Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Hier stehe ich und muss jetzt anders

Hier stehe ich und muss jetzt anders

Gottesdienst zum Reformationstag
Pastorin

Andrea Busse

Predigt am 31. Oktober 2020

Predigt zu Matthäus 10, 26b-33

„Hier stehe ich und kann nicht anderes.“

Da steht er, der Luther. Vor dem Kaiser auf dem Reichstag zu Worms. Und seitdem steht er da – auf vielen Gemälden und in zig Filmen. Meistens ist er aufrechtstehend dargestellt, manchmal mit stolz­geschwellter Brust.
„Hier stehe ich und kann nicht anders!“ Das ist ja mal ein Bekenntnis! Da steht er und kann nicht weichen. Weil er überzeugt ist von dem, was er glaubt. Er bekennt mit Leidenschaft und Leidens-bereitschaft. Und was hat ihn dahin gebracht? Die Angst. Die Angst vor einem strafenden Gott. Die Angst, sich nicht recht­fertigen zu können. Und ich stelle mir vor, dass die Brust vielleicht nicht ganz so stolz geschwellt war und dafür die Knie schlotterten, als er in Wirklichkeit sagte:

„Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, …Gott helfe mir. Amen.“

Kein triumphales „Hier stehe ich …“, ein schlichtes „Gott helfe mir“.

Szenenwechsel:
Rückblick zur Gemeinde des Evangelisten Matthäus. Sie hat es schwer mit sich selbst: Da sind einerseits Gläubige, die aus einer heidnischen Tradition stammen und solche, die bis vor kurzem noch zur Synagoge gehörten. Und die streiten darüber, wie Nach­folge Jesu konkret aussehen soll. Aber nicht nur im Inneren gärt es, die Gemeinde ist auch von außen bedroht: Denn wer sich zu Jesus Christus bekennt, hängt zwischen den Stühlen: Man gehört nicht mehr zur jüdischen Gemeinde und dieser Abgrenzungs­prozess bringt reichlich Auseinandersetzungen mit sich. Man passt aber auch nicht in die heidnische Umwelt. Diskriminierung und Verfol­gung zeichnet sich ab. Es wird gefährlich.
In diese Situation hinein beschreibt Matthäus eine Szene, die noch ein bisschen weiter zurückliegt: Jesus spricht zu seinen Jüngern und sendet sie aus. Er bereitet sie vor auf das, was sie in der Nach­folge erwartet – nämlich dass sie gehasst werden, verfolgt, vor Gericht gestellt, gefoltert und manche sogar getötet. Ich lese aus dem 10. Kapitel (Mt 10, 26b-33):

Darum fürchtet euch nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.
Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt.
Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sper­linge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Jesus sendet Menschen aus, um von ihm zu erzählen, sich zu ihm zu bekennen: die Jünger – die ersten Gemeinden – Luther – und heute uns. Wir sind ausgesendet, wir sollen bekennen – und wir haben Angst. Wir heute sind nicht von Verfolgung und Tod bedroht wie die ersten Christen und wie auch Luther. Aber von Bedeutungslosigkeit. Wir haben Angst um unsere Gemeinden, um unsere Kirche.
Wie soll das weitergehen, wenn die Corona-Schutzmaßnahmen Gemeinde­arbeit immer wieder, immer weiter schwierig bis unmög­lich machen. Was macht das mit uns als Gemeinde, wenn wir uns nicht nahe kommen, nicht berühren dürfen? Wenn die Menschen an diesem Jahr Heiligabend nicht in den Gottesdienst gehen können, kommen sie dann im nächsten Jahr wieder? Oder merken sie, so schlimm ist das gar nicht ohne? Sinken die Zahlen jetzt noch schneller als sowieso schon prognostiziert? Die Zahlen der Kirchen­mitglieder und der Kirchensteuereinnahmen.
Kirche wird kleiner. Das kann schon Angst machen. Was geht dann noch, wer sind wir dann?
Und in diese Fragen hinein nun also die Forderung zum Bekenntnis: „Wer mich bekennt vor den Menschen“ und heute am Reformationstag das Bild von Luther – wie eine fleischgewordene Verkörperung dieses Bekenntnisses:

„Hier stehe ich und kann nicht anders.“

Erstmal also sich hinstellen. Und sei es mit schlotternden Knien. Denn nur von einem festen Standpunkt aus, kann man Verän­derung wagen. Nur wer ein klares Profil hat, ein eindeutiges Zentrum, eine gute Grundlage der kann ohne Furcht den Rahmen verändern. Und eines ist klar:
Kirche muss sich verändern,
sie wird sich verändern.
Sie soll sich verändern – sagt schon Luther.
„Ecclesia semper reformanda“ – Immer ist unsere Kirche refor­mierungs­bedürftig. Aber dazu braucht es – so der biblische Text – innere Gewissheit und äußeres Bekenntnis. Das braucht es. Was wir aber nicht haben brauchen, ist: Angst! Ein dreifaches „Fürchtet euch nicht!“ – rahmt und gliedert diese Rede Jesu. Es ist eine Mutmach-Rede.

Das erstaunt Sie vielleicht, diese Rede Jesu kommt ja nun nicht so sonderlich positiv daher. Im Gegen­teil: Sie endet mit einer Drohung: „Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ Diese Rede ist sehr ehrlich: Sie tut nicht so, also ob das, was wir tun, keine Konsequenzen hätte. Kein: Egal, was ihr macht, alles wird gut. Ich finde, diese Rede hilft gerade deswegen gegen die Angst, weil sie nicht so tut, als ob es nichts gäbe, vor dem man Angst haben müsste. Sie nimmt die Angst ernst.
Die Änderungen, die auf unsere Kirche in Zukunft zukommen, die werden nicht einfach. Erstmal sieht es so aus, als ob wir auf man­ches verzichten müssen, zurückstecken. Weniger werden, leiser werden, unwichtiger werden. Ja, es wird schwer, sagt Jesus seinen Jüngern: Ihr werdet verfolgt, manche bezahlen mit dem Leben. Das Schwere, das Leid, die Fragen und Zweifel blendet Jesus nicht aus. Er sagt nicht, dass kein Spatz mehr zu Boden zu fällt, dass kein Mensch ohne Leid ist und dass Gott nicht Gericht hält. Sagen, was Sache ist, gerade in Zeiten harter Realität – und dem ein „Fürchte dich nicht!“ entgegenhalten, das ist vielleicht das einzige, was wirklich Mut machen kann. Insofern ist es für mich eine Mutmach-Rede, die uns – wie damals die Jünger – auf den Weg bringen kann. Denn bewegen müssen wir uns.

Und was sollen wir tun? Z.B. das, was im Verborgenen ist, von den Dächern pfeifen. Verkündigen, Bekennen – unser Kerngeschäft sozusagen. Das was wir als Christinnen und Christen – nicht nur als Pastorinnen – tun sollen. Ich erinnere mich an meine allererste Konfirmandengruppe. Damals war ich Vikarin in einem sozialen Brennpunkt in Kiel und in meiner Gruppe waren durch Zufall nur Mädchen. Mit ihnen habe ich also die üblichen Themen diskutiert – wie stelle ich mir Gott vor, was steht in der Bibel, wie feiern wir Gottesdienst, wonach richten wir unser Leben aus – und sie haben mal mehr mal weniger engagiert mitgemacht. Aber die intensivste Stunde war, als mich ein Mädchen fragte: „Warum wollen Sie eigentlich Pastorin werden?“ Ich habe erst­mal etwas davon erzählt, wie abwechslungsreich dieser Beruf ist und dass man vielen Menschen begegnet und was Sinnvolles tut, aber – darum ging es dem Mädchen gar nicht. Sie wollte ein Bekenntnis hören, mein Bekenntnis, nicht das apostolische. Sie wollte wissen, warum mir persönlich der Glaube so wichtig ist, dass ich mein Berufsleben daraufhin ausrichte. Sie wollte einen Blick auf das haben, was sonst eher im Verborgenen ist – nämlich meine persönlichen Erfahrungen mit Gott.
Ich habe also davon erzählt, dass ich mich im Leben getragen fühle – mal mehr, mal weniger, aber nie gar nicht. Ich habe erzählt, von meinem Urvertrauen, davon, nie aus dem Glauben herausgefallen zu sein, immer irgendwie verbunden zu sein mit diesem Gott, den ich als Kind schon kennenlernen durfte. Verbunden – mal gefühlt an der sehr langen Leine, manchmal muss ich zerren, um überhaupt zu spüren, da ist noch was, ich bin wirklich gehalten. Manchmal aber auch ganz nah, wohltuend nah, manchmal zu eng, da ist dann der Impuls, mir Platz verschaffen zu müssen. Sehr persönliche Gedanken, die da offenbar werden sollten in dieser Stunde mit den 13-jährigen Mädchen.
Kein klares Bekenntnis – kein „Hier stehe ich und will Pastorin werden“. eher ein Stottern, Zusammensuchen, ein Versuch, das in Alltagssprache dieser Pubertierenden zu übersetzen, wofür ich nur spirituell angehauchte Formeln meiner pietistischen Vergangenheit parat hatte. Und ja, ich hatte etwas Angst in dieser Situation, hatte Angst, in peinlich fromme Floskeln abzurutschen, die nicht überzeugen können und leer bleiben. „Gott helfe mir“ – habe ich innerlich auch gebetet. Und ich habe an dieses Wort des Matthäus gedacht, das mein Konfirmanden­spruch ist: „Wer mich bekennt vor den Menschen, denn will auch ich bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Dabei hat mir diese Verheißung und Zusage geholfen, dass das Verbor­gene offenbar werden kann – hoffentlich auch diesen Mädchen.

Das ist das eine, was mich in dieser Rede Jesu ermutigt und das andere: Klein ist auch nicht schlecht. Der Sperling ist klein, die Haare sind winzig – auch Kirche kann also kleiner werden und ist trotzdem kostbar. Solange sie zu sich steht. Oder besser solange sie zu Gott steht. Ihn bekennt. Das kann eben auch im Kleinen sein – vor 15 Konfirmandinnen z.B. oder vor teilnehmerbegrenzten Runden in Corona-Zeiten. Das von den Dächern predigen müssen wir viel­leicht lernen, anders zu definieren – digitaler oder hybrider. Die Corona-Krise ist für uns wie ein Crash-Kurs in Sachen Beweg­lichkeit Üben, Veränderungen Gestalten. Und in diesen Zeiten erlebe ich die Aussendungsworte Jesu wie ein Geländer an dem wir uns entlanghangeln können. Auch wenn wir als Institution, als Gruppe, als Bewegung unbedeutender werden – die Frage, die schon Luther stellte, bleibt relevant: Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Heute würden wir vielleicht sagen: Was gibt meinem Leben Sinn und Halt? Und auf diese Frage haben wir eine Antwort. Auch wenn wir sie manchmal nur ahnen und häufig stottern und stammeln. Aber wenn wir dastehen und stottern und stammeln, stehen wir auf festem Grund, auf dem Grund der gelegt ist, welcher ist Christus. Solange wir uns dazu bekennen, brauchen wir uns nicht fürchten.
Und der Friede Gottes der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.