Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gottlob! nun geht das Jahr zu Ende

Gottlob! nun geht das Jahr zu Ende

Predigt am Altjahrsabend
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Altjahrsabend 2023
Kantatengottesdienst: Gottlob! nun geht das Jahr zu Ende (BWV 28)

Predigt zu Prediger 3, 1–11 und zur Kantate

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Bester Stimmung waren die Menschen, die mir gestern und heute begegneten: die Verkäuferin am Käsestand auf dem Markt, die Mitarbeiter der Stadt beim Leeren der übervollen Papiercontainer, die Familien im Nieselregen auf dem Spielplatz. Bester Stimmung, als würden sie so denken, wie Bach seine Kantate zum Jahreswechsel 1725 titelte: „Gottlob! nun geht das Jahr zu Ende“.

Vielleicht lag es nur an der Erholung nach einigen freien Tagen, vielleicht war es auch Erleichterung, ein dankbares Aufatmen, dass dieses Jahr vorbei ist, geschafft und überstanden, und nun etwas Neues anfangen kann.

Wir wissen dabei natürlich, dass sich beim Jahreswechsel nicht so leicht einfach eine neue Seite aufschlagen lässt, dass das neue Jahr nicht wie ein unbeschriebenes, weißes Blatt Papier vor uns liegt, sondern dass wir viele alte Geschichten aus dem vergangenen Jahr auch ins neue mitschleppen werden… Manches ungelöste und unabgeschlossene, wie auch, was gerade erst neu begonnen hat oder einfach lange dauert.

Wie das wohl wäre, wenn wir uns die Jahre wie Bücher oder Hefte vorstellen, so wie früher manche Menschen ordentlich Tagebuch geführt haben, jeden Tag oder zumindest jede Woche einen Eintrag: Wetter, Reisen, Geburten und Todesfälle, wichtige persönliche und politische Ereignisse …

Was wir, jede und jeder von uns, wohl in diesem Jahr notiert hätte? Studienabschlüsse, Stellenwechsel, Umzüge oder Hochzeiten in der Familie, die Abschaltung der letzten Atomkraftwerke in Deutschland, den Tod von Queen Elizabeth II. und die Krönung von King Charles III., Krankheiten, den andauernden Krieg in der Ukraine, den Sommerurlaub oder ein besonders schönes Fest, den nassen August, das Wiedersehen mit einer Freundin, beeindruckende Konzerte oder Bücher, den Angriff der Hamas auf Israel und die Zuspitzung des Nahostkonflikts, dann wieder eine Fahrradtour, dann der Abschied von einem geliebten Menschen …

Vielleicht das Wechselspiel ein bisschen ähnlich, wie es der weise Prediger im Alten Testament beschreibt, dessen großes Gedicht „Alles hat seine Zeit“ viele Menschen bis heute anspricht:

„Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“
(Pred 3, 2-4+8)

Das Auf und Ab unserer Erlebnisse und Gefühle, das Wechselspiel unserer Tage und Wochen, in denen sowohl Schönes, Heiteres und Leichtes als auch Schreckliches und Schweres geschehen ist.

Alle diese Zeiten, so drückt es der Prediger aus, gehören zum Leben dazu; man kann diesen Wechseln nicht entkommen.

Wer jetzt fröhlich und zufrieden ist, weil es in der Familie oder Beziehung harmonisch zugeht, weil es im Beruf gut läuft und es keine gesundheitlichen Sorgen gibt, muss damit rechnen, dass sich dies einmal ändert, Streit oder Entfremdung eintreten können, finanzielle Krisen, Krankheiten oder Abschiede.

Und ebenso gilt für diejenigen, die traurig, zerstritten, belastet oder krank sind, dass es wieder Freude und Glück in ihrem Leben geben wird: Versöhnung, eine neue Liebe oder Freundschaft, neue berufliche Perspektiven, interessante Projekte, Orte oder Menschen, von denen man heute noch nichts ahnt, Linderung von Schmerzen, Erholung oder Heilung.

Nichts bleibt, wie es ist – so die Erkenntnis des Weisheitslehrers. Alles gehört zu einem Menschenleben dazu. Nichts müsste verschwiegen oder aussortiert werden – so sehr wir uns manchmal wünschen, bestimmte Phasen zu überspringen oder Täler zu umgehen. Alles, alle Zeiten werden von Gott zusammengehalten. So, wie es der Wochenspruch aus Psalm 31 auf Hebräisch sagt: „In deiner Hand sind meine Zeiten.“ (Ps 31, 16)

Das heißt für mich auch, dass wir manches getrost loslassen und in Gottes Hand fallen lassen dürfen. Dass Gott aufhebt, bewahrt oder zusammenfügt, was wir nicht selbst heilen oder zum Guten verändern können. Dass Gott mitträgt, was für uns allein mitunter zu schwer zu tragen ist.

Ernst nehmen, was ist, dem Hellen wie dem Dunklen in unserm Leben Raum und Zeit geben – ohne uns zu verheben und zu meinen, dass unser Lebenslauf allein in unseren Händen liegt – dazu ermutigt der alte weisheitliche Text.

Andere Töne schlägt Bach in seiner Kantate an. Er leiht Worte des Barockdichters und Hamburger Hauptpastors an St. Jacobi, Erdmann Neumeister, um Gott für alles Gute im vergangenen Jahr zu danken. Dazu fordert der Sopran gleich in der Eingangsarie auf:

„Gedenke, meine Seele, dran,
Wieviel dir deines Gottes Hände
Im alten Jahre Guts getan!“

Und der Choral verstärkt diese Haltung mit einem Bibelzitat:

„Nun lob, mein Seel, den Herren,
Was in mir ist, den Namen sein.“ (Ps 103, 1f)

Musikalisch ist die Kantate ungeheuer abwechslungsreich; kein Satz gleicht auch nur annähernd dem andern – so als würde Bach das Wechselspiel der Zeiten, das der alttestamentliche Prediger beschreibt, in besonderem Formenreichtum ausdrücken. Der Text aber legt über die Musik wie einen cantus firmus die Aufforderung zum Lob. Äußerungen der Klage, Reue oder Auflehnung, wozu es wie in diesem auch im Jahr 1725 Anlass gegeben haben wird, fehlen. Allein der Dankbarkeit soll Raum gegeben werden.

„Gottlob! nun geht das Jahr zu Ende“ meint Bach im wörtlichen Sinne: Gott ist zu loben, zu preisen, ihm ist zu danken – jetzt, heute, am Übergang vom alten zum neuen Jahr.

Bei der Beschäftigung mit dem Kantatentext und dem Erstaunen darüber, dass er so anders klingt als das Gedicht „Alles hat seine Zeit“, musste ich an einen Therapie-Ansatz aus Japan denken.

Geradezu konträr zu psychotherapeutischen Ansätzen in Westeuropa, die oftmals schwierige Mutter- oder Elternbeziehungen fokussieren, setzt die in Japan entwickelte Naikan-Therapie bei der Frage an: „Was hat ein anderer Mensch, zum Beispiel meine Mutter, in den letzten fünf Jahren Gutes für mich getan?“ Nach einer gewissen Zeit folgt die zweite Stufe oder Frage: „Was habe ich einem anderen Menschen in den letzten fünf Jahren Gutes getan?“ (vgl. Dt. Ärzteblatt, PP, Ausgabe Juni 2008, S. 264–266)

Die Aufforderung, uns an das Gute zu erinnern, das Gute in uns wachzuhalten und zu bewahren. Sei es im Blick auf unsere Eltern oder Kinder, Partner oder Freundinnen, sei es im Blick auf das vergangene Jahr: Wofür kann, will ich dankbar sein? Was wurde mir geschenkt oder entgegengebracht? Worüber freue ich mich? Welche guten Erfahrungen, schönen Erlebnisse, beglückenden Momente möchte ich behalten? Wofür möchte ich Gott oder einem anderen Menschen heute, am letzten Tag dieses Jahres Danke sagen?

„Prüft alles, das Gute behaltet!“ (1. Thess 5, 21), so rät es auch der 1. Thessalonicherbrief.

Heute Abend mögen wir unsere Erinnerungen an das vergangene Jahr, unsere Erlebnisse, inneren Bilder und Tagebucheinträge von 2023 wie in einem Sieb schütteln. Und das Gute behalten. Die wichtigen Erkenntnisse, gelungenen Projekte und guten Begegnungen, das Glück, die Liebe und das Staunen … Wie auch das, was wir anderen Gutes tun, wo wir helfen, lieben, Frieden stiften konnten.

Und dann Gott darum bitten, dass er uns auch im kommenden Jahr, im neuen Wechsel der Zeiten seinen Segen schenken möge. So, wie es der Schlusschoral der Kantate formuliert:

„Und bitten ferne dich:
Gib uns ein friedsam Jahre,
Vor allem Leid bewahre
Und nähr uns mildiglich!“

Amen.