Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Heilsame Wieder-Holung

Heilsame Wieder-Holung

Predigt am 11. April
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am Sonntag Quasimodogeniti

Predigt zu Joh 21, 1-14

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und Hören. Amen

Quasimodogeniti – was für ein wunderbarer Name für einen Sonntag. „Wie die neugeborenen Kindlein“ – heißt das auf Deutsch und spielt darauf an, dass wir durch Wasser und Geist neu geboren werden, in der Taufe nämlich. In der frühen Kirche wurde vor allem an Ostern getauft – und zwar damals Erwachsene, die vorher Taufunterricht über eine längere Zeit bekommen hatten. Aber erst mit der Taufe wurden sie Mitglied der Gemeinde, erst dann durften sie am Abend­mahl teilnehmen. Und in der Osterwoche – von der bei uns nur noch der Ostermontag als Relikt übriggeblieben ist – wurde täglich Abendmahl gefeiert. Die frisch Getauften trugen in dieser ganzen Woche weiße Kleider und nahmen das erste Mal richtig am Gemeindeleben teil. Und erst nach dieser Woche – heute also – wurden die weißen Kleider abgelegt. Der Tag heute markiert den Übergang vom Fest zum Alltag. Und genau dieser Übergang ist eigentlich die Herausforderung.

Ostern ist vorbei – und was kommt jetzt?
Ich meine, wir feiern da das Unglaubliche: Wir feiern unseren Glauben an die Auferstehung der Toten, den Glauben daran, dass das Leben stärker ist als der Tod. Aber damit das nicht nur fromme Floskeln bleiben, müs­ste sich doch eigentlich irgendwas verändern, oder?
Es hätte sich doch gleich damals etwas ändern müssen. Mit dem, was die Jüngerinnen und Jünger da in Jerusalem erlebt haben – leeres Grab, Engel, Osterfreude – da müsste doch die Verwandlung der Welt beginnen. War es nicht so angekündigt von Jesus selbst?

Aber wenn wir jetzt – kurz nach all diesen unglaublichen Ereignissen gucken, wo die Jünger abgeblieben sind, was sehen wir da? Sie sind wieder am See Genezareth und fischen. Zurück auf Start, als wäre nichts gewesen. Als wären sie nie Jesus begegnet, sind sie wieder in ihr altes Leben abgetaucht. Regression kann man sowas nennen. Rück-Entwicklung. Dann wenn Unsicherheit und Ratlosigkeit nicht gut zu bewältigen sind, greift man auf Früheres zurück. Kinder nutzen plötzlich wieder altes Spielzeug, aus dem sie längst herausgewachsen waren. Erwachsene greifen auf erprobte Handlungsmuster zurück.

„Ich will fischen gehen“ sagt Petrus, als sie da zu siebt, als Rumpftruppe der ehemaligen Jünger zusammensitzen. „Ich will fischen gehen“. Petrus sucht das Bodenständige auf den schwankenden Planken seines Lebens. See und Fische, das kennt er, das kann er, das bietet Sicherheit und Schutz – so glaubt er. Regression – das hat positive und negative Aspekte. Es kann auch eine Ressource sein, die hilft, dass ein Mensch sich ent­spannen kann, um wieder Kraft und Mut zu bekommen, um sich dann auf Neues einzu­lassen. Meist aber ist es eine Ausflucht. Wo man eigentlich die Dinge in die Hand nehmen müsste, wünscht man sich versorgt zu werden. Petrus und die Seinen arbeiten sich ab, sie ahnen, sie müssten irgendwie neu an­fangen, und doch bleibt ihr Leben in alten Netzen verfangen. „Ich geh dann mal fischen!“

Petrus macht den Anfang. Im übrigen Johannesevangelium bleibt er ein wenig blass, aber hier übernimmt er die Initiative. Er macht da weiter, wo er vor Jesus aufgehört hat. Er steigt ins Boot. Und den anderen fällt offen­­kundig auch nichts Besseres ein. Wenn einer anfängt, kommen die meisten nach. Da sitzen sie also wieder im selben Boot. Und – fangen – nichts! Rein gar nichts! Aus ihren spirituellen Höhenflügen stürzen sie ab in den harten Alltag armer Fischersleute. Es ist, wie es immer war – die Boote, die Arbeit, der Frust, der Hunger. Kurz, die Welt, wie man sie kennt.

Und doch schildert die Geschichte keinen Endpunkt, sondern einen Übergang. Zunächst den Übergang von der Nacht zum Morgen. Es ist eine etwas zwielichtige Sache, die sich da ereignet. Im Morgennebel erscheint das Ufer. Das rettende. Und mit ihm Jesus, der Rettende, den sie aber nicht erkennen. Auferstehung, das ist eine Glaubensdimension, die nicht im grellen Tageslicht spielt, da wird kein Schalter angeknipst, sondern das Licht bricht langsam an. An der Schwelle zwischen Nacht und Tag, im Nebel der Morgendämmerung geschehen seltsame Dinge, nach denen man besser nicht so genau fragt – so schildert es der Text: Niemand wagte ihn zu fragen, wer bist du? Und doch wissen es alle. Warum? Was genau geschieht, das die Jünger wissen lässt – es ist doch alles anders als früher.

Der Mann, der da am Ufer auftaucht, der bedient keine infantilen Versor­gungs­­wünsche, auch wenn er sie als „Kinder“ anspricht. Er zaubert nicht einfach Fische ins leere Netz. Aber er kennt ihre Not, und er benennt ihre Not: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ Das legt den Finger in die Wunde. Er fragt nicht. „Na, heute keinen guten Fang gemacht?“ Er spricht sofort an, was das heißt: Nicht nur Scheitern und Misserfolg, sondern noch viel direkter – das heißt leerer Magen, das heißt Hungern. Und dann reagiert er eben nicht mit einer Fütterung, sondern er schickt sie zurück an die Arbeit. Ihr seid jetzt alleine groß. Also alles noch mal von vorne. Müde und abge­kämpft von einer langen Nacht – zurück ins Boot, zurück auf den See rudern, wieder die Netze raus – auf der rechten Seite diesmal, das ist die Seite des Glücks. Und die Netze sind voll.

Missglücktes wird hier aufgearbeitet durch heilsame Wieder­holung. Manches braucht einen zweiten, einen dritten, einen vierten Anlauf, es braucht Geduld, Durchhaltevermögen, Vertrauen in die Zukunft. Die Wiederholung holt die Jünger wieder – sie holt sie wieder zurück ins Vertrauen auf das, was Jesus immer gepredigt hat. Dass Dinge sich ändern können, neu werden, heil.

Die Jünger werden diesmal nicht – wie beim ersten Mal, als Jesus sie am See trifft – aus ihrem Alltag herausgerufen. Jesus sagt nicht: „Ich hatte euch doch zu Menschfischern gemacht, lasst doch die Karpfen im See in Ruhe.“ Nein, im Gegenteil, er schickt sie in ihren Alltag zurück. Sie müssen und dürfen nach Ostern lernen, dass dieser harte Alltag, ihre Normalität durch­sichtig werden kann für die Gegenwart Gottes. Und zwar anders, als sie diese Gegenwart bisher kannten. Jesus gibt ihnen dazu Sehhilfen an die Hand – auch da geht es um Wiederholung. Denn vieles von dem, was da geschildert wird, hatten wir ja schon einmal. Die Jünger erleben hier ein Déjà vu:
Noch einmal sind die Fischer,
noch einmal begegnet ihnen Jesus ganz neu,
noch einmal spricht er sie an.
Und noch einmal: eine wundersame Vermehrung von dem, was satt macht,
Petrus, der sich noch einmal in den See wirft und nicht sinkt,
und wieder ein gemeinsames Mahl, Brot, das gebrochen wird.
Den Jüngern fällt es nicht wie Schuppen von den Augen, als Jesus am Ufer steht, der Groschen fällt erst langsam. Aber er fällt: „Es ist der Herr!“

Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus sich den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. So endet die Geschichte. Das erste Mal hat er sich ihnen gleich nach dem Ostermorgen gezeigt. Da waren sie noch in einer Ausnahmesituation, im Schock­zustand, hatten sich vor lauter Angst hinter verschlos­senen Türen verrammelt. Das zweite Mal kommt er, um sich Thomas, dem Zweifler, zu zeigen – und all die selig zu preisen, die wie wir, nicht sehen und doch glauben. Und hier – alle guten Dinge sind drei – zeigt er den Jüngern und uns, wie wir mit der Auferstehungsbotschaft unseren Alltag bewältigen können.

Und ehrlicherweise zeigt diese Nachostergeschichte, dass es eben nicht so einfach ist, Gottes Gegenwart im Alltag zu erken­nen. Nach Ostern sind die Netze nicht automatisch immer voll. Und ja oft genug erleben wir, wie die Jünger, dass aus einer spirituell aufgeladenen Situation – z.B. einer bewegenden Osterfeier – plötzlich alle göttliche Luft herausgelassen ist und wir uns unsanft wiederfinden zwischen Homeoffice und Schnelltest, vor unserer überlaufenden Mailbox oder einem ewiglangen leeren Stunden. Der Alltag hat uns wieder.

Die Frage ist nur, ob der Alltag durchsichtig bleibt. Durchsichtig für eine andere Wirklichkeit. Wir sind in einer zweideutigen Situation – sie kann so oder so gedeutet werden. Wir sind zwischen Zweifel und Hoffen, zwischen Nicht-Sehen und Glauben-wollen. Manchmal ist es wie ein Stochern im Nebel und nicht wissen, wann er sich verzieht und ob darin eine österliche Gestalt auftaucht. Ein Anfang ist es schon, wenn wir selbst heraustreten aus dem Morgennebel und sichtbar werden – mit unseren Zweifeln und Nöten – und dann jemand die Frage stellt: „Hast du nichts zu essen?“ Und natürlich hätten wir dann zu gerne jemanden, der uns etwas zu essen gibt, aber wir haben nur jemanden, der sagt: „Geh und besorg dir dein Essen selbst!“ Aber was er uns gibt, ist die Hoffnung, dass uns das gelingen kann.

Das ist es, was den Alltag nach Ostern in einem anderen Licht er­scheinen lässt – die Hoffnung, so wie es der Wochenspruch für diese Woche festhält:

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi“

Wir sind wiedergeboren, aber wir können nicht ewig in den weißen Kleidern herumlaufen. Jetzt gilt es die Arbeitsklamotten anzuziehen und fischen zu gehen – aber nicht ohne Hoffnung. Und „Hoffnung ändert alles!“ – so können wir es im Moment an unserer Kirchenwand ablesen. Wenn es also darum geht, wie wir nach dem Fest im Alltag ankommen können, wie wir Ostern in die Werktage übersetzen, so ist „Hoff­nung“ das entscheidende Stichwort, das ein und dasselbe Leben, ein und dieselbe Situation in völlig anderem Licht erscheinen lässt.

Hören Sie selbst:
Da waren ein paar arme Fischer, die am See Genezareth lebten. Abends rafften sie sich mühsam auf, um fischen zu gehen. Sie schufteten die ganze Nacht – völlig umsonst. Weil sie aber sonst einfach gar nichts zu essen haben würden, fuhren so morgens totmüde eben noch mal auf den See – solange, bis die Netze endlich voll waren. Sie waren so hungrig, dass sie den Fisch nicht zum Markt brachten und auch nicht zu ihren Familien, sondern sofort am Strand ein Feuer anzündeten und die Fische grillten, um selbst satt zu werden. Den Tag schliefen sie dann wohl, total erschöpft – und in dem Wissen, dass sich das jede Nacht mehr oder weniger so wiederholen würde.

So kann man dieselbe Situation auch erzählen. Ganz ohne Hoffnung. Oder aber man erkennt die Gestalt des Auferstanden am Ufer, der den Erfolglosen und Gescheiterten Hoffnung verleiht, es noch einmal zu versuchen und sie erleben lässt, dass sie satt werden. Ein und dieselbe Geschichte, an den Fakten hat sich nichts geändert – aber der Blick darauf ist völlig anders, weil Hoffnung eben alles verändert.

Das ist es, was die Osterbotschaft uns mit in den Alltag gibt: „die lebendige Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.“ Und wenn wir eines für den Corona-Alltag brauchen, dann Hoffnung. Hoffnung, dass wir irgendwann das wieder haben werden, was uns jetzt fehlt: „Kinder, habt ihr nicht genug Nähe und Kontakt, Begegnung und Berührung?“ Wir brauchen Hoffnung, die uns durchhalten lässt, die uns antreibt, es immer und immer wieder zu ver­suchen, auch wenn wir sehen, dass viele Versuche erfolglos bleiben und scheitern, auch wenn wir erschöpft sind, auch wenn wir es die ganze Nacht schon versucht haben. Wir haben die Hoffnung, dass irgendwann unser Hunger wieder gestillt wird. Amen.