Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Ich freue mich in dir

Ich freue mich in dir

Predigt Heiligabend – Christmette
Pastorin

Dr. Claudia Tietz

Heiligabend 2023

Predigt zur Kantate „Ich freue mich in dir“ BWV 133

Gnade sei mit euch und Friede von dem,
der da ist und der da war und der da kommt!

„Ich freue mich in dir!“ So hat es uns der Chor zu Beginn der Weihnachtskantate eben zugerufen, uns zugejubelt, unterstützt von den Streichern und Oboen. „Ich freue mich in dir und heiße dich willkommen, meines liebes Jesulein!“

Freude als Antwort auf Jesu Geburt. Jubel, Dankbarkeit und Rührung, wie wir sie angesichts eines Neugeborenen empfinden können. Das Staunen über das Wunder eines neuen Menschen. Ob uns das Neugeborene aus dunklen, weisen Augen ansieht oder hinter geschlossenen Lidern träumt, ob es im Schlaf erschöpft leise seufzt oder mit rotem Kopf hungrig schreit oder sich still und verwundert umsieht …

„Ich freue mich in dir!“ Immer wieder, über jedes neugeborene Kind, ob wir ein Baby, das im Freundeskreis angekommen ist, auf dem Handy-Bildschirm sehen oder in der Familie ganz in echt in den Armen halten dürfen.

Dieses Kind nun, um das es heute Nacht geht, das im Eingangschoral der Kantate so fröhlich in der Welt willkommen geheißen wird, ist ein besonderes Kind.

Das buchstabieren die beiden Rezitative im Mittelteil der Kantate nach: Der Tenor erinnert an die Angst, die Adam und Eva im Paradies vor Gott hatten, als sie sich aus Furcht vor Strafe vor ihm versteckten. Dagegen begegnet uns Gott in der Heiligen Nacht als ein Kind. Nicht strafen will Gott, sondern hat offenbar Mitgefühl mit uns Menschen, oder Sehnsucht nach uns. Aus Güte und Barmherzigkeit kommt er in einem kleinen Kind zu uns. Aus Liebe, die keine Furcht kennt …

Der Bass hingegen bedenkt in seinem Rezitativ, wie ein Gott, der den Himmel aufschließt und hinunter zur Erde kommt, wohl auch all jene in sein Reich aufnimmt, die schon in der Erde liegen. Wie Gottes Liebe die Lebenden und auch die Toten umfasst und wir keine Angst mehr vor dem Tod zu haben brauchen. Denn auch im Tod gehen wir Gott nicht verloren …

So die Überlegungen, die in Musik gekleideten Gedanken dazu, warum wir uns heute Nacht freuen dürfen, woher unsere Dankbarkeit und unser Glück rühren könnten.

Aber eigentlich, so glaube ich, ist alles, die ganze Botschaft schon in dieser einen Anfangszeile der Kantate enthalten: „Ich freue mich in dir!“

Bach bzw. Caspar Ziegler, auf dessen Lied die Kantate zurückgeht, die Bach 1724 ursprünglich für den 3. Weihnachtstag komponierte, eröffnet sein Werk nicht mit der Formulierung: „Ich freue mich über dich!“ So, wie wir es normalerweise sagen: „Ich, wir freuen uns über die Geburt von …“ Nein, es heißt: „Ich, wir freuen uns in dir!“

So oder so ähnlich ist es auch in manchen anderen alten Liedern formuliert, zum Beispiel in dem Choral: „In dir ist Freude“.

„Ich freue mich in dir“ – das kann Vieles beinhalten und bedeuten. Sicher auch, dass ich, dass wir uns über die Geburt des Gottessohnes freuen. Unglaublich, ein Wunder, Gottes Kind in der Krippe liegend ansehen, womöglich anfassen, es vielleicht hören zu dürfen.

So, wie Kinder im Weihnachtszimmer zwar meistens zuerst beeindruckt den leuchtenden, geschmückten Weihnachtsbaum wahrnehmen, aber dann – wenn es eine gibt – zur Krippe laufen. Und da wissen sie sofort, wie intuitiv, wo das Zentrum ist, wo die Hauptperson, das „kleine Jesulein“ zu finden ist, das Heil der Welt.

„Ich freue mich in dir“ kann auch das „Weil“ beinhalten, so ähnlich, wie es die Kantate ausführt. Die Gründe nennt, warum die Geburt des Gotteskindes denn Anlass zur Freude ist, was uns damit geschenkt wird oder sich für uns verändert.

Was für ein Gott das wohl sein muss, der unbedingt auf die Erde kommen und bei seinen Menschen wohnen will, der sich ihnen in die Arme legt und in die Hände gibt… Ein liebevoller, wehrloser Gott. Der Nähe nicht scheut, keine Angst vor Abgründen und Dunkelheit hat, der mit uns hofft, dass es gut wird auf der Erde.

„Ich freue mich in dir“ – diese Formulierung hebt den Abstand zwischen Gott und uns Menschen, zwischen dem Jesuskind und dir und mir auf. „In Jesus“, „in Gott“ können wir uns freuen, weil durch Jesu Geburt unsere Welt nicht mehr gottverlassen ist. Weil Gott in dieser Welt, in unserem Leben ist und es keinen Ort, keinen Zustand auf der Erde außerhalb von Gott mehr gibt.

„In ihm, in Gott, leben und weben und sind wir“ (Apg 17, 28), heißt es im Neuen Testament. Wir sind von Gott umgeben.

Ich denke daran, wie meine Patentochter, als ich ihr als kleines Kind die ersten Krippenfiguren aus Holz schenkte – Maria, Josef und ein Kind in der Krippe – sofort am meisten mit dem Baby beschäftigt war. Raus aus der Krippe, rein in die Krippe, Stroh raus, Stroh rein, Baby auf den Rücken, Baby auf den Bauch… Und schließlich steckte sie sich das kleine Jesuskind in den Mund. Verschlucken konnte sie es nicht, dazu war es zu groß. Aber sie gab es gar nicht mehr wieder her!

Und bei aller Bestürzung, Unruhe und Versuche der Eltern und Großeltern, ihr das Kind abzunehmen und wieder ordentlich in die Krippe zu betten, dachte ich auch: Es schadet ihr nicht. Ganz im Gegenteil: Jesus möge sie stärken. Er möge in ihrem Herzen wohnen und Wurzeln schlagen und immer bei ihr bleiben!

Der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart hat das mit Blick auf die Weihnachtskrippe so beschrieben: „Wenn diese Geburt nicht in mir geschieht, was hilft es mir dann? Denn dass sie in mir geschehe, daran liegt alles …“ Dass wir Jesus in uns fassen, ihm in uns Raum und Leben geben mögen – daran liegt alles.

Wie das geschieht, ist ein Geheimnis. Nicht rational erklärbar. Darum lieben wir vielleicht so sehr die Musik und die Lieder zu Weihnachten, die in Tönen, Klängen, Harmonien ausdrücken, was wir erahnen oder ersehnen, aber nicht verstehen oder machen können.

Ich stelle mir vor, dass so, wie Jesus „in uns“ sein kann, in unserem Herzen, in unseren Gedanken, in unserem Mund, wenn wir singen und beten, uns freuen, lachen und danken – dass wir so wohl auch „in Gott“ sind, in seinen Gedanken, in seinen Händen, in seinem Herzen.

Innig verbunden sind wir miteinander, seit Gott Mensch wurde. Innig verbunden im Glauben an Gottes Liebe, aus der wir nicht herausfallen können. Die uns unsichtbar umgibt und behütet, so wie wir uns heute Nacht um das neugeborene Kind sammeln, es willkommen heißen und ihm zulächeln mögen. Es behüten wollen auf all seinen Wegen in unserer Welt und in unserem Leben.

Denn wir sind nun „gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Röm 8, 38f) Amen.