Kirche St. Johannis Harvestehude, Hamburg – Jeden Tag

Jeden Tag

Predigt zum 2. Weihnachtsfeiertag
Pastorin

Andrea Busse

Gottesdienst am 26. Dezember

Predigt zu Jesaja 7, 10-14

Gnade sei mit euch und Friede. Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unser Herz. Er segne unser Reden und Hören.

Liebe Gemeinde,

letztes Jahr kurz vor Weihnachten meldete sich eine Bekannte bei mir: Jesus sei ihr verloren gegangen. Einfach nicht mehr aufzufinden. Sie hatte die Krippenfiguren aufgestellt: Hirten und Schafe, Könige und Engel, Maria und Josef, aber das Kind in der Krippe war weg. Ich kann gut nachvollziehen, wie das passiert. Im Advent, wenn wir auf die Heilige Nacht mit der Geburt im Stall warten, muss die Krippe ja leer sein. Auch ich ver­stecke das Christkind dann immer irgend­wo in der Nähe, in der nächsten Schub­lade oder hinter einem Buch, um es am 24.12. hervorzuholen. Wer zu gut versteckt, dem geht Jesus verloren. Dann fehlt das Wesentliche, das Zentrale, der Inhalt der ganzen Krippe. Und die Botschaft von Weih­nachten bleibt leer.

Denn natürlich kann man Jesus nicht nur als Krippenfigur ver­lieren, sondern auch als Lebensinhalt, als Hoffnung, als Vorbild und Orien­tierung. Wenn man ihn zu lange und zu gut außer Sicht­weite räumt, verpackt, wegpackt, dann weiß man irgend­wann nicht mehr, wo er ist. Wenn die Geschichten von ihm keine Rolle im Alltag spielen, dann können sie auch keinen Halt bieten. Jesus wird schlicht vergessen.

Oder er kommt uns wirklich abhanden. In Lebenskrisen z.B., wenn das Gottvertrauen brüchig wird und der Glaube immer dünner. Das Christkind ist dann nur noch eine niedliche Figur aus Holz, aber keine tragende Kraft im Leben mehr. Vielleicht noch eine Erinnerung, dass da mal mehr war, früher vor den Lebens­umbrüchen, die alles in Frage stellten. Oder eine Sehnsucht, ein Gefühl davon, dass etwas fehlt. Etwas, das nicht greifbar ist, sich nicht genau definie­ren lässt, aber doch entscheidend sein könnte. Es lässt sich leben ohne Glaube, ohne Gott, ohne Christkind. Natürlich. Aber vielleicht bleibt doch das Gefühl einer Leere – und sei es an Weihnachten, wo auffällt, was das ganze Jahr nicht bemerkt wird, nämlich dass Jesus fehlt.

Offensichtlich war es so auch bei Ahas, dem König, von dem Jesaja (7, 10-14) schreibt:

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe! Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche. Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Ahas war das Gottvertrauen abhanden ge­kommen. Die Könige in Juda, das muss man zugeben, hatten es nicht leicht. Sie herrschten über ein unbedeutendes kleines Land, hatten keine große militärische Macht, dafür immer überlegene Nachbarn, sei es im Süden oder im Osten, die begehr­lich auf dieses Fleckchen Erde schauten und es regel­mäßig bedrohten, belagerten oder auch eroberten und zer­störten. In dieser Lage steckt auch König Ahas und versucht, irgend­wie durchzukommen und sich an der Macht zu halten, zumin­dest im eigenen Land. Er glaubt an politisches Taktieren, Seilschaf­ten, strategische Spielchen. Er glaubt nicht an Gott, der ihm, der dem Volk Israel beisteht – so zumindest sieht es der Prophet Jesaja.

Sich absichern, möglichst wenig Risiko eingehen, die Kontrolle behalten – das kennen wir von uns selbst. Die Versuche, sich allein auf die eigene Kraft zu verlassen – und auch die Erfah­rung, dass das immer mal wieder schief gehen kann. Bei Ahas ging es schief. Er hat sich nicht lange an der Macht gehalten. Dabei bietet ihm Gott selbst ein Zeichen an. Ahas lehnt ab. Redet sich raus. Ein Zeichen ist eben kein Beweis. Ein Zeichen braucht Vertrauen.
Das Zeichen kommt trotzdem. Gott macht sich nicht abhängig vom Vertrauen, das ihm von uns Menschen entgegengebracht wird oder nicht. Glücklicherweise. Das Zeichen kommt. Und zwar ein Kind. Nichts Spektakuläres, eher etwas Alltägliches. In jeder Minute werden weltweit ca. 150 Babys geboren. Hundertausende Kinder. Jeden Tag. Nichts Auffälliges, nichts Besonderes. Kein Wunder. Und doch: Jeder und jede, die Kinder hat – und auch die, die keine haben – wissen, ein Kind ist ein Wunder. Ein Kind verändert alles. Ich weiß noch, wie mir ein Kollege vor der Geburt unseres ersten Kindes sagte: Damit beginnt eine neue Zeitrechnung. Und es stimmt. Vor Christi Geburt, nach Christi Geburt. Eine neue Zeitrechnung. Ein Kind verändert alles. Dieses Kind verändert alles. Etwas Alltägliches, etwas völlig Natürliches wird DAS Zeichen Gottes.

Wirklich völlig natürlich? Immer wieder ist über diesen einen Satz diskutiert und gestritten worden: „Eine Jungfrau wird schwanger werden.“ Der hebräische Text gibt das Übernatür­liche gar nicht her. „Alma“ bedeutet Jungfrau oder auch junge Frau. Jede Frau wurde bis zur Geburt ihres ersten Kindes so bezeichnet. Durch das Dogma der Jungfrauengeburt wurde das Zeichen, das eigentlich etwas ganz Alltägliches ist, zu etwas Spekta­kulärem gemacht. Außergewöhnlich ist diese Geburt allemal – auch ohne biologische Ausnahmeerscheinung.

Aber das Zeichen ist – so glaube ich – nicht so sehr die Jung­frauengeburt, sondern der Name, den dieses Kind bekommen soll. Immanuel – Gott mit uns. Das ist das Entscheidende. Das ist das Zeichen, das Gott damals dem orientierungslosen Ahas verspricht, das ist das Zeichen, das uns an Weihnachten gegeben ist: Gott ist mit uns. Gott wird Mensch, um uns nahe zu kommen. Um unser irdi­sches Leben, unsere Begrenztheit und Vergänglichkeit mit uns zu teilen. Um uns in den Lebenskrisen und -umbrüchen zur Seite zu stehen. Er macht sich in der Krippe verletzlich und angreifbar. Ein bedürftiges Kind, anwiesen darauf, dass Menschen ihn schützen.

Und das andere ist: Er kommt nicht nur zu uns, er bleibt bei uns. Jeden Tag. Eben nicht nur an Weihnachten, wenn das Kind in der Krippe liegt, sondern immer. Nicht nur in den Hoch­zeiten, den heiligen Tagen im Kalender, sondern auch im Alltag.

Für Weihnachten gilt wirklich: Nomen est Omen. Der Name ist das Zeichen. Als Maria schwanger wird und Josef träumt, dass er sie nicht verlassen soll, da erinnert ihn der Engel an das alte Prophetenwort vom Immanuel und gibt ihm den Auftrag das Kind „Jesus“ zu nennen. Das heißt „Gott rettet“. Setzt man die beiden Namen zusammen, so wird die Weihnachtsbotschaft daraus: Gott rettet uns, indem er mit uns ist. Und mit uns bleibt.

Das ist die Verheißung, die uns gegeben ist. Nicht nur König Ahas, sondern auch uns. Hüten wir uns aber vor dem Miss­verständnis, dass sich an Weihnachten erfüllt, was der Prophet Jesaja verheißen hat. An Weihnachten erfüllt sich nicht einfach die Verhei­ßung und damit ist gut – sondern die Erwartung beginnt jetzt. So wie mit einem Kind die Erwartung beginnt. Erfüllen muss sie sich diese Erwartung nicht in seinem, sondern in unserem Leben. Die Kraft der Verheißung liegt ja nicht in der Erfüllung, sondern in der Hoffnung, die die Verheißung in uns weckt. Weissagungen entfalten ihre Wahrheit nicht von ihrer Erfüllung her – dazu sind die Zeichen immer zu zweideutig – sondern sie erfüllen sich darin, dass Menschen an sie glauben in ihren Tagen, also auch wir heute. Sie erfüllt sich dann, wenn wir „Gott mit uns“ entdecken: Wenn wir ihn entdecken in den alten Liedern und den neuen Begegnungen. Wenn wir uns verwickeln lassen in seine Geschichte, Vertrauen lernen, Kontrolle abgeben können, uns auf ihn und andere verlassen, mit unseren Fehlern und Schwächen immer wieder gnädig umgehen, weil er gnädig mit uns umgeht, wenn wir im anderen Jesu Gesicht erkennen und unser Herz öffnen. In unserem Leben gilt es Jesus zu finden. Gott mit uns zu spüren. Sonst bleibt die Krippe für uns leer.

Meiner Bekannten habe ich letztes Jahr eine Jesusfigur ge­liehen. Ich besitze mehrere Krippen, die ich nicht alle aufs­telle und konnte ihr gut einen „abgeben“. Dieses Jahr schrieb sie eine erschrockene Mail: Ob sie vergessen habe, mir mein Christkind zurückzugeben, denn sie habe es beim Aufstellen der Krippe entdeckt. Meine Jesusfigur habe ich hier, konnte ich ihr versichern, sie hat also Jesus wiedergefunden. Möge uns allen das gelingen – nicht nur an Weihnachten, sondern an jedem Tag. Amen.