Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Im Wein ist Wahrheit

Im Wein ist Wahrheit

Predigt am 17. Januar 2021
Pastor i.R.

Josef Kirsch

Predigt am 17. Januar (2. Sonntag nach Epiphanias)

Johannes 2, 1-11

Im Wein ist Wahrheit

Liebe Gemeinde,

der erste Ministerpräsident Israels David Ben Gurion sagte einmal: Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. In der Evangeliumslesung des heutigen Sonntags haben wir einen Wunderbericht gehört: die Verwandlung von Wasser in wunderbaren Wein auf der Hochzeit zu Kana. Ist es das, was Ben Gurion meinte?
Lassen Sie uns versuchen, in kleinen Schritten dem Text näher zu kommen. Zuerst einmal begegnen wir Jesus, seinen Jüngern und seiner Mutter auf einer Hochzeit in Kana, im Norden Israels, in Galiläa. Eine orientalische Hochzeit ist ein riesiges Fest mit unglaublich vielen Gästen, und es dauerte mindestens eine Woche lang. Darum sind der Bräutigam und der Speisemeister, der Chefkoch bzw. der Sommelier immer wieder gefragt, für Nachschub zu sorgen. Auf dieser Hochzeit nun geht der Wein zu Ende. Das ist eigentlich nichts Besonderes. Besonders ist, dass die Mutter Jesu, dass Maria sich um den Mangel kümmert. Und sie bittet Jesus, für Nachschub zu sorgen. Eigentlich ist das eine gewaltige Zumutung. Und die Antwort Jesu ist auch extrem ruppig. Wörtlich übersetzt sagt er: Was gibt es zwischen mir und dir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Listig und ein bisschen schlau wendet sich Maria an das Personal: Was er euch sagt, das tut. Und dann geschieht das Überraschende: Jesus fordert die Diener auf, die sechs Wasserkrüge, die zur Reinigung der Gäste dastanden, mit Wasser zu füllen und dem Sommelier eine Probe zu bringen. Sechs Wasserkrüge, das ergibt etwa 600 l Wein; selbst für eine orientalische Gesellschaft keine Kleinigkeit. Verärgert ist der Sommelier noch wegen eines anderen Grundes: Warum, sagt er zu dem Bräutigam, hast du diesen hervorragenden Wein zurück gehalten und den Leuten, als sie noch nüchtern waren, den schlechteren gegeben? Jeder macht es umgekehrt. Der schlechtere Wein wird ausgeteilt, wenn die Leute es nicht mehr so recht beurteilen können. Und unser Text schließt mit dem Satz: Dieses war das erste Zeichen, das Jesus tat, um seine Herrlichkeit zu offenbaren.
Ich frage mich bei dieser Geschichte immer: Warum wurde sie überhaupt geschrieben und überliefert? Auch wenn gesagt werden muss, dass Jesus von den anderen Evangelisten – anders als Johannis, der Täufer – nicht als Asket geschildert wird, sondern von seinen Gegnern als Weintrinker gescholten wird (Mt.11,19; Lk.7,34), so erscheint hier doch ein anderer Jesus als in den übrigen Evangelien. Wenn bei Matthäus, Markus oder Lukas Krankenheilungen berichtet werden, um deutlich zu machen, worum es beim Reich Gottes geht, dann kann man hier schon erhebliche Zweifel bekommen. 600 l zusätzlichen Weins in einer doch schon ziemlich angetrunkenen Gesellschaft. Was soll hier gefördert werden außer Trunksucht?
Ich glaube, diese Fragen stellen sich, gehen aber doch an der Geschichte vorbei. Deutlich ist, dass diese Geschichte wohl wenig Faktizität, wenig historisches Wissen enthält. Hochzeiten wurden überall gefeiert, und sicherlich war Jesus auch einmal auf einer Hochzeit, so wie jeder von uns. Aber im Wesen geht es hier wohl nicht um eine historische Aussage, sondern um einen theologisch-symbolischen Zusammenhang. Wieso kann der Wein zum Ausdruck der Herrlichkeit Gottes im Dunkel der Welt werden? Darum geht es ja in diesem Text und darum geht es in dieser Zeit des Kirchenjahres. Im Dunkel der Welt scheint etwas auf von der Herrlichkeit Gottes, und wo das geschieht, geschieht ein Wunder, überwältigend und staunenerregend. Davon sind die Evangeliumstexte dieser Epiphaniaszeit durchdrungen: die Sternkundigen aus dem Morgenland bei der Krippe, die Taufe Jesu durch Johannis im Jordan, die Heilung des Knechtes des römischen Hauptmanns von Kapernaum, die Verklärung Jesu auf dem Berge und heute die Wandlung von Wasser in Wein. Fünf unterschiedliche Geschichten, die aber alle Überwältigung, Staunen verursachen.
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist, so David Ben Gurion. Sicherlich würde heute Anderes als Wunder angesehen werden als die Wandlung von Wasser in Wein. Aber genauso sicher ist, dass Wunder unser Leben begleiten, die uns zum Staunen bringen und in denen wir letztlich immer das Aufscheinen der Herrlichkeit Gottes im Dunkel der Welt entdecken. Ich muss meinen Drang bremsen, jetzt Dinge aufzuzählen, weil ich weiß, dass jeder Mensch die Wunder in seinem Leben anders beschreiben wird, die Überraschungen anders erlebt; aber ermutigen möchte ich Sie, nach den Wundern in Ihrem Leben Ausschau zu halten und sie zu verstehen als Aufscheinen der Herrlichkeit Gottes im Dunkel der Welt.
Dennoch, auf einen Aspekt, der die Wandlung von Wasser in Wein zu einem Aufscheinen der Herrlichkeit Gottes im Dunkel der Welt macht, möchte ich noch eingehen. Warum ist die Wandlung von Wasser in Wein so geeignet, die Herrlichkeit Gottes zu symbolisieren? Das alte Israel war immer ein armes Land, aber kein asketisches Land. Dass der Wein das Herz des Menschen erfreut, war Allgemeingut, der Weinberg war ein gängiges Symbol für das Land Israel und Jesus sagt im Johannesevangelium: Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben. Der Wein war Ausdruck der Feier des Lebens, der Freude an der Schöpfung. Er ist das Festgetränk nach dem jüdischen Sabbatgottesdienst und bei uns Bestandteil des Abendmahls. Dass im Wein Wahrheit ist, ist nicht nur ein Wort, das früher auf vielen Weinetiketten stand, sondern es bringt einen Lebenszusammenhang zur Sprache. Es geht um die Feier des Lebens, das Gott uns schenkt; damals auf der Hochzeit zu Kana und heute auf vielfältige Weise. Das ist eine Grundwahrheit, die trotz aller Ängste und Zweifel damals und heute gilt.
Aber was ist das eigentlich, das Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes im Dunkel der Welt und wieso führt seine Entdeckung zum Glauben? So sagt es jedenfalls unser Text. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, so beten wir es im Vaterunser. Und der Begriff Herrlichkeit ist im Johannesevangelium ein absolut dominanter Begriff. In keinem Buch des Neuen Testaments kommt das Wort doxa, also Glanz, Herrlichkeit so oft vor wie im Johannesevangelium. Ist das nicht zu dick aufgetragen, geraten wir nicht in die Nähe des Kitsches? Vielleicht, sicherlich aber ist entscheidend, wie wir dieses Wort gebrauchen. Wenn zu Weihnachten von der Armut, der Bedürftigkeit, dem Schmerz Gottes die Rede ist, so kommt in der Epiphaniaszeit notwendig die andere Seite zur Sprache. Unser Leben gewinnt auch Farbe, Freude, Schönheit und Würde durch die Teilhabe am Glanz, an der Herrlichkeit Gottes. Beziehungsweise umgekehrt: Farbe und Glanz unseres Lebens können wir verstehen als Teilhabe an der Herrlichkeit Gottes. Unser Leben verdient es, gefeiert zu werden. Dann kann sich auch – bildlich gesprochen – das Alltagsgetränk Wasser in das Festgetränk Wein verwandeln.
Ist diese Botschaft eigentlich in unseren Tagen der Pandemie aktuell oder realisierbar? Auf jeden Fall. Die Feier des Lebens hängt nicht an der Größe der Gesellschaft. Natürlich sind Gesellschaften wie auf der Hochzeit zu Kana verboten. Aber mein Leben gerade angesichts tiefer Bedrohung kann ich mit etwas Phantasie und Kreativität auch für mich alleine oder zu zweit oder zu fünft feiern, und dann geschieht das Wunder. Die Wunder ereignen sich, wo unser Leben, unsere Welt durchsichtig werden für die Wirklichkeit Gottes. Und das geschieht universal, für alle Menschen dieser Welt. Der heidnische, römische Hauptmann von Kapernaum war dafür das erste Beispiel. Und wie gesagt, wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.