihm Gottes Kraft und Weisheit für die Menschen?

Das haben viele vor uns versucht. Das ist ein Auftrag, der uns – allen Getauften – bleibend gegeben ist, dass wir dazu befähigt und ermächtigt sind, Jesus Christus zu verkündigen in Worten und Taten, den Gekreuzigten und Auferstandenen zu bezeugen in Lehre, Ermahnung, Trost, Seelsorge und gegenseitiger Unterstützung.

Jede und jeder von uns ist dazu aufgerufen, aber niemand kann es ganz allein. Wir brauchen dazu unsere Gemeinschaft. Jede Zeit sucht wohl auch ihre eigene Auslegung des Kreuzes, aber keine Generation spricht nur für sich selbst, sondern wir stehen immer in einer langen Deutungsgeschichte des Kreuzes. Wir brauchen dazu auch die Bilder und Worte unserer Tradition.

In diesem Sinn möchte ich mit euch heute innerlich einige Stationen abgehen und Facetten des Kreuzes beleuchten, in denen Gottes Kraft und Weisheit für Menschen sichtbar geworden sind.

In unserer Kirche, die im Juli 1882 – vor knapp 140 Jahren eingeweiht wurde – hören bzw. sehen wir das Wort vom Kreuz immer zweifach: zunächst im geschnitzten, vergoldeten Hochaltar, in einer Mandorla, dem mandelförmigen, mit Blumen verzierten Rahmen. Der schmale, fast zierliche Gekreuzigte, mit geneigtem Kopf und kraftlosen Armen, sichtbar leidend und sterbend. Und unter dem Kreuz zwei Trauernde: seine Mutter Maria und sein Freund Johannes.

Es wird diese Darstellung sein, die Menschen durch die Jahrhunderte unter das Kreuz ruft und sie bitten lässt: „Bete für uns! Halte uns, Lebende wie Tote, in deiner Hand, vergiss uns nicht! Das kannst nur du, der du Leben und Tod kennst, der du beides durchlebt, durchlitten und überwunden hast!“

Ich denke mir, die vielen Kerzen, die Tag für Tag in unserer Kirche angezündet werden, werden oftmals verbunden sein mit Bitten oder Blicken zum Kreuz hin.

Über dem Kruzifix im zentralen Buntglasfenster der auferstandene Christus, der das Kreuz überwunden hat. In unserer Kirche, in der engen Verbindung zum Altarbild, spricht auch der Erhöhte das Wort vom Kreuz. Vielleicht so: „Öffnet die Augen für das, was nach dem oder durch das Kreuz kommt, was es eröffnet: neues Leben in der Auferstehung.“ Sinnbildlich für die Neuschöpfung die bunten Farben, die Blumen und der Regenbogen.

Das Kreuz als Trost in Abschied und Tod; der Gekreuzigte wie ein Gefährte im Leiden, der Verlassenheit, Angst und Schmerzen kennt – und darum wirklich ein glaubwürdiger Tröster in der Not ist. Und zugleich das Kreuz als ein Durchgang, eine Kreuzung, wo sich menschliche und göttliche Wege überschneiden, wo der Himmel denen aufgeht, die Christi Weg vertrauen. In ganz grundsätzlichen, einfachen Bildern predigt unsere Kirche das Kreuz.

Auf völlig andere Weise haben 60 Jahre später die wenigen Christen in Deutschland, die sich nicht zu den Nationalsozialisten gezählt haben, die die Gleichschaltung der Kirche ab 1933 nicht mitgemacht haben, das Kreuz verstanden. Ihnen galt es als unwiderrufliches Zeichen der Zugehörigkeit in der Frage danach, wer über die Kirche und den Glauben herrschen darf, in welchem Maß ein weltlicher Machtanspruch auf das Leben von Christen erhoben werden kann.

Die eindeutige Antwort, in der sog. Barmer Erklärung von 1934 formuliert – in unserem Gesangbuch hinten unter der Nr. 810 abgedruckt – verweist auf das Wort Gottes, die Bibel, und auf Jesus Christus als einzigen Herrn, „dem wir zu eigen sind“. Zu dem wir also gehören im Leben und im Sterben, in alltäglichen wie besonderen Situationen, in unserem privaten wie unserem öffentlichen, gesellschaftlichen Leben.

Das Kreuz als Zeichen der unbedingten Zugehörigkeit, wie es bei der Taufe auf die Stirn oder die Brust gezeichnet wird mit den Worten: „Du gehörst zu Jesus Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn.“ Eine Quelle von Mut und Widerstandskraft, ein klarer Kompass, eine tiefe Verbindung – so haben es Männer und Frauen aus der Bekennenden Kirche erfahren.

Mit einem Sprung in unsere Zeit denke ich an verschiedene konkrete Kreuze, die ich gesehen, die mich angesprochen oder geprägt haben…

Zum Beispiel die buntbemalten Holzkreuze, die seit Ende des letzten Jahrhunderts in Lateinamerika entstanden sind. Naive Malerei in leuchtenden Farben, die von den Hoffnungen der Menschen in El Salvador, Nicaragua oder Guatemala erzählt: ein Haus, bunte Vögel, Gürteltiere und Schmetterlinge, Blumen, Avocado- oder Papayabäume… Frieden und ein einfaches Leben im Einklang mit der Schöpfung, mit Pflanzen, Tieren und Menschen.

Die leuchtenden Holzkreuze wie Zeichen gegen Unterdrückung, Hunger und Gewalt. Lebenszeichen im Vertrauen auf Gottes Kraft, die das Alte überwindet und Neuanfänge möglich macht.

Welche Kreuze Sie und euch wohl ansprechen? Welche Kreuze Sie vielleicht zuhause haben oder an sich tragen? Oder wie Sie eins gestalten würden?

Gestern beim Morgenspaziergang haben wir uns dazu in einer kleinen Gruppe ausgetauscht. Und ich musste dabei an ein Kreuz denken, das einmal in einer Jugendgruppe entstanden ist:

Zum Abschluss einer Freizeit haben wir gemeinsam ein Kreuz auf dem Boden gelegt. Jeder ist losgegangen und hat etwas für das Kreuz geholt. Schnell waren sich die Jugendlichen einig, dass es keine fertigen Dinge sein sollten, sondern nur Naturmaterialien. Sie holten Gräser, Zweige, Blätter und Blüten, suchten zunächst nach besonders schönen Farben und Formen. Bis sie meinten: Damit es „echt“ wird, muss auch etwas Nicht-Schönes dazu, wie im echten Leben. Steine, zersplittertes Holz, zerbrochene Schneckenhäuser wurden dazugelegt und sorgfältig hin und hergeschoben – das Zerbrochene, Verletzte, Tote sollte auch zu sehen sein, aber so, dass es das Helle, Heile und Hoffnungsspendende nicht überdeckte.

Die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker als die Menschen sind.

(V. 25)

Das war für mich zu erkennen in diesem flüchtigen Kreuz aus Gras, Blüten und Totholz: dass Gottes Sprache und Gottes Zeichen immer noch einmal andere sind als wir sie uns vielleicht aussuchen würden. Zerbrechlicher und widerstandsfähiger, einfacher und weiser als wir Menschen sind.

Auf heilsame Weise durchkreuzt das Kreuz, was sonst als Logik oder Ziel des Lebens erscheint oder behauptet wird. Bei Gott widersprechen sich Stärke und Schwäche, Armut und Reichtum, Gesundheit und Krankheit nicht, sondern werden im Spiegel des Kreuzes verwandelt durch Gottes Weisheit und Kraft.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.