Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Jauchzet, frohlocket!

Jauchzet, frohlocket!

Predigt in der heiligen Nacht
Pastorin

Andrea Busse

Christmette am Samstag, 24. Dezember

mit Teil I des Weihnachtsoratoriums

Gnade sei mit euch in dieser Heiligen Nacht und Friede: Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz, er segne unser Reden und Hören.

Liebe Gemeinde,

es könnte sein, dass hier mitten unter uns ein Mann sitzt, so Anfang 40 vielleicht, den das Weihnachtsfest überrumpelt hat – so wie es ihn jedes Jahr überrumpelt. Wenn der 24 Dezember kommt, dann ist er emotional noch gar nicht soweit. Diese Wochen im Advent sind dienstlich und privat ziemlich voll. Und die Planun­gen für das Fest jedes Jahr für ihn ein Balanceakt zwischen zwei Patchworkfamilien. Heute also hat er mit seiner Lebens­gefährtin gefeiert, die sich allerdings ziemlich Mühe geben musste, einigermaßen gut gelaunt zu bleiben. Es ist der erste Heiligabend für sie ohne ihre beiden Kinder, die in diesem Jahr eben mit Papa feiern dürfen, bzw. Papa mit ihnen. Erst morgen wird sie sie sehen. Dann, wenn er mit seinem Sohn zur Groß­mutter fährt. Alles kompliziert. Und sie beide – alleine – heute Abend, das war nicht einfach. Seine Freundin, ange­spannt und müde, wollte schließlich schnell ins Bett. Deswegen ist er alleine hier. So ein bisschen in Weihnachts­stimmung möchte er schon noch kommen, nachdem sie sich so durch den Abend gerettet haben. So sitzt er also in der Kirchenbank und dann passiert es:

„Jauchzet, frohlocket“

singt der Chor. „Auf, preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan.“ Das ist so gewaltig, das durch­strömt ihn. Gänsehaut. Es überrumpelt ihn. Weihnachten. Endlich. Er hatte gar nicht erwartet, dass er diese Freude heute Abend noch empfinden könnte. Das mag gefühlsduselig sein, aber das ist ihm egal, er gibt sich dem hin und genießt. Und spürt: Jetzt ist es ­ geworden.

In einer Bank weiter vorne sitzt eine Frau, Mitte 60, mit einem dunkelroten Wolltuch um die Schultern. Sie überlegt noch, ob sie beim Gehen zuhause auch wirklich alle Kerzen ausgemacht hat – und den Ofen. Und ob ihr Mann alles am Bett stehen hat, was er vielleicht braucht. Er ist älter als sie und schlecht zu Fuß. Innerlich ist sie noch zuhause, geht durch die Zimmer und schaut nach dem Rechten. Das „Jauchzet, frohlocket“ ist an ihr vorbeigerauscht. Aber jetzt dringt die Stimme des Evangelisten an ihr Ohr:

„Da machte sich auch auf ……“

Die Worte helfen ihr, sich innerlich aufzumachen: Sie schließt in Gedanken zuhause die Tür und kommt in der Kirche an, hört die vertrauten Worte aus dem Lukasevangelium von der jungen Frau, die ein Kind gebären soll. Sie fühlt sich Maria nahe. Maria, die schwanger wird, ohne es zu wollen. In einer Situation, in der das nicht passte, unver­heiratet, wie sie war. Sie weiß, wie sich das anfühlt. Sie war auch schwanger, das erste Mal damals mit 19 Jahren. Es passte auch nicht. Nicht mit diesem Mann, der sowieso total unzuverlässig war und von dem sie sich schon verabschiedet hatte, und auch nicht in diesem Alter, gerade von der Schule, das Studium noch nicht mal begonnen. Sie hat abgetrieben. Niemand, mit dem sie heute ihre Leben teilt, weiß das überhaupt. Es gab damals keinen Platz für das Kind in ihrem Leben. Die Entscheidung war richtig, denkt sie, aber sie hat sich seitdem nie wieder richtig heil gefühlt.

„Zum Trost, zum Heil der Erden“

singt nun die Altstimme über dieses andere Kind, das heute geboren wird. Das Heiland genannt wird. Und sie fragt sich, ob es für dieses Kind wohl einen Platz in ihrem Leben geben könnte. Sie spürt die Sehnsucht danach. „Zum Trost, zum Heil“, sie bewegt diese Worte in ihrem Herzen.

Links von ihr sitzt eine junge Frau, höchstens 25. Sie zählt zum x-ten Mal heute die Stunden. Morgen früh um 6.00 h landet der Flieger in Hamburg Fuhlsbüttel. Bis ihr Freund dann den Koffer abgeholt hat, wird es noch ein bisschen dauern, aber spätestens um 7.00 wird sie ihn wohl in die Arme schließen können. Endlich – nach einem Auslandssemester, nach Monaten auf Distanz.

„Eile, den Bräutigam sehnlichst zu lieben!
Den schönsten, den Liebsten mit zärtlichen Trieben“

Die Arie spricht ihr aus dem Herzen. Sie fühlt sich dabei ein bisschen ertappt: So wie sie das gerade empfindet, ist das ja schließlich nicht gemeint bei Bach. Der Bräutigam, der dort besungen wird, ist Jesus Christus, ist das Christkind. Eigentlich verrückt, denkt sie, dass die Sehnsucht nach Gott in das Bild der menschlichen Liebe gekleidet wird, der intensivsten Liebe, der zwischen Braut und Bräutigam, also zwischen Mann und Frau. Früher als Kind hat sie auch die Stunden gezählt an Weihnach­ten und konnte es kaum erwarten, bis es soweit war – so wie sie heute Nacht den Flieger mit dem Liebsten kaum erwarten kann. Schade, dass dieses kindliche Weihnachtsgefühl verloren gegangen ist. Sie trauert dem ein bisschen nach. Worum ging es ihr damals als Kind eigentlich, worauf hat sie sich so gefreut? Geschenke. Natürlich, aber nicht nur. Es waren auch diese besonderen Momente, wenn alle still das Kerzen­licht am Baum angeschaut haben. Wenn Oma die Weihnachts­geschichte vorlas. Wenn die Familie gemeinsam gesungen hat. Friedliche Momente, die man sonst, an anderen Tagen, so einfach nicht schaffen konnte. Da war etwas Heiliges, ohne, dass sie das greifen kann. Aber sie würde es gerne greifen können. Würde es gerne wieder in ihr Leben holen. Nur wie?

„Wie soll ich dich empfangen“

singt der Chor „und wie begeg‘n ich dir?“ Genau, denkt sie: Wie kommt dieses Heilige wieder in mein Leben. Das, was wir uns nicht selbst schaffen können? Wie und wo begegne ich dem wieder?

 

Gegenüber, auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein älterer Herr. Er lächelt. Ganz verklärt sieht er aus. 40 Jahre hat er selbst im Chor gesungen, vor wenigen Jahren erst hat er aufge­hört, schweren Herzens, aber die Stimme wird eben auch alt. Jeden Ton des Weihnachts­orato­ri­ums kennt er, jede Melodie klingt in ihm wieder.

„Und sie gebar ihren ersten Sohn“

singt der Evangelist. Das ist Weihnachten! Was für ein Wunder diese Geburt – und diese Musik, die ihm diese Geburt erschließt. Wie haben Bach und sein Librettist das so wunderbar auf den Punkt gebracht, diese Spannung: „Er ist auf Erden kommen arm.“ Das ist das Paradox von Weihnachten: Der Schöpfer liegt in der Krippe. Königliche Majestät einerseits und Armut, Niedrigkeit auf der anderen Seite. Die Bass-Arie bringt das für ihn am Besten zum Ausdruck, vielleicht weil er selbst mal Bassstimme gesungen hat. Natürlich nie als Solist, aber innerlich hat er immer mitgesungen, so wie jetzt:

Großer Herr, o starker König,
Liebster Heiland, o wie wenig
Achtest du der Erden Pracht!
Der die ganze Welt erhält,
Ihre Pracht und Zier erschaffen,
Muss in harten Krippen schlafen.

Er hat gelesen, dass das Lied, wie andere Passagen des Weihnachts­orato­riums aus der Geburtstagskantate für die sächsische Kurfürstin und Königin von Polen Maria Josepha stammt. (Die königliche Trompete erklingt hier wieder.) Unmissverständlich soll ausgedrückt werden: Hier in der Krippe liegt ein König, ein Herrscher. Der große, majestätische Gott sucht die Nähe des Menschen, indem er selber Mensch wird und sich in einem schutz­bedürf­tigen Kind den Menschen zeigt. Der Höchste kommt ganz tief runter.
Er selbst hat das erlebt. Einmal in seinem Leben, da ist er ganz tief gesunken. Er schämt sich noch heute, wenn er daran denkt: Damals hat er seine Frau betrogen, obwohl ihm die Familie doch so wichtig war. Alles drohte kaputt zu gehen, sein ganzes Leben aus den Fugen – nur durch seine Schuld. Er hat es zutiefst bereut und war sicher, dass seine Frau ihm diesen Vertrauensbruch nie würde verzeihen können. Aber sie konnte. Konnte es wirklich. Sie hatten noch viele, viele sehr gute Jahre, für die er unendlich dankbar ist. Ihr Vergeben-Können war und ist wie ein Wunder für ihn. Für seine Frau übrigens auch. Sie sagt immer wieder: Das ging nur durch das Vaterunser. „Und vergib uns unsere Schuld wie wir vergeben unseren Schuldigern.“ Seit damals feiert er Weihnachten anders, seit damals weiß er, dass der große majestätische Schöpfergott tatsächlich in die Tiefen dieser Welt eingestiegen ist, um heil zu machen, was Heilung braucht.

Die junge Frau gegenüber hört auf die Trompete, aber innerlich ist sie noch immer bei der Frage „Wie soll ich dich empfan­gen?“ Inzwischen sind Chor und Orchester schon beim letzten Choral.

Ach mein herzliebes Jesulein,
Mach dir ein rein sanft Bettelein,
Zu ruhn in meines Herzens Schrein,
dass ich nimmer vergesse dein!

Vermutlich soll das die Antwort sein, denkt sie. Die Musik ist schön, aber dieser barocke Text – da kann sie nichts mit anfangen. Das ist so verniedlicht, verkindlicht. Sie schaut ins Programmheft: Ein Kinderlied für die Weihnacht von Martin Luther – liest sie dort. Und dass Martin Luther es für die Weih­nachtsbescherung seiner eigenen Kinder gedichtet und kompo­niert haben soll. Zartes Kinderlied und königliche Fanfaren­klänge. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“ – dieser Halb­satz fällt ihr plötzlich ein. Den hat sie letzten Sonntag gerade gehört, als sie zur Taufe ihres Patenkindes eingeladen war: „Wenn ich nicht werdet wie die Kinder, kommt ihr Gott nicht nahe“, hat der Pfarrer aus einer Jesusgeschichte vorgelesen, die irgendwie zur Taufe passte. Vielleicht ist da was dran. Diese „heiligen Momenten“, nach denen sie sich sehnt, damals als Kind hatte sie noch ein Gespür dafür. Vielleicht kann sie das Göttliche nur empfangen und ihm begegnen, wenn sie auf ihr inneres Kind hört. Wieder staunen lernen wie ein Kind. Ver­trauen lernen wie ein Kind. Der Botschaft vertrauen, dass Gott in unser Herz geboren werden will. Vielleicht fühlt sich dann Weih­nachten wieder an wie Weihnachten, denkt sie. Ohne Kind gibt es eben keinen Heiligabend. Da sollte ich das Kind wohl irgendwie bei mir aufnehmen, denkt sie – und weiß selbst nicht so genau, ob sie ihr inneres Kind meint oder das Christkind.

Der letzte Ton ist verklungen. Aber im Kopf des Mitt-40ers singt es noch immer „Jauchzet, frohlocket“ und er nimmt sich fest vor, dass er sich das so schnell nicht mehr nehmen lässt. Zuhause will er als erstes ein Post-it an den Bildschirm seines Rechners kleben: Darauf soll stehen:

„Lasset das Zagen, verbannet die Klage.“

Der 80-Jährige lächelt immer noch selig. Jetzt, weil er sich darauf freut, gleich nach hause zu seiner Frau zu gehen. Sie ist erkältet und konnte deswegen nicht mitkommen. Er wird ihr berichten davon, dass er es immer wieder spürt, dass Gott Wunder tun kann, so wie er ihre Ehe auf wundersame Weise gerettet hat. Sie beide wissen, dass etwas Neues entstehen kann, wenn man Gott in seinem Herzen Raum gibt.

Die Frau mit dem roten Wolltuch sitzt ganz still. Sie spürt, dass etwas in ihr seinen Frieden gefunden hat. Sie weiß, dass sie sich vermutlich schon morgen wieder Sorgen machen wird, darüber, ob sie auch nichts vergessen und alles erledigt hat. Aber heute Abend wird sie getröstet und getrost nach hause gehen. Mit dem Wissen, dass das Kind immer wieder geboren werden kann im eigenen Herzen, dieses Kind, das uns heilt und zur Liebe befähigt.

 

Ich haben Ihnen die Geschichten von vier fiktiven Menschen erzählt, wie Sie heute Abend hier hätte geschehen können. Was wirklich heute Abend geschehen ist, das wissen nur Sie selbst und Sie alle könnten nun Ihre Geschichte erzählen. Ich hoffe, es ist eine Geschichte, in der die Musik zu Ihnen gesprochen hat, in der Sie etwas gespürt haben von dem, was Weihnachten ist. Ich hoffe, hier sitzen vielen Geschichten, in denen das Kind vorkommt, das heilen und trösten kann und Neuanfänge möglich macht. Das Frieden bringt. Das – wie auch immer – in uns geboren werden will, damit es Weihnachten wird.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.