Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Gute Zeiten – Schlechte Zeiten

Gute Zeiten – Schlechte Zeiten

Predigt am 17. Oktober
Pastorin

Andrea Busse

20. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zu Prediger 12, 1-7

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede, Gott gebe uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für sein Wort, er segne unser Reden uns Hören. Amen.

Er sitzt an ihrem Bett und hält ihre Hand, wartet darauf, dass sie auf­wacht. Er schaut auf das faltige Gesicht: 94 Jahre Leben zeichnen sich darin ab. Und wenn er seine Großmutter so anschaut, erkennt er in diesen Zügen seine eigenen. Domi­nante Gene, er sieht ihr ähnlich, haben schon immer alle gesagt.

Nicht nur die Gene hat er von ihr, sie hat ihn geprägt, mitauf­gezogen, seinen Charakter geformt, Werte in ihn gepflanzt, christliche Werte, sie ist eine fromme Frau. Sie hat immer an ihrem Glauben festgehalten, auch oder vielleicht gerade in schwierigen Zeiten. Die hat sie wahrlich auch durch­leben müssen, nicht nur als Kind und Jugendliche im Krieg. Sein Blick schweift durch das Zimmer, Fotos der ganzen Familie auf den Bücherregalen, Kunst­drucke an der Wand, die Bibel auf dem Nachtisch. Als er sich ihr wieder zuwendet, sieht er, dass die Augen offen sind. Sie lächelt ihn an. „Lies mir was vor“ bittet sie. Das be­deutet immer, lies mir aus der Bibel vor. „Da, wo das Bändchen ist“. Er schlägt auf uns liest aus Prediger Salomo, dem 12. Kapitel:

Predigttext

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«; ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, – zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat. (Prediger 12, 1-7)

Das hat sie sicher ganz bewusst für ihn herausgesucht. Sie – die auf ihr Lebensende zugeht, voller Hoffnung und Gewissheit, dass ihr Geist wieder zu Gott geht, der ihn gegeben hat – sie will ihm noch mit auf den Weg geben, dass er, der noch einiger­maßen jung ist, an seinen Schöpfer denken soll. Das war immer wieder Thema zwischen ihnen. Ihre Angst, er könne den Bezug zu Gott verlieren. Und sie hat recht, er weiß oft nicht so genau, ob er wirklich daran glauben kann. Jetzt also nochmal der Zeige­finger aus ihrer ganzen Lebensweisheit heraus: Vergiss deinen Schöpfer nicht! Er seufzt ein bisschen genervt und kann sich nicht verkneifen zu sagen:

„Ich verstehe das sowieso nicht. Starke, die sich krümmen, Müllerinnen, die weniger werden, silberne Stricke, die reißen, was soll das alles?“ – „Das sind Bilder für das Leben“, sagt sie. „Du gehst doch gern in die Kunsthalle.“ – „Ja und dort hole ich mir einen Audioguide und lass mir erklären, was ich nicht verstehe.“ – „Ok“, sie schmunzelt: „Stell dir vor, der Text ist eine Bildergalerie und ich dein Audioguide.“

Und dann führt sie ihn zum ersten Bild und sagt: „Schau mich an, meinen alten Körper. Die Starken, die sich krümmen, das sind meine Beine, die früher kräftig genug waren, mich durch das Leben zu tragen“. Sein Blick wandert ganz automatisch zu ihren verkrümmten Füßen in Kompressions­strümpfen, die aus der Bettdecke gucken. „Meine Hände sind zittrig geworden wie die Hüter des Hauses, von dem der Prediger spricht.“ Sie hält sie zur Anschauung vor sein Gesicht. „Die Müllerinnen, meine Zähne, sind wenig geworden, da war auch mit Implantaten nichts mehr zu machen. Also können die Zähne das Essen nicht mehr gut kauen, ich kriege hier die meisten Mahlzeiten mehr oder weniger in Breiform. Meine Augen sind so schlecht, dass ich nicht mehr selbst in der Bibel lesen kann, es ist finster geworden, mein Fenster zur Welt. Und alles um mich herum wird leiser, wie die Stimme der Mühle, weil ich schlecht höre. Ich weiß, es ist anstrengend für dich, weil du so laut mit mir reden musst.“ Er nickt, er hat kapiert, was die Verse sagen wollen: Vergänglichkeit des Menschen, eigentlich in an­schau­liche Bilder verpackt. Nur er hat erstmal dran vorbei geschaut – da war wohl sein eigenes Fenster finster beim Lesen.

Aber seine Großmutter ist schon beim nächsten Bild: „Das ist ein Haus. Das sagen wir heute ja sogar auch noch zu einem Menschen ‚altes Haus!‘ und das malt der Prediger hier aus: Ein Haus, das sich leert und immer stiller wird, in dem die Bedien­steten wegen des herannahenden Gewitters – also wegen des Alters“ – fügt sie mit einem Blick auf ihren Enkel hinzu, um sicherzugehen, dass er auch versteht – „in dem sie nach und nach ihre Arbeit einstellen, so wie ich immer schwächer werde.“
Er schweift mit den Gedanken ab, denkt an das Haus der Groß­mutter, in dem auch er eine Zeit lang gelebt und das sie so geliebt hat, das aber zu groß für sie wurde. Zu anstrengend für sie allein, sich darum zu kümmern und auch, es zu bewohnen. Er erinnert sich, wie sie sich immer mehr zurückgezogen hat auf einen kleinen Bereich, nur noch das Erdgeschoss, den Sessel, das Bett. Er erinnert sich, wie sich die Tür immer selte­ner öffnete, immer weniger Besuch, Freunde und Bekannte zu krank oder schon verstorben. Kontaktflächen nach außen immer weniger. Er schaut auf die Bibel in seinen Händen und findet das passende Zitat sofort „Wenn die Türen an der Gasse sich schließen“. Er denkt daran, wie sie fremd wurde im Stadt­viertel, in der der Nachbar­schaft, bis sie ihr Haus verkauft hat und ins Heim zog. Ein Zimmer, Bad, Bett.

Seine Großmutter hat schon weitergesprochen. Sie ist in ihrer Bild­betrachtung schon aus dem Haus ausgezogen und hat sich auf den Weg gemacht, den auch der Text beschreibt, ein Weg, auf dem man sich ängstigt. Es ist ein Trauermarsch. Der Weg aus den irdischen Häusern hin zur ewigen Wohnung, die Gott bereit hält. „Und guck“ sagt sie ganz glücklich „da, wo man sich eigentlich fürchten müssten, nach dem Verlassen des Lebens­hauses, auf diesem schrecklichen Weg ans Grab, ins Grab, da kommen die wunderbaren Bilder der Natur ins Spiel: der Mandel­baum, der blüht, die Heuschrecke, die sich belädt, die Kaper die aufbricht. Wenn man über die Höhe ist, vor der man sich fürchtet, wenn man das Sterben hinter sich gebracht hat, dann ist man „über dem Berg“, durch den Winter in den Frühling übergegangen. Ich finde das tröstlich“ fügt sie hinzu, als ob das noch nötig wäre und nimmt ihn mit zum nächsten Bild ihrer „salomonischen“ Galerie.

„Der silberne Strick und die goldene Schale sind nicht nur wert­voll, weil sie funktionieren oder besser solange sie funktionie­ren, sondern auch, wenn sie zerrissen oder zerbrochen sind, weil sie in sich kostbar sind. So wie wir Menschen. Ich funktio­nie­re auch nicht mehr und in Gottes Augen habe ich noch immer meinen Wert.“ Dann macht sie eine Pause und fügt etwas leiser hinzu – „in den Augen der Gesellschaft vielleicht nicht mehr, da bin ich wohl eher nur ein Eimer.“

Ihr Enkel guckt wieder auf die biblischen Zeilen, die seine Großmutter offensichtlich auswendig kennt. An dieser Stelle kippt das Bild. Der Eimer ist sicher nicht in sich wertvoll. „Nein“, bestätigt die alte Frau „da überlappen sich Bilder, da geht es schon um das nächste Motiv, um das Wasser. Wenn die Schale zerbricht, wenn der Eimer zerschellt und das Brunnen­rad bricht – wenn wir also sterben – was passiert dann mit uns? Wie das Wasser fließen wir zurück in den Brunnen. Wir gehen nicht verloren.“

Einen Moment lang herrscht Schweigen zwischen ihnen. „Führung durch die Bildergalerie beendet“ verkündet sie dann und etwas leiser: „Alt werden ist schwer. Es ist eine einzige Kränkung, hier im Bett zu liegen und immer weniger zu können. Sich immer weiter rückwärts sich zu entwickeln, wie ein Klein­kind – nur, dass man dabei nicht niedlich ist wie ein Kind. Das sind wirklich Tage, von denen ich sagen muss „Sie gefallen mir nicht.“ Und dann ja, dann trösten mich diese biblischen Bilder. Es ist, als ob Gott seine Hand um alles legt. Er ist da in der Jugend, er ist da am Ende des Lebens. Dazwischen ist gar nicht groß die Rede von ihm, aber er hält alles zusammen im Leben.“

Ihr Enkel sitzt da und begreift, dass sie ihn gar nicht moralisch belehren wollte mit irgendwelchen Altersweisheiten oder Weis­heiten über das Altern, sondern, dass sie sich und vielleicht auch ihn trösten wollte. Er streichelt ihre Hand, legt die Bibel zur Seite und sagt: „Du bist ein toller Audioguide. Danke! Wann darf ich zur nächsten Führung kommen?“ Sie lächelt ihn an, schließt müde die Augen und sagt: „Der Akku muss erst wieder aufgelassen werden und der lädt langsam!“

Als er wieder im Auto sitzt, lassen ihn die Bilder nicht los. Ist das wirklich nur ein Text, der Hochaltrige und ihre Angehörigen trösten will? Es geht doch nicht nur ums Älterwerden, es geht um etwas, was Menschen in allen Lebensphasen erfahren müssen, nämlich die Begrenztheit ihres Lebens, ihres Hand­lungsspielraums, ihrer Gestaltungsmöglichkeiten. Wir sind eben alle keine Schöpfer, auch wenn wir es gerne wären. Er denkt daran, wie lange er und seine Frau sich schon Kinder wün­schen, aber es klappt nicht, lässt sich nicht erzwingen, auch mit medizinischer Hilfe nicht. Sein Kollege dagegen ist gerade total entsetzt darüber, dass seine Frau zum 4. Mal schwanger ist, sie überlegen sogar, ob sie das Kind überhaupt bekommen können, weil sie nicht wissen, wie sie es finanziell schaffen sollen, jetzt wo alle in der Firma in Kurzarbeit sind und es sicher auch irgendwann zu Entlassungen kommen wird. Ein Kind, das nicht kommen will, eine Schwangerschaft, die nicht gewollt war, Corona, das die Firma in Schieflage bringt, drohende Entlas­sungen. Das ist nicht gerecht, das ist nicht fair, das hat niemand verdient. Das Leben ist nicht gerecht und nicht fair. Die Grenzen, an die seine Großmutter täglich stößt, sie haben nicht nur etwas mit Alter zu tun. Sie begegnen auch in der Jugend und mitten im Erwach­sen-Sein.

„Das ist jetzt eben so!“ war immer das Mantra seiner Mutter. Es hilft nicht, dagegen aufzubegehren. Genauso wenig, wie es hilft dagegen aufzubegehren, dass wir älter werden und irgendwann alt und gebrechlich. Nicht zu ändern. „Manchmal kann ich nichts ändern, außer meiner Hal­tung“ erinnert er sich weiter an die in der Familie überlieferten Lebensweisheiten und begreift wohl zum ersten Mal wirklich die Bedeutung. Wenn das gelingen würde: nicht zu verzweifeln an den Gren­zen, die das Leben setzt, an der ungewollten Kinderlosigkeit oder auch an anderen Schicksalsschlägen: an einer Diagnose, einer Kündigung. Wenn das gelingen würde, damit konstruktiv umzugehen, dann ließe sich das Leben besser leben. Eine ganz schöne Zumutung, findet er, aber auch etwas das ihm Mut macht.

Er denkt wieder an das faltige Gesicht auf dem Kissen. Viel Zeit wird ihr nicht bleiben. Sie ist bereit zu gehen, das weiß er. Sie geht zuver­sichtlich, dass das nicht das Ende ist. Er weiß immer noch nicht, ob er wirklich an eine Zeit nach dieser Zeit glauben kann. Aber er glaubt daran, dass ihm diese Zeit jetzt und hier und heute geschenkt ist. Geschenkte Zeit. Kostbar. Zu kostbar, um ewig zu hadern mit dem, was nicht geschenkt wird. Ja, Altersweisheiten oder die Weisheiten eines biblischen Predigers klingen manchmal banal, sind deswegen aber nicht weniger wahr: Dieses Leben wird immer gute Zeiten und schlechte Zeiten haben. Tage von denen er sagen wird „sie gefallen mir nicht“ und andere. Er ist nicht der Schöpfer dieser Tage, wir alle sind es nicht. Nehmen wir also alle Zeiten, gute und schlechte, dankbar als begrenzt und als geschenkt entgegen. Amen.