Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Hört der Engel helle Lieder

Hört der Engel helle Lieder

Predigt an Heiligabend – Christvesper
Pastorin

Andrea Busse

Sonnag, 24. Dezember

Predigt zu Lukas 2, 1-21

Die Weihnachtsgeschichte Teil 1

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

Lied: Kommet ihr Hirten

Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuch­tete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. (Lukas 2, 1–14)

Predigt Teil 1:

Puh – sagt Gabriel, der Oberengel, als sie vom Felde bei den Hürden wieder gen Himmel schweben. „Endlich hat uns jemand zugehört, das war schwieriger, als ich dachte.“

Zuerst hatten sie es in Jerusalem versucht. Klar König Herodes war nun nicht der Frömmste unter den Herrschern, die die Engel in all den Jahrhunderten ihres ewigen Gesangs erlebt hatten. Gabriel war zuerst auch nicht zufrieden gewesen, dass der Messias ausgerechnet zu dessen Regierungszeit kommen sollte, aber vielleicht brauchte ihn das Volk jetzt ganz besonders dringend. Und immerhin Herodes war offiziell König des jüdischen Volkes, also musste er es doch wissen – so hatte Gabriel gedacht und seine himmlischen Heerscharen zum Palast beordert. Aber der war so hell erleuchtet, dass keiner das Licht, das die Engel mit sich brachten, auch nur gesehen hatte. Drinnen feierte König Herodes mit seiner Frau ein Fest – viele Musiker sorgten für Stimmung: Harfenklänge waren zu hören. Die Stimmen der Engel kamen dagegen nicht an. Keiner hatte Augen und Ohren für sie.

Wobei, das stimmt nicht ganz. Ein kleines Mädchen hatte draußen gestanden. Sie hatte heimlich die Mülltonne vor der Palastküche nach etwas Essbarem durchsucht. Im Dunkeln natür­lich, damit keiner sie erwischt. Sie hatte den Glanz gesehen, Augen und Ohren aufgerissen und gestaunt. Aber sollte so ein kleines Mädchen allein, die Botschaft weitertragen? Würde man ihr glauben?

„Wir singen noch einmal!“ entschied Gabriel. Vielleicht waren wir hier einfach falsch, lasst uns zum Tempel fliegen“. Es war schon spät am Abend, aber die Schrift­gelehrten waren noch da. In der Tempelvorhalle saßen sie beim Schein der Fackeln über die Schriftrollen gebeugt. „Das Volk, das im Finstern lebt, sieht ein großes Licht!“ – so zitierte gerade einer aus dem Buch des Propheten Jesaja. Und sie diskutierten über die finstere Lage ihrer Zeit: über die Römer, die das Land besetzt hielten und ausbeuteten, über die steigenden Preise, den Hunger, der herr­schte, und die Unzufrieden­heit. Über die Sehnsucht nach dem Messias, der Licht ins Dunkle bringt. Aber sie waren so auf ihre Ge­spräche konzentriert und so tief über die Schrift­rollen gebeugt, dass auch sie das Licht der Engel nicht sahen. Und ihre hitzige Diskussion übertönte das „Ehre sei Gott in der Höhe!“

Aber einen gab es auch hier, der im Tempel Augen und Ohren aufsperrte. Ein kleiner Junge mit einem Besen in der Hand. Seine Aufgabe war es, den Hof zu fegen, den Dreck wegzu­machen, den die vielen Gläubigen hinter­lassen hatten. Er fegte auch in den dunklen Ecken. Und sah das Licht. Und hörte den Gesang und wusste, dass ab jetzt alles anders werden würde.

„Und was machen wir jetzt?“ fragte da ein kleiner Engel etwas weinerlich: „Was machen wir, wenn keiner Gottes Botschaft hören will? „Das kennen wir schon“ – sagte Gabriel altklug. In wie vielen Jahr­hunderten hatte er schon erlebt, dass die Menschen Gottes Stimme ignoriert hatten, über­hört hatten. „Dann müssen wir eben da hin, wo es so dunkel ist, dass man uns nicht übersehen kann!“ sagte er. „Jerusalem ist zu hell. Und das Kind wird ja auch in Bethlehem geboren. Das ist ein kleines Dorf. Und drumherum sind lauter dunkle Felder. Da sind sicher Hirten unterwegs“. „HIRTEN?“ fragte der kleine Engel entsetzt. „Die sind der Abschaum!“ – Als Gabriels strafender Blick ihn traf, stotterte er etwas unsicher: „Ich, ich meine, die Hirten können doch nicht mal lesen. Die kennen nicht die alten Schriften von den Propheten, die wissen doch gar nicht, wie der Messias kommen soll“. „Die wissen das vielleicht besser als alle anderen“ entgegnete Gabriel. „Zumindest haben sie eine riesige Sehnsucht danach, dass der Messias kommt. Dass es endlich gerechter zugehen soll, dass endlich Friede herrscht“.

Und so waren die Engel über die Felder geschwebt, hatten ein kleines Lagerfeuer im Dunkel gesehen und dort leuchtete ihre Klarheit taghell in der Nacht. Und die Hirten standen auf und staunten und sahen und hörten. Und dann liefen sie eilends.

Die Weihnachtsgeschichte Teil 2

Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. (Lukas 2, 15–20)

Lied: Hört der Engel helle Lieder

Predigt Teil 2:

Hört der Engel helle Lieder!
Wer hört die Engel eigentlich singen?
Die Kinder hören sie meistens, sie lassen sich berühren vom Glanz und Gesang. Die Hirten sehen sie, sie sehnen sich nach Licht und Hoffnung.
Und was ist mit uns? Sehen wir sie? Hören wir ihre Botschaft? Und wenn wir sie jetzt heute Abend hören – die weihnachtlichen Lieder, die Texte, die von Hoffnung und Zuversicht erzählen – was genau hören wir dann? Ist das für uns ein Gesang aus dem Archiv? Eine uralte Geschichte, die uns vertraut ist, aber jetzt nicht unbedingt staunen lässt? Oder antwortet die Botschaft der Engel auf eine Sehnsucht, die wir in uns tragen, wie die Hirten? Wir gehören sicher nicht zu den Randständigen, aber besonders hell und optimistisch erlebe ich diese Zeiten auch für uns nicht.

All die Beschlüsse, die auf Klimagipfeln hart errungen werden, greifen viel langsamer, als die Eisberge schmelzen.
Keiner rechnet mehr damit, dass der Krieg in der Ukraine sich schnell beenden lässt oder dass die Geiseln, die noch immer in Gaza festgehalten werden, alle lebend herauskommen.
Der kleine Laden, in den ich immer gerne ein­kaufen gegan­gen bin, musste Insolvenz an­melden.
Das Ergebnis der PISA-Studie war katastrophal, aber mein Sohn hat ständig Schulausfall, weil es nicht genug Lehrerinnen gibt. Der Kita fehlen sozial­päda­­gogische Assistenten, meiner kaputten Leitung der Handwerker.
Die Probleme scheinen komplex, die Zukunft kompliziert, die Lösungen der Politik wenig effektiv. „Krisenmodus“ – das ist bezeichnenderweise das Wort des Jahres 2023. Wir Menschen ver­suchen, mit den Krisen unserer Zeit irgendwie umzugehen. Und wie macht man das? Man schreibt ein Konzept, entwirft einen Plan. Man setzt eine Arbeitsgruppe ein oder einen General.

Und wie macht Gott das? Gott schickt ein Kind. Mitten hinein in die bitterste Not, dort wo es besonders ohnmächtig ist. Was soll dieses Kind denn aus­richten gegen die Ungerechtigkeit der Welt? In der Krippe liegen nicht die Lösungen für diese Welt: Kein Klimaschutzprogramm, das die Erd­erwärmung stoppt. Keine diplomatische Lösung für den Krieg. Kein Milliardenprogramm für den Haushalt. In der Krippe liegen auch nicht die Lösungen für Krisen und Konflikte unseres Lebens. Da liegt „nur“ ein Kind. Ein Kind fragt erstmal nicht danach, was wir brauchen, sondern es braucht uns. Es braucht Windeln und Milch. Es braucht unsere Zu­wendung, unsere Versorgung, unseren Schutz. Und damit holt das Kind, das Beste aus uns heraus, was wir in uns haben: Unsere bedin­gungslose Liebe. Liebe, die uns das tun lässt, was nötig ist, ohne zu fragen, was wir davon haben. Und das – das kann tatsächlich die Welt besser machen. Kann sie retten und heilen.

Jedes Kind kann uns daran erinnern – an den Gesang der Engel, an die Botschaft der Hirten, an den Rettungsplan Gottes, der auf dem Weg ist. Jedes Kind erinnert uns daran, dass das Leben immer wieder neu beginnt. Die Hoffnung beginnt klein. Unscheinbar. Nicht sehr über­zeugend. Das war kein überzeugender Messias, den die Hirten da entdeckten, aber einer, der –wie die Hirten alle vermutlich auch – im Stall geboren wurde. Der ihnen nahe war. Die Hirten haben die Engel gehört, das Licht gesehen und den Messias erkannt.

Und wir hier heute?
Manche von uns hören vielleicht einfach ein paar Leute in den Kirchenbänken schöne Weih­nachts­lieder mehr oder weniger schön singen. Andere hören darin und daraus den himm­lischen Gesang der Engel. Manche hören eine alte Geschichte, die sie schon lange kennen. Andere hören, wie die Hoffnung ihre Stimme erhebt – vielleicht klein und nicht sehr überzeugend. Ich wünsche uns, dass wir alle das Wunder der Weihnacht erleben: Dass ein kleines Kind uns die Antwort auf unsere Sehnsucht ahnen lässt. Dass diese alte Geschichte uns im 21. Jahr­hundert Zuversicht schenken kann. In diesem Sinn möge es bei uns allen Weihnachten werden. Amen.