Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Hinterhersehen

Hinterhersehen

Predigt am 15. Januar
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Verabschiedung des alten und Einführung des neuen KGR

Predigt zu 2. Mose 33, 18–23

Predigttext: 2. Mose 33, 18–23

Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir hersehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

 

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde!

Vor einigen Jahren gab es eine Untersuchung zum Zusammenhang zwischen der Motorik und der Rechenfähigkeit von Kindern. Dabei stellte sich heraus, dass Kinder, die sich gut bewegen können, die vorwärts und auch rückwärts gehen, hüpfen, springen und Purzelbäume schlagen können, deutlich besser addieren und subtrahieren, multiplizieren und dividieren können, als Kinder, die viel sitzen, sich wenig bewegen und eher unsicher oder unbeholfen in ihren Bewegungsabläufen sind.

Diese Untersuchungsergebnisse haben sich mir eingeprägt: Der Zusammenhang zwischen unserer äußeren, körperlichen Beweglichkeit und unserer inneren, geistigen Beweglichkeit. Das Zusammenspiel zwischen motorischen, sinnlichen Eindrücken und emotionalen, intellektuellen Entwicklungen. Er gilt, meine ich, auch für unser geistliches, spirituelles Leben.

Ohne konkrete, leibhafte Erfahrungen ist es schwieriger, im Glauben Heimat zu finden. Eine Überdosis kann natürlich auch zum Wunsch nach Abstand führen! Aber bestimmte Gesten und Rituale helfen, äußere Erfahrungen zu verinnerlichen. Seien es Lieder, Gebete oder kirchliche Feste, das Kerzenanzünden, der Segen oder das Kreuzzeichen, Erfahrungen von Stille und Kontemplation oder auch von Gemeinschaft, Engagement und Festfreude.

Der Predigttext heute aus dem 2. Buch Mose erzählt etwas von der Beweglichkeit im Glauben, von Berührung und Körperbeherrschung, von Körperteilen, wie Hand und Gesicht, vom Sehen, Gehen, Stehen und Rufen.

Mose möchte Gott endlich sehen. Er hat in Gottes Auftrag das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit geführt – das war zunächst einmal die Wüste. Er hat von Gott die Zehn Gebote empfangen, eine hölzerne Lade für die Gesetzestafeln anfertigen lassen und ein besonderes Zelt – die sog. Stiftshütte – für die Begegnung mit Gott eingerichtet.

Nun wird Mose ungeduldig und ungehalten. Er wendet sich an Gott: „Du sagst mir, ich soll das Volk führen. Aber du sagst mir nicht, wer mir dabei helfen soll! Du sagst zu mir: ‚Ich kenne dich mit Namen, du hast Gnade in meinen Augen gefunden.‘ Aber wenn das so ist, dann lass mich deinen Weg wissen. Lass mich dich endlich sehen und kennenlernen!“ (2. Mose 33, 12+13)

Zwischen Mose und Gott entwickelt sich ein Streitgespräch. Mose insistiert darauf, Gott – oder seine Herrlichkeit, sein Wesen, seinen Glanz – zu sehen. Und schließlich willigt Gott ein, an Mose vorüberzugehen, während der zurückgezogen in einer Felsspalte stehen soll und von Gottes Hand sozusagen die Augen zugehalten bekommt. Erst wenn Gott vorbeigegangen ist, darf Mose die Augen öffnen und hinter Gott her sehen, ihn also von hinten sehen.

Ich stelle mir vor, dass Mose an diesem Gott mitunter verzweifelt ist! Der ihm so viel aufbürdete, um das er nicht gebeten hatte. Ob dies den sicheren Weg, ausreichend Nahrungsmittel für das Volk, Regeln fürs Zusammenleben oder handfeste Auseinandersetzungen oder auch Kritik an seiner Person betraf. Gott gab ihn nicht frei, obwohl Mose murrte und klagte und unter der Last der Verantwortung mitunter zusammenzubrechen drohte.

Gleichzeitig wird Mose mit diesem Gott viel gelernt haben, der hartnäckig war – aber auch im Gespräch blieb, der Mose antwortete, mit ihm stritt, ihn ernst nahm, ihn mit Argumenten zu überzeugen versuchte, ihm andere, neue Lösungen vorschlug…

Ein Gott, der mit Mose auf dessen Weg ging, ohne immer auf seiner Seite zu sein. Der mit Mose sprach, aber sich ihm kaum zeigte. Der Mose immer wieder aufforderte, die Schrittfolge, die Blickrichtung und die Haltung zu ändern.

Für meine Augen, für meine Ohren bietet diese Geschichte von Mose und Gott, dieser Abschnitt aus dem 2. Buch Mose, viele Anknüpfungspunkte für ein kirchenleitendes Gremium in unserer Zeit, für unsere Zusammenarbeit und unser Leben als Gemeinde.

Ich denke an die vielen Aufgaben und Themen, für die der Kirchengemeinderat Verantwortung trägt und beweglich bleiben muss: für die Mitarbeitenden, die Finanzen und Gebäude, für Religionspädagogik, Seelsorge und Diakonie, die Verkündigung in Wort und Musik, die Beziehungen in diesem Stadtteil und zu anderen Gemeinden…

Ich denke auch an die Auseinandersetzungen, das „Murren des Volkes“: Warum macht ihr das so oder lasst jenes? Könnte, sollte, müsste man nicht…? Ich denke auch an die Gleichgültigkeit vieler gegenüber der Arbeit des KGR, die geringe Beteiligung an der Wahl…

Mitunter kann man wie Mose ungehalten und müde werden. Und man möchte Gott fragen: „Wenn du mich in dieses Amt berufen hast, dann gib dich mir zu erkennen und zeig mir, zeig uns den richtigen Weg!“

Folgen wir dem heutigen Predigttext, dann rät Gott uns in solchen Situationen zum einen, beharrlich im Gespräch zu bleiben, miteinander und mit ihm. Zum anderen aber rät er uns zu Beweglichkeit, zum Hinterhersehen und Vorausschauen, zum Gehen und Stehenbleiben, Rufen, Sehen und Warten.

Zwar können wir Gott nur von hinten sehen, aus der Ferne, mit Abstand – aber laufen sollen wir doch, wie Mose, vorwärts, in die Zukunft. Dazu braucht es Gleichgewichtssinn und Koordination: Mal nach hinten und mal nach vorne schauen. Mal beim Laufen über die Schulter zurückblicken. Mal stehenbleiben, sich vielleicht sogar zurückziehen und innehalten. Dann wieder den Weg mutig fortsetzen. Uns von Gottes Hand berühren lassen, selbst wenn sie uns manchmal die Augen zuhält und wir für einen Moment gar nicht wissen, wie es weitergeht.

Und darauf vertrauen, dass wir alle, und heute insbesondere ihr als Kirchenälteste, von Gott berufen wart und berufen seid. Mit den Gaben, die ihr als Einzelne habt, mit der Zeit und inneren Kraft, die euch für dieses Amt zur Verfügung stand oder steht.

Für den scheidenden Kirchengemeinderat hat es viele gute Wege, schöne Etappen und Erfolge gegeben. Und manchmal haben wir uns auch gerieben, hatten unterschiedlichen Tempi, waren erschöpft oder haben in verschiedene Richtungen geguckt. Manches hat uns, und gelegentlich auch unseren Familien, viel abverlangt. Aber ich glaube, dass wir uns doch die meiste Zeit verbunden wussten im gemeinsamen Blick auf diese Gemeinde und auf Gott, den man – wie auch manchmal die Gemeinde – eben nur von hinten sieht…

Im neuen KGR werden wir uns und unsere gemeinsame Beweglichkeit erst einmal kennenlernen. Dazu fahren wir schon Anfang Februar auf eine Außentagung in Rendsburg. Wir werden nach und nach miteinander erfahren, wer sich gut umsehen kann, wer die Traditionen und Eigenheiten dieser Gemeinde im Blick hat und wer weit nach vorne blicken kann. Wer das Terrain, die Vielfalt der Themen leicht erfasst. Wer von uns eher hüpft, wer rennt, wer Purzelbäume schlagen kann. Wer uns zu Geduld und zum Innehalten verhilft, und wer zum Sprint rufen wird…

Wir mögen, wir alle – in welchem Amt, in welchem Beruf und Stand auch immer – beweglich bleiben aus dem Glauben heraus. Aufmerksam für das, was hinter, wie für das, was vor uns liegt. Verbunden und achtsam mit den Menschen, die mit uns gehen. Humorvoll, zuversichtlich und beharrlich im Gespräch miteinander und mit Gott.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.